Annapurna Circuit - Ein Mythos lebt weiter

Reisebericht

Annapurna Circuit - Ein Mythos lebt weiter

.... und wieder Annapurna

Weihnachten 1987
Ich sitze in meinen Schlafsack gehüllt, mit dicker Daunenjacke, Wollmütze und Handschuhen bekleidet im Aufenthaltsraum einer Hütte in Muktinath am Annapurna Trail. Meine Suppe ist auf dem kurzen Weg von der raucherfüllten Küche bis zu meinem Tisch schon recht abgekühlt, und ich bin über den heißen Tee aus der Thermoskanne froh. Auf meine Frage nach der Toilette grinst der Besitzer, zeigt mit dem Finger in Richtung Fenster und antwortet: „Everywhere“; also überall.

Wenn ich heute diese kleine Episode den Hüttenbesitzern im Annapurnagebiet erzähle, lachen sie, denn derartige Dinge sind schon lange Geschichte. In vielen Unterkünften findet man Zimmer mit eigenem gefliesten Bad mit Toilette, und aus den, oft mit Gas betriebenen, Duschen fließt heißes Wasser von morgens bis abends.

Seit dreißig Jahren besuche ich dieses Trekkinggebiet regelmäßig, und immer wieder bin ich erstaunt über Veränderungen: Wasserleitungen, Strom, Mobilfunknetz, Internet, Geldautomaten und Straßen ….
Ende September 2017 mache ich mich wieder einmal auf den Weg.

In der drückenden Schwüle der abklingenden Monsunzeit habe ich weder Lust auf eine lange Fahrt in einem der überfüllten Busse noch auf eine Wanderung unterhalb der 3000m Grenze, und ich beschließe, mir eine Reise in einem klimatisierten Taxi nach Besisahar, dem ursprünglichen Ausgangspunkt des Annapurna Circuits, zu gönnen und von dort aus per Jeep bis hinter Chame (2.600m) zu fahren.

Die erste große Überraschung erlebe ich in Besisahar. Es wimmelt nur so von Touristen. Etliche Hotels sind ausgebucht, aber zu guter Letzt finde ich ein freies Zimmer, von dessen Balkon ich das quirlige Treiben in der Hauptstraße verfolgen kann. Der Hotelbesitzer verspricht, mir am folgenden Morgen dabei zu helfen, einen Jeep zu finden. „ Das wird zwar nicht einfach werden, da Reisegruppen mehrere Fahrzeuge für sich bestellt haben, aber das eine oder andere Fahrzeug hat sicherlich noch einen freien Platz für dich“, erklärt er mir zuversichtlich.

Bereits um 6 Uhr ist vor meinem Hotel viel los. Jeeps werden mit Waren beladen, Menschen zwängen sich neben und hinter die Fahrer, und ich muss mit ansehen, wie ein Fahrzeug nach dem anderen abfährt; ohne mich. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es ist schon fast 9 Uhr, als mir der Hotelbesitzer freudestrahlend mitteilt, dass ich im nächsten Jeep mitfahren kann.
„Hurra“, denke ich, aber meine Freude lässt schnell nach, als ich 16 Passagiere zähle und das Gepäck sehe. „Wie soll das denn gehen?“ schießt es mir durch den Kopf, aber nach 20 Nepal-Reisen weiss ich, dass das geht.



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Fahrt in Richtung Manang

Selbst in Nepal gibt es Regelungen was das zulässige Gesamtgewicht eines Fahrzeugs betrifft, und mit 17 Personen (inkl. Fahrer) und Gepäck, das zu einem hohen Turm auf dem Dach aufgestapelt ist, liegt man eindeutig über der Grenze. Um den Polizeiposten in Besisahar passieren zu können, fährt der Jeep nur mit dem Gepäck ab, und wir spazieren gemütlich, als Wanderer „getarnt“, an der Kontrolle vorbei. Nach der ersten Kurve sind wir außer Sichtweite und dürfen zusteigen.

Die Straße ist mehr als schlecht, und es dauert nicht lange bis ich meinen Entschluss, mit dem Jeep bis Chame zu fahren, bedauere. Als einziger Frau hat man mir zwar das Privileg zugestanden, auf der Ladefläche sitzen zu können, aber Schlaglöcher und mittelgroße Felsbrocken lassen unser Fahrzeug wie einen missmutigen Ziegenbock auf und ab springen, und mein Rucksack, den ich als Sitz verwende, ist bei weitem nicht so komfortabel wie ich dachte. Meinen neun nepalesischen Reisegefährten, die sich stehend um mich auf der Ladefläche drängen, scheint nichts die gute Laune verderben zu können. Sie singen und lachen, scherzen und machen ununterbrochen Selfies. Es ist ihre erste Tour in die Bergwelt ihrer Heimat; vier Tage Abenteuer.
Während sich unser Jeep durch tiefe Schlammlöcher und über felsige Passagen bergauf quält, denke ich an die moderne Form des Nepal-Tourismus, wie ich sie vor einigen Jahren in meinem Buch über den Great Himalaya Trail vorhergesagt hatte; ohne zu ahnen, dass meine Phantasien bald zur Realität würden. Wir fahren an Dörfern vorbei, die früher einmal von den vorbeikommenden und rastenden Trekkern gut leben konnten. Meine Reisegefährten winken fröhlich lachend vom Jeep herunter. Die Besitzer der zahlreichen Restaurants warten am Straßenrand mit langen Gesichtern auf Kundschaft; vergeblich. An Aussichtspunkten und Wasserfällen haben die Dorfbewohner mehr Glück, denn hier halten fast alle Fahrzeuge an, damit man fotografieren kann, und meist bleiben noch 5 Minuten für eine Tasse Tee. Jeder Stopp bedeutet für mich eine kurze Erholungspause von der endlosen Rüttelei, und ich springe von der Ladefläche, um meine Knochen neu anzuordnen, aber leider sind die Pausen für meinen Geschmack nicht lang genug.
Kurz nach Einbruch der Dunkelheit halte ich es nicht mehr aus. „Ich muss hier runter“, rufe ich laut. „Das geht nicht. Gleich kommt ein Wald. Du kannst da nicht alleine gehen“, meint der Fahrer. Aber mein Entschluss ist gefasst. Wald und Dunkelheit --- mir egal; ich springe mit meinem Rucksack vom Jeep und laufe auf der vom Mond erhellten Straße durch den Wald bis kurz vor Pisang. Endlich Stille.



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Hochroute nach Manang

Aus langjähriger Erfahrung weiss ich, dass ich kaum Akklimatisierungs-Probleme habe, aber die nächsten zwei Tage über Ghyaru (3670m) und Ngawal nach Manang (3540m) lasse ich mir viel Zeit; Zeit zum Betrachten und Bewundern, Genießen und Staunen.

Die Straße, die heute von Besisahar bis Kangsar verläuft, folgt der Trasse des alten Fußweges, und viele Trekker der ersten Generation, bedauern das Verschwinden (die Zerstörung) des Annapurna Trails. Es stimmt, dass der alte Pfad nicht mehr vorhanden ist, aber er gibt Möglichkeiten das Gehen auf der Straße zu vermeiden. Vor mehreren Jahren hatte sich Andrees de Ruiter mit seinem nepalesischen Freund Prem Rai auf Erkundungstour begeben, um andere vorhandene Steige zu einer Alternativ-Route zusammenzufügen und zu markieren. 2013 erschien der neue Führer.



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Manang - Modern times

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In Manang werde ich wieder mit modernen Zeiten konfrontiert. Jeeps parken am Dorfeingang, vor den Hotels stehen Motorräder, es gibt einige "Kinos", Cafés bieten kostenloses WIFI an und es gibt Lavazza Cappuccino. Auch hier muss ich einige Zeit nach einer freien Unterkunft suchen, denn mein Lieblingshotel ist vollständig ausgebucht; ebenso wie viele andere. Auffällig ist die enorme Anzahl nepalesischer Touristen. Noch vor wenigen Jahren traf man selten auf Einheimische, die zu einer Trekkingtour aufbrachen, aber hier sind eindeutig mehr Nepalesen als Ausländer.



1. Abstecher - Ice Lake

Ice Lake

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Da ich genügend Zeit habe, beschließe ich Abstecher zum Ice Lake (4600m) und Tilicho Lake (4900m) zu machen;

Kaum habe ich von Braga aus mit dem steilen 1200 m-Aufstieg zum Ice Lake begonnen, hole ich vier Nepalesen ein. Jeder, der schon einmal im Himalaya unterwegs war weiss, dass die Chance einen Einheimischen einzuholenund zu überholen gleich Null ist, aber diese kleine Gruppe ist noch langsamer als ich. Sie erzählen mir, dass sie in Kathmandu leben und nun zu ihrer ersten Bergtour aufbrechen. Lachend deutet einer von ihnen auf seinen runden Bauch und meint, dass er immer nur vor dem Computer sitzt, aber das soll sich nun ändern. Einige Zeit gehen wir gemeinsam, dann lege ich etwas Tempo zu und lasse sie hinter mir. Ich denke an den Trubel im Tal und genieße die Ruhe auf dem Weg zum Ice Lake.



2. Abstecher - Tilicho Lake

Zurück in Manang plane ich, schon am nächsten Morgen zum Tilicho Lake aufzubrechen.
„Wie sieht es mit Übernachtungsmöglichkeiten im Tilicho Lake Base Camp aus?“ frage ich den Hotelbesitzer. „Alles voll“, meint er. „Du siehst ja selbst, wie viele Menschen hier sind. Und alle wollen hinauf zum See“.

Ich studiere die Karte, versuche Alternativen für die nächste Übernachtung zu finden, rechne und rechne. Die Rettung kommt in Form eines deutschen Ehepaares, die sich über ihren Träger ein Zimmer reservieren lassen konnten. Sie haben zwar bereits einem weiteren Ehepaar einen Platz im Zimmer versprochen, aber als ich meine: „Ich kann auf dem Fußboden schlafen. Solange ich ein Dach über dem Kopf habe, ist alles klar“, kann ich mich ihnen anschließen. Am frühen Morgen geht es los.

Obwohl der Höhenunterschied zwischen Manang und dem Base Camp nur etwa 500 Höhenmeter beträgt, werden daraus - mit dem Auf und Ab - etwa 900 m. Darüber hinaus ist es ein langer Weg auf dem es Erdrutschgebiete zu überqueren gilt. Das kostet nicht nur Zeit sondern auch Nerven. Wie alle anderen Trekker, die die Strecke an eine Tag gehen, bin ich froh, als die Hütten des Base Camps hinter einer Wegbiegung auftauchen.
Ich sehe jedoch nicht nur die Gebäude, die etwa 120 Betten haben, sondern auch etwa 300 – 350 Wanderer ( ca. 90 % Nepalesen), die hier übernachten wollen. Ich frage mich nur WO?
Die Zauberformel heißt optimale Raumausnutzung.



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Tilicho Lake

Wir sind schließlich 5 Touristen in einem 2-Bettzimmer; Ines und Heinz, die die Übernachtung gebucht hatten, schlafen in den Betten, Roland und Lizzy teilen sich eine Matratze, die zwischen den Betten liegt, und ich liege auf dem Boden, und jeder, der zur Toilette will, muss über mich klettern. In den anderen Zimmern macht man es nach Möglichkeit ebenso. Das reicht aber nicht. Viele übernachten im Speiseraum, einige schlafen draußen unter Plastikplanen; ist ja nur für eine Nacht.

Die Angestellten in der Küche arbeiten auf Hochtouren, um die Menschen zu versorgen; alles klappt wie am Schnürchen. Keiner wird vergessen oder bekommt das falsche Essen. Ich bin begeistert.

Bereits kurz nach 2 Uhr nachts, brechen die ersten Trekker in Richtung See auf, aber ich konnte mich nie für das frühe Aufstehen begeistern und schlafe bis 4 Uhr weiter. Sonnenaufgang – hin oder her.

Eine schier endlose Lichterkette bewegt sich im Schneckentempo die steilen Serpentinen aufwärts, und je höher man kommt, umso mehr Leute sitzen am Wegrand; erschöpft und nach Atem ringend. Vielen ist anzusehen, dass die Höhe ihren Tribut fordert, aber egal wen ich frage ob alles in Ordnung sei, bekomme ich als Antwort:“ I`m fine, thanks“. Ich habe meine Zweifel. Mittlerweile hatten mir einige Nepalesen erzählt, dass sie die Tour zum Tilicho Lake in 4 Tagen machen.
1. Tag: Anreise bis Kangsar (3700m) per Jeep
2. Tag: Trek bis Tilicho Base Camp
3. Tag: Aufstieg Tilicho Lake (4900m) und zurück bis Kangsar
4. Tag: Heimreise per Jeep
Die Gefahr höhenkrank zu werden wird entweder ignoriert, oder man ist sich ihr nicht bewusst.
Als das Tageslicht die Bergwelt erhellt, wird das Ausmaß des „Wahnsinns“ noch deutlicher. Etliche Menschen,die ich beim Aufstieg treffe, sind so erschöpft, dass sie sich kaum auf den Beinen halten können.

Nach etwa 3 Stunden erreiche ich den See, und obwohl die beste Zeit zum Fotografieren schon vorbei ist, kann mir nichts und niemand die gute Laune verderben, und ich mache zahlreiche Aufnahmen. Das tiefe Blaugrün des Wassers begeistert mich ebenso, wie das strahlende Weiss der schneebedeckten Gipfel. Ich versuche mir vorzustellen, wie es wohl sein mag, hier oben eine Woche lang im Zelt zu leben, und ich denke an Bimal, den Bruder einer nepalesischen Freundin, der hier mit dem Mountainbike unterwegs war. Was hat wohl Maurice Herzog empfunden, als er im Rahmen der Annapurna-Erstbesteigung den See entdeckte? Meine Gedanken schweifen durch Raum und Zeit, und ich vergesse für einen Augenblick, dass es neben mir nur so von Menschen wimmelt. Aber das Klicken von Kameras und Handys und das laute Lachen und Rufen der Touristen rufen mich schnell in das Hier und Jetzt zurück. Ich packe meine Sachen ein und wandere zurück nach Manang.



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Ruhetag Manang

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Bevor ich zum Thorong La, dem Höhepunkt des Annapurna Circuits, aufbreche, gönne ich mir einen wirklichen Ruhetag. Zwischen mehreren Café-Besuchen spaziere ich durch die Seiten- und Hintergassen des Ortes. Hier stehen noch fast alle alten Häuser mit ihren kunstvoll bemalten und geschnitzten Fensterrahmen. Wie in alten Zeiten lagert auf den Dächern das Brennholz, und Baumstämme, in die man Kerben gehackt hat, dienen als Treppe in das obere Stockwerk. Einige Häuser sind wie Reihenhäuser aneinandergebaut, und der Weg entlang der Gebäude ist sauber, gepflegt und es blühen Blumen neben den Hauseingängen. Ich hoffe, dass man hier nicht die gleichen Fehler macht wie z.B. im Everest-Gebiet, wo moderne Bauten errichtet wurden und der ursprüngliche Charakter der Ortschaften vollkommen zerstört ist.



In Richtung Thorong La

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Nach meinen 2 Akklimatisierungstouren ist der Anstieg zum Pass fast ein Kinderspiel. Am frühen Nachmittag erreiche ich Thorong Phedi und freue mich schon auf das Essen. Vor 5 Jahren war ich in der Monsunzeit der einzige Gast gewesen, und man hatte mich königlich bewirtet. Nun ist die Lodge voller Touristen, und man nimmt keinerlei Notiz von mir. Mit einer Mischung aus Enttäuschung und Ärger setze ich meine Wanderung in Richtung Thorong Phedi High Camp fort.
Auch dort war ich bei meiner letzten Tour alleine. Heute ist das anders. Die Hütte ist überfüllt, als ich 15.30 ankomme. Innerhalb von 10 Sekunden fasse ich einen Entschluss: weiter über den Pass. Es ist noch lange genug hell, um bei Tageslicht den Aufstieg zu schaffen, und es wird bei Vollmond und mit Stirnlampe kein Problem sein bis zu den ersten Hotels auf der anderen Seite abzusteigen; den Weg bin ich mehrmals gegangen. Ich kaufe Wasser und eine Packung Kekse und gehe los.



Ein neuer Plan .... etwas unfreiwillig

Wirklich Spaß macht es nicht mehr, aber übervolle Übernachtungsplätze machen auch keinen Spaß. Langsam, in Gedanken vertieft, trotte ich vor mich hin und übersehe fast den kleinen Tea Shop. Obwohl mir die Zeit davonläuft, bleibe ich stehen, bestelle einen Tee und unterhalte mich mit dem Besitzer. „Bleib doch hier“, sagt er. „Wir haben Platz genug, und der Japaner, der hier übernachten wird, freut sich über Gesellschaft“. Das Angebot ist verlockend, und ich stimme schnell zu, obwohl er mir mitteilt, dass er nur Tee und eine Nudelsuppe machen kann; nicht viel nach einem langen Tag.

Die Hütte ist spartanisch eingerichtet. Einige Holzbänke und Tische sind der einzige Luxus, der mich hier erwartet. Kaum ist die Sonne draußen untergegangen wird es eiskalt in meiner Unterkunft, und wie vor 30 Jahren sitze ich beim Essen im Schlafsack; mit Daunenjacke und Wollmütze. Später am Abend kommen aus dem Dunkel der Nacht zwei Nepalesen zum Kartenspielen. Ihre Stimmen und ihr leises Lachen sind meine Einschlafmusik.



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Thorong La

Um 5 Uhr morgens ist die Nacht zu Ende. Jemand klopft an die Tür und frägt nach Tee. Ich rolle mich aus dem Schlafsack, beginne zu packen und werfe einen Blick vor die Tür. Fünf Mountainbiker und etwa 20 Trekker stehen erwartungsvoll vor dem Tea Shop und wollen versorgt werden. Nichts wie los.

Im diffusen Licht des anbrechenden Tages sehe ich eine lange Menschenschlange vor mir, die sich auf dem Weg zum Pass befindet. Ich werde unweigerlich an den Anstieg zum Tilicho Lake erinnert. Atemlose und teils sehr erschöpfte Touristen quälen sich im Schneckentempo bergauf. Kaum einer von ihnen hat einen freudigen Gesichtsausdruck oder scheint die Bergwelt zu genießen. Viele von ihnen haben offensichtlich nur einen Gedanken: Thorong La (5416m)

Auch auf dieser Wanderung habe ich großes Glück mit dem Wetter. Strahlender Sonnenschein und hervorragende Sichtverhältnisse begleiten mich auf den letzten 300 Höhenmetern zur Passhöhe, wo mich das Flattern und Knattern der Gebetsfahnen begrüßt. Hier werden Kameras und Handys ausgepackt, und man fotografiert was das Zeug hält. Selfies aus allen erdenklichen Winkeln sind der absolute Hit, und natürlich brauche auch ich mein obligatorisches Passfoto.



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Auf de Weg nach Muktinath

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Der Abstieg wird für alle zügigen Wanderer und Mountainbiker schnell zur Qual, denn der Weg ist oftmals zu schmal zum Überholen. Besser wird es bei der ersten Ansammlung von Terrassen-Restaurants, wo man sich unter bunten Sonnenschirmen ein kaltes Bier und etwas zum Essen gönnen kann. Ich habe fast den Eindruck die Einzige zu sein, die dieser Verlockung widersteht und hier nicht einkehrt, aber Muktinath ist nicht mehr weit.



Alter Pilgerort mit neuem Gesicht

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Der Pilgerort hat sich seit der Fertigstellung der Straße 2009 sehr verändert. Man könnte auch sagen, dass Muktinath sein Gesicht verloren hat. Früher begegnete man Pilgern, die wochen- oder sogar monatelang zu Fuß unterwegs waren, um in der Lhakang Gompa das aus einer Erdspalte kommende „brennende“ Wasser, das Erdgas enthält, zu sehen. Heute reist man per Bus, Jeep und Motorrad an, steigt am Parkplatz aus (oder ab) und bewältigt die letzten Höhenmeter zur Tempelanlage auf einem Pferd sitzend; gehen ist von gestern. Auf dem Weg durch den Ort begegnen mir perfekt geschminkte und gestylte Pilgerinnen, mit coolen Sonnenbrillen und Lederjacken bekleidete junge Pilger und übergewichtige, schwitzende ältere Pilger. Es gibt Souvenirshops und Verkaufsstände mit Handarbeiten, zahlreiche Restaurants und Hotels. Irgendwie erinnert es mich an Lourdes und Altötting.



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Jharkot - Oase der Ruhe

Meine spätes Mittagessen verlege ich nach Jharkot, das über einen beschaulichen Wanderweg (mit Rastbänken) in 30 Minuten zu erreichen ist. Die Ortschaft hat viel von ihrem ursprünglichen Charme erhalten, da die Nähe zu dem berühmten Pilgerort niemanden dazu veranlasst hier stehenzubleiben. Es sind nur einige Wanderer, die sich hierher verirren und die Stille und Ruhe genießen und den Bewohnern bei der Verrichtung ihrer Alltagsarbeiten zusehen wollen.

Nach meiner ausgiebigen Pause muss ich eine Entscheidung treffen. Entweder muss ich hier übernachten, um am nächsten Tag meine Wanderung fern der Autostraße auf der gegenüberliegenden Seite des Tales fortzusetzen oder noch eine Weile zwischen Feldern bergab zu gehen und die letzten 3 Kilometer auf der Straße nach Kagbeni zu laufen. Ich entscheide mich für Kagbeni.



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Teerstraße

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Im Sommer 2017 war die Strasse noch nicht geteert, und ich bin erstaunt und begeistert, über das Tempo, mit dem dieser Streckenabschnitt fertiggestellt wurde. Weniger begeistert bin ich über die Tatsache, dass hunderte von Teerfässern den Wegrand „zieren“. Ob die jemals abtransportiert werden? Oder wartet man, bis der Zahn der Zeit, also der Rost, sie vernichtet?

Kurz nach Einbruch der Dunkelheit erreiche ich Kagbeni, und meine Freude ist groß, als ich höre, dass in meinem Lieblingshotel mein Lieblingszimmer mit Panoramafenster und Blick auf den Ort. noch frei ist. Das nenne ich Glück!



Kagbeni

Kagbeni war ursprünglich eine Festungsanlage, die das Königreich Lho (heute als Upper Mustang bekannt) gegen Eindringlinge aus dem Süden beschützen sollte. Man nimmt an, dass einige Häuser 600 Jahre alt seien, und es bleibt zu hoffen, dass dieses Kulturerbe nicht dem Bauwahn neureicher Nepalesen zum Opfer fällt.
Leider war das alte Kloster wegen Unterspülungen durch den Fluss einsturzgefährdet und man hat vor einiger Zeit mit dem Neubau begonnen. Wie bei vielen Projekten, gibt es begeisterte und kritische Stimmen. Prunk und Pracht des neuen Gebäudes bilden einen starken Kontrast zu dem einfachen, alten Kloster und mancher spricht von Disney Land. Aber das ist Ansichtssache, und jeder muss für sich entscheiden.



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Lohnt es sich noch?

Für mich ist Kagbeni Endstation, da die 3000 m Grenze unterschritten ist, und mir wieder die Wärme zu schaffen macht.
2014 war ich einen Großteil der Strecke in entgegengesetzter Richtung gewandert. Auch hier hat die Straße ihre Spuren hinterlassen, aber auch in dieser Region gibt es Alternativsteige, die es einem ermöglichen, den Autos und Bussen aus dem Weg zu gehen.
Wenn man (so wie ich) das grosse Glück hatte, Nepal vor 30 Jahren erlebt haben zu können, vermisst man heute die Entdecker-Komponente, die Beschaulichkeit und Stille,. Abenteurer sind hier am falschen Platz.
Aber die hier lebenden Menschen haben ein Recht auf verbesserte und erleichterte Lebensumstände, und die Berge sind noch so, wie vor Urzeiten.
Jeder muss für sich selbst entscheiden, was für ihn/sie wichtig ist.

Ich fahre mit einem Jeep nach Jomsom und von dort mit dem Direktbus nach Kathmandu.


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Kommentare

  • Blula

    Dein neuer Nepal-Bericht hat mich wiederum begeistert. Es war für mich erneut ein Leseerlebnis, nicht zuletzt auch deshalb, weil Du es einfach verstanden hast, diese Treckingtour so überaus lebendig und ohne Schönfärberei zu schildern.
    Ich kann mir denken, dass Du froh bist, Nepal bereits vor 30 Jahren kennengelernt zu haben, und auch froh, die Strecke schon damals einmal gegangen zu sein. Leider, und so ist es wohl überall auf der Welt, hat sich vieles verändert, nicht immer zum Positiven, was auch immer man darunter verstanden wissen will. So ist es mir auch schon oft ergangen auf meinen Reisen. Es ist so, wie Du es abschließend beschreibst, man vermisst heute da und dort einfach die Entdecker-Komponente, die Beschaulichkeit und Stille, die es früher einfach noch gab. Gut, dass die herrliche Landschaft Nepals immer die gleiche bleiben wird. Ich bin mir deshalb sicher, dass Du nicht das letzte Mal dort gewesen bist.
    Danke für diesen ausgezeichneten, ehrlichen Bericht und das gute Bildmaterial dazu.
    LG Ursula

  • mamaildi

    Danke Ursula fürs Aufmerksammachen auf diesen hervorragenden Bericht. In den letzten 5 Jahren war ich zweimal dort und hatte jedesmal dieselben beklemmenden Eindrücke. Man ist wirklich hin und her gerissen zwischen den romantischen Erinnerungen aus den Anfangszeiten des Trekkings hier und den Errungenschaften, die die Straße der einheimischen Bevölkerung zweifelsohne bringt (von Gütern des täglichen Lebens, die inzwischen auch in Nepal unverzichtbar sind Nahrung, Hygiene, etc. bis zu dem Gefühl der Sicherheit, bei medizinischen Notfällen tatsächlich Hilfe erreichen zu können). Die alternativen Wege von Andrees de Ruiter sind Gold wert, denn die Landschaft selber hat ja nichts eingebüßt von ihrer irrsinnigen Schönheit. Und gerade der Weg von Muktinath hinunter auf der nördlichen Talseite, der ja seit 2011 freigegeben ist, führt durch nach wie vor archaische Dörfer - unbedingt dort gehen!

    Vielen Dank für diesen wertvollen Bericht!
    Ildiko

  • astrid

    Vielen Dank für diesen interessanten Bericht. Ich würde wohl nichts mehr wiedererkennen - ich war 1985 und '95 dort. Bei uns ist die Zeit nicht stehen geblieben, warum sollte sie in Nepal stehen bleiben?
    LG Astrid

  • Chrissi

    Ich war noch nie in Nepal und werde wohl auch nie dorthin kommen. Aber gerade deshalb hat dieser wirklich erstklassige Bericht auch mein Interesse geweckt. Ich konnte meinen Horizont wieder um ein großes Stück erweitern. Solche Berichte sind sehr wertvoll. Vielen Dank.
    LG Christel

  • Wolfgang122

    Sehr schöner Reisebericht! Wir waren 2010 mit unserem damals 12jährigen Sohn ab Besisahar nach Jomoson unterwegs, als auf der gegenüberliegenden Talseite die Straße gebaut wurde. Wenn ich den Bericht lese, dann bin ich sehr froh, dass wir damals die Tour noch mit wenig anderen Trekkern genießen durften. Wir werden im März ins Gokyo-Tal aufbrechen und ich bin schon gespannt, wie sich dort alles verändert hat.
    LG Wolfgang

  • yunnanfoto

    Immer wenn ich solche Berichte lese bin ich heilfroh dass ich 1982 von Pokhara nach Muktinath und zurück und dann noch mal 1987 die gesamte Strecke rund um den Annapurna gelaufen bin, nicht mit einer Gruppe sondern nur ich und ein Freund, wir hatten viel Zeit und es waren unvergessliche Trekkings. Nein, heute würde mich da niemand mehr hinkriegen, ich möchte alles so in Erinnerung behalten wie ich es damals erlebt habe.
    LG, Herbert

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