Super Strände, schöne Städte, schlechte Straßen - Mit dem Fahrrad durchs Baltikum

Reisebericht

Super Strände, schöne Städte, schlechte Straßen - Mit dem Fahrrad durchs Baltikum

Seite 4 von 23
01.09.2008

4. Tag: Memeldelta und Kleinlitauen

Verladen der Fahrräder

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Obwohl unser Kocher am Morgen einige Probleme macht – die Düse ist offensichtlich verstopft, bekommen wir dank der Hilfe unserer netten deutschen Zeltnachbarn, die uns ihren Kocher leihen – doch noch heißen Tee, Kaffee und Haferbrei. Pünktlich sind wir am Schiff – und sind zu unserer Überraschung nicht die einzigen Radreisenden. Außer uns fährt noch eine kleine Gruppe von vier Radlern mit, die eine einwöchige Radtour in der Region machen und ein schon etwas älteres Pärchen, die bereits seit Mai mit dem Fahrrad unterwegs sind und einmal um die Ostsee fahren. Sie fahren weiter durch Polen zurück nach Deutschland. Eine tolle Tour. Es sind die ersten anderen Radreisenden, die wir auf unserer Tour treffen, aber es werden nicht die letzten sein. Selbst außerhalb der Hauptsaison scheint das Baltikum bei Radreisenden mittlerweile doch deutlich beliebter zu sein als ich erwartet hatte. Die Räder werden zuerst verladen, sie kommen vorne an den Bug. Das ganze Gepäck kommt nach innen, in den Bauch des Schiffs. Wir nehmen draußen am Heck Platz.



Nida

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Das Wetter ist wieder traumhaft: Sonnenschein, blauer Himmel, weiße Wolken; nicht zu warm und nicht zu kalt. Außer uns Radfahrern sind noch einige andere Touristen an Bord – ausnahmslos Deutsche – die einen kompletten Tagesausflug machen. Ein netter junger Mann, der sehr gut Deutsch spricht, ist unser „Reiseführer“. Er erzählt viel über das Haff und die Umgebung und beantwortet alle Fragen bereitwillig. Er wirkt ehrlich, authentisch und nicht professionell, doch gerade das macht ihn sympathisch. So erfahren wir z. B., dass das Haff aus Süßwasser besteht – wegen der vielen Flüsse die hinein münden. Und dass es im Durchschnitt nur eine Tiefe von 2-3 Meter hat. Es ist also wirklich sehr flach. Durch das Fernglas kann man eine Bojenkette erkennen, oder zumindest erahnen: sie markiert die Grenze zu Russland. Zurück hat man einen schönen Blick auf Nida und noch mal auf die beeindruckende Dünenlandschaft hinter dem Ort. Da wir Gegenwind haben, segeln wir leider nicht, sondern fahren mit dem Motor. Dennoch ist es ein schönes Erlebnis auf diesem Holzboot über das Haff zu schippern.



Hinein ins Delta des Nemunas (Memel)



Vente

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Bald erreichen wir die andere Seite. Vorbei an dem Leuchtturm von Vente, wo sich eine ornithologische Station befindet und in großen Netzen Zugvögel gefangen und beringt werden, geht es hinein in das Nemunas-(Memel-)Delta. Es muss ein Paradies für Vögel sein. Die Ufer sind mit Schilf und einzelnen Bäumen bestanden – einige davon werden – schon von weitem unverkennbar – von Kormoranen rege genutzt. Zunächst auf einem recht breiten, dann auf einem sehr schmalen Flussarm (oder Kanal?) schippern wir sehr langsam durch diese wunderschöne Wasserlandschaft in das kleine, idyllische Örtchen Minija. Mich beeindruckt vor allem die Stille – ein wenig hat man das Gefühl man befände sich am Ende der Welt.



Memeldelta



Küstenradweg Litauen

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Wir verabschieden uns von den anderen Radfahrern und machen uns dann selbst auf den Weg. Auf einer breiten Schotterstraße, in großen Teilen Marke „Waschbrett“ fahren wir von Minija Richtung Norden, wo wir nach 5 km auf eine asphaltierte Straße und den gut ausgeschilderten Küstenradweg Litauen treffen, der in diesem Abschnitt aber komplett auf öffentlichen Straßen und nicht auf einem separaten Radweg verläuft. In Kintai finden wir einen kleinen Supermarkt. Die Auswahl ist nicht sehr groß aber wir können unsere Essens- und Getränkevorräte wieder auffüllen. Hinter Kintai verlässt der Radweg die Asphaltstraße und führt auf mal besseren, meist aber eher schlechteren Schotterstraßen mit vielen Schlaglöchern weiter Richtung Klaipeda.



Schotterstraße



Ölpumpe

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In Priekule entscheiden wir uns dem Ratschlag des Reiseführers zu folgen und wählen wegen der angeblich besseren Straßenverhältnisse eine Alternativroute zum ausgeschilderten Radweg. Leider finden wir aber den „Einstieg“ nicht und fahren erstmal auf der viel befahrenen Hauptstraße weiter. Schließlich finden wir doch noch einen Abzweig von dieser, finden die beschriebene Route wieder und fahren auf Asphalt durch eine ausgedehnte Wohnsiedlung, in der jedes Haus auch einen Nutzgarten und meist sogar ein Gewächshaus hat. Selbstversorgung, oder zumindest teilweise Selbstversorgung scheint für viele Menschen in Litauen und Lettland die einzige Überlebensmöglichkeit zu sein. Die Schere zwischen arm und reich scheint in diesen beiden Ländern sehr weit auseinander zu gehen, das wird für uns im Laufe der Tour immer deutlicher. Nur einmal wird die ländliche Idylle unterbrochen. Unvermittelt stehen wir vor einer Ölpumpe mitten in der Landschaft.



Holzhaus am Wegesrand



Schöne Heidelandschaft

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Doch dann ist der Asphalt plötzlich wieder zu Ende, es geht auf schlechten Straßen weiter und nachdem wir wohl eine Abzweigung verpasst haben und uns als Alternative für eine sehr dünne schwarze Linie auf unserer Karte entscheiden wird der Weg immer schlechter. Teilweise können wir nur noch schieben. Doch die Landschaft ist wunderschön: eine offene Sand- und Heidelandschaft mit einzelnen Bäumen. Kurz vor dem Stadtrand von Klaipeda verläuft sich der Weg im wahrsten Sinne des Wortes im Sand, doch ein schmaler, aber offensichtlich viel genutzter Trampelpfad führt – nach meiner Wahrnehmung absolut deutlich – sicher weiter zur Straße. Wolfgang und Mario wollen mir dies zuerst nicht glauben und fahren lieber weiter in den Sand hinein. Für mich absolut unterverständlich, doch ich sehe mich überstimmt und folge ihnen eher widerwillig. Nachdem der Sand immer mehr und fahren unmöglich wird, kann ich sie doch noch davon überzeugen, dass der Trampelpfad die bessere Alternative ist. Wir fahren als zurück zum Abzweig des Trampelpfades. Und siehe da, wenige hundert Meter später und nachdem wir noch eine sehr klapprige Brücke über einen schmalen Bach, die steile Straßenböschung und die Leitplanken überwunden haben, stehen wir wieder genau dort, wo wir am Abend vor zwei Tagen auch schon waren: auf der Straße, die vom Fährhafen kommt und nach Klaipeda hineinführt.



Kurz vor Klaipeda



Eigentlich wollten wir ja heute noch die Altstadt von Klaipeda ansehen, doch es ist schon wieder recht spät und der nächste Campingplatz liegt erst einige Kilometer hinter Klaipeda. Wir entscheiden uns bis dorthin durchzufahren. Den Weg durch die hässlichen Wohnblocks kennen wir ja schon und so erscheinen mir die 12 km bis in Zentrum kürzer als beim ersten Mal. Ab dem Zentrum folgen wir dann wieder den Schildern des Küstenradwegs und kommen so recht gut durch die Stadt und wieder heraus.



Vororte Klaipedas



Ab dem Stadtrand gibt es einen wunderbaren, durch schönen Kiefernwald führenden und super asphaltierten Fahrradweg. Zudem geht es auch noch leicht bergab. Hie ist das Fahren ein Genuss. Wir hatten auf einen Campingplatz in Giruliai gehofft, doch auf unsere Anfrage in einem kleinen Café hin, erfahren wir, dass der nächste Campingplatz erst in Karkle sei. Nunja, diese letzten 4 km auf schön asphaltiertem Radweg schaffen wir auch noch, obwohl der Tag heute wegen der schlechten Straßenverhältnisse im ersten Abschnitt doch sehr anstrengend war. Am Ortseingang von Karkle sehen wir ein Schild „Kemping“, dem wir wie ein Auto vor uns folgen. Gemeinsam mit dem Auto erreichen wir ein umzäuntes Grundstück mit ein paar Hütten. Besonders schön ist es nicht, aber wir sind froh endlich angekommen zu sein. Wir fragen, ob wir für eine Nacht zelten dürfen. Es ist in Ordnung. Mit der Dämmerung bauen wir die Zelte auf, noch schnell etwas gekocht und dann sehr müde ins Zelt. Duschen gibt es keine, die Sanitäranlagen sind sehr einfach und nicht gerade sauber.

Route: Nida – Minija – Kintai – Priekule – Klaipeda – Giruliai – Karkle
Strecke: 70 km
Durchschnittsgeschwindigkeit: 13,8 km/h
Temperatur: 21°C
Höhenunterschied: 336 m






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Kommentare

  • ToniE

    Bewunderung!
    So eine gigantische Tour. 1.100 km Fahrrad!
    Bewertung: Hervorragend
    (auch wenn ich zugeben muss, nicht alle 23 Seiten gelesen zu haben)
    TONI

  • stopfkuchen

    Hallo Debby,
    kann mich Toni in allen Punkten nur anschließen, alle Achtung!!
    Auch ich habe es (bis jetzt) noch nicht geschafft, alles zu lesen, dafür haben einige der schönen Bilder und einige Ortsnamen eigene Erinnerungen geweckt. - Vielen Dank für den Bericht!
    Gruß, Steffi

  • AndreCravan

    Labas Debby,

    ich habe jetzt die ersten 13 Seiten gelesen und will mit meiner Bewertung nicht länger warten :) Absolut schön be- und geschrieben! Besonders der Teil Litauen und südwestliches Lettland weckt bei mir lebendige Erinnerungen. Zeitweise habe ich die gleichen Routen genutzt und ähnliches erlebt. Wunderschöne Bilder! Danke für den tollen Bericht. Ich verspreche, ihn zu Ende zu lesen!

    Iki pasimatymo!

  • visufix (RP)

    Wow...
    das ist ja vom Umfang her ein ganzes Buch! Vielen Dank, das Du uns diese Region näher gebracht hast.

    Grüße und viele weiter schöne Touren:
    Martin

  • A1B2CC

    Hallo debby, ich habe gerade die letzte Seite gelesen und bin von diesem tollen Bericht überwältigt. Er war einfach toll. Ihr habt so viel tolles erlebt. Mein Eindruck vom Baltikum ist bestätigt worden. Traumhaft sind auch die Bilder. Gut gegliedert und anschaulich vermittelt. Sicherlich sind das nur Ausschnitte/ Bruchteile von dem, was ihr wirklich erlebt habt. Man kann sich jedoch genau vorstelleb, wie es war. Danke danke. Für die nächsten Touren egal in welche Gebiete der Welt viel Spaß. Liebe Grüße von A1B2CC alias Christian!!

  • debby83

    Vielen Dank für eure so positiven Kommentare! Es freut mich sehr, dass euch der Bericht gefällt - obwohl er so lang ist. Aufgrund der Länge erwarte ich auch nicht, dass jeder den Bericht komplett liest. Ich habe versucht ihn so aufzubauen, dass man auch nur die Abschnitte lesen kann, die einen besonders interessieren - oder die Reise nur an Hand der Fotos nachvollziehen kann. An alle, die den Bericht trotz seiner Länge komplett gelesen haben: Respekt! Das freut mich natürlich besonders. VIELEN DANK!

  • Bille

    Ein beeindruckender Bericht. Ich habe ihn in vier Teilen, oder waren es fünf(?), gelesen.
    Wie lange hat es gedauert, ihn zu schreiben?
    Mein Kopf ist ganz voll mit Deinen Erlebnissen.
    Danke

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  • kawasakipower

    Hallo Debby
    Das ist ein abendfüllender Bericht,da muß ich noch mal ran.
    Aber bis jetzt,tolle Eindrücke.

    Lg Melanie

  • Blula

    Liebe Debby,
    habe vorhin diesen Deinen r i e s i g e n Reisebericht entdeckt. Ich bin ja platt.. Einfach gigantisch... sowohl diese fantastische Tour als auch der Wahnsinnsbericht mit den tollen Fotos. Ich werde ein paar Tage brauchen, um ihn zu Ende zu lesen. Vielen Dank! LG Ursula

  • Blula

    Hallo Debby!
    Habe mich jetzt "durchgelesen". Bin wirklich stark beeindruckt von Deinem tollen Bericht. Würde Dir, wenn das möglich wäre, gern nochmals 5 Punkte dafür geben.
    Herzliche Grüße! Ursula

  • liebilein

    Wirklich ein beeindruckender Bericht. Lebendig und persönlich geschrieben und schön bebildert.
    Hut ab vor der sportlichen Leistung.
    Möchte mir gar nicht vorstellen, wie viele Abende ihr in die Vorbereitung investiert habt. Müssen unendlich viele gewesen sein.

  • debby83

    @ alle: Nochmals vielen Dank für eure so positiven Kommentare!

    @lieblein: Es waren sehr viele Abende, wie viele, weiß ich selbst nicht. Aber mir macht das Planen von solchen Reisen sehr viel Spaß. Ist für mich fast so schön wie die Reise selbst und das Bilder anschauen und Berichte schreiben danach. Also keine Last oder Arbeit, sondern vor allem Vorfreude, auf das, was kommt.

  • ameleat

    Ich erkenne eine verwandte Seele. Ich habe Teile des Reiseberichtes gelesen und mich davon zu einem eigenen Reisebericht inspirieren lassen, der aber noch in Arbeit ist. Wir sind auf einer anderen Route durch die selben Länder geradelt. Unsere Motivation war eine andere, unsere Erlebnisse zusammengenommen ergeben ein vollkommeneres Bild.
    Das Planen hat auch mir Spaß gemacht, und da ich immer alles wie einen Generalstabsplan vorbereite, damit wir jeden Tag ein Ziel und eine Unterkunft haben, dauert die Planung mehrere Wochen. Weiter so! Ich freue mich auf die nähsten Berichte.

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  • Raudi

    Hallo Debby, Habe jetzt fast 3 Stunden gebraucht um deine schönenen und Informativen Reisebericht zu Lesen ! Bericht und die Bilder verdienen meiner Meinung nach Fünf Punkte. Mir hat dein Bericht sehr gut gefallen

  • jeckop2rad

    Hallo Debby
    Auf der Suche nach Informationen über Radreisen im Baltikum stießen wir auf Deinen Bericht und waren schon nach den ersten Seiten begeistert.
    Kurzweilig, informativ, mit tollen Fotos und wertvollen Tipps angereichert!
    Absolut empfehlenswert.

  • frankas (RP)

    Aktuelle Informationen zum Radfahren in Litauen, Lettland, Estland gibt es unter
    www.balticcycle.eu
    (ein Projekt von Baltischen Radfahrerorganisationen)
    oder mich persönlich fragen, ich lebe in Vilnius ;-))

  • frankas (RP)

    Und danke für die persönlichen Erfahrungen, ich denke das hilft allen anderen Reisewilligen weiter. Ich werd's mal verlinken (bei fing alles mit 'ner Radtour Greifswald-Tallinn im Jahr 1994 an) ...

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