Armenien & Georgien 2018

Reisebericht

Armenien & Georgien 2018

9.5./10.5. Ankunft in Armenien

Um kurz nach vier Uhr morgens öffnet sich die Tür des Fliegers. Nur halb so zerstört wie ursprünglich angenommen torkeln wir die Gangway entlang. Hinter uns ein nächtlicher Gabelflug von Zürich über Warschau, der durch den erst übersehenen Vermerk „private“ auf unserem Ticket in komfortablen Sitzen und gespickt mit kleinen Mahlzeiten - inklusive richtigem Besteck und Tischtuch - durch LOT durchaus angenehm gestaltet wurde. Wir wissen nicht recht, was nun auf uns zukommt. Einerseits hat Armenien erst vor ein paar Tagen einen friedlichen Regierungssturz historischen Ausmasses und vor wenigen Stunden die Wahl des Wunschkandidaten der Protestler hinter sich gebracht, andererseits haben wir uns erstmals dazu entschieden, uns mit Fahrer und Reiseleiter die Sehenswürdigkeiten vorführen zu lassen, anstatt diese selbst zu entdecken. Die Einreise klappt jedenfalls schon mal problemlos. Von Umsturz ist am Flughafen nichts zu spüren. Und tatsächlich: Am Ausgang zur Ankunftshalle steht tatsächlich eine sympathische Dame bereit, die uns – etwas ungewohnt für unsere Reisen – auf Deutsch willkommen heisst und uns direkt zum bereitstehenden Auto führt.

Auf der Fahrt vom Flughafen zu unserem Hotel blitzen draussen die Schilder mit der einzigartigen armenischen Schrift auf und wir bekommen auf unseren Zustand und die Uhrzeit zugeschnitten die ersten häppchenweisen Infos. Direkt vor dem Hotel werden wir abgesetzt und auch der Zimmerbezug wird noch von unserer Begleiterin Zara geregelt, während wir die sehr sowjetisch anmutende Eingangshalle des Hotels unter den freundlichen Blicken des um diese Uhrzeit erstaunlich zahlreichen Personals mustern. Fast etwas verdutzt von der schnellen Ankunft – vor 12 Stunden sass ich noch auf der Arbeit – nehmen wir unseren Schlüssel entgegen und können uns gerade noch merken, dass wir heute „frei“ haben und wir dann morgen um neun Uhr abgeholt werden. Ein Bisschen müssen wir mit uns ringen, jetzt tatsächlich schlafen zu gehen, weil da draussen im langsam aufkeimenden Dämmerlicht eine völlig unbekannte Stadt auf uns wartet. Das hat sich aber schnell erledigt und für ein paar Stunden fallen wir erst einmal ins Koma.



10.5. Jerewan - Eine Zeitreise

Jerewan, Armenien

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Wir stehen gegen 10 Uhr auf und stellen fest, dass unser Zimmer tatsächlich aussieht, als wären wir direkt in der Sowjetunion der späten achtziger Jahre gelandet (bis auf den Flachbildschirmfernseher vielleicht). Allerdings ist alles ausserordentlich sauber und gepflegt. Die Stadt ist mittlerweile aufgewacht. Durch die Hotellobby, in der auf den Marmorplatten der Tische klobige Aschenbecher stehen, treten wir hinaus auf die von lauter Ladas, Gasbetriebenen Lastwagen und anderen Raritäten befahrene Strasse. Erst einmal holen wir uns Bargeld – und werden am Bankomaten fast zu Millionären. 1 Franken entspricht rund 500 Dram.

Zielstrebig und die einzigartige Atmosphäre in uns aufsaugend trampeln wir vorbei an kleinen Läden und Kiosken erst einmal in die falsche Richtung, dann in die Innenstadt. Alles hier scheint mindestens dreissig Jahre alt zu sein – funktioniert aber offenbar einwandfrei. Es liegt auch praktisch kein Müll auf den Strassen und die Stadt wirkt ein wenig wie eine von Liebhabern gepflegte Antiquität. Von politischem Umsturz übrigens keine Spur. Alles geht als ob nichts gewesen wäre dem Tagesgeschäft nach. Wir kommen vorbei an der neuen, aber in traditionellem Stil errichteten Kathedrale Gregors des Erlösers. Direkt neben dieser steht ein erstes mächtiges Sowjetdenkmal, ein Reiter der gleichzeitig zwei Pferde bändigt (Rebellenführer Zarovak Andranik). Direkt anschliessend folgt der Luna Park, der mit ratternden bunten Fahrbuden erstaunlich viele Leute anlockt und ein wenig an nordkoreanische Freizeitparks erinnert. Weiter geht es zum Platz der Republik. Hier wird der Singen Brunnen von eindrücklichen, repräsentativen Prunkbauten aus den dreissiger Jahren umringt. Wir gelangen auf die Hyusisayin poghota (engl. Northern Street genannt), an deren Eingang der symbolische Schlüssel zur Stadt aufgestellt ist. Hier ist alles plötzlich topmodern. Nigelnagelneue Appartmenthäuser ragen beidseits auf. In der Mitte der Flaniermeile führen Rolltreppen in den Untergrund, der gleich den unteren Stockwerken zu beiden Seiten vollgestopft mit westlichen Luxus-Ramschläden zu sein scheint. Am Ende der Strasse entdecken wir ein paar Tischchen auf dem Gehsteig. Bei einem ersten kühlen armenischen Bier schauen wir dem Treiben auf der Strasse zu und rauchen armenische Akthamar.

Danach gelangen wir über den Platz der Freiheit zur ebenfalls klar sowjetischen Oper. Hier sitzen noch eine Handvoll Repräsentanten der Demonstrationen mit 2-3 Transparenten als schlichtes Mahnmal des erst gerade stattgefundenen Umbruchs. Ansonsten fahren Kinder in kleinen elektrischen Plastikautos herum und die Menschen sitzen entspannt draussen in den Park-Cafés.

Um die Oper herum gelangen wir zum Denkmal von Alexander Tamanyan, dem Architekten, der Jerewan massgeblich geprägt hat. Dahinter befindet sich ein kleiner Park mit einigen wenigen vom Erdbeben verschonten älteren Gebäuden. Der Park wirkt wie die Vorbereitung auf die mächtige Kaskadentreppe (ebenfalls von Tamanyan), die lange geplant war, aber erst in den siebziger Jahren realisiert wurde. Das in einer breiten Schneise in den Hügel gelegte, treppenartige Gebilde aus hellem Stein wirkt wie aus einem Science Fiction Film. Aus zahlreichen runden Röhren umrahmt von geometrischen Formen plätschert Wasser in Brunnen auf den zwischen den stufen liegenden Plattformen. Auf einem der Wasseroberflächen schweben Turmspringer aus Stahl, während daneben traditionelle Pflanzenornamentik aus der weissen Fassade aufscheint. Das Gesamtbild wirkt, als würde man die Stufen zu einem alten Heiligtum einer fremdartigen Kultur auf einem anderen Planeten aufsteigen. Über Fünfhundert Stufen meistern wir, dann ist nur noch Baustelle. Eisenstangen ragen aus dem Beton, der teilweise mit verrosteten Blechen abgedeckt ist. An dieser Stelle ging dem realen Sozialismus offensichtlich das Geld aus und die freie Marktwirtschaft konnte seither nichts nachschiessen. Blickt man jedoch in die andere Richtung, wird ein wunderschöner Ausblick auf die Stadt mit ihren zahlreichen Parks und den jetzt sattgrünen Bäumen frei. Auch zwischen den Stufen wurden zahlreiche Blumen angepflanzt. Ein älterer Einheimischer, der rauchend über dem Geländer lehnt spricht uns auf Deutsch an, was aufgrund der geografischen Situation doch etwas überrascht.

Wir spazieren weiter und finden ein hübsches Lokal, wo man ebenfalls draussen sitzen kann. Zeit für einen ersten kulinarischen Höhenflug. Wenngleich georgisch, müssen es erst einmal Khinkhali sein: Kinderfaustgrosse Teigtaschen gefüllt mit Hackfleisch und viel Koriander, die erst angebissen werden um den Saft auszuschlürfen und dann bis auf einen Teigstummel abgenagt werden. Das lohnt die Sauerei, die der Ungeübte dabei veranstaltet. Dazu ein paar Schaschlikspiesse, gefüllte Auberginen, eine Kürbis-Bohnensuppe mit reichlicher Fleischeinlage und eine Art Ratatouille. Schon jetzt ist klar: Die kaukasische Küche hat ihren hervorragenden Ruf zu Recht. Und auch der armenische Wein ist bestens, was auch die hinter uns sitzenden Schweden finden, die sich vom Kellner ausführlich beraten lassen und sich gleich Flaschenweise eindecken.

Nach der (für kaukasische Verhältnisse) kleinen Mahlzeit vertreten wir uns weiter die Füsse, kommen vorbei an der lebhaften Universität und landen nach einer ausgiebigen Runde durch die halbe Stadt in einem kleinen Lokal, wo wir ein paar Digestifs zu uns nehmen.

Der Rückweg zum Hotel führt uns durch eine klassisch sowjetische Unterführung, wie wir sie bereits aus Kiev und Moskau kennen. Der knappe Raum ist voll mit kleinen Läden, Haufen von Blumensträussen und Musikanten. Monsieur kann einem Imbiss nicht widerstehen und steht plötzlich in einem ebensolchen. Da Madame zum Glück fliessend russisch spricht, sind schnell Pelmeni und ein Schaschlikspiess bestellt. Zwei ältere Damen in Küchenschürze und Haarnetz machen sich auf in die Küche, nachdem sie mich freundlich überreden, dass ich die gebratenen Pelmeni am besten mit Ei und Kräutern essen soll, so seien sie am besten. Der Mann am Grill meint, so ein nackter Schachlik sei nichts, da gehöre frisches Fladenbrot mit Kräutern und Gemüse drumrum. Auch diesen Vorschlag nicke ich bereitwillig ab. Wir sind die einzigen Gäste und die ganze Belegschaft schaut mir zufrieden zu, wie ich genüsslich sämtliche Empfehlungen und das Essen an sich goutiere. Zum Abschied darf ich noch „Guten Appetit“ auf Dialekt auf eine Tafel an der Wand zwischen die Ausdrücke aus allen Herren Länder schreiben und wir werden aufs Freundlichste verabschiedet.

Bis zum Haaransatz voll mit Eindrücken und köstlichem Essen erreichen wir am Abend unser Hotel und ruhen uns erst einmal richtig aus.



Jerewan



11.5. Jerewan - Geschichte und Kultur einer uralten Nation

Handschriftenmuseum, Jerewan,...

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Das Frühstücksbuffet ist wiederum eine kleine Zeitreise. Damen in Häubchen stehen bereit um Speisen nachzulegen. Der Saal erinnert ein wenig an die Moskauer Metro, inklusive den proletarischen Kronleuchtern. Zu verspeisen gibt es reichlich lokale Käse- und Fleischspezialitäten, sauer Eingelegtes, frisches Gemüse und Obst. Wir wollen eigentlich nur ein wenig probieren, aber essen doch viel zu viel, da sich eben alles zu probieren lohnt.

Durch die Hotellobby stolpert eine klassische deutsche Senioren-Touristengruppe. Safari Ausrüstung vom Ottoversand, inklusive 70+ Treckinghose mit Taschen an allen Ecken und Enden, Sockensandalen und Expertenteleobjektivkameras. Aus unerfindlichen Gründen kommuniziert man in einer Lautstärke wie im Fussballstadion und die knapp dreissig Nasen manövrieren umeinander herum, wie ein nervöser Haufen Kindergärtner beim Ausflug in Zeitlupe. Wir sind unendlich froh, haben wir den Aufschlag für eine private Tour bezahlt. Kurz nachdem der letzte Leichtkarbonwanderstock im Reisebus verschwunden ist, steigen wir gemächlich in den weissen Nissan ein. Es geht heute noch einmal durch Jerewan, aber unter fachkundiger Führung.

Unser erster Halt ist das in den fünfziger Jahren erbaute Handschriftenmuseum. Von aussen ein massiver Steinquader, der etwas an einen babylonischen Tempel erinnert, aber auf den zweiten Blick viele Merkmale der armenischen Kirchenarchitektur übernommen hat. Davor stehen, gleich Wächtern, die prägendsten historischen Figuren für die armenische Schrift. Diese, so lernen wir, bezeichnen die Armenier auch als ihre kämpfenden Soldaten. Die Armenier sind stolz darauf eine Bildungsnation zu sein. Das spiegelt sich nicht nur in den zahlreichen Monumenten für Wissenschaftler, Komponisten und Architekten in der Stadt, sondern diese Persönlichkeiten und ihre Errungenschaften, wie auch die eigene Geschichte scheinen dem Einzelnen hier weit präsenter, als es bei uns mittlerweile der Fall ist. Der mit wunderschönen, leuchtenden Malereien verzierte Eingangsbereich des Handschriftenmuseums mündet in eine sich verzweigende Treppe, die in die oberen Etagen führt. Drei Gemälde symbolisieren die drei Stufen der armenischen Schrift und Darstellung historischer Figuren in einem bläulich grünen Ton.

Eine angestellte Führerin des Museums begleitet uns durch die Räume und erläutert uns die zahlreichen imposanten Ausstellungsstücke in perfektem Deutsch – und mit der Attitüde einer Lehrerin aus längst vergangenen Zeiten. Ein hölzerner Zeigstock ist unerlässlich. Die Räumlichkeiten in denen die aufwändig gebundenen und reich gestalteten Schriften in verglasten Holzvitrinen aufbewahrt werden sind den Innenräumen armenischer Kirchen nachempfunden – nicht unbedingt selbstverständlich, ist der Stil des Gebäudes doch sonst klar realsozialistisch und der Bezug zur Religion im historischen Zusammenhang fast befremdlich. Hier scheint sich die eigene Kultur früh gegen das im Prinzip auflösende Element des Marxismus durchgesetzt zu haben, oder besser: Es ist mit diesem eine seltsame Symbiose eingegangen, in der die kommunistische Ausdrucksform letztlich nur noch als Träger diente. Die Ausstellungsstücke umfassen astronomische, medizinische, religiöse und ganz triviale Texte, die insgesamt aber einen tiefen Einblick in die lange Schreibkultur und die Bildungsgeschichte des armenischen Volkes geben.

Während die Reisegruppen – zu 80% Deutsche Senioren – auf ihre Busse warten, können wir unsere Fragen bei der Weiterfahrt stellen. Wir halten unterwegs in einem Shopping-Center, um uns kurz Sonnencreme zu holen und etwas Kleines zu essen. Gewohnt überschwänglich wie in Mitteleuropa wird auf diversen Stockwerken alles verkauft, was der Mensch (nicht) braucht. Die Leute sind aber vornehmlich zum Essen hier. Für ca. 2 Euro kann man sich hier in der Kaufhauscafeteria verpflegen. Wobei wieder nicht gespasst wird: Gegessen wird vernünftig - auch im Shopping Center. Mein Khatschapuri, ein schiffförmiges Gebäck mit reichlich Käse und Ei ist jedenfalls perfekt. Dazu trinken wir Tan – die armenische Variante von Ayran.

Wir fahren weiter zum Zizernakaberd, dem Denkmal für den Völkermord an den Armeniern. Dort erwartet uns eine moderne, sehr umfangreiche und interessante Ausstellung darüber, wie es zu diesem unmenschlichen und unverständlicherweise noch immer viel zu wenig thematisierten und in den aktuellen Kontext gesetzten Ereignis kommen konnte (Zitat Hitler 1939: „Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier“). Die Geschichte kann jeder nachlesen. Das Museum besticht aber vor allem durch zahllose Bilddokumentationen und Alltagsgegenstände, die den Fokus nicht nur auf den Völkermord, sondern auch auf die Lebensweise der Menschen davor und die gesamten historischen Umstände legen. Wir hatten den Eindruck, dass die Ausstellung keinesfalls reisserisch oder einseitig gestaltet war, sondern durchaus versuchte ein nachvollziehbares und zugleich nüchtern belegtes Bild der Ereignisse zu zeichnen.

Im Freien steht das Mahnmal, das in seiner kalten kommunistisch-brutalistischen Art einerseits zu den Ereignissen passt, sich aber andererseits wenig von allen anderen Gedenkmonumenten dieser Bauform abhebt: Eine in den Himmel ragende Spitze und daneben ein Kreis aus sich hebenden Betonblicken, in deren Mitte ein ewiges Feuer brennt. Andererseits: Welches Symbol wäre für solche Gräuel auch repräsentativ.

Weiter geht es mit etwas leichter verdaulichen Kultur: Wir besichtigen die Ararat Brennerei. Eigentlich haben wir von der Besichtigung nicht viel erwartet, doch die kurzweilige Führung vermittelt viele historische Anekdoten, etwa dass Churchill den Ararat dem französischen Cognac vorzog und rund 300 Flaschen pro Jahr orderte. Selbstverständlich gibt es danach noch eine Verkostung, die aber wirklich nur eine solche darstellt – kein Verkaufsgespräch, keine langen Reden, einfach nur je ein gutes Glas voll 5 und 10 jährigen Ararat, den es sich im Übrigen wirklich zu versuchen lohnt (ich persönlich kann Herrn Churchill gut verstehen).

Zara bietet uns an, uns noch kurz in eine Markthalle zu begleiten, was wir gerne annehmen. Kaum eingetreten haben wir schon beide Hände voll mit getrockneten Früchten und Tschurtkhela. Letzteres sind Nüsse, die auf eine Schnur gezogen und in Traubensaft mit Stärkemehl getunkt werden, bis eine Art essbare Kerze entsteht. Schmeckt richtig gut. Nur haben wir von allem schon so viel zu versuchen bekommen, dass wir eigentlich gar nichts mehr zu kaufen brauchen. Ein Sack getrockneter Pfirsiche kann aber nicht schaden. Die Stände sind üppig mit frischem und getrocknetem Obst, Käse, getrocknetem und frischem Fleisch, Gläsern mit süss und sauer eingelegtem und allem erdenklichen Essbarem beladen. Von allen Seiten werden uns ganz unaufdringlich Kostproben entgegengestreckt und eine schmeckt besser als die andere. Wir könnten einen ganzen Container beladen, schaffen es aber dieses Schlaraffenland einzig mit dem Tütchen Pfirsiche zu verlassen. Immerhin hat uns Zara angekündigt, dass wir noch in einem armenischen Lokal essen werden heute Abend.

Vorher werden wir aber, auf Wunsch, noch bei der über der Stadt thronenden Mutter Armenien abgesetzt. Diese hat nach dem Tod Stalins dessen Monument ersetzt und wacht, wie scheinbar alle sowjetischen Mütter in allen (ehemals) sowjetischen Städten, mit einem Schwert über ihre Schäfchen. Rund um die Statue ist altes Kriegsmaterial aufgebaut. Panzer, Raketen, Geschütze und sogar eine Mig-9 (konstruiert übrigens auch von einem Armenier). Im Sockel auf dem die übergrosse Dame steht findet sich eine Ausstellung zum Bergkarabachkrieg – allerdings nur in armenischer Sprache, aber den Bildern nach zu urteilen ein Bisschen weniger objektiv als die Völkermord-Ausstellung. Ausserdem gibt es noch ein animiertes Modell der Eroberung Berlins 1945. Der Eintritt kostet umgerechnet ca. 10 Rappen (für beide).

Neben der Statue ist nochmals ein in der Zeit steckengebliebener Vergnügungspark aufgebaut. Nur die Logos amerikanischer Softgetränke auf den Böden der Riesenradgondeln zeugen davon, dass der Kommunismus vorbei ist. Gerade noch bevor ein monsunartiger Regenguss vom Himmel stürzt, schaffen wir es in ein überdachtes Büdchen und trinken im Trockenen ein gemütliches Bier. Um pünktlich zu unserer Verabredung zum Abendessen zu kommen, winken wir an der nächsten Strasse ein Taxi heran. Die Tankanzeige steht bereits auf unter 0, aber wahrscheinlich ist die nur kaputt. Wir schaffen es durch das Verkehrsgewusel und schaffen es tatsächlich fast auf die verabredete Zeit.

Das Restaurant ist modern, aber geschmackvoll rustikal eingerichtet und sehr gemütlich. Eine hauseigene Bäckerei fürs Lawasch (Fladenbrot) gehört selbstverständlich dazu. Neben unserem Tisch sitzt eine wohlbeleibte Herrengruppe inklusive dem Inhaber und greift herzhaft in die den gesamten Tisch bedeckenden Köstlichkeiten. Gespült wird ebenfalls fleissig mit armenischem Wein und Schnaps im munteren Wechselspiel. Das Hinüberspähen macht bereits hungrig. Zara hat für uns allerlei armenische Spezialitäten geordert. Erst gibt es reichlich Vorspeisen: Frisch gebackenes Brot mit Bündelweise Kräutern und Joghurt, Käse und verschiedene Salate. Dann wird richtig aufgetrumpft: Für uns drei Nasen wird eine ganze geschmorte Lammkeule aufgetragen. Die könnte man so auch in einem Sternerestaurant präsentieren. Butterzart, in einer sehr fein abgeschmeckten Sauce vom mitgeschmorten Gemüse und dazu hausgemachte Teigwaren. Auch der armenische Wein schmeckt grossartig. Zum Dessert gibt es Gata (ein süsses Gebäck) und orientalischen Kaffee. Schön auch, dass man beim Essen mit Zara einfach ein ganz normales Gespräch führen und sehr viel erfahren kann, was nicht in einem Tourprogramm vorkommt.

Nach dem Essen verabschieden wir uns und gehen zu Fuss zurück zum Hotel. Wir kommen vorbei am Brunnen auf dem Platz der Republik, um den sich ein wahre Menschenmenge versammelt hat. Ein munteres Licht- und Wasserspiel begleitet vom Walzer des armenischen Komponisten Khatschaturjan ist der Grund des Andrangs. Und hier hat das tatsächlich etwas. Anders als in Las Vegas oder Dubai, wo solche Attraktionen einen beiläufigen und zum Gigantismus neigenden Charakter haben, wirkt das Wasserspiel hier wie eine Reminiszenz an alte Zeiten, als Menschen sich noch von solch vermeintlich einfachen Dingen begeistern liessen. Hier funktioniert das immer noch – dem babylonischen Sprachengewirr nach zu urteilen nicht nur bei den Armeniern.



Handschriftenmuseum, Jerewan, Armenien



12.5. Klöster, Karawanen und Krieg

Norawank. Armenien

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Heute geht es erstmals raus aus Jerewan. Das Frühstück beschränkt sich auf Kaffee und Zigaretten in der Lobby. Mittlerweile ist klar, dass wir unterwegs gut gefüttert werden.

Während wir erst zwischen den aus China importieren violetten Stadtbussen, dann neben den alten gasbetriebenen Überlandbussen hindurchbrausen, gibt Zara einen Überblick über den heutigen Tag, erzählt viel Historisches und kann uns sämtliche Fragen fachkundig beantworten. Trotzdem fühlt man sich mehr als Gast, der bei neuen Bekannten mitfährt, denn als Kunde.

Unser erster Halt ist das Kloster Khor Virap. Hier stand schon rund 180 v.Chr. eine der armenischen Hauptstädte namens Artaxata. Im Jahr 280 n.Chr. soll König Trdat III. hier Gregor den Erleuchter für 13 Jahre in einer Höhle gefangen gehalten haben.
Auf dem Parkplatz stehen bereits einige Reisebusse. Beim Aufstieg zum von einer Mauer umgebenen Gelände fallen sofort die filigran gehauenen Kreuzsteine auf. Ein Markenzeichen Armeniens, das wir noch oft sehen werden. Im Inneren machen wir eine erste Bekanntschaft mit einer typisch armenischen Kirche. Diese besticht nicht durch Grösse und Prunk, sondern vielmehr durch ihre Schlichtheit und zahlreiche in den Stein gegrabene Muster, die zumindest von Weitem eher an indische Tempelanlagen erinnern. Auch das Innere besteht aus völlig unverkleidetem Stein. Einzig der Altar ist mit einem Bild von Maria und klein Jesus, bestickten Tüchern und Kerzen in Leuchtern geschmückt und sticht dadurch umso mehr hervor. In der Kuppel, deren Fenster nicht verglast sind, nisten Schwalben. Das sei üblich und erwünscht, meint Zara. Die Gefängniszelle Gregors kann man natürlich über eine Leiter erkunden. Da sich diese aber schon reichlich unbeholfen beleibten Senioren beübt wird, steige ich in die gegenüberliegende Zelle. Weil dort nur ein schlichter Verbrecher darbte, will diese keiner sehen – das Erlebnis für Atheisten dürfte allerdings das Selbe sein: Ein Höhlenartiger Raum aus dunklem Fels, ein kleines in Stein gehauenes Kreuz mit schlichten Ornamenten und ein Kistchen umhüllt von einem goldbestickten Tuch. Insgesamt hat die Atmosphäre eher etwas Okkultes (im positiven Sinne).

Draussen auf der Mauer wird der Blick frei hinüber in die Türkei und unweit davon die Autonome Republik Nachitschewan, eine Exklave Aserbaidschans. Eigentlich könnte man von hier den Ararat sehen, aber der verbirgt sich hinter dichten Wolken. Dafür sehen wir die Wachtürme der Grenzzone. Die Lage mit der Aserbaidschan und der Türkei ist nach wie vor angespannt. Die Grenzübergänge sind geschlossen. Mit dem auch gleich ums Eck gelegenen Iran versteht man sich hingegen gut. Nicht ganz einfache Verhältnisse – sowohl politisch, als auch geografisch. Wir müssen uns erst einmal sortieren um zu begreifen, dass es nur ein Katzensprung in den Iran ist, vom kulturell völlig verschiedenen Armenien.

Bei der Weiterfahrt wird die Landschaft zunehmend hügeliger und grüner. Die Strasse führt durch das Weinanbaugebiet Areni und schliesslich in eine tief zwischen den Felsen eingegrabene Schlucht. Über den vollen Baumkronen glitzert der regennasse und von zahlreichen Höhlen durchsetzte Stein in der Sonne.

Zuhinterst in der Schucht liegt das Kloster Norawank. Hier ist der Besucheransturm, wohl auch aufgrund des Wetters, überschaubar. Da die Anlage so wunderschön gelegen ist, wirkt sie noch viel eindrücklicher als Khor Virap. Gegenüber den rein aus Stein gehauenen Gebäuden ragt eine rötlich scheinende Felswand über dem satten Grün. Die von steinernen Ruinen umrahmten Kirchen wirken hier noch viel mehr, als würden sie einem ganz anderen als dem christlichen Kult zugehören. Die einzigartigen Formen und in Fels geritzten Symbole und Schriftzeichen am aussen hellen und innen kerzenrussgeschwärzten Stein, die urtümliche Landschaft – alles fügt sich zu einem sehr eindrücklichen und einzigartigen Gesamtbild. In der kleineren der beiden Kirchen gelangt man über die Gräber vor dem und im Vorraum, in dem ein dutzend schlanke Kerzen in einem Stahlbecken flackern, in den sehr kleinen Hauptraum. Der Altar ist sehr schlicht und wirkt fast so, als hätte man ihn erst gerade in diesem über Jahrhunderte vergessenen Gebäude installiert. Die Zweite Kirche ist grösser und zweistöckig. Die aussen an der Fassade zu beiden Seiten in den zweiten Stock führenden Treppen erinnern an Bauten der Maya. Innen ist niemand. Auch ist der Raum völlig schmucklos. Nur eine Glocke hängt an einer langen Kette von der sichtbar renovierten Kuppel (die Anlage wurde durch zwei Erdbeben beschädigt). Gerade diese Schlichtheit und die gleichsam eindrückliche Bauart nur aus Steinblöcken macht aber auch diese Klosteranlage, ganz abgesehen von ihrem Zweck, mehr als sehenswert.

Direkt bei der Anlage gelangen wir über einen neu angelegten und von Bäumen überdachten Steinweg in einen modernen Anbau. Hier stehen Tische für über 100 Personen hübsch gedeckt bereit. Es ist aber ausser uns kein Mensch da. Nur auf einem Tisch stehen schon Salate, Kräuter und Käse bereit. Das Lawasch wird frisch gereicht nachdem wir sitzen. Froh nichts gefrühstückt zu haben, langen wir ordentlich zu. Als Hauptgang gibt es Hühnerschaschlik und Kartoffeln aus dem Holzkohlegrill. Das Huhn ist grossartig mariniert und hat ein wunderbares Raucharoma. Unser Chauffeur ist auf Diät und mümmelt zaghaft an einem Stückchen Huhn und entschuldigt sich bald auf eine Zigarette und einen Schwatz mit den Inhabern. Wir haben grosses Verständnis, dass man um dieses Essen nicht untätig herumsitzen kann.

Zurück nach Jerewan fahren wir über den Selimpass. Vollgefressen wie wir sind verschlafen wir einen Teil der Strecke, wachen aber rechtzeitig auf, um den Blick über die Serpentinen hinweg ins Tal mitzubekommen. Kurz darauf halten wir an, weil uns Zara eine alte Karawanserei zeigen will. Diese besteht aus einem länglichen und teils grasüberwachsenen Steingebäude. In den Eingang sind Stiere und Ornamente gehauen. Das Innere wirkt wie eine Höhle, in die das Licht magisch in sichtbaren Strahlen durch die Öffnungen in der Decke fällt. Zu beiden Seiten befinden sich steinerne Tröge für die Tiere, für die der grosse tunnelartige Raum in der Mitte bestimmt war. Die weit kleineren Erker hinter den Trögen waren für die Menschen bestimmt.

Vor der Karawanserei steht ein alter Lada und Leute pflücken Kräuter. Die Fahrt führt uns auf über 2000m auf eine weite Hochebene, vorbei an jesidischen Siedlungen und noch von Altschnee bedeckten Vulkangebirgen bis hinunter zum Sewansee. Das grösste Gewässer Armeniens, bei dem wir heute nicht mehr anhalten. Am Strassenrand zeigen die Fischverkäufer den Vorbeifahrenden mit den Armen an, wie gross die Ware ist, die sie im Angebot haben.

Gleichzeitig taucht rechterhand ein offensichtlich aufgeschütteter und mit kleinen Bunkern durchsetzter Wall auf. Hinter dem Wall sieht man Panzerstellungen. Hier ist die Grenze zum Kernland Aserbaidschans. Letztmals 2016 kam es hier zu Gefechten, bei denen über 100 Soldaten auf beiden Seiten ums Leben kamen (Konstruktiver Beitrag von Türkeis Erdogan seinerzeit: „Wir werden Aserbaidschan bis zum Ende unterstützen“). Anhand der Ausführungen von Zara merkt man, dass dieser mittlerweile Jahrzehnte andauernde Konflikt schon beinahe selbstverständlich geworden ist. Derzeit sorgt man sich aber um die erstarkende Türkei, deren gross gespuckten Töne die sich ethnisch zugehörig fühlenden Aserbaidschaner zu Kurzschlusshandlungen anstiften könnte – zumal der grosse Bruder Russland, der nach wie vor mit seinen Soldaten die armenischen Grenzen schützt, neustens den Kuschelkurs mit der Türkei eingeschlagen hat. Gleichzeitig erfahren wir, dass man Bergkarabach durchaus bereisen könne und sich das auch absolut lohne. Wir kommen nicht umhin dies für unseren nächsten Besuch, der fast sicher stattfinden wird, ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Derweil passieren wir die Strasse die rechterhand in die vollständig von Aserbaidschan umschlossene und von diesem besetzte, entvölkerte armenische Exklave Arzwaschen führt. Es ist kompliziert.

Zurück im Hotel gönnen wir uns eine Pause. Dann geht es über eine rasante Rolltreppe in den Untergrund. Die Metro von Jerewan sieht aus, wie ein Stück Clockwork Orange Filmset. Zeitlich passt das sogar, wurde der Bau doch 1972 begonnen, jedoch erst 1981 fertiggestellt. So hat man hier ein Stück einzigartige, sehr streng reduzierte Form sowjetischer Baukunst vor sich, die man für den Fahrpreis von ungefähr 10 Rappen pro Nase erkunden kann und erst noch von A nach B kommt. Unsere Abfahrtsstation Sorawar Andranik ist ein Tunnel mit rötlichen Steinplatten als Boden, die sich zu runden Durchgängen zu den Bahnsteigen aufwölben. Der Name der Stationen ist nach wie vor in armenischer und kyrillischer Schrift angebracht. Die Waggons sind hingegen überraschend modern. Zwei Stationen weiter, in Jeritasardakan steigen wir aus. Wiederum ein Weisser Tunnel, aber mit monolithartigen Durchgängen aus hellem Stein zu den Bahnsteigen und dreidimensionaler abstrakter Kunst aus Stahl an der Wand gegenüber dem Ausgang. Die strikten Formen werden einzig durch ein Bankpaar aus Holz und Stahl im Jugendstil unterbrochen. Die Treppe zum Ausgang ist zu beiden Seiten mit einer herbstlichen Landschaft an einem See bemalt. Man fühlt sich unweigerlich an Bilder der nordkoreanischen Metro erinnert. Draussen wird die Stadt erst gerade richtig lebendig. Ein kurzer Fussmarsch führt uns zum ergoogelten Ziel: Einem Irish Pub, das sich hinter einer eher unscheinbaren Tür in einer Seitenstrasse verbirgt. Wie es sich gehört ist drinnen alles mit irischen Memorabilia vollgestopft. Auf eine Leinwand werden Musikvideos projiziert. Es läuft solide Gitarrenmusik, es gibt sehr gutes lokales Bier für umgerechnet rund einen Franken die Halbliterflasche und die Bedienung ist schnell, zuvorkommend und sympathisch -und es scheinen ausschliesslich Einheimische anwesend zu sein.

Trinken macht Hunger. Wir steuern wiederum einen Imbiss an, eigentlich eine Schawarma-Bude, die wie ein amerikanisches Diner eingerichtet ist. Die Speisekarte die uns gereicht wird, strotzt aber nur so vor armenischen Spezialitäten. Letztlich bestellen wir gebratene Hühnerherzen- und -innereien mit viel Zwiebeln in einer würzigen Sauce (Tzhvhik – ja, das heisst so), Schweineschaschlik und reichlich sauer eingelegtes Gemüse. Ins Hotel gehen wir dann doch lieber wieder zu Fuss und Monsieur beschliesst noch einen Verdauungs-Ararat zu sich zu nehmen, erhält dann aber eine Flasche des gleichnamigen Bieres. Geht aber auch.

Ganz hinten in der Lobby sitzt eine einsame Gestalt. Als wir zum Fahrstuhl aufbrechen plärrt sie lauthals „Sprecht ihr Deutsch?!“. Wir reagieren nicht. Das Geplärr wiederholt sich. Ich hoffe, der Fahrstuhl erreicht uns, bevor ich gewalttätig werde. Gerade als der Anonyme tatsächlich zum Dritten mal Ansetzt, öffnet sich die Tür und verhindert mit hoher Wahrscheinlich einen zumindest verbalen Ausbruch. Wir werden nie verstehen, was germanische Touristen zur zwanghaften Gruppenbildung – meist zur kritischen Würdigung der örtlichen Verhältnisse - veranlasst.



Kloster Norawank.



13.5. Sewansee, Sowjetwehmut und Pimpernuss

Sewanawank, Armenien

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Rund vierzig Minuten dauert die Fahrt von Jerewan zum Sewansee und dem Kloster Sewanawank auf der Sewanhalbinsel. Namenstechnisch für einmal sehr unkompliziert. Das Wetter ist trüb aber trocken. Wir steigen die Treppe zum Kloster hinauf. Dieses ist rund 1200 Jahre alt und wurde von der Tochter des späteren Königs Ashot I. gegründet. Da noch eine deutsche Touristengruppe herumwuselt, lassen wir uns von Zara das Wichtigste erläutern und spazieren dann allein ein wenig auf der Halbinsel herum, mit schöner Aussicht zurück zum Kloster, reichlich Vegetation rundherum, einigen romantisch flechtenüberzogenen Kreuzsteinen und dem weiten See unter uns.

Weiter geht es über den Sewanpass. Oder besser gesagt diesen hinunter. Der Sewansee liegt nämlich 1900m über dem Meer, was uns erst jetzt richtig bewusst wird. Die Serpentinen winden sich durch Schluchten und Hügel, überzogen von sattgrünen und endlos scheinenden Laubwäldern.

Wir halten beim wunderschön mitten im Wald gelegenen Haghartsin Klosterkomplex. Alles ist ordentlich restauriert und doch liegen da und dort zerbrochene, mit Moos bewachsene Kreuzsteine und die ganze Anlage verströmt armenische Romantik. In der Vorhalle der Kirche brennen in mehreren Metallbehältern dünne Kerzen vor Heiligenbildern. Das Licht fällt durch die typische runde Öffnung in der Kuppel. Steile Tritte führen in den kleinen Hauptraum. Auf einem Steinaltar steht auf einem Brokattuch ein schlichtes kleines Kreuz vor dem durch ein schmales Fenster fallenden Licht. Wiederum wirkt alles irgendwie viel zu archaisch, als dass man aktiv realisiert, dass es hier ums Christentum geht. Und das obwohl hier in einer weiteren Kirche gerade eine Messe gefeiert wird. Der Weihrauch hängt in dichten Schwaden in der Luft. Es wird halb-singend rezitiert. Dabei ist die Türe offen und es ist gemäss Zara ganz normal, dass man auch als aktiver Teilnehmer an der Messe nicht in der Kirche bleibt, sondern auch mal kurz frische Luft schnappt, was trinkt oder einen Schwatz hält. Auch irgendwelche Kleiderregeln gibt es übrigens nicht. Nachdem wir die beachtliche Halle des Refektoriums besichtigt haben, plaudert noch der Chef der Anlage persönlich mit uns. Der wirkt dann schon eher wieder wie ein richtiger Pfaffe. Gemäss Zara spricht er fliessend Deutsch, redet aber erst einmal Armenisch auf uns ein. Dann fragt er höflich wo wir herkommen und wendet sich sogleich einem dahergeschobenen Kinderwagen zu. Der dahinter herlaufende russische Papa wollte eigentlich nur kurz eine Zigarettenpause einlegen und hat offensichtlich gar nicht so richtig Lust auf das Gespräch (fliessend Russisch spricht in Armenien eh jeder, auch Hochwürden).

In der Nähe der Ortschaft Dilidjan halten wir kurz an den Statuen der Filmhelden des Sowjet-Filmklassikers „Minimo“ (Frunzik Mkrtchyan, Yevgeny Leonov und Vakhtang Kikabidze), die der goldig gerubbelten Nase von Frunzik nach zu urteilen eine regelrechte Attraktion darstellen. In Dilidjan schauen wir uns kurz in der Scharambejan Strasse um, in der noch einige erhaltene historische Häuser stehen. Anschliessend ist Mittag. Wir Essen in einem Bed and Breakfast im Ort. Das Betreten des Hausinneren ist wie eine kleine Zeitreise in die Sowjetunion. Das Familiengeschirr ist feinsäuberlich in einer verglasten Holzvitrine ausgestellt. Über dem Buffet hängt das Bild des verstorbenen Familienpatrons, lässig eine Zigarette rauchend und man muss aufpassen, dass man sich den Kopf nicht am proletarischen Kronleuchter stösst. Auf dem Tisch stehen wie immer schon die Vorspeisen: Gegrillte Auberginenröllchen, Tomaten und Gurken mit Kräutern, Sauer eingelegte Gurken und Stängel eines Krauts (dessen Namen ich vergessen habe) sowie in Ei gewendete und gebratene Kohlblätter die grossartig schmecken. Dazu natürlich frisches Brot. Zum Hauptgang serviert man uns einen hervorragenden Hühnereintopf in Gemüse-Sauce mit Kartoffeln und zum Abschluss gibt es Kaffee und Kuchen.

Satt und glücklich fahren wir zurück in die Hauptstadt. Den Rest des Tages haben wir „frei“ und beschliessen auf Empfehlung von Zara den nahe bei unserem Hotel liegenden Flohmarkt zu besichtigen. Vom Deluxe Schachlikspiess-Set über kunstvoll geschnitzte Schachbretter, Bücher und Teppiche gibt es hier alles. Wir landen vor dem Restaurant wo wir mit Zara am zweiten Abend gegessen haben.

Ein Schild mit der Aufschrift „Back to Black“ weist direkt daneben in den Untergrund. Wir stehen in einer urtümlichen Bar die eine Mischung aus Schischa-Höhle, Jugendraumbunker und Bar ist. An den Wänden prangen Damen die rauchend mit dem Revolver auf einem Zielen oder barbusig Engelsflügel aufspannen. Zwischen den in die Decke gedrehten Schnapsflaschen hängen Glühbirnen. Perfekt. Nur der Mann hinter dem Tresen meint, es sei noch geschlossen. Wir entschuldigen uns und wollen wieder gehen – da meint er nur lächelnd, dass das nicht heisse, dass man nichts zu trinken kriegt. Wir setzen uns also wieder ans Herrenkarussell und ordern ein Bier und einen Ararat. Beim Ararat wird nicht gespart und der bärtige Geselle schüttet rund 2dl davon in ein Weinglas. Dann fragt er welche Musik wir hören möchten. Da eh noch keiner da ist und meine LP-Lieferung aus den USA gerade unterwegs zu uns nach Hause ist, schlagen wir Vomitors neues Meisterstück „Pestilent Death“ vor. Madame darf das gleich selbst auf youtube suchen und kurz darauf ballert australischer Death Metal Wahnsinn aus den Boxen. Wir meinen etwas beschwichtigend, dass man dann schon ruhig was anderes anmachen kann, wenn es zu arg wird. Der Onkel lacht nur und dreht noch ein Bisschen auf. Anhand der Getränkekarte erfahren wir, dass hier eigentlich regelmässig eine Latin Dance Night abgehalten wird. Die Leute die langsam eintrudeln stören sich aber ebenfalls ganz und gar nicht an der musikalischen Unterhaltung. Pärchen paffen Wasserpfeife, Kumpels diskutieren beim Feierabend Bier und im Hintergrund donnert „Roar of War“. Ich bin bereits beim Dritten Bier und Madame ungefähr beim zweiten Deziliter des Ararats, als die mittlerweile eingetroffene eigentliche Belegschaft auf allgemeinverträgliche Klänge wechselt. Dafür werden wir mit frischen Kirschen, Erdbeeren und Chips gefüttert. Langsam wird es aber wieder Zeit für richtige Nahrung.

Zara hat uns das „Kawkasskaja Plenniza“ empfohlen. Ein nach dem gleichnamigen Sowjetfilm (dt. Titel „Entführung im Kaukasus“) eingerichtetes Restaurant. Das sehr russisch wirkende Ergebnis zahlreiches Schönheits-OP’s am Empfang lässt aber etwas brüsk verlauten, dass erst in etwa einer Stunde etwas frei ist. Also laufen wir noch etwas um den Block und trinken in einer Parkkneipe noch etwas – mangels lokalen Bieres lande ich bei einem russischen Baltika 9. Die Zahl habe ich spontan ausgeplaudert, stelle aber fest, dass sie für den Alkoholgehalt steht.

Schon etwas lustig kommen wir zurück zum Restaurant und man weist uns einen Tisch zwischen den zahlreichen Memorabilia zu. Auf einer Leinwand läuft der Film um den sich hier alles dreht, alte Münztelefone, Motorräder und Wachsfiguren der Darsteller stehen herum. Sicher: Alles sehr kitschig, aber für den Mitteleuropäer trotzdem ein heiteres Abenteuer. Und es wurde auch wirklich auf alle Details geachtet. Wir bestellen Pimpernuss (ja, das heisst so und ist eine Art Kraut) in Salzlake die um eine im Ganzen eingelegte Knoblauchknolle daherkommt, sauer eingelegtes Gemüse, Piti (ein Eintopf aus Schaffleisch, Tomaten, Kichererbsen und Kartoffeln), Chaschlama (Rindfleisch mit Tomaten, Zwiebeln und Koreander) und mit Hackfleisch gefüllte Auberginen. Uns ein Vorbild am Herrentisch neben uns nehmend, der unter der Essenslast ächzt, bestellen wir je ein Glas „Aragh“ (Selbstgebrannten). Wir entschliessen uns für die Variante aus Maulbeeren. Ein Glas für jeden wird hier klassisch Russisch verstanden, d.h. 2 mal Sto Gram, also 2dl, die in der Karaffe serviert werden. Da wir auch noch nie Kornelkirsch-Schnaps probiert haben, bestellen wir auch nochmal zwei „Gläschen“ davon. Weil Madame eher nur probieren will, bleibt die Hauptlast an Monsieur hängen, der am Ende - halb voll vom Essen und vom Schnaps – mit seinem Bier kämpft.

Der Spaziergang zum Hotel vorbei an den Parks tut aber ausserordentlich gut. Ein älteren Herrn im Anzug gratuliert mir spontan zu meinem Mayhem-T-Shirt und meint „my favorite Band! Very good“. Ich nicke etwas irritiert und bedanke mich höflich. Zum Einschlafen schaue ich mir dann sogar noch fast den ganzen „Kawkasskaja Plenniza“ an.



Haghartsin, Armenien



14.5. Höhlen, heidnische Reminiszenzen und ausgewogene Mahlzeiten

Etschmiadsin, Armenien

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Zara freut sich gleichermassen darüber, dass wir tatsächlich in dem Restaurant waren und dass mir der Film gefallen hat. Ich kämpfe noch ein Bisschen mit Sodbrennen und den im Kopf tanzenden Resten der Kornelkirsch- und Maulbeerdestillate.

Es geht zum Glück sachte los. In Etschmiadsin ist das Zentrum der armenischen Kirche. Durch ein pompöses modernes Eingangstor gelangen wir auf eine weitläufigen Anlage, die zum Grossteil neu angelegt wurde und deren Kathedrale ausnahmsweise mit aufwändigen Malereien verziert ist. Zara weist uns auf einen Neben einem Cherubimkopf miteingemalten mumifizierten Skorpion hin. Auch im Inneren hat man aus den Vollen geschöpft. Man fühlt sich hier eher an die armenischen Sakraleinrichtungen in Jerusalem erinnert.

Wir fahren weiter zum Tempel von Garni, der Rekonstruktion eines griechischen Mithras-Tempels. Dieser thront über dem Chosrow-Reservat. Der Fluss Azat schlängelt sich malerisch durch eine wilde Schluchtenlandschaft aus Basalt, hinter der reihenweise Bergketten aufragen, über die langsam aber sicher bedrohliche Gewitterwolken anrollen.

Noch bevor die Schleusen brechen, schaffen wir es in den Innenhof eines Anwesens, wo wir verköstigt werden. Eine französische Reisegruppe drängt sich um den Lawasch-Ofen. Zwei Frauen knien um diesen, die eine den Teig präparierend, die andere diesen über eine Art Kissen ziehend um ihn mithilfe desselben an die Wand der runden Öffnung im Boden zu kleben und kurz darauf wieder hinauszuschleudern. Es riecht herrlich. Das Familiengasthaus ist gut besucht. Wir werden von der umtriebigen Juniorchefin in einen Kellerraum begleitet, da die an die hundert Plätze im überdachten Innenhof bereits vollständig besetzt sind. In einer Nische können wir es uns in einem hübsch hergerichteten Séparée bequem machen, während eine italienische Reisegruppe an uns vorbei in den Nebenraum strömt. Eigentlich wollte Zara uns gegrillten Stör organisieren. Einer der klein genug für nur vier Leute wäre, liess sich aber nicht auftreiben. So gibt es (nebst den üblichen Schälchen mit Salaten, Käse usw.) gegrillte Forelle – und die ist so gut, dass man sich kaum vorstellen kann, dass der Stör sie noch hätte übertrumpfen können.

Als wir das Gewölbe verlassen ist der Regenguss bereits wieder vorbei. Wir fahren knapp zehn Minuten zum Kloster Geghard, dessen Bau bereits im vierten Jahrhundert begann. Im neunten Jahrhundert haben es dann die Araber zerstört, so dass die Anlage um 1215 neu errichtet wurde. Hier wurde einst die Lanze aufbewahrt, mit der Jesus am Kreuz durchbohrt worden sein soll. Mittlerweile wird diese nun in Etschmiadsin gelagert. Das Kloster liegt wildromantisch am Ende einer Schlucht. Zu beiden Seiten und mitten auf der Strasse liegen und stehen gemächlich Kühe herum. Geghard ist ein Höhlenkloster, das aber um zahlreiche Gebäude und eine Wehrmauer erweitert wurde. Die Fassaden und in den Tuffstein gegrabenen Eingänge sind aufwändig mit in den Stein gehauenen Ornamenten verziert. Das Innere der Gebäude wirkt noch düsterer als in sämtlichen bisher besuchten Anlagen. Die Gebäude münden in kunstvoll behauene Höhlenräume, die von oben nach unten aus dem Stein gearbeitet wurden. Nur sehr spärlich fällt das Licht durch die kunstvoll verzierten, runden Öffnungen in den Dachkuppeln und vermag das hinter den Torbögen gelegene Dunkel kaum zu erhellen. Eine Quelle sickert irgendwo aus dem Schwarz und ein silbern glitzernder Streif bahnt sich seinen Weg aus der Dunkelheit. Verdächtig heidnisch aussehende Löwenfiguren, die zu beiden Seiten eines Adlers stehen, der einen Widder in seinen Krallen hält, scheinen im durch die Kuppelöffnung dingenden spärlichen Licht auf. Alles verströmt mehr den Schauer eines gotischen Gruselromans und uralter Kulte denn biblische Nächstenliebe. Zusammen mit den für uns kryptischen Schriftzeichen, die Wände und Säulen zusammen mit den Ornamenten überdecken, erzeugt dieser Ort eine wirklich einzigartige Atmosphäre, die uns schweigend durch die finsteren, labyrinthartigen Räumlichkeiten schleichen lässt.

An den Bäumen hinter dem wild daherrauschenden Bach sind unzählige Wunschbänder an die Äste der Bäume geknüpft. Vor einer Höhle wurden hunderte von Steinmännchen aufgeschichtet. Ich stelle mir die Frage, ob hier das Christentum wirklich noch die Überhand hat, oder ob es nicht längst wieder von instiktiveren Ritualhandlungen, zu der die archaische Anlage selbst geradezu anstiftet, verdrängt wurde (wiederum: Im positiven Sinn). Jedenfalls ist dieser Ort absolut einmalig und bildet definitiv schon jetzt einen der Höhepunkte unserer Kaukasusreise.
Vor den Festungsmauern kaufen wir uns noch eine Tschurtschchela auf den Weg um die Eindrücke besser verdauen zu können, die Warnung von Zara nicht beachtend, dass wir heute Abend noch einmal so richtig armenisch essen werden. Morgen wird sie nämlich von einem Kollegen vertreten, da sie kurzfristig bereits eine neue Gruppe übernehmen kann.

Und so ist es denn auch. Zurück in Jerewan entern wir zu Dritt – der arme Chauffeur auf Diät würde es wohl nicht verkraften – ein sehr schönes Lokal, von dem es mittlerweile offenbar bereits drei Dependancen gibt, da die Nachfrage derart hoch ist. Das ist auch nachvollziehbar: Die Vorspeisensalate sind noch üppiger und abwechslungsreicher als gewohnt. An Käsen stehen ganze fünf Sorten bereit, eine köstlicher als die andere. Der uns von Zara empfohlene Wein (Karas) ist vielschichtig, fruchtig und intensiv. Als Hauptgang gibt es sehr passend und nach unserem reichhaltigen Fischmahl „nur“ in Weisskohl und Weinblätter gewickeltes, perfekt abgeschmecktes Hackfleisch mit Joghurt und Paprika-Dips (auch hier Tolma genannt). Die kaukasische Küche lebt definitiv nicht nur von der Menge, sondern vor allem davon, die frischen Zutaten gekonnt zur Geltung kommen zu lassen.

Wir verabschieden uns herzlich von Zara und bedanken uns für die wirklich hervorragende Reiseleitung. Ein letztes Mal lassen wir die einzigartigen Eindrücke von Jerewan auf dem Heimweg über die Oper auf uns wirken. Der morgige Abschied wird immerhin dadurch gelindert, dass uns in Georgien die nächsten, mit Sicherheit nicht minder einprägsamen Eindrücke erwarten werden, auf die wir schon ausserordentlich gespannt sind.



Etschmiadsin, Armenien



15.5. Genrich, Grenzerfahrungen und Tiflis bei Nacht

Artashavan, Armenien

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Unser Fahrer steht mit Kaffee und Zigarette neben dem Nissan zusammen mit unserem Guide für heute. Der ist an die Ende Fünfzig und man kann ihm den Schalk im Gesicht ablesen. „Genrich“ stellt er sich vor. Man merkt schnell: Genrich ist ein Spassvogel. Schnell packt er einen „Radio Eriwan“ Witz aus, von denen wir heute noch einige zu hören bekommen werden. Es herrscht schnell eine sympathisch gelöste Stimmung.

Unseren ersten Halt auf der Fahrt in Richtung georgische Grenze absolvieren wir am Monument für die armenische Schrift. Jeder Buchstabe ist auf einem Steinhaufen inmitten der Grünen Hügellandschaft vor den noch schneebedeckten sanften Bergkämmen aufgestellt. Daneben Figuren der sie prägenden Charaktere. Und ein verschlafener Schäferhund der uns blinzelnd zuwedelt. Bei Ria Taza halten wir kurz um den jesidischen Friedhof anzuschauen – und für eine Zigarettenpause. Das Dorf wirkt improvisiert und mausarm. Löchrige Wellblechdächer, eine Menge Schrott und die allgegenwärtigen Gasleitungen prägen das Bild. Genrich erklärt uns, dass die Jesiden eben genauso verfolgt seien wie einst die Armenier, wie sie als Viehzüchter ein einfaches Leben führen und eine ganz eigene Religion pflegen. Die Reiterfiguren als Grabsteine seien Symbol für den Status des Beerdigten.

Die Landschaft ist fast baumlos, aber Grün und erinnert auf Anhieb an die Mongolei. Endlose grüne Hügel, Steinfelder und langgestreckte, restschneebedeckte Bergkämme.

Dann tauchen in einer Senke die Industrieruinen von Alaverdi auf. Von hier aus wurden einst rund 25% des Kupferbedarfs des Zarenreiches und dann der Sowjetunion gedeckt. 1989 wurde das Kupfer- und Chemiekombinat dann geschlossen. Geblieben sind die gigantischen Anlagen, Wohnblocksiedlungen und Seilbahnen in die umliegenden Hänge.

Einen derselben fahren wir hinauf. Die Strasse hat bald keinen Belag mehr und strotzt vor Schlaglöchern. Am Ende der Schotterpiste stehen aber tatsächlich einige Reisebusse und in einem grossen überdachten Innenhof werden dutzende Touristen verköstigt. Man blickt auf die eindrückliche Schlucht, die der Fluss Debed in die Landschaft gegraben hat. Auf einer Anhöhe steht eine alte Festungsruine. An unserem Tisch ist reichlich angerichtet. Verschiedene Salate, Käse, frisch gebackenes Lawasch, gebratenes Gemüse und dazu wird reichlich Schweine-Schaschlik mit Zwiebeln aufgetragen. Unserer Fahrer leidet sichtlich und entschuldigt sich nach ein paar Happen fast fluchtartig auf eine Zigarette. Im Hintergrund erlebt eine französische Rentnertouristin ihren dritten Frühling und vollführt ein seltsames Gezappel zur live vorgetragenen armenischen Volksmusik, was die Musikanten mit befremdeten Blicken quittieren.

Wir machen Halt beim über tausend Jahre alten Kloster Haghpat. Die Eindrücke der armenischen Klosteranlagen habe ich zur genüge beschrieben. Haghpat ist vor allem wegen der ineinander verschachtelten Gebäude, welche die verschiedenen Bauphasen ablesen lassen, interessant. Ausserdem kann man hier die Öffnungen der im Weinkeller eingegrabenen Amphoren sehen. Der Stein ist an vielen Stellen besonders aufwändig und über die ganze Aussenfläche kunstvoll behauen. Zwischen den Ritzen wachsen Blumen und ganze Büsche. Ausserdem gibt es einen imposanten freistehenden Glockenturm. Abgesehen von dem Kloster selbst, bietet sich eine prächtige Aussicht in die nebeldurchschlierten grünen Hügel und die in die Täler verstreuten Häuser.

Über eine holprige Strasse, die eigentlich längst einer neunen, aber ewig nicht fertiggestellten Verbindung Platz machen soll, erreichen wir die armenisch-georgische Grenze. Wir nehmen erst Abschied von Genrich, weil der seinen Pass vergessen hat. Zuerst geht es zu Fuss zum armenischen Ausreiseschalter. Unser Fahrer erwartet uns am Ausgang mit dem Gepäck, wir verabschieden uns und gehen zu Fuss weiter zur Einreise. Unsere neue Reiseleiterin erwarte uns bereits am Ausgang. Madame niesst lautstark und der Beamte im Kabäuschen ruft genauso laut „будьте здоровы!“. Und Genrich meinte noch, russisch rede man in Georgien seit den jüngsten Auseinandersetzungen nicht mehr so gern. Der Herr Zöllner scherzt jedenfalls weiter auf Russisch drauflos, bevor er den Stempel setzt.

Wir halten Ausschau nach Teia, die uns bereits erwarten soll, sehen aber niemanden der uns entgegenspringt. Wir schauen uns auf dem Parkplatz um, aber auch dort scheint niemand zu sein. Also rauchen wir erst einmal eine. Ein wartendes Menschengrüppchen erklärt uns sofort höchst freundlich auf Russisch, dass es eine ausgewiesene Raucherzone gibt und geben gleichsam zu verstehen, dass sie das selbst nicht so ganz ernst nehmen können – auch wenn sich jeder dran hält. Dann spricht mich ein schmächtiger Herr, der ein Bisschen wie ein junger Jean-Paul Belmondo aussieht wiederum auf Russisch an und fragt, ob ich Schweizer sei. Offensichtlich unser Fahrer, der sich sogleich als Shota vorstellt. Er holt kurz Teia aus dem Warteraum. Die entschuldigt sich zigmal und erklärt uns, sie habe die üblichen Rentner zwischen 65 und 90 erwartet. Die Stimmung im neuen, weit luxuriöseren Fahrzeug ist schnell entspannt, wir erzählen ein Bisschen von unseren Armenien-Abenteuern, Teia erzählt uns wo wir gerade sind, was sie mit uns noch vor hat und was es rundherum zu sehen gibt. Was sofort auffällt: Wir haben einen Zeitsprung von mindestens dreissig Jahren gemacht. Die Autos hier sind alle neueren Baujahrs, die Strassen astrein saniert und auch die restliche Infrastruktur erinnert kaum noch an die Sowjetunion. Hier hat sich augenscheinlich etwas getan. Auch als wir nach ungefähr einer Stunde in Tiflis einfahren, erwartet uns eine Stadt mit vielen modernen Repräsentativbauten und einem ganz anderen Flair als Jerewan – schon durchs Autofenster wird klar, dass es hier viel zu entdecken gibt. Wir werden in unserem Hotel in der Altstadt abgeladen und haben rund eine Stunde Zeit, bevor wir wieder zum Abendessen abgeholt werden.

Das Hotel ist modern und könnte so auch in Spanien stehen. Wir haben ein hübsches Zimmer mit Ausblick auf den Festungshügel und die Mutter Georgien – ein Bisschen Sowjetflair ist eben doch noch übrig. Wir beschliessen uns erst einmal auszuruhen und nach dem Essen einen nächtlichen Verdauungsspaziergang durch die Stadt zu machen – zumal uns der Schaschlik vom Mittag noch ordentlich präsent ist.
Als im Restaurant aber die Vorspeisen tellerchenweise abgesetzt werden, läuft uns das Wasser schon wieder im Mund zusammen. Gegrillte Auberginen mit Baumnusspaste, Frischkäsehütchen mit Granatapfelkernen, gebratene Pilze, ein herrliches Ragout, Chatschapuri (überbackenes, rundes Käsebrot, am ähnlichsten einer Pizza)…und natürlich fast zwei Dutzend Khinkhali. Einfach nur grossartig! Und auch der Wein ist fruchtig, schwer, gehaltvoll und doch süffig. Teia erklärt uns, dass die Georgier den Rotwein „Schwarzwein“ nennen – das passt tatsächlich zur intensiv dunklen Farbe, die unter anderem dadurch entsteht, dass ein Teil des Tresters beim Vergären beigesetzt wird.
Seit ein paar Wochen ist in Georgien das Rauchverbot in Gaststätten umgesetzt und so verziehen wir uns auf den Balkon des Hauses. Shota raucht mit, Teia raucht nicht. Wir wollen erst vom Restaurant ins Hotel laufen, so vollgefressen sind wir. Teia und Shota überzeugen uns aber, dass sie uns besser in der Innenstadt absetzen, wo wir beim rumwandern auch etwas sehen. Tiflis liegt nämlich langgestreckt über 20 Kilometer in einem Tal. Erst gibt es aber noch Kaffee und Kuchen.

Bald darauf werden wir an der Shota Rustaveli Strasse abgesetzt. Ein Strom von Menschen läuft zu beiden Seiten des Boulevards auf und ab, verschwindet in einer der zahllosen Kneipen und Restaurants, Strassenmusiker geben jede erdenkliche Stilrichtung zum Besten und imposante Gebäude im klassizistischen Stil, teils stark orientalisch angehaucht wechseln sich ab mit kommunistischen Repräsentativbauten, bis wir am Platz der Republik landen, in dessen Mitte eine riesige Säule steht, auf welcher der heilige Gregor dem Drachen die Lanze in den Rachen rammt. Danach verlieren wir uns in einem Gewirr aus Gässchen, gesäumt von Holzbalkonen und geschnitzten Pavillons. Einzig zwei hell erleuchtete Fixpunkte sind exakt gleich wie in Jerewan: Der Fernsehturm und die Mutterfigur mit Schwert, die immer wieder zwischen den Häuserzeilen aufblitzen und ein wenig an eine Paralleldimension denken lassen: Beide Städte sind etwa gleich gross, in beiden sieht man vornehmlich eine für uns fremdartige Schrift – aber ansonsten liegen Welten dazwischen. Wir erreichen die türkischen Bäder, bei denen eine moderne Seilbahn von der Stadt hinauf zur Festung führt. Eine mit filigranen Mosaiken verkleidete Fassade, aus der einem bunt verglaste, spitz zulaufende Fenster entgegenscheinen erinnert auf den ersten Blick an eine prunkvolle Moschee. Tatsächlich ist es aber ein Badehaus, in dem die hier entspringenden heissen Schwefelquellen genutzt werden. Über den dahinterliegenden Kuppeln des türkischen Bades ragen alte Häuser auf dünnen Holzbalken über den Fels einer Schlucht. Ähnlich den Gebäuden in Spanien haben auch sie etwas Orientalisches an sich. Im Flussbett geben unzählige Frösche ein Quakkonzert. Über allem thront hell erleuchtet die imposante Festung.

Wir queren den Fluss Kura. Zu unserer Rechten ragt die Reiterfigur von König Vakhtang Gorgasali auf, unter ihm schmiegt sich ein Gemäuer mit kleinen Kapellen an den Fels am Flussufer. Es kostet regelrecht Überwindung nicht noch ein paar Stunden durch die Stadt zu flanieren.



Jesidischer Friedhof, Armenien



16.5. Königsgräber, das goldene Vlies und Schnapsgranten

Erst einmal heisst es auschecken, im Gegensatz zu Armenien schlafen wir in Georgien an verschiedenen Orten. Wir fahren Richtung Mzcheta, der alten Hauptstadt. Unser erster Halt ist das Dschwari Kloster aus dem 6. Jahrhundert. Wir stellen schnell fest: Die Kirchenarchitektur ist der in Armenien zwar auf den ersten Blick sehr ähnlich, aber dann fallen schnell zahlreiche Unterschiede auf. Die Fenster sind verglast, die Fassaden eher von menschlichen Figuren geziert denn mit Mustern. Auch im Inneren wirkt alles kirchlich pompöser und erinnert stark an russisch Orthodoxe Kirchen - was zum Teil aber auch daher rührt, dass die georgischen Kirchen nach der Annexion ans zaristische Russland bewusst in diesem Stil umgestaltet wurden. Ausserdem weisen ausführliche Schilder auf die Kleiderordnung hin (nicht armfrei, keine kurzen Hosen, Kopftuch für Frauen etc.). Dutzende Reisecarabenteuerer stolpern unbeholfen im Kircheninnern herum. Eine deutsche Touristin schiesst den Vogel ab und hat als Kopfbedeckung ernsthaft eine weisse Plastiktüte gewählt, unter der sie verstrahlt hervorlugt. Der über die Schultern gelegte Pullover hätte nicht annähernd den gleichen Zweck erfüllt. Uns ergreift relativ rasch ein Fluchtinstinkt, für den Teia Verständnis zeigt. Sowohl sie als auch Shota scheinen nicht ganz unglücklich über die Abwechslung zu sein. Wir erfahren, dass man schon Touristen herumgeführt habe, die ausschliesslich Reis und Kartoffeln verzehrt hätten, aus Angst sich beim Essen sonst etwas einzufangen. Wir sind entsetzt. Das Essen im Kaukasus zu verschmähen ist wie eine Safari mit Augenbinde zu absolvieren.

Wir geniessen den Ausblick von der die Kirche umgebenden Wehranlage hinunter ins Tal, in dem zwei verschiedenfarbige Flüsse sich vor Mzcheta vereinigen. Kurz darauf flanieren wir durch die Gassen des kleinen Städtchens. An einem der vielen Stände kaufen Tschurtschchela. Die imposante Swetizchoweli-Kathedrale, umgeben von einer statthaften Wehrmauer, ist dann wirklich ganz anders als die Anlagen in Armenien. Beim Eintreten durch das Tor bespritzt uns ein lachender Mönch mit einem Ziegenhaarstab mit Weihwasser. Die Anlage wirkt frisch und aufwändig saniert. Die Kirche ist riesig und im inneren mit aufwändigen Fresken bemalt. Besonders interessant sind aber die in der Wehrmauer verbauten heidnischen Stierköpfe.

Im Schatten eines Cafés tanken wir Koffein, bevor es durch eine malerische, grüne Landschaft vorbei an Wein- und Gemüsegärtchen, vor denen Kühe auf der Strasse herumtrotten weitergeht. Kleine Stände säumen die Strasse, an denen Nazuki, eine Art süsses Brot verkauft wird. Ein kurzer Stopp und schon reicht uns Teia den noch warmen Fladen. Der ist so simpel wie perfekt. Nicht zu süss, mit köstlichen, feinen Gewürzen. Dann wird die Landidylle abrupt durch die gigantischen Metallindustrieanlagen von Sestaponi unterbrochen. Die Einfriedung, gesäumt von Statuen der Helden der Arbeit, scheint endlos. Nur ein Teil der Anlagen ist derzeit noch in Betrieb, wie uns Teia erzählt. Man will die Produktion aber wieder hochfahren.
Wir erreichen das ebenfalls befestigte Kloster Gelati, in dem die bedeutendsten Könige Georgiens begraben sind. Es wird gerade fleissig renoviert. Am reizvollsten ist es aber dort, wo am wenigsten saniert wurde. Unter einem der Eingangstore liegt der Grabstein König Dawits des Erbauers, der Georgien einst von den Türken befreite. Hinter dem der Blick durch den Torbogen auf grüne Reben und Wälder frei wird. Die Stahltür ist mit arabischen Schriftzeichen versehen. Das Innere der Kirche ist vollständig mit aufwändigen Malereien bedeckt. Die Gesichter der Dargestellten wurden orientalisch gestaltet, um zu verhindern, dass die Muslime bei ihren Einfällen die Bilder zerstören und sich gnädig zeigen würden. Mit mässigem Erfolg. Als Georgien schliesslich vom russischen Zarenreich annektiert wurde, liess man die Fresken auf Geheiss der russisch orthodoxen Kirche weiss übermalen und vollendete, was die einfallenden Horden zuvor nicht fertig brachten.

Obwohl nicht auf dem Programm will uns Teia noch das Kloster Motsameta zeigen, da diese Anlage zwar kleiner, aber authentischer ist als Gelati. Eine Holzbrücke führt durch die Wehrmauer zur auf einem Felsen über einer Schlucht thronenden Anlage. Auf Engstem Raum stehen hier eine Kirche, ein Glocken- und ein Wehrturm. Aus dem Zugbrunnen schöpfen wir kühles Wasser und der Mönch plaudert ein wenig mit Teia. Hier sind auch kaum Touristen anwesend, so dass wir den schönen Ausblick, die Blütenpracht und das sonnige Wetter ein paar Minuten entspannt geniessen können.

In Kutaissi übernachten wir in einem Bed & Breakfast. Das Haus ist innen erstaunlich gross, alles ist recht neu, zum Teil etwas improvisiert zusammengezimmert - vor allem das Bad – hat aber Charme. Vom Gemeinschaftsbalkon aus kann man die ganze Stadt überblicken und zur Rechten dreht sich über den Baumwipfeln ein Riesenrad.

Wir schlendern nach einer Verschnaufpause zu zweit durch die Stadt. Hier wurde sichtlich weniger investiert als in Tiflis, aber dennoch plätschert ein monumentaler Brunnen mit übergrossen Replikas von antiken Schmuckstücken im Zentrum dahin. Wohl nach aus Sowjetzeiten gibt es ein Wandrelief, das die Geschichte von Jason und dem Goldenen Vlies abbildet – die soll sich nämlich unter Anderem hier abgespielt haben. Wir setzen uns auf eine Mauer, schauen dem Treiben um die kleinen Läden zu und trinken ein kühles Bier.

Am Ufer des Rioni Flusses kleben halb zerfallene Holzhäuser auf Steinmauern. Über eine Treppe die den Wald hinauf führt gelangen wir zum Vergnügungspark mit Riesenrad, das wir vom Balkon aus gesehen haben. Der ist noch so halb kommunistisch und gleichzeitig ein wenig unspektakulärer als in Armenien. Dafür gibt es eine direkte Seilbahnverbindung in die Stadt.

Zurück im Bed & Breakfast wird aufgetischt. Es gibt gegrilltes Huhn mit Bratkartoffeln, Auberginen mit Wallnusspaste, russischen Salat und natürlich frisches Brot. Als wir nach einem Glas Wein fragen bringt die Hausherrin direkt eine Literkaraffe – in weiser Voraussicht, denn der Familieneigene Wein ist ausgezeichnet und die Karaffe bald leer.

Auf Empfehlung von Teia konsultieren wir die örtliche Rockerspelunke am Fluss. Die befindet sich in einem der schiefen Häuser und hat genau das, was man sich vorstellt: Einen Zapfhahn, Chacha (Schnaps), der in einer 50mm Granatwerferhülse serviert wird und viel Klimbim an den Wänden. Perfekt. Wir setzen uns auf den nicht mehr ganz vertrauenswürdigen Balkon am Fluss, direkt neben der neonbeleuchteten Brücke und lassen den Abend gemütlich ausklingen.



Dschwari Kloster, Georgien



17.5. Höhlen, Burgen, Genosse Stalin und die Berge

Baagrati Kathedrale, Georgien

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Nach einem ausgiebigen Frühstück, das wir diesmal nicht ausschlagen können, besichtigen wir die Baagrati Kathedrale. Diese wurde so gründlich saniert, dass es wieder von der Liste des Weltkulturerbes gestrichen wurde. Im Innern sind es vor allem die Schädel und Gebeine von heiligen, die offen in einer kunstvoll verzierten Kiste präsentiert werden, ein Augenfang. Draussen bietet sich ein schöner Ausblick auf Kutaissi und die dahinterliegenden, schneebedeckten Gipfel des Kaukasus.

Weiter geht es zur Höhlenstadt Upliszikhe. Hier siedelten Menschen seit der Bronzezeit. Im 6. Jahrhundert wurde dann eine Festungsstadt aus den in den Fels gehauenen Räumen. Viele der Höhlen sind aufgrund von Erdbeben eingestürzt. Die Anlage ist weitläufig und bot über 50‘000 Menschen ein Dach über dem Kopf. Über in Stein gehauene Treppen und Wege erkunden wir das Gelände, die verbleibenden Reliefs, Öfen und Gräber. Grosse Eidechsen huschen an uns vorbei über den Fels. Ein wirklich einmaliger Ort. Der Blick über die Felskante fällt schliesslich auf den sich von Inseln durchsetzt dahinschlängelnden Mtkwari-Fluss und die Ruinen eines Dorfes an dessen Ufern. Da hier eine Nekropole aufgespürt wurde, hat man das Dorf umgesiedelt. Nur ein Schäfer hat sich mit seinen als weisse Punkte sichtbaren Tieren niedergelassen. Über eine steil abfallende Höhle verlassen wir die Festung, essen eine Kleinigkeit in einem Café und Monsieur gönnt sich ein Bier gegen die Hitze.

Unser nächster Halt ist Gori, die Geburtsstadt Stalins. Und das nimmt man hier heute noch sehr ernst, was unter anderem am übergrossen Portrait des Obergenossen im Fenster des örtlichen Supermarktes erkennbar ist. Vor einem pompösen Museumsgebäude steht Stalins Zugkomposition. In einem Park daneben hat man sein Geburtshaus mit einem Pavillon vor Wind und Wetter geschützt – und kurzerhand das ganze restliche Quartier abgerissen. Die Besichtigung des Museums und des Zuges stehen eigentlich nicht auf dem Programm, aber Teia besorgt uns schnell die Tickets und wir tauchen in die absurde Welt des sozialistischen Führerkults. Das Museum selbst ist prunkvoll, mit riesigem Foyer und kronleuchterüberschwebtem Treppenaufgang. Unzählige Memorabilien, ja sogar Stalins Lieblingszigaretten sind ausgestellt und wie anno dazumal sorgfältig mit kyrillisch getippten Zettelchen versehen, welche die Gegenstände erklären. Im Keller gibt es einen Nachbau eines KGB Verhörraums und einer Gefängniszelle.
Der Zug des Chefs wirkt dagegen direkt bescheiden. Es gibt Kabinen für den Personenschutz, das Chefzimmer mit Schreibtisch, Bett und Badewanne, eine Küche und einen Konferenzraum. Recht forsch ist die Tour nach einem kurzen Gespräch zwischen Teia und der Führerin dann beendet und wir werden durch die Tür im Konferenzraum hinausgebeten. Teia erklärt uns, dass gefragt wurde wie wir denn so zu Genosse Stalin stehen. Die Antwort „so lala“ kam nicht so gut an.
Alles in allem eine eindrückliche Zeitreise durch ein Museum, das schon selbst ein Museumsstück darstellt.

Kaum aus Gori raus führt die Strasse wieder hinauf und Kühe trotten gemächlich über den Asphalt. Wir blicken auf den weitläufigen, zwischen den grünen Hügeln liegenden Zhinvali Stausee, dessen Wasserstand extrem tief ist.

Kurz darauf erreichen wir die Ananuri Klosterfestung. Auf dem Parkplatz tummeln sich fast gleich viele Einheimische wie Touristen. Die Damen einer Hochzeitsgesellschaft stöckeln in knappen Kleidchen über den Kies und Studenten decken sich an den paar Marktständen mit Wein und Bier fürs Wochenende ein.

Hinter der mächtigen Wehrmauer schmiegen sich schlanke Wohn- und Signaltürme und die Sakralbauten eng aneinander. Dazwischen wachsen knorrige Bäume und büschelweise Blumen. Es wirkt alles ein wenig ursprünglicher als die meisten religiösen Stätten die wir bisher in Georgien gesehen haben. Die Anlage ist nicht feinsäuberlich durchrenoviert, sondern nur teilweise Intakt und teilweise eine romantische Burgruine geblieben.

Als wir weiterfahren tauchen immer steilere Hügel auf. Die Bäume werden weniger und die Landschaft zunehmend alpiner. Bald schlängelt sich die Strasse in Serpentinen hinauf und die ersten Restschneefelder scheinen auf. Wir erreichen Gudauri – das Hauptskigebiet Georgiens. Das sieht etwas anders aus als daheim: Die Hotels stehen etwas planlos aber zahlreich herum, zumal der Ort selbst nur eine Handvoll Einwohner hat. Und es wird gerade im grossen Stil weitergebaut. Lastwagen und Bagger kurven herum. Der Parkplatz unseres Hotels besteht mehr aus Schlaglöchern als aus Kies. Das Hotel selbst wird gerade um ein Gebäude erweitert, in dem die Bauarbeiter noch fleissig arbeiten. Hier liegt der Fokus offensichtlich auf der Wintersaison.

Das Hotel sieht innen ein wenig aus wie eine sehr grosszügige Jugendherberge. Wir werden freundlich willkommen geheissen, die Zimmer seien aber noch nicht fertig. Wir nutzen die Gelegenheit uns ein wenig die Beine zu vertreten und Fotos zu schiessen. In der Richtung, in welche die Strasse weiterführt ragen mächtige, schneebedeckte Berge auf und lassen für Morgen eine grossartige Aussicht vermuten. Als wir unser Zimmer beziehen, stellt sich dieses als simpel aber zweckdienlich eingerichtete zweistöckige Maisonette heraus.

Zum Abendessen am Buffet trifft noch eine deutsche Reisegruppe ein, die aber weder laut krakeelt noch das Buffet überfällt, als wäre es ihre letzte Gelegenheit sich mit Nahrung zu versorgen. Geht doch. Das Personal ist sehr aufmerksam und wir trinken gutes georgisches Bier und den intensiven, dunklen georgischen Wein. Vom Essen erwarten wir nicht zu viel, aber selbst am aussersaisonalen Carreisen-Buffet werden hochwertige Spezialitäten kredenzt.



Upliszikhe, Georgien



18.5. Ein seltsames Monument, Prometheus, Bergweltzauber und ein Festmahl

Denkmal der...

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Angesichts der heute anstehenden Wanderung frühstücken wir sogar ein wenig. Alles ist bestens, nur mit dem Kaffee hapert es, da ein gemächlich vor sich hindröppelnder Automat, der fleissig mit Wasser und Bohnen bestückt werden will, für alle Anwesenden herhalten muss.

Das Wetter ist prächtig. Wattewolken ziehen unter dem tiefblauen Himmel über die weissen Gipfel hinweg und die Sonne scheint. Von der Landschaft hatten wir uns definitiv nicht zu viel versprochen: Die Berge und wilden Täler sind wirklich einmalig schön. Wir halten beim sowjetischen Denkmal der georgisch-russischen Freundschaft, dessen Parkplatz gerade fleissig renoviert wird. Wir fragen uns bei den Bauarbeitern durch, die eigentlich alle meinen, man könne jetzt nicht bis zum Denkmal, das imposant auf einem Felsvorsprung thront. Über die Wiese geht das aber sehr wohl – nur bloss nicht die Plattform betreten, ruft man uns zu. Das Denkmal zeigt ein aufwändiges, buntes Mosaik auf dem Innern des auf Bögen stehenden, fast geschlossenen Runds. Die Georgier sehen das Denkmal nicht ohne Ironie, zelebriert es doch eigentlich 200 Jahre Annektierung Georgiens durch das russische Zarenreich und die spätere sowjetische Bruderschaft, was man seitens der Angeschlossenen mitnichten nur als positives Ereignis auffasste. Das Mosaik ist dennoch eindrücklich. Sagengestalten beider Kulturen tummeln sich zu beiden Seiten und treffen in der Mitte zusammen. Die Kulisse dahinter ist nicht weniger imposant. Restschneebedeckte Gipfel ragen steil aus einer abgründigen Schlucht auf.

Der nächste Halt auf der während des 5. Russischen Türkenkriegs errichteten georgischen Heerstrasse führt uns zu einer unerwarteten Stätte: Einem deutschen Soldatenfriedhof. 18 simple Steinkreuze auf symbolischen Gräbern stehen auf dem 2395 Meter hohen Kreuzpass (georgisch Dschwari, russisch Perewal).

Auf der anderen Seite des Passes halten wir an einer eisenhaltigen Quelle. Wasser rinnt über ein gelb-rötliches Kalksteingebilde, das wie eine umgestülpte Tropfsteinhöhle an der Strasse liegt. Dann erreichen wir Stepanzminda (1700m), nur wenige Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Im Zentrum liegen um einen Parkplatz ein paar Cafés und Läden. Es erinnert ein Bisschen an einen der weniger touristischen Orte zwischen den Passübergängen in der Schweiz.

Im Garten eines nostalgisch gemütlich eingerichteten Lokals gönnen wir uns einen Kaffee mit direkter Sicht auf den 5047 Meter hohen Kasbek, an den gemäss der griechischen Mythologie Prometheus gekettet worden sein soll. Der Berg hat meine ganze Aufmerksamkeit und meine Augen tasten seine Flanken instinktiv nach den besten Routen ab. Schwer wäre es nicht, aber uns fehlen ein paar Tage Zeit. Direkt vor dem Gipfel auf einer Anhöhe steht die Klosteranlage der Gergetier Dreifaltigkeitskirche auf 2170m – unser heutiges Ziel.

Vorbei an urigen Steinhäusern, teilweise nur noch Ruinen, zwischen denen die Wäsche im frischen Bergwind weht, steigen wir vorerst recht gemächlich bergan. Weiter geht es durch dichten Laubwald in dessen Schatten ab und an Kühe dösen und schliesslich steil zwischen eng stehenden, dünnmastigen kaukasischen Birken hindurch auf ein ansteigendes Plateau, an dessen Ende das Kloster auf einer Hügelspitze sitzt. Vor allem die russischen Touristen ziehen es vor, sich mit Geländewagen hochkutschieren zu lassen. Da dieses Geschäft für die Einheimischen so einträglich ist, wurde sogar eine eigentlich geplante Seilbahn nicht gebaut.

Die Aussicht auf die gegenüberliegende Bergkette ist gewaltig und im Rücken leuchtet weiss der mächtige Kegel des Kasbek. Die Dreifaltigkeitskirche weist schöne Steinreliefs auf und ist von einer groben Mauer aus unbehauenen Steinen umgeben. Sehr christlich fühlt sich der Ort in dieser wilden Natur aber nicht an, mehr als ein Zentrum, um die umliegende Bergwelt auf sich einwirken lassen zu können. Der Klosterchef lässt sich derweil in seinem luxuriösen Geländewagen vom Chauffeur ins Tal bringen – ein fast absurder Moment kirchlicher Weltlichkeit. Nichts da von abgeschiedenem Mönchtum am Ende der Welt.

Auf dem Rückweg setzen wir uns unter einen Sonnenschirm in einer urigen Kneipe, etwas wie eine simple Alpbeiz bei uns. Das Bier schmeckt grossartig. Danach fahren wir ein Stück weiter in Richtung russische Grenze. Ein Fluss schlängelt sich durch ein weites Kiesbett. Die Schlucht, die der Fluss gegraben hat verdeckt die mächtigen Berge hinter uns und die Landschaft erinnert nun fast etwas an die Gebirge in Kroatien. Am liebsten würden wir weiter nach Dagestan fahren, Berge besteigen, Klettern oder ein paar Tage hier Trekken. Fest steht jedenfalls, dass wir den Kaukasus definitiv noch weiter erkunden wollen. Vorerst geht es aber zurück nach Tiflis. Teia verspricht uns ein ordentliches georgisches Abendessen, das wir kaum erwarten können. Bis dahin zehren wir vom Ausblick durchs Seitenfenster.

Direkt bei unserem Hotel steuern wir ein Lokal an, das einen recht gehobenen Eindruck macht. Die Tische sind weiss gedeckt und in grosszügigen Abständen platziert. Die Fensterfront gibt den Blick auf die Stadtfestung frei. Und dann schiesst die Küche aus allen Rohren. Ein Teller am Anderen, voll beladen mit lokalen Köstlichkeiten, wird aufgetragen. Eine Platte mit kalten Vorspeisen, im ganzen gebackener Fisch, würzige Würste mit Innereien und viel frischen Zwiebeln, gebratene Leber mit gebratenen Zwiebeln, Huhn in Butter mit Unmengen an Knoblauch – und immer geht uns durch den Kopf, dass wir auf der Fahrt noch gefragt wurden, ob wir Schweine oder Rinderschaschlik bevorzugen. Nach ungefähr 10 Gerichten, von denen jedes für sich einen normalen Menschen satt machen könnte und die uns mit geschlossenen Augen die vielen Gewürze, Kräuter und anderen Geschmäcker haben verinnerlichen lassen, kommen dann tatsächlich noch vier, zum Glück recht kleine, Schaschlikspiesse, die wir gerade so noch essen können. Shota, der von allem nur ein bisschen genascht hat, grinst zufrieden über unseren Enthusiasmus und unser Fassungsvermögen. Zum Dessert wird eine Platte mit frischen Erdbeeren, Äpfeln und sauren kleinen Pflaumen abgeladen, zu der wir einen starken Chacha bestellen, um die ganze Nahrung in uns zu zersetzen. Dann setzt traditionelle georgische Musik ein und Männer und Frauen in Tracht führen regionaltypische Tänze auf – hart an der Grenze zum Tourismusklischee, aber eben doch nicht uninteressant. Ausserdem könnte nach dem grandiosen Tag und dem überwältigenden Essen jetzt auch eine Disneylandparade eine Polonaise durchs Lokal vollführen und wir wären immer noch hochzufrieden.



Denkmal der georgisch-russischen Freundschaft



19.5. Kultur, Kulinarik und ranzige Hosen

Bei Signagi, Georgien

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Heute geht es etwas gemächlicher zu und her. Auf der Fahrt Richtung Signagi halten wir kurz an, um die tolle Aussicht in die weite Talsenke zu geniessen. Auf der Kühlerhaube von einem alten Zhiguli stehen ein Dutzend Pet-Flaschen mit Rotwein. Daneben sind Früchte aufgetürmt und Tschurtschkhela baumeln von einem in die Dachträger geklemmten Holzgerüst.

Dann besichtigen wir das Kloster Bodbe. Eine schöne, weitläufige Anlage mit zahlreichen Blumen, eigenen Weinreben und einer prächtigen Sicht auf das Städtchen Signagi.

Kurz darauf flanieren wir durch dessen Gässchen. Wir besuchen das ethnografische Museum, wo viele Alltagsgegenstände, Trachten und Instrumente die reiche Geschichte und Kultur Georgiens vermitteln. Die Führung ist auf Georgisch und Teia übersetzt. Im oberen Stock sind zahlreiche der surreal märchenhaften Bilder von Niko Pirosmani ausgestellt, der, wie viele seiner Kollegen, erst nach seinem Tod in ärmlichen Verhältnissen, zu Ruhm gelangt ist. In einer Sonderausstellung werden gerade japanische Puppen ausgestellt.

Danach können wir es nicht lassen und setzen uns auf die kleine Strassenterasse eines Restaurants, wo wir Khinkhali, Khartsho (scharfe Rindfleischsuppe) und Schaschlik bestellen. Dazu ein paar Gläser kühlen, schwarzen georgischen Kindzmarauli.

Anschliessend fahren wir zum Anwesen des georgischen Poeten und Generals in russischen Diensten (und immer mal wieder auf der Seite georgischer Rebellen) Alexander Chavchavadse (1786-1846) in Tsinandali. Der Ort ist gut besucht. Unter anderem tummelt sich eine Aserbaidschanische Schulklasse auf dem Gelände. Bis wir mit unserer Führung an der Reihe sind, trinken wir also erst einmal einen starken Kaffee in der sehr schön eingerichteten Museumskantine. Das Haus mit seiner authentischen historischen Einrichtung gibt einen interessanten Einblick in die georgische Oberschicht sowie das Leben und Schaffen des Hausherrn. Danach gibt es eigentlich noch eine Weinverkostung. Dort tummeln sich die Senioren um den Ausschank wie bei einer Essensausgabe der Welthungerhilfe. Offenbar haben wir ausserdem nicht das richtige Ticket, was angesichts der apokalyptischen Zustände nicht weiter tragisch ist. Guten Wein bekommt man hier wirklich an jeder Ecke.
Weiter geht es zum Kloster Alawerdi, wo man Monsieur aufgrund seiner kurzen Hosen am Eingang in eine verranzte Überzieh-Obelixhose zwingt. Ich bin mässig amüsiert. Madame in ihrem legeren Umbinderock hat da gut Lachen. Die Anlage ist von einer mächtigen Mauer umgeben und schon eindrücklich anzuschauen. Im Inneren steht eine gigantische Kirche aus dem 11. Jahrhundert, vor der sich orthodoxe Gläubige versammelt haben. Hier, in der ältesten Weinregion der Welt, finden sich auch innerhalb der Klostermauern Weinreben – und die Reste der von den Bolschewiken gesprengten Gebäude.

Ich bin erleichtert, als ich die Hosen endlich wieder abschütteln kann und tue dies entsprechend energisch, was die Dame im Hosenverleih- und Souvenirhäuschen gar nicht goutiert. In einer Kneipe auf dem Parkplatz hole ich mir erst einmal ein Wegbier über die Gasse zur Aufhellung der Laune, was Shota sofort positiv auffällt. Zurück nach Tiflis fahren wir durch eine wunderbar grüne Hügellandschaft und bekommen im Gespräch mit Teia viel über die aktuellen Entwicklungen, aber auch Probleme der georgischen Gesellschaft mit und ziehen unsererseits manche Parallelen zur Entwicklung der Schweiz, die ihren eigenwilligen Weg auch nicht auf einer klaren Geraden eingeschlagen hat. Gerade diesen sympathischen und über das einschlägige „Wikipedia-Wissen“ hinausgehenden Austausch, ohne dass man sich als „Kunde“ vorkommt, schätzen wir sehr.

Zurück in der Hauptstadt erkunden wir diese weiter auf eigene Faust. Wir essen im Restaurant Machakhela, das uns empfohlen wurde. Die Khinkali bestellen wir ausnahmsweise mit Kartoffel- und Käsefüllung, dazu ebenfalls mit Käse gefüllte Champignons, Aubergine mit Wallnusspaste, Schaschlik, Wurst mit Innereien, Maisbrot (Mchadi)...irgendwie artet es immer aus. Es ist aber auch jedes Mal saumässig gut. Wein muss natürlich auch sein. Wir bestellen zuerst zwei Gläser weissen Mzvane, wechseln aber bald wieder zum liebgewonnen, intensiven Rotwein.

Dann geht es durch eine touristenfreie Zone zur Creator-Bar, der örtlichen Rock- und Metal-Kneipe. Name und Logo hat man offensichtlich bei einschlägigen musikalischen Vorbildern abgeschaut. Im Inneren sorgen grüne Lichterketten, Sofas und kühles Bier aus einer lokalen Kleinbrauerei für eine gemütliche Atmosphäre. Musikalisch tendiert man eher in Richtung CCR, statt zu Hochgeschwindigkeitsgeknüppel, was uns aber ebenfalls sehr recht ist. Ein niederländischer Herrenpolterabend, ausgestattet mit Weinhorn, mischt sich unter die Gesellschaft. Wir schaffen es dennoch uns einigermassen früh wieder auf den Rückweg zu machen. Morgen steht nämlich die geführte Besichtigung der Stadt an, die wir einigermassen ausgeschlafen und ohne Kater mitbekommen wollen.



Signagi, Georgien



20.5. Tiflis: Kultur zum anschauen, anfassen und verspeisen - ein Abschiedsgesang

Tiflis, Georgien

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Heute haben wir endlich einen ganzen Tag zur Verfügung um Tbilissi zu erkunden.
Unser erster Halt ist de Metechi Kirche, die im 13. Jahrhundert am Ort der früheren Residenz der georgischen Könige am Kura Fluss erbaut wurde.
Dann begegnen wir dem Tamada, eine einer kleinen Figur aus dem 7. Jh. vor Christus nachempfundene Statue, die auf einem Stuhl sitzend ein Trinkhorn hält. Tamada ist das georgische Wort für Tafelmajor und ein wichtiger Teil der hiesigen Kultur – und hat es als Begriff sogar in den russischen Wortschatz geschafft.
Die Synagoge ist heute leider geschlossen. Daneben werfen wir einen Blick in die alte Karawanserei, die nunmehr das historische Museum von Tiflis beherbergt. In den schmalen Gässchen werden bunte Teppiche vor den Geschäften und über den Holzbalkonen ausgebreitet. Wir überqueren die Friedensbrücke, ein typisches Stück moderne Architektur aus Stahl und Glas, dessen Dach wie eine Welle über dem Fluss liegt. In einer Kirche findet gerade eine Messe statt. Die Türen sind offen, viele Menschen hören von draussen zu oder huschen nach einem Schwatz draussen wieder hinein. Selbst die Messdiener unterhalten sich draussen, da sie offenbar im Moment gerade keine Funktion haben.
Wir gelangen zum lehnenden Uhrturm von Rewas Lewanowitsch Gabriadse, einem georgischen Regisseur und Künstler (z.B. Mimino). Der Turm gehört zum Puppentheater von Tblissi, das immer noch sehr beliebt ist, wie uns Teia erklärt. Der Turm sieht aus wie wahllos aufeinandergestapelte Gebäudeteile, die nur von einem anliegenden Stahlbalken gehalten werden. Über dem goldenen Zifferblatt ist ein kleiner Balkon für die Puppenspieluhr angebracht. Im Haus daneben, das an ein verträumtes französisches Dorf erinnert, blühen Rosenbüsche die Fassade empor. Eine wunderbar surreale und in der Art einmalige Angelegenheit.
Dann steht der zweite Mutterbesuch unserer Kaukasusreise an, diesmal bei Mutter Georgien (Kartlis Deda), die 1958 zum 1500 jährigen Stadtjubiläum errichtet wurde. Die hält neben dem Schwert passenderweise auch einen Weinkelch in die Höhe. Direkt zu ihren Füssen hat man einen grandiosen Ausblick über die ganze Stadt.
Ein paar Schritte weiter schliesst sich die weitläufige Nariqala Stadtfestung an. Der Name ist persisch und steht für uneinnehmbare Burg – und dafür, dass Tiflis einst auch einmal Teil des Sassanidenreiches war. Die Georgier übernahmen die Festung, die anschliessend durch die Araber, Türken, Mongolen und wieder die Perser zerstört und jedes Mal wieder aufgebaut wurde. Zur Linken sehen wir den weitläufigen botanischen Garten in der Legwtachewi-Schlucht. Zur Rechten taumeln die Seilbahnkabinen aus der Stadt herauf.

Wir steigen den Ruinen der Festung entlang wieder hinab in die Stadt. Unterwegs pflücken wir als Zwischenverpflegung reife Maulbeeren von einem Baum. Vom Bäderviertel spazieren wir dem Fluss entlang in die Schlucht, über welche die Häuser auf Balken lugen. Es wird spontan musiziert und der typische Mehrstimmige georgische Gesang zelebriert. Am Ende der Schlucht plätschert ein Wasserfall dahin. Über eine Stahlwendeltreppe gelangen wir wieder in die engen Gässchen unter der Festung, die einen Einblick geben, wie es in Tiflis vor dem Bolschewismus ausgesehen hat.

Wir pausieren bei einem kühlen Weisswein in einem gemütlichen Café. Dann holt uns Shota ab und wir fahren zu den übereinandergestapelten Betonklötzen des Hauptquartiers der Bank of Georgia (in der SSR noch die Schnellstrassenverwaltung), einer brutalistischen Architekturikone, entworfen von George Chakhava in den Siebzigern.

Anschliessend bestaunen wir im georgischen Nationalmuseum die filigrane georgische Goldschmiedekunst, die durch eine fast unvergleichliche Fertigkeit und Detailarbeit hervorsticht. Auch der Rest des riesigen Museums bietet eine eindrückliche Vielzahl an archäologischen Fundstücken und einen tiefen Einblick in die lange, wechselhafte und einmalige Geschichte dieses Landes. Unsere Führerin meint dann noch, im obersten Stockwerk gäbe es eine Ausstellung zur Okkupation durch Russland, die aber sehr umstritten sei. Tatsächlich wird hier – nebst dem Konflikt um Abchasien und Südossetien - vor allem die Zeit des Kommunismus als unliebsame Phase der Unterdrückung dargestellt, was viele hier wohl so einseitig eben doch nicht sehen. Generell fällt auf, dass die meisten Touristen hier Russen sind – und obwohl sich einige von Ihnen wirklich wie Kolonialisten aufführen, indem sie beispielsweise Ladenbesitzer heranpfeifen und offenbar bewusst herablassend auf Russisch nach dem Preis fragen, haben wir von den Georgiern selbst eigentlich nur Meinungen zur aktuellen Situation erhalten, die klar zwischen Personen und Politik differenziert.

Teia führt uns in einen Supermarkt, damit wir uns mit georgischem Wein und Tkhemali (scharf-saure Pflaumensauce) eindecken können.

Nach der Museumskultur kommen wir dann wieder zur Esskultur. In einem bauernhofartigen Innenhof der offen an den Kura-Fluss angrenzt nehmen wir draussen an einem Tisch Platz. Man fühlt sich etwas wie in einem grossen Tessiner Grotto – nur mit Blick auf Wohnblocks anstatt in die Alpen. Wir wählen unter der Beratung von Teia eine Köstlichkeit nach der anderen von der Speisekarte aus. Natürlich bestellen wir Unmengen, denn es gibt kaum etwas, was wir nicht probieren möchten und so viel, das wir noch nicht gekostet haben. Der Tisch bricht beinahe zusammen. Pkhali (eine Art Boulette aus Spinat oder roter Beete mit vielen Kräutern und Walnüssen) und die Auberginenröllchen mit Wallnusspaste machen den Anfang. Dazu Eisbeinstückchen mit einem Pikanten roten Paprikadip, köstlicher reifer Käse, Gurken-Tomaten-Salat mit reichlich Kräutern und kalte gebratene Leber in einer Kräuterpaste. Dann kommt Rindfleisch in Baji-Sauce, welche die Konsistenz und Würze eines Curries hat, aber ebenfalls zum Hauptteil aus Wallnusspaste besteht – unglaublich gut! Dann Gezhalia: Käsebällchen in einer warmen Sauce aus Sauercrème mit Minze – einzigartig und einfach nur köstlich. Ein riesiger Khachapuri-Fladen der vor Käse nur so trieft wird abgeladen. Daneben knusprig gegrillte Schweinefleischstückchen am Knochen, garniert mit frischen Zwiebelringen und dazu Tkhemali-Sauce. Und natürlich trinken wir reichlich vom intensiven schwarzen Wein, der einfach perfekt zu dem Essen passt.

Auch als der Hunger längst getilgt ist, können wir mit dem Essen nicht aufhören. „Shemomedjano“, sagt der Georgier dazu, was übersetzt in etwa so viel heisst wie: Weiteressen, obwohl man satt ist, weil es zu gut ist um aufzuhören. Shota kann es kaum fassen, als wir mit dem frischen Brot sogar noch die Saucen auftunken und grinst kopfschüttelnd. Auch Teia freut sich sichtlich, Gäste zu haben, welche die Landesküche derart zu schätzen wissen.

Wir benötigen dringend Chacha. Auch hier begnügt man sich offensichtlich nicht mit 40%, sondern serviert ein starkes Feuerwasser, das aber dennoch mehr aromatisch nach Maulbeeren als alkoholisch schmeckt.

Satt und zufrieden verabschieden wir uns herzlich, als wir in unserem Hotel abgeladen werden. Auf dem Hotelbalkon geniessen wir ein letztes Mal den Ausblick über die schön beleuchtete Stadt. Wie zum Abschied klingen typische georgische Gesänge aus den Gassen herauf. Wir würden gerne noch ein paar Wochen bleiben…



Antike georgische Goldschmiedekunst



21.5. Ein Liter Selbstgebrannter als Souvenir

Gegen drei Uhr morgens schrecken wir vom Gebimmel der Smartphone Wecker auf und packen unseren Kram zusammen. Die Flugzeiten sind wohl der einzige Wehrmutstropfen einer Kaukasusreise.

Shota grüsst uns trotz der unchristlichen Uhrzeit freundlich wie immer und erklärt auf Russisch, dass er uns eine Kleinigkeit mitgeben möchte. Er zaubert eine PET-Mineralwasserflasche aus dem Kofferraum: Chacha von seiner Mama, meint er. Wir sind gerührt.

Der Abschied am Flughafen ist herzlich. Von der frühen Uhrzeit und dem plötzlichen Ende dieser wunderbaren Reise fast etwas überrumpelt taumeln wir durch die Abflughalle und sind uns sicher, dass wir hier nicht zum letzten Mal waren.


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Kommentare

  • Blula

    Es gibt von Armenien und Georgien noch nicht allzu viele Berichte, es sind eben nicht die "üblichen" Reiseländer. Auch für mich ist diese Region noch ein weisser Fleck auf der Landkarte. Reisen in Länder abseits der Touristenströme haben aber doch auch schon deswegen und von vornherein ihren besonderen Reiz. Deine Eindrücke hast Du hier sehr gut "rübergebracht".
    Danke für's Mitnehmen.
    VG Ursula

  • globetrotter

    Sehr schöner Bericht mit schönen Fotos, hat mir sehr gut gefallen und mich an unsere Armenien, Georgienreise vor 4 Jahren erinnert .Ich habe darüber auch einen Reisebericht in der Geo-RC verfasst ( Titel : zwischen Ararat und Kaukasus).
    Zwei faszinierende LÄnder, die mindestens eine Reise wert sind.
    LG Ute

  • bezi

    Dieser ausführliche Tagebuchbericht hat mir auch ausgesprochen gut gefallen. LG Claudia

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Armenien & Georgien 2018 5.00 4

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