Das Leben an sich ist härter als die Steine

Reisebericht

Das Leben an sich ist härter als die Steine

Reisebericht: Das Leben an sich ist härter als die Steine

Gedanken über Madagaskar und das Leben ausserhalb vom Weltgeschehen

10.11.2017

Na, mal überlegen ......

Sambava

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Ein Bericht vom Weltspiegel 'Eine Schatzinsel wird geplündert' ist der Auslöser für mein Stänkern. In dem Bericht wird groß und breit erklärt, die Ausbeutung der Insel durch die ausländischen Edelsteineinkäufer, ob es jetzt die Deutschen, Chinesen oder Händler aus Sri Lanka sind, alle beuten die Insel aus. Hier wird am Rande, ganz leise erzählt, dass der Staat und die treuen Bediensteten die Hand aufhalten. Majorität über die Einnahmen und Verteilung von Steinen. Die stylisch in Lycra gedresste Reporterin jammert über Bäume, die abgeholzt werden, die Anstrengung der Wanderung, dass die Bewohner zwar die Wälder abholzen aber nicht aufforsten ... je länger die Verfilmung, desto verbrauchter die Kritikerin...Hmmm....

Bin schon froh, dass sie nicht den Export von Gewürzen angeprangert hat, denn das ist auch eine Ausbeute der Ressourcen. Na klar ist der Vanille, Muskatnuss, Pfeffer Anbau für den Verkauf gedacht. Wie sollen die Menschen ansonsten existieren und sich selbst durchbringen? Aber, dieser Sektor blieb von der Kritik verschont.

Hatte den Eindruck, dass sie mehr über die Edelsteine gejammert hat als über folgende Tatsachen:
Was ist mit der Kinderarbeit? So auf dem Feld und im Steinbruch? Am Fluss fischen, auf dem Markt verkaufen und Säcke schleppen, Karren ziehen und nicht zur Schule gehen können?

Aus Andapa los gefahren in der ersten Reihe sitzend ( die tatsächlich für die Vazaha vorbehalten ist, aber hier gibt es eine andere Geschichte ) in einem Buschtaxi, das wesentlich bessere Zeiten gesehen hat, schaukelten wir Richtung Sambava. Wir, mein Kumpel Thorsten Arndt und ich, haben zu tun, die aus dem Cockpit hängenden Drähte nicht zu berühren und wundern uns, dass das Auto aus Deutschland stammt, es hat die grüne Umweltplakette noch an der Scheibe. Aus dem Fussraum dringt ein Gemisch aus Dieseldämpfen und Staub, meine Augen fangen schon hier zu tränen an. Auf der Ablage an der Frontscheibe liegen verschiedene Ersatzteile in unterschiedlichen Aggregatzuständen aber richtig spannend, denn ich hätte die Teile als angefangene Skulptur angesehen. Thorsten jammert über seinen gegrillten Hintern, denn er sitzt in der Mitte, zwischen mir und dem Taxifahrer, das gehört sich so. Leider ist in der Mitte der Motor, der im zweiten Gang immer mehr Hitze produziert. Der Taxifahrer hält wohl die restlichen Gänge für überflüssig. Ich sitze für die landesüblichen Verhältnisse bequem, die Tür ist nur mit Gewalt auf zu machen, daher keine Gefahr, dass ich aus dem Auto heraus kullere. Prima, es läuft!

Wir fahren über Stock und Stein, halten in jedem Dorf an, sehr disziplinierte Gäste irritieren mich, denn durch die seltsamen Weissen im Auto hat es denen die Sprache verschlagen. Keiner redet.

11 km vor Sambava, auf der rechten Seite, ist mir der Steinbruch aufgefallen. Am nächsten Tag sind wir wieder mit einem Taxi dorthin, denn ich wollte mir die Gegend noch mal in Ruhe anschauen.

Die Verhandlungen mit dem Taxifahrer haben sich gelohnt, denn er zeigt Verständnis für unsere Fragen und war der ultimative Übersetzter. Ich fragte, Thorsten übersetzte es in Französisch, der Fahrer übersetzte es auf Madagassisch und das noch mal in der umgekehrten Reihenfolge. Ich war zufrieden.

Basalt Abbaugebiet, Knochenarbeit in welcher alle Familienmitglieder involviert sind. Alle haben was zu tun und die Nahrungsmittel wurden noch im lebender Form mitgebracht oder gepflückt. Von den Ältesten bis zu Babys waren die versammelt in einem unbändigen Lärm und Staubwolken. Die Steine wurden geklopft, von großen Brocken die aus der Felswand gelöst bis zu kleinen, spitzen Kieselsteinen, von den Jüngsten produziert.

Kinder sind scheinbar sich selbst überlassen, aber bei genauer Beobachtung ist zu sehen, dass die Größeren auf die Kleinen Acht geben und die Mütter mit einem wachsamen Auge das Ganze unter Aufsicht haben. Faszinierend.

Es war ein ganz normaler Tag, Schulpflicht ist groß geschrieben und trotzdem sind da schulpflichtige Kinder bei der Arbeit. Kein Kindergarten, keine Vorschule gilt für die Kinder.

Als wir ankamen, hörte ein paar Frauen auf mit dem Steineklopfen um sich zu erkundigen, was wir dort zu suchen haben. Die Steine werden für den Strassenbau und Hausbau vorbereitet. Alles in Handarbeit.

Für uns als Beobachter war das jetzt nicht besonders anstrengend, denn jeder Schlag von dem Hammer hatte einen Erfolg an dem Stein und das verleitete mich dazu, mit viel Händegefuchtel und Hindeuten, einer Frau den Hammer aus der Hand zu nehmen und auf den Stein zu dreschen. Zielsicher was das ganze Unterfangen nicht, denn für Grobmotoriker gibt es auch Grenzen. Der erste Schlag war recht zaghaft, hab nicht viel ausgerichtet, was für Gekicher in meiner Umgebung gesorgt hat. Der zweite Schlag, etwas fester, leider noch immer nicht ausreichend um ein Splitter zu fabrizieren, aber die Auswirkungen auf den Körper: der Schlag auf den Stein hat die ganze Energie auf den Schlagarm abgeladen, dann über die Schulter bis zu der akustischen Explosion im Kopf. Ein Lärm von Gottes Gnaden, so das meine Ohren nach den drei, vier Schlägen auf den Stein nach einer Zigarettenlänge noch immer gepfiffen haben. Und die hier machen es ganzen Tag lang! Auch Kinder. Wie schauen die Langzeitschäden aus?

Für ein Kubikmeter bekommt die Familie ca. € 30.--. Für uns ist es nicht viel, für die Familien ein kleines Vermögen.

Aber, bevor ihr in Depri versinkt:
Seit Jahren hält sich hartnäckig eine Sage, wird aber immer wieder beteuert, dass es der Wahrheit entspricht:
Wenn die Fahrt mit dem Buschtaxi länger als 3 bis 4 Stunden dauert gibt es immer eine 'Pippi kely'. Kleine Pinkel-Pause. Die Damen dürfen in Sichtweite auf die rechte Seite, die Herren erleichtern sich links. In einer angeregten Unterhaltung vertieft wird nett gepinkelt. Bei so einer Pinkelpause hat ein Herr auf einen Stein gepinkelt. Die Männer pinkeln gerne auf Ziele ( deshalb haben sehr viele Urinale ein Decoelement um die Zeit zu verkürzen und damit Urin den Weg in den Ausguss findet). Dann hat er entdeckt, dass der Stein so schön glitzert. Und siehe einer an! Das war ein Rubin! Taubenei groß! Nach kurzen Begutachtung wurde von Sachkundigen erklärt, dass das der größte gefundene Rubin der letzten Zeit sein soll. Was für ein Glück! Ein Pinkel-Rubin, der die ganze Familie saniert hat!
Ich war schon zufrieden, dass keine Schlangen in Sichtweite sind und keiner aus dem Gebüsch kam.







Sambava, der Steinbruch


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Kommentare

  • Blula

    Liebe Nina!
    Hut ab und Anerkennung für diesen lesenswerten, in einem Dir eigenen Schreibstil verfassten Bericht. Da gibt es halt, egal worüber Du berichtest, zwischendurch auch immer was zu schmunzeln. Aber hier und in diesem Fall muss ich vor allem sagen.....
    Gut gestänkert über ein ernstes und Thema, über das wir alle mal -und nicht nur etwas- nachdenken sollten. Und das tue ich jetzt auch, da brauche ich jetzt gar nicht viel zu überlegen.
    Danke !!!
    LG Ursula

  • NinaAngerer (RP)

    Vielen Dank, liebe Ursula!
    LG
    Nina

  • Chrissi

    Vielen Dank für's Augenöffnen. Es passiert jeden Tag so viel auf der Welt, aber das Leben am Rande und ausserhalb des Weltgeschehens findet immer weniger Beachtung. Da kommen deine Gedanken genau richtig. Ein sehr guter und wertvoller Beitrag von dir.
    LG Christel

  • NinaAngerer (RP)

    Vielen Dank, Christel!

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