Myanmar Superstar

Reisebericht

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Reisebericht: Myanmar Superstar

Mit Fahrer unterwegs im Land der 1000 Pagoden

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Der König ist tot

Tag 1
Bangkok
Der König ist tot

Der König ist tot. Bhumibol, der König von Thailand, ist vor einer Woche gestorben. „Das trifft sich ja prima“, ist mein erster Gedanke, als ich davon höre. Ausgerechnet jetzt fliege ich nach Bangkok. Der ideale Zeitpunk, ein Großereignis, das wird sicherlich aufregend werden. Ein Land im emotionalen Ausnahmezustand, ein riesiges Königsbegräbnis, Trauermärsche, spontane Gefühlsausbrüche der Bevölkerung – und ich darf dabei sein. So ein König stirbt schließlich nicht jeden Tag. Im letzten Jahr gab es einen Fahrradtag in Bangkok anlässlich des Geburtstags des Königs. Die ganze Stadt war, nein, nicht auf den Beinen, sondern auf den Rädern. Der Autoverkehr in Bangkok war für einen Tag lahmgelegt. Das Volk trug gelbe T-Shirts, wohin man auch schaute, überall gelbe Menschen auf Fahrrädern. Wenn die schon zum Geburtstag so ausflippten, was würde die erst zum Tode des Königs veranstalten?
Meine Vorfreude auf das Spektakel erhält einen Dämpfer, als die ersten Berichte aus Bangkok durchsickern. Das Militär hat dem Volk Staatstrauer verordnet, das ganze Land trägt Schwarz. Was für Thailänder unüblich ist, eigentlich mag man es farbenfroh. Durch den aufgezwungenen Dresscode steigt die Nachfrage. Im ganzen Land werden schwarze Klamotten zu Wucherpreisen verkauft. Die Produktion läuft auf Hochtouren, kann jedoch mit der Nachfrage nicht Schritt halten. Als nächstes vermelden die Nachrichten, dass auch westliche Gäste gebeten werden, sich in der Farbigkeit ihres Outfits zu mäßigen. In Phuket soll es bereits Angriffe auf Touristen gegeben haben, die sich trotz Staatstrauer einen lustigen Abend machen wollten. Alle Full Moon Partys des Landes sind abgesagt. Auch in Bangkok wurden Menschen von einigen selbsternannten Trauersheriffs bedroht, wenn sie bei der Wahl ihrer Kleidungsfarbe unbekümmert waren. Schwarz ist das neue Gelb. Aufgeschreckt von den Meldungen über Schüsse, die auf bunte Passanten abgefeuert wurde, gehe ich gedanklich meinen Kleiderschrank durch. Leider liegt meine schwarze Phase einige Jahre zurück, neuerdings neige ich zu einem freundlichen, farbigen Look. Schwarz ist ein geringer Teil meiner Garderobe, kaum etwas, das ich in einem tropischen Land tragen würde. Mit Schrecken erinnere ich mich an T-Shirts, die ich mir in der Zeit meines täglichen Hanteltrainings zugelegt habe, weil sie aus elastischem Stoff gemacht sind, eng anliegend, damit die Form meiner Muskeln betonen werden. Damals hatte ich noch die Hoffnung, Muskeln aufzubauen, eine Hoffnung, die sich sehr bald zerschlug. Stattdessen stellte ich fest, dass ich in elastischen T-Shirts einen beißenden Körpergeruch entwickelte. Eigentlich wollte ich diese Wurstpellen nie wieder tragen. Jetzt aber sehe ich mich gezwungen, sie in Bangkok zu reaktivieren, um nicht angepöbelt oder erschossen zu werden. Laut Internet liegen die Temperaturen in Thailand konstant bei über 30 Grad. Das Klima bleibt nebensächlich, was zählt ist der König und der ist tot. Mir bleibt nichts anderes übrig als in den sauren Apfel zu beißen und alles, was ich an schwarzer Kleidung besitze, in den Koffer zu packen.

Als ich nach einem 10stündigen Flug endlich in Bangkok lande und mir die Mitreisenden anschaue, wird mir klar, dass meine Sorgen unbegründet waren. Es ist ein wahres Trauerspiel was ich hier sehe, was aber nicht am Tod von König Bhumibol liegt. Die meisten Fluggäste haben sich nach der Ankunft sofort in ihr Thailandoutfit gepresst, so als wären sie auf dem direkten Weg zu einer Strandparty. Überall lachen mich bunte Tanktops und Hotpants an. Ein bisschen schäme ich mich für meine Mitreisenden, für ihre Ignoranz, gleichzeitig fühle ich mich wie der Klassenstreber, nur weil ich den gewünschten Dresscode erfülle. In meiner schwarzen Trauerkleidung wirke ich zwischen all dem Partyvolk, als wäre ich auf dem Weg zu meinem eigenen Begräbnis.
Ich beschließe spontan, ein Taxi zu nehmen, weil ich keine Lust auf den Skytrain habe, der den Flughafen mit der Stadt verbindet. Nach dem anstrengenden Flug will ich bequem bis vors Hotel gefahren werden. Ganz so bequem wird es nicht. Der thailändische Taxifahrer versteht auch nach einem ausgiebigen Studium des Stadtplanes und der Nennung prägnanter Plätze und Straßen nicht, wo ich hin will. Das kenne ich schon vom letzten Jahr, Karten und lange Erklärung helfen nicht weiter. Dabei will ich dort hin, wo sie alle hin wollen, zur Khaosan Road, dem Herzen der Backpacker Szene. Von dort ist es nur noch einen Katzensprung bis zu meinem Hotel. Der Taxifahrer lässt sich die Telefonnummer meines Hotels geben und ruft an. Hoffentlich nimmt jemand ab, sonst bin ich geliefert. Am anderen Ende der Leitung nimmt jemand ab. Ich atme innerlich auf. Der Fahrer brabbelt etwas auf Thai und erhält eine Antwort, die kurz und knapp ausfällt, höchstens vier Wörter, so schnell geht das. Zu meinem Erstaunen legt der Taxifahrer nach 10 Sekunden wieder auf und nickt mir zu. Offensichtlich weiß er jetzt, wo es langgeht. Ganz erstaunlich.
Neben seinem Unvermögen, Karten zu lesen, ist der Mann auch nicht fähig, Englisch zu reden. Umso besser, mir ist nicht nach Smalltalk. Ich will einfach nur ins Hotel und meinen Kopf unter kaltes Wasser halten. Um einigermaßen höflich zu sein, erwähne ich kurz den Tod des thailändischen Königs und erkundige mich, ob nun alle Thais super traurig sind und so. Ich ernte ein ratloses Schulterzucken und frage mich, ob das dem thailändischen König gilt oder meiner Frage. Wahrscheinlich sind es die mangelnden Sprachkenntnisse. Zum Glück zischt gerade in der Ferne ein Blitz vom Himmel. Ein Gewitter ist im Anmarsch. Ich produziere ein Geräusch des Erstaunens, was den Taxifahrer erheitert. Also das Wetter. Der Klassiker. Darüber kann man sich immer unterhalten.
Auf dem Weg in die Stadt fahren wir an einer Vielzahl von gewaltigen Bildschirmen vorbei. Dort, wo normalerweise Werbung für Produkte des Konsums gemacht wird, gibt es an diesem Tag nur ein Thema – König Bhumipol. Gezeigt werden überlebensgroße Filme aus seinem Leben, Bhumipol bei öffentlichen Anlässen, Bhumipol auf Reisen, Bhumipol beim Spielen des Saxophons. Besonders bemerkenswert finde ich ein Bild, das an einem sehr heißen Tag gemacht wurde. Wenn man genau hinsieht, kann man erkennen, dass Bhumipols Gesicht vor Feuchtigkeit glänzt. Er schwitzt. Und nicht nur das, an seiner Nasenspitze hängt ein dicker Schweißtropfen, der herunterzutropfen droht. Glücklicherweise hat der Fotograf rechtzeitig den Auslöser gedrückt. Nun verharrt dieser Schweißtropfen für alle Zeiten an der Nase des Königs und ist Teil seiner Verehrung. Wollte man ihn absichtlich auf dem Bild haben, den Schweißtropfen, nach dem Motto „Seht her, auch ein König schwitzt“?
Ich weiß wenig bis gar nichts über den verstorbenen König, aber er macht einen sympathischen Eindruck und scheint bei seinen Landsleuten beliebt gewesen zu sein. Für die nächsten Tage und Wochen hat das Militär Staatstrauer verhängt. Was meinen Taxifahrer nicht davon abhält, in regelmäßigen Abständen in lautes Gelächter auszubrechen. Ich wundere mich, in den letzten Minuten ist nichts passiert, was den Frohsinn rechtfertigen würde. Oder amüsiert der Herr sich über mich? Was habe ich angestellt? Ich sitze nur da, schaue aus dem Fenster auf die Bilder des toten Königs. Nicht sehr lustig, oder doch? Bald darauf lacht der Mann schon wieder, als hätte ich einen irren Witz gerissen und mir anschließend zwei Chilischoten in die Nasenlöcher gesteckt. Der will seinen Spaß mit mir haben, albern, diese Thais. Ich komme nicht dahinter, worüber er lacht, will es womöglich auch gar nicht wissen, weil es mich verletzten könnte. Ich bin da sehr empfindlich. Über mich wird nicht gelacht. Basta!
Als wir kurz darauf schnurstracks in einen Stau fahren, bemühe auch ich mich um ein Lächeln. Staus gehören dazu, wenn man sich auf Bangkoks Straßen bewegt, das kenne ich schon. Deshalb will ich nicht der ungeduldige Europäer sein, sondern ich demonstriere Gelassenheit. Ein Stau, mir doch egal, ich hab Zeit. Um meine gleichmütige Haltung zu unterstreichen, beginne ich, vor mich hin zu pfeifen, was eine weitere Lachsalve des Taxifahrers zu Folge hat. Der Mann ist leicht zu erheitern. Vielleicht sollte ich in Bangkok als Komiker auftreten und ein Vermögen damit machen.
Nach 30 Minuten, in denen sich unser Taxi ganze fünf Meter vorwärts bewegt hat, ist Schluss mit Lustig. War vielleicht keine gute Idee, ausgerechnet an einem Samstagabend in Bangkok zu landen. Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis wir am Ziel sind – oder besser: ob wir je ans Ziel kommen? Hier geht nichts mehr. Ich pfeife noch ein letztes Liedchen, aber auch meinem Nebenmann ist das Lachen vergangen. Es herrscht völliger Stillstand. Viele Straßen sind gesperrt, wie ich jetzt erfahre, weil irgendwas mit der Trauerfeier für den König ist. Was also tun? Ich kann ja schlecht zu Fuß laufen, oder?
Genau das schlägt mir der Taxifahrer nach einer weiteren Phase des Wartens vor. Es seien ein paar Kilometer, das würde ich locker schaffen.
Ein paar Kilometer? Mit einem 20 Kilo schweren Rollkoffer? Und wohin überhaupt? Ich kenne den Weg nicht. Obwohl es unsinnig ist, hole ich meinen Stadtplan heraus. „Also wo sind wir jetzt?“, will ich von meinem Fahrer wissen.
Wie durch ein Wunder weiß der Mann plötzlich ganz genau, wo wir gerade sind. Mit erstaunlicher Genauigkeit führt er seinen Finger über die Karte und zeigt auf einen Punkt. Genau dort sind wir.
Ich bin verblüfft. Mein eingezeichnetes Hotel findet er selbst nach langem Palavern nicht, zwei Stunden später ist er zielsicher wie ein Pfadfinder. Wenn das, wo sein Finger drauf zeigt, tatsächlich der Punkt ist, an dem wir uns jetzt befinden, dürfte das mit dem Laufen kein Problem sein. Den Weg kenne ich, einmal rechts und dann immer gerade aus. Vorsichtshalber wiederhole ich das mit der Wegbeschreibung noch einige Male, um die Standhaftigkeit meines Fahrers zu überprüfen. „Du bist dir wirklich sicher? Sure? That’s the way?“ Der Taxifahrer nickt, von hier aus sei es ein Klacks. Dann lässt er mich bezahlen und sucht schnell das Weite. Wahrscheinlich lacht er gerade wieder schallend, weil er mich reingelegt hat.
Tatsächlich hat weder die Karte noch der Taxifahrer gelogen. Einmal um die Ecke und ich bin auf der Hauptstraße gelandet, die mich quasi bis fast an mein Ziel bringt. Mehrere Dutzend Soldaten bevölkern die Kreuzung und befehlen den Fußgängern, sich zu beeilen. Wenn man einen 20 Kilo schweren Rollkoffer hinter sich herzieht, ist das leichter gesagt als getan. Glücklicherweise lässt man mich durch, auch wenn ich nur langsam vorankomme. Ein Ausländer mit einem Rollkoffer in einer Menschenmenge, das wäre in Deutschland aus Sicherheitsgründen nicht möglich.
Ich bewege mich durch einen nicht enden wollenden Menschenstrom. Die Bewohner von Bangkok kleiden sich alle tatsächlich in schwarz. Nur die Soldaten unterwandern die vorherrschende Kleidungsordnung. Sie stecken ungerührt in ihren schlammfarbenen und irritierend engen Uniformen. Mein T-Shirt aus Elastan wirkt neben diesen vakuumverpackten Figuren wie ein großzügig geschnittener Poncho. Ich frage mich, ob die sich nach dem Anziehen die Luft aus der Montur absaugen lassen. Man könnte meinen, diese Menschen hätten gar keine Haut, sondern nur ihre Uniform, die sich direkt über ihre Organe legt. Was mich am meisten verblüfft – die Soldaten schwitzen unter der Kleidung nicht. Schweißflecken unter den Achseln? Null! Auch sonst bleibt alles trocken, so wie früher in der Pampers Werbung. Maximale Körperbetontheit bei minimaler Schweißbildung. Was würde ich dafür geben, hinter das Geheimnis dieses Wunderstoffes zu kommen? Neben diesen Leuten wirke ich in meinen durchnässten Klamotten bemitleidenswert, als hätte man mich wie einen Hund aus dem Wasser gefischt.
Die Stimmung auf den Straßen ist weniger mitleiderregend, sie gleicht eher einem Volksfest. Verfolgt man die westlichen Medien, könnte man meinen, ganz Bangkok windet sich vor Trauer über den toten König. Dem ist nicht so, die Stimmung ist ausgelassen, fast fröhlich. Überall brutzelt und gart es, dazwischen kann man Bhumipol Souvenirs wie Anhänger, Broschen, Poster und Postkarten erwerben. Das thailändische Militär hat vor Geschäftemachern gewarnt, die aber betreiben unbeirrt ihren Handel mit Devotionalien. Es ist eine Herausforderung, mich und meinen Rollkoffer durch diese Menschenmassen zu manövrieren, ohne jemanden über den Fuß zu fahren. Je näher ich meinem Hotel komme, umso dichter wird das Gedränge. Seit gestern steht das Arbeitsleben still, viele Geschäfte sind geschlossen, die ganze Stadt ist auf den Beinen. Nur im Rotlichtviertel herrscht angeblich gähnende Leere, weil die Table Dance Bars geschlossen sind. Trauern und auf den Tischen tanzen, das passt nicht zusammen. Mir soll’s egal sein.
Nach einer halben Stunde bin ich endlich am Ziel. Mein Hotel liegt am Rande des Straßenstriches, aber es scheint, dass selbst die Nutten heute ein schwarzes, züchtiges Outfit gewählt haben. Sie drücken sich unsicher in dunklen Ecken herum und wissen nicht, ob ihre Dienste erwünscht sind. Ich ziehe mit meinem Rollkoffer an ihnen vorüber und komme mir plötzlich so weltgewandt und gleichzeitig wie zu Hause vor. Bangkok, ich bin zurück. Der König ist tot, lange lebe der König.

Das Hotel, in dem ich abgestiegen bin, wirkt auf den ersten Blick wenig komfortabel. Es ist eine Mischung aus Lagerhaus und Knast. Die Wände bestehen aus unverputztem Beton, die Atmosphäre ist kühl und abweisend, genauso liebe ich es. In einer chaotischen, asiatischen Großstadt brauche ich klare Strukturen und wenig Schnickschnack, um mich wohlzufühlen. Die Kargheit meines Zimmers gibt mir das Gefühl, alles im Griff zu haben. Hier bin ich sicher, behalte den Überblick. Außerdem brauche ich einen scharfen Kontrast zu der Welt da draußen. Ich mag es, dass man meinem Hotelzimmer nicht ansieht, in welcher Stadt ich mich aufhalte. Mag da draußen noch so viel Bangkok sein, hier drinnen will ich einen Ort vorfinden, an den ich mich zurückziehen kann, wenn mir da draußen alles zu viel wird. Als ich vor einigen Jahren in Indien unterwegs war, bin ich zu McDonalds gegangen, wenn ich die indische Wirklichkeit nicht mehr ertragen konnte: Lärm, Verkehr, Dreck und die Armut. McDonalds war neutral, ein Niemandsland, das überall gleich aussah, ein Platz, an dem ich mich auskannte, egal an welchem Ort der Welt ich mich befand. Ich erinnere mich, wie ich drinnen im Schnellrestaurant saß und mir den Big Mac Maharadscha mit Huhn und Currysoße schmecken ließ, während ich durch die Frontscheibe auf die Bettler und streunenden Kinder blickte, die vor dem Lokal auf dem Bürgersteig kauerten. Man lernt, solche Situationen auszuhalten, das Gefälle zwischen draußen und drinnen, arm und reich. Für den Moment konnte ich die Menschen nicht retten, ich konnte nur dafür sorgen, dass ich nicht abglitt in einen Zustand von Mitleid und Überforderung. Für die 30 Minuten, die ich bei McDonalds saß, bot sich mir die Gelegenheit, mich wieder ins Gleichgewicht zu bringen, um auch die nächsten Stunden unbeschadet zu überstehen. In der Kindersprache nennt man solche Räume „Freio“, der Ort, an dem es verboten ist, einen abzuschlagen. Es ist wichtig, einen solchen Ort zu haben, wenn man alleine auf Reisen ist. Dieses Hotel ist mein Freio, hier fühle ich mich sicher, weil die Welt da draußen nicht nach mir greifen kann.

Ich muss los, Hunger hat sich eingestellt – und das nicht zu knapp. Leider kommt diese Erkenntnis zu spät, mein Lieblingsrestaurant in Bangkok schließt just in dem Augenblick, an dem ich dort eintrudle. Dabei hatte ich mich gefreut, meinen ersten Abend hier zu verbringen und mir zum Auftakt der Reise ordentlich was zu gönnen. Das Essen hier schmeckt fantastisch. Theoretisch. Außerdem ist Samstag, es gibt – oder besser: gab – ein Buffet, All You Can Eat für umgerechnet 10 Dollar. Schon als ich den Flug gebucht habe, war das Teil meiner Planung: erst ankommen und dann in dieses Lokal, um mich ordentlich satt zu essen. Vor allem der Papayasalat hat es mir angetan, allein der ist es wert, wieder und immer wieder nach Bangkok zurückzukehren. Nun aber muss ich mit ansehen, wie das Personal die Reste des Buffets in riesige Schüsseln verpackt. Dabei gehört dieses Essen in meinen Bauch. Ich versuche es auf die Mitleidstour, gebe mich zerknirscht, erwähne beiläufig, dass ich den weiten Weg aus Deutschland gekommen bin, um heute hier am Buffet zu stehen und all die Köstlichkeiten genießen zu können. Insgeheim stelle ich mir vor, wie die Chefin von meinen Worten gerührt in die Küche rennt, eine stattliche Anzahl von Tupperdosen hervorkramt, um mir mein eigenes kleines Buffet zusammenzustellen. Natürlich kostenlos, geht aufs Haus, weil ich ein besonderer Gast bin. Mein Flehen erzeugt auf der anderen Seite ratlose Blicke, das Abräumen des Buffets geht ungerührt weiter. Übermüdet und enttäuscht schlendere ich über die nahe Khaosan Road, das Herzstück der Travellerszene in Bangkok. Hier, wo normalerweise das Epizentrum des Wahnsinns tobt, herrscht heute gedämpfte Stimmung, Bob Marley tönt nur auf Zimmerlautstärke. Ich selbst bin zu müde, um weiter ans Essen zu denken.
Es Zeit für den Rückweg. Ich wähle eine der wenig belebten Straßen, die mich auf dem direkten Weg zum Hotel führt. Nach kurzem Fußmarsch entdecke ich auf dem Bürgersteig einen Verkaufsstand mit Buddhafiguren. Was Primärreize angeht, funktionieren Buddhastatuen noch immer am besten bei mir. Leider entspricht die Auswahl nicht meinen Vorstellungen. Schade, ich war gerade in Kauflaune. Wenn schon nicht für den Körper gesorgt ist, verlangt es bei mir nach seelischer Nahrung. Und so ein schöner Buddha sättigt immens.
Glücklicherweise lächelt mich in diesem Moment eine junge Dame von der anderen Straßenseite an. Ganz offensichtlich will sie mir etwas zeigen. „Come, Mister!“ flüstert sie und winkt mich zu sich.
Super, denke ich. Die hat sofort kapiert, worum es geht. Wahrscheinlich verkauft sie ebenfalls Buddhafiguren, hat einen eigenen Stand. Innerlich erregt, werfe ich einen fixen Blick in ihre Richtung, kann aber nichts sehen, was von Interesse wäre. Kein Abbild des Erleuchteten, nichts dergleichen. Einfach nur eine dunkle Ecke. Ich glotze die Frau fragend an, die aber winkt mir weiter zu. „Come, Mister!“
Jetzt beginnt bei mir der Groschen zu fallen. Typisch, da legt sich die Dame ins Zeug für mich und ich kapiere wieder mal gar nichts. Die Frau hat nicht vor, mir einen Buddha zu verkaufen. Was sie im Angebot hat, ist eine andere Ware.
Mein liebes Fräulein, denke ich. Es tut mir leid, aber ich bin leider nicht Ihre Zielgruppe.
Ich lächle die Freudenspenderin an und winke ihr linkisch zu, so wie man Kindern zuwinkt, wenn man sich verabschieden möchte. Sag dem Onkel ganz lieb Tschüss!
Diese unmännliche Geste versetzt die Frau für einen kurzen Moment in eine Schockstarre, über die ich innerlich lachen muss. Die Dame scheint begriffen zu haben, dass sie bei mir an der falschen Adresse ist und ruft mir ein weitaus weniger anrüchiges „Good night“ über die Straße zu.
Beim Check-in im Hotel hatte man mich zuvor noch gewarnt. Ich wäre alleine unterwegs und hätte dennoch ein Zimmer mit Doppelbett gebucht, was denn da los sei? Ich sollte nicht auf die Idee kommen, mir jemanden mit aufs Zimmer zu nehmen, das würde eine saftige Strafzahlung nach sich ziehen.
Ich verstand die Aufregung nicht, es war nie meine Absicht gewesen, mein Bett mit jemandem zu teilen – schon gar nicht bei dieser Hitze.
Dann wurde mir klar, was die Dame an der Rezeption mir eigentlich sagen wollte. Wir kannten uns keine fünf Minuten und schon hielt die mich für einen Sextouristen. Ich versicherte ihr, dass es nicht zu nächtlichen Damenbesuchen kommen würde. Ganz bestimmt nicht. Dann schnappte ich mir den Zimmerschlüssel, verabschiedete mich und zog eine Spur der Entrüstung hinter mir her.



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Kommentare

  • Blula

    Viel gesehen, viel erlebt, viel gelacht. Dein Schreibstil ist einfach köstlich. Diesen humorvollen Reisebericht von Dir muss man einfach gelesen haben !!
    LG Ursula

  • matulr

    Wirklich ganz herrlich geschrieben, da kann ich mich Ursula nur anschliessen! Den Stress mit dem Safe kenne ich aus eigener Erfahrung und kann mir Deine Panik gut vorstellen...
    Am Rande noch ein Tipp: beschrifte Deine Bilder ordentlich, dann kommen sie beim Publikum besser an.
    LG ULI

  • NinaAngerer (RP)

    Tolle Geschichte! So mag ich es! Alles andere kann gegoogelt werden! Ich mag Deine Ironie und Wahrnehmung der Welt.
    LG Nina

  • bezi

    Ich finde diesen Bericht auch so richtig klasse und eigentlich sogar druckreif !! LG Claudia

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