Der Albertine-Steig

Reisebericht

Der Albertine-Steig

Reisebericht: Der Albertine-Steig

Der Albertine-Steig ist ein Wanderweg etwas abseits des Trubels am Bodensee. Der Weg führt über den Schiener Berg, einer Anhöhe auf der Halbinsel Höri. Die Besonderheiten liegen in den einmaligen Aussichten und der höchst bemerkenswerten Widmung des Rundwegs.

Des Herrgotts Kegelspiel



Der Weg ist das Ziel

Waldesruh' am Bodensee

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An einem kühlen, aber sonnigen Oktobermorgen erwanderten wir uns den Albertine-Steig. Der Rundweg führt über insgesamt 12km von Bohlingen über den Schiener Berg zurück nach Bohlingen. Für den ersten Streckenabschnitt braucht man etwas Kondition, da er auf knapp über 1km Länge immerhin 400 Höhenmeter bergauf führt. Diese erste Strecke ist als Kreuzweg mit den 14 Stationen des Leidens Christi ausgelegt. Durch feuchtkühlen Wald erklimmt man den Berg, um oben nach einer kurzen, ebenen Strecke an den Waldrand zu kommen.



Idyll an der Grenze

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Hier oben glaubten wir uns in einer anderen Welt. Während wir am Start des Weges die dicht besiedelte Region zwischen Radolfzell und der grossen Kreisstadt Singen hinter uns liessen, lag hier eine almähnliche Landschaft vor uns. Weit verstreut liegen einzelne Bauernhöfe, weite Kuhweiden wechseln mit abgeernteten Äckern. Über die Wiesen führt der Weg am einen oder anderen Hof vorbei, so auch am Brandhof, wo die Namensgeberin des Rundwegs lebte. Auf dem Schiener Berg verläuft die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland nicht etwa schnurgerade, sondern kreuz und quer durch die Landschaft. Schweizerische "Taschen" ragen weit nach Deutschland hinein.



Brotzeit in der Schweiz

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Ein Mal überschritten wir sichtbare Grenzmarkierungen, aber oft liefen wir, ohne es zu wissen, über eine unsichtbare Grenze und auf einer kleinen Nebenstrasse wanderten wir auf fast einen Kilometer mit dem linken Fuss in der Schweiz, mit dem rechten in Deutschland. Das Hofgut Oberwald liegt auf Schweizer Seite. Auf diesem abgelegenen Hof kann man Rast machen und hofgebackenen Kuchen oder eine Brotzeit mit Räucherwaren aus eigener Schlachtung geniessen. Kaum ein Motor stört das Idyll, da es weit und breit keine grössere Strasse gibt, die viel Autoverkehr zulassen könnte. Die Mehrheit der Bauernhöfe liegt in Sackgassen, also keine Chance für Durchgangsverkehr. Wir haben uns sagen lassen, dass es sogar einen Bauernhof gegeben haben soll, durch dessen Küchentisch der Grenzverlauf ging. Die Bewohner haben sich schliesslich für die Schweiz entschieden...



Auf dem Albertine-Steig

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Von den Bauernhöfen führt der Weg wieder bergan, bis zur Chroobachhütte, hier ausschliesslich auf Schweizer Seite. Während sich das Tal mit den Bauernhöfen nach Süden öffnete, fällt von der Chroobachhütte ein Steilhang nach Norden ab. Von hier konnten wir die Vulkangipfel des Hegau und die Kreisstadt Singen überblicken. An diesem sonnigen Tag eine herrliche Aussicht. Über der Stadt Singen dominiert der Hohentwiel, ein alter Vulkanschlot mit einer Festungsruine. Von der Hütte führte uns der Weg am Kamm des Steilhangs langsam bergab. An 45 Grenzsteinen läuft man dieses 2km lange Teilstück wieder in 2 Ländern gleichzeitig, diesmal aber mit dem linken Fuss in Deutschland, dem rechten in der Schweiz.



Von der Chroobachhütte ins Hegau



Albertine Schuhmacher

Hohentwiel

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Albertine Schuhmacher wurde am 6. Mai 1893 geboren und lebte mit ihren Eltern und ihren vier Brüdern auf dem Brandhof bei Schienen auf der Halbinsel Höri. Sie war eine hübsche, aufgeschlossene junge Frau, die Klavier spielen konnte und gerne am
gesellschaftlichen Dorfleben teilnahm.
In den frühen 1920er Jahren wanderte Albertine Schuhmacher nach Amerika aus, um sich dort mit ihrem Erbteil vom Brandhof eine neue Zukunft aufzubauen. Die Zeit in Amerika verlief jedoch nicht so wie sie sich das vorgestellt hatte und Albertine wollte zurück in die Heimat. Bruder Gustaf schickte seiner völlig verarmten Schwester das Geld für die Rückfahrt und nahm sie wieder auf dem Brandhof auf.



Ein Männlein steht im Walde

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Ab diesem Zeitpunkt verbrachte Albertine ein völlig zurückgezogenes und einsames Dasein. Einmal im Monat jedoch machte sie sich auf den Weg nach Bohlingen, um dort Lebensmittel einzukaufen. Zeitzeugen berichten, dass sie schwarz gekleidet, in gebeugter Haltung und einem Sack auf dem Rücken zum Hintereingang des Lebensmittelgeschäfts eingelassen wurde und sich danach mit den Einkäufen auf den beschwerlichen Weg zurück auf den Brandhof machte. Von Zeit zu Zeit wanderte sie sogar bis nach Singen, um dort Eier zu verkaufen, deren Einnahmen vermutlich ihre einzigen Einkünfte waren.

Kindern der damaligen Zeit flösste diese fast mystische Gestalt mitunter Angst ein und es galt als Mutprobe, "die Albertine" anzusprechen. Bis Mitte der 1980er Jahre schaffte es die 90-jährige Frau den Schienenberg hinunter und wieder hinauf zu wandern. Manchmal konnte sie bei Besitzern der Nachbarhöfe auch auf dem Traktor mitfahren, was sie dankbar und auf ihre freundlich-bescheidene Art gerne annahm.



Pilzmahlzeit ?

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Albertine hat sich trotz ihres zurückgezogenen Daseins weit über die Grenzen des Brandhofs hinaus zu einer regelrechten Kulturfigur entwickelt. Bei manchen war sie das "Hexenweible", was ihrem Wesen aber keineswegs gerecht wird. Von der Liebe enttäuscht entwickelte sie sich zu einer Einsiedlerin, die trotz ihrer schwierigen Umstände am Leben nicht verzweifelt ist. Damit entspricht sie weniger dem düsteren Bild einer alten gekrümmten und verhärmten Frau, als einer Hoffnungsträgerin dafür, dass das Leben immer wieder weitergeht, egal wie widrig die Umstände auch sein mögen. Albertine starb im Alter von 93 Jahren am 15. Juli 1986.


Mit diesem Wanderweg wurde ihr ein besonderes und würdiges Andenken gesetzt.


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Kommentare

  • ursuvo

    das war mal ein schöner Bericht mit interessanten Fakten - da bin ich doch sehr gern mitgewandert - ein Fuß rechts, der andere links - klasse:-)
    Wer weiß - vielleicht eines Tages.............Dein Bericht ist richtig gut zum"Nachwandern" geeignet!!!
    LG Ursula

  • SchroedingersKatze

    Ist ganz nett dort, aber um auf eine Wanderung zu kommen, müßte man den Spaziergang zweimal machen....
    LG Ulf

  • Blula

    Lieber ULI,
    was für eine bewegende Geschichte. Ich glaube kaum, dass es jemanden unter uns gibt, der schon einmal etwas von Albertine Schuhmacher gehört oder gelesen hat und dass man nun einem so schönen Wanderweg ihren Namen gegeben hat, ist nicht mehr als recht.
    Danke für diesen Bericht, der ja für Wanderfreunde, die mal dort in der Gegend sind, auch noch sowas wie ein Geheimtipp sein dürfte.
    LG Ursula

  • astrid

    Von all den Orten habe ich noch nie etwas gehört ... von Albertine ebenfalls nicht. Wenn ich mal in der Gegend bin werde ich mich aber gewiss dank Deines Berichts daran erinnern! LG Astrid

  • cablee

    Danke für diesen schönen und informativen Bericht, lieber ULI! Ich bin gerne mitgewandert.

    LG
    Gila

  • Chrissi

    Das ist tatsächlich ein Geheimtipp, wie Ursula schon schrieb. LG Christel

  • annkarabbit

    Man muss nicht immer wer weiss wo hinfahren um etwas Schönes oder Interessantes zu erleben.
    Schöner Bericht
    Lieben Gruss
    Karin

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