Ostern 2018 im Harz – mit der Harzer Schmalspurbahn

Reisebericht

Ostern 2018 im Harz – mit der Harzer Schmalspurbahn

Reisebericht: Ostern 2018 im Harz – mit der Harzer Schmalspurbahn

Dieser Reisebericht ist nicht nur für Eisenbahn-Romantiker und DDR-Nostalgiker, sondern auch für Wander- und Naturfreunde. Vor allem möchte ich auch alle einladen, nicht nur mit der (oft überfüllten) Brockenbahn zu reisen, sondern auch mit der Harzquer- und Selketalbahn.

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30.03.2018

Karfreitag: Anreise von Nordhausen nach Benneckenstein

Über die Osterfeiertage 2018 reisen meine Freundin und ich in den Harz, um die Feiertage dort zu verbringen.
Wir haben eine Ferienwohnung in der kleinen Stadt Benneckenstein im Oberharz (Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt) gebucht.

Unsere Anreise verläuft vollkommen unterschiedlich: Meine Freundin fährt aus Richtung Norden mit dem Auto.
Ich komme aus Richtung Süden mit der Bahn.
Gegen Mittag erreiche ich aus Richtung Erfurt den Bahnhof Nordhausen in Thüringen. Hier habe ich eine Stunde Aufenthalt.
Nordhausen ist immerhin die siebtgrößte Stadt Thüringens und auch heute noch eine bedeutender Industriestandort und Bahnknotenpunkt.

Zu DDR-Zeiten gab es hier die IFA Motorenwerke, den VEB Schachtbau, den VEB Schwermaschinenbau NOBA, das RFT Fernmeldewerk, den VEB Tabak (der produzierte die bekannte Zigarettenmarke „Cabinet“) und den VEB Nordbrand (den kennen wohl die meisten wegen dem bekannten Nordhäuser Doppelkorn).
Heute gibt es nur noch den Schwermaschinenbau, den Schachtbau (heute: Bauer Gruppe) und natürlich den Nordbrand (gehört jetzt der Rotkäppchen Mumm Sektkellerei).
Eines der Wahrzeichen der Stadt ist heute eine überdimensionale Schnapsflasche.

Auch der Bahnhof Nordhausen hat schon bessere Zeiten erlebt. Die ersten Jahre nach der Wende hielten hier D-Züge in Richtung Köln über Kassel.

Ich erinnere mich an meine erste Reise in die Bundesrepublik Deutschland am Herbst 1989. Damals lebte ich in Halle (Saale) und wollte Göttingen einen Besuch abstatten.
Mit einem Personenzug, welcher nach Mitternacht in Halle abfuhr (ja, so was gab es damals, Personenzüge, die die Nacht über fuhren), ging es bis nach Nordhausen. Der Zug war schon in Halle recht gut besetzt. Außer mir hatte noch sehr viele Andere die selbe Idee.
In Nordhausen wartete ich mit Hunderten anderer Reisender geduldig auf den ersten Zug des neuen Tages nach Northeim (Niedersachsen). Der Eisenbahn-Grenzübergang Ellrich – Walkenried war zu dieser Zeit gerade für den Personenverkehr geöffnet worden (Güterzüge fuhren immer über diesen Grenzübergang).
Kurz vor 6.00 Uhr stürmten wir den gerade auf den Bahnsteig rangierten Personenzug. Ich hatte Glück und konnte sogar einen Sitzplatz ergattern. Der Zug war so voll, dass kaum noch jemand hineinkam).
Am Grenzübergang Ellrich (Kreis Nordhausen) mussten wir eine Dreiviertelstunde warten. Die Reichsbahn-Diesellok wurde gegen eine Bundesbahn-Diesellok ausgetauscht. Erstaunlicherweise kontrollierte niemand unseren Ausweis.
Endlich zeigte das Ausfahrtsignal freie Fahrt. Zum ersten Mal sah ich die gigantischen Grenzanlagen der deutsch-deutschen Grenze. Der Zug passierte einen Tunnel – dann waren wir im Westen!
Ich merkte sofort den Unterschied: auf den westdeutschen Gleisen fuhr unser Zug viel ruhiger als in der DDR, kein Geruckel und Geschüttel mehr.
In Herzberg (Kreis Göttingen) stiegen die meisten Reisenden aus. Ich fuhr bis Northeim und stieg dort um in einen Eilzug nach Göttingen.
Und in Göttingen kam dann der Kulturschock: Nach den vielen friedlichen Demonstrationen der DDR in der Wendezeit wurde ich Zeuge einer sehr gewalttätigen Demonstration. Linke ANTIFA-Demonstranten, Autonome und Sympathisanten der RAF verwüsteten die Göttinger Innenstadt, warfen Steine in Geschäfte, Farbbeutel auf Passanten und beschossen die Polizei mit Leuchtraketen.
Durch das Chaos der Straßenkämpfe verpasste ich den Zug, mit welchem ich eigentlich zurück in die DDR fahren wollte.
Ich nahm bis Northeim den InterRegio. Es war beeindruckend, mit so einem modernen Zug zu fahren, und dann auch noch mit 160 km/h (in der DDR fuhr der schnellste Zug 120 km/h).
Von Northeim gab es keinen Zug mehr in die DDR, sondern nur noch einen Triebwagen bis nach Walkenried.
Ein freundlicher Mann, der in Walkenried seine Tochter vom Bahnhof abholte, nahm mich und noch einen anderen „Ossi“ mit dem Auto bis zum Straßen-Grenzübergang mit.
Zu Fuß passierten wir die Grenze und liefen auf der Straße bis nach Ellrich.
Von dort gab es zu später Stunde noch einen Personenzug nach Nordhausen.
Den Rest der Nacht verbrachte ich dann in der Kälte im Bahnhof Nordhausen, bis am frühen Morgen wieder der erste Personenzug in Richtung Halle fuhr.

Heute halten im Bahnhof Nordhausen nur noch Regionalzüge. Aber als Güterbahnhof hat der Bahnhof immer noch seine Bedeutung.

Die Stadt Nordhausen wurde im 2. Weltkrieg leider zu drei Vierteln zerstört. Im Stadtzentrum dominieren Plattenbauten aus der DDR-Zeit.
Immerhin gibt es rund um den Marktplatz noch ein kleines Fleckchen Altstadt mit einigen schönen Fachwerkhäusern.

In Nordhausen gibt es, gleich neben dem „großen“ Bahnhof, noch einen kleineren Bahnhof: den Bahnhof Nordhausen Nord. Dieser Bahnhof ist das Tor zum Harz und zur Welt der Harzer Schmalspurbahnen (HSB).
Die Harzer Schmalspurbahnen (1000 mm Spurweite) sind eine Bahn der Superlative: Mit 140 km Streckenlänge ist es das längste Schmalspurnetz Deutschlands und das längste dampfbetriebene Schmalspurnetz Europas! Sämtliche Strecken der Harzer Schmalspurbahnen werden auch heute noch täglich mit Dampflokomotiven befahren.
Zu den Harzer Schmalspurbahnen gehören die Harzquerbahn (Nordhausen Nord – Wernigerode, mit Stichstrecke nach Hasselfelde), die Brockenbahn (Wernigerode – Drei Annen Hohne – Schierke – Brocken) und die Selketalbahn (Quedlinburg – Gernrode – Alexisbad – Harzgerode/Straßberg – Stiege – Hasselfelde).

Von Nordhausen Nord fährt zur Zeit leider nur noch ein Dampfzugpaar am Tag. Der einzige Dampfzug verlässt Nordhausen am Morgen, fährt bis auf den Brocken und kehrt am frühen Abend wieder zurück nach Nordhausen.
Mein Zug in Richtung Benneckenstein ist ein kleiner Dieseltriebwagen.
Mit maximal 50 km/h zuckelt der Triebwagen durch Nordhausen und durch die Vororte von Nordhausen. Auf diesem Streckenabschnitt bis Ilfeld gibt es einen regen Pendlerverkehr. Die Nordhäuser Straßenbahn fährt mit Hybrid-Triebwagen vom Krankenhaus Nordhausen über das Netz der Harzer Schmalspurbahnen bis nach Ilfeld.

Zu DDR-Zeiten fuhren auf dem Netz der Harzquerbahn ausschließlich Züge mit Dampflokomotiven. Es gab auch einen regen Güterverkehr. An den Endbahnhöfen in Nordhausen und in Wernigerode wurden normalspurige Güterwagen auf Rollböcke (später Rollwagen) rangiert und dann auf der Meterspur bis zum Endkunden gefahren – natürlich auch mit einer Dampflok.
Güterwagen wurden von Nordhausen nach Ilfeld, Netzkater (Papierfabrik), Unterberg (Flussspat), Hasselfelde (Selketalbahn), Straßberg (Flussspat), Silberhütte (Pyrotechnik), Benneckenstein (Holz, Kohle) gefahren. Heute gibt es noch einen bescheidenen Güterverkehr mit Rollböcken mit Dieselloks der BR199.8 (umgebaute DR V100) zum Schotterwerk nach Unterberg. Immerhin ist die HSB eine der letzten Schmalspurbahnen in Deutschland, die noch Güter befördert.

Ab Ilfeld (254 m) geht es bergauf. Jetzt beginnt der Harz. Die Bahn windet sich in engen Kurven mit nur noch max. 40 km/h nach oben, umgeben von Buchen und Fichten.
Entlang der Strecke im Kleinen Bodetal fließt die Bere. Nach dem vielen Regen sind große Teile des Tals überschwemmt.

Im Ortsteil Netzkater hält der Zug. Hier gibt es den Rabensteiner Stollen, eine ehemalige Steinkohlenmine. Sie kann besichtigt werden. Auf dem Museumsgelände fährt eine elektrische Grubenbahn für die Besucher.

Hinter dem Haltepunkt Netzkater ist noch ein Rest des ehemaligen Anschlussgleises zur Papierfabrik zu erkennen.

Nach 35 Minuten Fahrtzeit erreicht unser Triebwagen den Bahnhof Eisfelder Talmühle. Außer dem Bahnhof gibt es hier eigentlich nichts. Aber der Bahnhof Eisfelder Talmühle ist ein Knotenbahnhof der Harzer Schmalspurbahn. Hier zweigt die Strecke über Stiege nach Hasselfelde (Landkreis Harz) ab.

Im Bahnhof Stiege (Landkreis Harz) besteht eine Verbindung zur Selketalbahn, die ebenfalls zu den Harzer Schmalspurbahnen gehört.
Die ebenfalls meterspurige Selketalbahn führt von Quedlinburg (Landkreis Harz, Sachsen-Anhalt) über Gernrode (Stadtteil Quedlinburg) nach Alexisbad (Stadtteil Harzgerode). Hier zweigt die Stichstrecke nach Harzgerode (Landkreis Harz) ab. Die andere Strecke führt weiter über Straßberg – Güntersberge (Stadt Harzgerode) – Stiege nach Hasselfelde (Stadt Oberharz, Landkreis Harz).
Von 1946 bis 1983 war das Streckennetz der Selketalbahn vom Netz der Harzquerbahn abgetrennt. Das gesamte Streckennetz der Selketalbahn wurde 1946 von der sowjetischen Besatzungsmacht abgebaut. Später wurden die Strecken von Gernrode (Anschluß an die Normalspurbahn Aschersleben – Frose -Gernrode – Quedlinburg) bis nach Straßberg bzw. nach Harzgerode wieder aufgebaut.

1983 wurde das fehlende Verbindungsstück von Straßberg über Güntersberge bis nach Stiege wieder aufgebaut – zunächst für den Güterverkehr. 1984 war es dann soweit: es gab auch wieder Personenzüge von Gernrode bis nach Hasselfelde.

Ein Jahr nach der Wiedereröffnung des Personenverkehrs wollte ich dann auch die neue Strecke „testen“. Mit der Selketalbahn war ich vorher schon von Gernrode bis nach Harzgerode und auch nach Straßberg gefahren.

Von Halle fuhr ich per Anhalter nach Blankenburg im Harz. Von dort fuhr ich mit der ebenfalls sehr schönen Rübelandbahn bis zum Endbahnhof Königshütte (Landkreis Harz). Die Rübelandbahn fährt heute leider nur noch als Museumsbahn wenige Male im Jahr.
Von Königshütte fuhr ich per Anhalter über Tanne bis nach Hasselfelde, dem Endbahnhof der Selketalbahn.
Mit einer Dampflok der Baureihe 99 6001 (ein Prototyp aus der Vorkriegszeit, fährt auch heute noch auf der Selketalbahn) und einem kurzen Personenzug aus nur 4 Wagen ging es zunächst zum Bahnhof Stiege, wo die neue Strecke in Richtung Straßberg abzweigt. Dort hatten wir fast eine Stunde Aufenthalt.
Mit einem auch damals schon fast leeren Zug ging es dann durch das romantische Selketal über Güntersberge und Straßberg nach Alexisbad (Knotenbahnhof der Selketalbahn). In Alexisbad setzte die Dampflok um, und dann ging es weiter das kurze Stück bis zum kleinen Kopfbahnhof Harzgerode. Von dort trampte ich dann wieder zurück nach Halle.

2006 wurde die Selketalbahn von Gernrode (Stadt Quedlinburg) bis Quedlinburg (Landkreis Harz) verlängert. Dafür wurde der Streckenabschnitt Gernrode – Quedlinburg der zuvor stillgelegten Normalspurstrecke Aschersleben – Frose – Gernrode – Quedlinburg von Normalspur auf Meterspur umgebaut.

Aber zurück ins Hier und Jetzt: Im Bahnhof Eisfelder Talmühle wartet schon mein Anschlusszug in Richtung Wernigerode. Und, was das Beste daran ist: es ist ein Dampfzug!
Eine Dampflok der Baureihe 99.72 (Neubaulok, wurde in der DDR nach dem Krieg gebaut) wartet mit 6 Personenwagen auf das Ausfahrtsignal.
Aber auch dieser Zug ist nicht gerade voll.
Dafür stehen an den Straßen und Bahnübergängen überall Menschen mit Fotoapparaten und Videokameras, um unseren Zug aufzunehmen. Es wäre schöner, wenn alle diese vielen Leute mit dem Zug der Harzquerbahn fahren würden!
Jetzt geht es richtig steil bergauf: von 352 m bis auf 530 m. Natürlich stehe ich auf der Plattform. Für Nichtkenner der Dampfbahnen: die alten Wagen (sind natürlich inzwischen alle renoviert) haben an den Wagenenden Plattformen, auf welchen man während der Fahrt stehen kann.
Die Dampflok stößt schwarze Qualmwolken aus. Man spürt förmlich die Anstrengung bei der starken Steigung. Junge Kohlen fliegen mir immer wieder in die Augen. Das ist der Nachteil, wenn man draußen steht!
Der Buchen-Fichten-Mischwald weicht immer mehr einem Fichtenwald. Erste Schneeflecken tauchen auf.
Die Schaffnerin läuft durch den halbvollen Zug und bietet Schierker Feuerstein an, einen Schnaps aus der Region.

Nach einer halben Stunde fahrt erreicht unser Dampfzug den Bahnhof Benneckenstein.
Ich bin der einzige Fahrgast, der hier aussteigt.
Auf dem leeren Bahnhof stehen Plakate mit der Aufschrift „Heizer für die HSB gesucht“.
Meine Freundin ist schon da und holt mich vom Bahnhof ab. Unsere Ferienwohnung ist nur wenige 100 m vom Bahnhof entfernt und direkt am Waldrand.

Wir wandern im Wald und erkunden danach die kleine Stadt.
Benneckenstein gehörte kurz nach dem 2. Weltkrieg zu Thüringen.
Nach der Auflösung der Länder in der DDR wurde Benneckenstein dem Bezirk Magdeburg (heute Sachsen-Anhalt) zugeordnet.
Neben mit Holz verkleideten Häusern gibt es hier viele für Thüringen so typische mit Schieferschindeln verkleidete Häuser.
In Benneckenstein ist nicht viel los. Das Städtchen hat schon bessere Zeiten erlebt. Da die Orte Schierke, Sorge und Elend zu DDR-Zeiten für die Normalbevölkerung nicht zugänglich waren (Grenzgebiet), spielte sich ein großer Teil des Fremdenverkehrs in Benneckenstein ab.
Aber die meisten Hotels und Ferienanlagen von damals sind heute verfallen.
Es gibt eine Handvoll Pensionen und Gaststätten, einen Supermarkt und den Bahnhof.

Benneckenstein heißt der Überlieferung nach deshalb so: Eine alte Frau setzte sich mit einer Kiepe zur Ruhe. Da kam ein Jägersmann, hielt die schlafende Frau für einen Stein und setzte sich auf ihren Rücken. Darauf sagte die Frau zu dem Mann: „Benn eck en Stein?“ (Bin ich ein Stein?).

Auch Benneckenstein habe ich zu DDR-Zeiten mehrmals besucht. Meistens bin ich mit dem Zug nach Nordhausen gefahren und von dort mit der Harzquerbahn bis nach Hasselfelde. Von Hasselfelde gibt es einen schönen Wanderweg durch den Harz über Trautenstein nach Benneckenstein.
Von Benneckenstein fuhr ich dann mit der Harzquerbahn nach Wernigerode und von dort mit dem Eilzug zurück nach Halle.



Dieseltriebwagen nach Hasselfelde steht...


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Kommentare

  • Blula

    Diesen wirklich guten und ausführlichen Tagebuchbericht habe ich mit Interesse gelesen, auch weil mein Vater früher sehr oft im Harz unterwegs war und - so wie Du - gerne mit der Bahn. Nun kamen Erinnerungen an seine Erzählungen in mir hoch. Harzquer- und Selketalbahn sind mir durch ihn zu einem Begriff geworden, ebenso viele Ortsnamen, z.B. Schierke, Drei Annen usw. . Danke für diese schöne virtuelle Harzreise!
    LG Ursula

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