9 Tage Diskobucht im Sommer 2018

Reisebericht

9 Tage Diskobucht im Sommer 2018

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03.07.2018

4. Tag: 2. Versuch, nach Grönland zu fliegen

Neuer Tag, neuer Versuch.
Nach dem Frühstück steigen wir in unsere Taxis und fahren erneut zum Flughafen Reykjavik.
Dieses Mal ist keine Verspätung angezeigt.
So richtig erleichtert sind wir aber erst, als wir im Flugzeug sitzen – einem kleinen zweimotorigen Propellerflugzeug.
Pünktlich um 9.30 Uhr starten wir in Richtung Grönland.

Nach Ilulissat sind es 3 Stunden Flugzeit und 2 Stunden Zeitverschiebung. Nach Deutschland macht das insgesamt 4 Stunden Zeitverschiebung.
Die meiste Zeit des Fluges sehen wir nur Wolken. Doch ca. eine halbe Stunde vor der geplanten Landung reißt die Wolkendecke auf. Wir sehen das gewaltige, 3 km dicke Inlandseis. Eine endlose weiße Ebene mit gelegentlichen kleinen blauen Flecken und Streifen. Das sind die Seen und Flüsse, die sich durch das Schmelzwasser bilden.

Dann endlich kommt die Küste in Sicht. Eine atemberaubende Kulisse mit schneebedeckten Bergen und kleinen blauen Seen. Noch beeindruckender ist der Kangiafjord, über den wir jetzt fliegen. Eine große blaue Fläche voller Eisberge.
Und schon tauchen die ersten Häuser von Ilulissat unter uns auf. Wenige Minuten später landen wir auf dem kleinen Flugplatz von Ilulissat. Es gibt keine Passkontrolle. Schon nach 10 Minuten haben wir unsere Rucksäcke in der Hand.

Auf dem Parkplatz wartet Jannik, unser Gastgeber, mit dem Auto auf uns. Es ist sonnig und 8 °C. Die Mücken fallen gleich über uns her.
Wir fahren in die Stadt zu unserem Ferienhaus. Der Flugplatz ist 6 km von Ilulissat entfernt.
Die drittgrößte Stadt Grönlands hat ca. 4500 Einwohner – mit steigender Tendenz. An der Straße zum Flugplatz entstehen schon die nächsten Wohnsiedlungen.
Ilulissat ist auf vielen felsigen Hügeln gebaut. Am Eingang zur Stadt überqueren wir eine große Brücke über die Hafenbucht mit tollem Ausblick auf den Hafen.
Dann sind wir in unserem Ferienhaus und machen es uns dort bequem. Vor unserem Haus liegen 4 Schlittenhunde angekettet.
Vom Wohnzimmer und vom Balkon aus sehen wir die vielen Eisberge in der Diskobucht. Klares blaues Wasser, und jeder Eisberg sieht anders aus.

Nachdem wir uns eingerichtet haben, sehe ich mich in der Stadt um. Ilulissat ist sehr weiträumig. Im Zentrum gibt es ein paar Läden und Cafés, einen großen und mehrere kleine Supermärkte sowie verschiedene Reisebüros.
Alle Gebäude haben ihr Erdgeschoss und ihre Eingangstüren hoch über dem Erdboden. Im Winter, bei Außentemperaturen von bis zu – 30 °C liegt der Schnee so hoch, dass man die Türen ohne Hochaufstellung sonst nicht öffnen könnte. Hölzerne Treppen führen von der Straße zu den Hauseingängen.
Alle Gebäude haben einen Stromanschluss. Wegen dem felsigen Boden sind die Stromkabel auf dem Boden in eisernen Schutzrohren verlegt.
Seit 4 Jahren bezieht Ilulissat 100% seines Stromes aus einem Wasserkraftwerk. Dieses wurde von isländischen Firmen weit außerhalb des Flughafens gebaut. Wegen der Kälte im Winter wurden die Turbinen für das Kraftwerk in einem Berg untergebracht. Das Wasser zum Antrieb der Turbinen kommt aus zwei unterirdisch miteinander verbundenen Seen.
In Grönland gibt es kein landesweites Strom- oder Telefonnetz. Jede Gemeinde erzeugt ihren eigenen Strom im Inselbetrieb. Die Telekommunikation geschieht über Funkmasten auf den Bergen.

Nicht alle Häuser in Ilulissat haben einen eigenen Trinkwasseranschluss. Für die Häuser ohne Trinkwasseranschluss kommt das Trinkwasser aus Tankwagen.
Die anderen Verbraucher beziehen ihr Trinkwasser aus einem Stausee hinter dem Hafen. Von dort wird das Wasser in eine Wasseraufbereitungsanlage auf einem Berg gepumpt. Das aufbereitete Wasser wird in einem großen blauen Tank gespeichert und von dort über die ganze Stadt verteilt.
Wegen dem felsigen Boden sind alle Trinkwasserleitungen oberirdisch in dick isolierten Rohren verlegt. Im Winter müssen diese Rohre elektrisch begleitbeheizt werden – ein teurer Spaß.

Das Abwasser wird in Tanks gesammelt und dann einmal pro Woche von einem Tankwagen abgeholt.

Der Hafen ist das Herz der Stadt. Dort befindet sich der größte Arbeitgeber Ilulissats, die Fischfabrik. Im Hafen legen einmal pro Woche die Versorgungsschiffe an. Von hier fahren die Küstenschiffe der Diskoline und die Ausflugsboote. An einem riesigen Netzwerk aus Bootsstegen liegen die vielen Boote der Fischer und Jäger.
Auch wenn niemand mehr ausschließlich von der Jagd lebt, fahren viele Einheimische noch mit dem Boot hinaus zur Robbenjagd.
Auf einem Hügel befinden sich mehrere riesige Öltanks mit Treibstoff für Monate.
In der Nähe des Hafens gibt es noch ein paar alte Holzhäuser.

An den Straßen und Wegrändern der Stadt blühen Wollgras und Blumen. Hier ist alles wild. Es gibt keinen gemähten Rasen, keine Parks und Grünanlagen wie in Europa.

Auch Autos fahren in Ilulissat. Doch das Straßennetz reicht nur bis zum Flughafen. Danach gibt es keine Straßen mehr.

Ich gehe einkaufen. In den großen Supermärkten der Stadt gibt es alles: Lebensmittel, Kleidung, Haushaltselektronik, Werkzeuge und sogar Gewehre und Munition.

Nach dem Einkauf mache ich mich auf zu einer ersten Wanderung in Richtung Kangiafjord.
Der Weg dorthin führt zunächst quer durch die Stadt nach Süden und dann zu den Hundeplätzen. Hunderte Schlittenhunde dösen angekettet in der arktischen Sonne vor sich hin. Für sie ist der Sommer lästig, weil sie sich dann kaum bewegen können.
An die 2500 Schlittenhunde gibt es noch in Ilulissat. Sie werden hauptsächlich mit Fischabfällen gefüttert.

Hinter den Hundeplätzen beginnt dann die Wildnis. Von Ilulissat aus gibt es 4 markierte Wanderwege. 3 davon beginnen hier, am südwestlichen Stadtrand.
Ich gehe den blauen Weg in Richtung Eisfjord.
Der Weg führt auf Holzplanken durch eine Moorlandschaft. Die Mücken fallen auch gleich über mich her.
Es ist faszinierend, wie bunt diese baum- und strauchlose Landschaft leuchtet. Da gibt es schwarze, graue, grüne, gelbe und hellgrün-graue Moose. Dazwischen blühen viele Blumen. Ab und zu gibt es einen Wassertümpel.

Schon von weitem sind die gigantischen Eisberge des Kangiafjordes zu sehen. Der Weg führt jetzt den Berg hinauf auf einen Aussichtspunkt.
Hier befindet sich die Kællingekløften (Altweiberschlucht). Von dem 35 m tiefen Steilrand stürzten sich in früheren Jahrhunderten bei Hungersnöten vor allem die alten Frauen in den Abgrund.
Vom Aussichtspunkt kann ich ein beeindruckendes Naturschauspiel überblicken. Es ist ganz still. Ich höre nur das Knacken des Eises. Ab und zu fallen große Eisbrocken ab oder es kippt ein Eisberg um. Meistens ist davon nichts zu sehen. Nur das laute Krachen ist zu hören. Es ist einfach überwältigend, wenn man zum ersten Mal vor diesen großen Eisbergen steht.
Der Kangia-Eisfjord ist 40 km lang und 7 km breit.
Der Gletscher Sermeq Kujalleq, einer der produktivsten Gletscher der Welt, füllt den Eisfjord vollständig mit Eisbergen. Mit 40 m pro Tag treiben die bis zu 700 m großen Eisberge (davon bis zu 100 m über Wasser) von der Gletscherkante auf die Diskobucht zu. An der Mündung des Kangiafjordes zur Diskobucht ist das Wasser relativ flach. Deshalb bleiben die Eisberge hier hängen. Die nachrückenden kleineren Eisberge stauen sich an den festsitzenden großen Eisbergen. Nur wenige Male pro Monat, wenn der Wasserstand außergewöhnlich hoch ist, kommen die großen Eisberge frei und treiben hinaus in die Diskobucht und vor dort aus weiter ins offene Meer.

Nach dem Rückweg in die Stadt habe ich immer noch nicht genug. Also gehe ich auch noch den gelben Weg. Dieser führt vom alten Friedhof am Kap Kingittoq um die Stadt herum, immer an der Küste entlang.

Der alte Friedhof von Ilulissat ist ganz schlicht – mit weißen Holzkreuzen und Plastikblumen.
Auf den Bergen sind die traditionellen Gräber der Inuit zu sehen. Es sind Steinhaufen. Dort wurden und werden die Toten sitzend bestattet.

Der gelbe Weg führt über Berge und Felsen, vorbei an Mooren und Tümpeln – mit immer wieder großartigen Ausblicken auf das Meer und auf die Eisberge. Gelegentlich tauchen auch Schneefelder auf.
Nach 1,5 Stunden erreiche ich wieder die Stadt, am alten Kraftwerk. Es steht jetzt still. Bis zur Inbetriebnahme des modernen Wasserkraftwerkes wurde hier mit Dieselgeneratoren der Strom für Ilulissat erzeugt.

Am Abend geht es mir schlecht. Ich habe Durchfall. Wahrscheinlich waren es die Summe aus Aufregung, Überanstrengung und 4 Stunden Zeitverschiebung.
Auch die ewige Helligkeit macht uns beiden zu schaffen.



Blick auf den Hafen von Ilulissat (Grönland)


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Kommentare

  • Blula

    Hallo Eckart!
    Um diese neun Tage an der Discobucht seid Ihr wirklich zu beneiden. Allein die Fotos, die Du dort gemacht hast, sprechen für sich, und Dein schöner Tagebuchbericht dazu lässt mich jetzt träumen.
    Danke!
    LG Ursula

  • u18y9s26

    Es hat mir sehr gefallen, mit dir zu reisen, so ohne Mücken und mit dem Blick auf immer neue Eisberge in magisch sonnigem oder verhangenen Wetter. Danke fürs Mitnehmen! LG Ursula

  • frieden_schenker

    Hallo Ursula (zweimal),

    vielen Dank für Euer Interesse und für Eure positiven Bewertungen meines Grönland-Reiseberichtes.

    Liebe Grüße

    Eckart

  • bezi

    Ein sehr guter Reisebericht mit Bildern bei denen man ins Schwärmen kommt. LG Claudia

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