Israel, Palästina, Jordanien

Reisebericht

Israel, Palästina, Jordanien

Reisebericht: Israel, Palästina, Jordanien

Ein Augenschein an Orten, von denen man fast täglich in den Medien hört, die man sich aber nur schwer vorstellen kann. Das Fazit war eine abwechslungsreiche Reise durch urbane bis menschenleere Landschaften mit zahlreichen religiösen und profanen Sehenswürdigkeiten sowie sympathischen bis abstrusen Begegnungen.

30.12.17 Jerusalem

Altstadt von Jerusalem

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Nach knapp vier Stunden Flug landen wir in Tel Aviv. Die Sonne strahlt durch die grossen Fenster des Flughafens. Wir erwarten jetzt eigentlich ein Martyrium aus Sicherheitskontrollen. Im Vergleich etwa zu den USA fällt die Einreise aber angenehm unkompliziert aus. Dazu ist alles bestens organisiert und läuft schnell ab. Anstatt einem Stempel erhält man einen Einleger mit Foto für den Pass. Aus der heimischen Winterkälte kommend wirken die über 20°C etwas verwirrend, als wir aus dem Flughafengebäude treten.

Es ist Sabbat und selbst vom Flughafen fährt kein öffentlicher Verkehr nach Jerusalem. Die Sammeltaxis stehen aber direkt vor dem Ausgang bereit. Freundlich werden wir in einen der 15-Plätzer gelotst. Ein paar Minuten später quetscht sich die letzte Passagierin zu uns auf die Rückbank und es kann losgehen. Die Strassen sind sehr gut ausgebaut, der allgemeine Fahrstil etwas wirr, aber erträglich. Dennoch beobachte ich das Geschehen genau, sitze ich doch schon bald selbst am Steuer. Ich stelle fest: Die Strassenschilder sind auf Hebräisch, Arabisch und Englisch angeschrieben (in dieser Reihenfolge) und in fast idiotensicherer Anzahl vorhanden. Das Bisschen rechts Überholen und die Hupe des Hintermannes als Ersatz für den eigenen Blinker wird sich mit entsprechender Aufmerksamkeit ertragen lassen. Die Landschaft ist grüner als erwartet. Der ein oder andere Wald wuchert auf und zwischen dem gelben Gestein. Ein Bisschen fühle ich mich ans nahe Zypern erinnert.
Die Einfahrt in Jerusalem ist bis auf die Verteilung der Fahrgäste recht unspektakulär. Einige der Touristen scheinen Angst zu haben irgendwo im Nirgendwo abgesetzt zu werden. Einer fülligen Dame wird durch den Chauffeur kurzerhand ein einheimischer Fahrgast als Betreuer bis zum Hotel mitgegeben. Gezahlt wird bar. Ein paar Meter später betreten auch wir eine Seitenstrasse und folgen dem Zeigefinger des Fahrers direkt zu unserem Hotel. Wie erwartet: Tote Hose, weil Sabbat. Kneipen und Geschäfte sind geschlossen. Auf der Strasse streunen hauptsächlich ein paar Katzen zwischen den geparkten Autos herum.

Das Hotel ist keine Wucht, aber zentral und zweckdienlich. Es liegt im israelischen, modernen Teil der Stadt. Wir beziehen unser Zimmer und starten kurz darauf unsere erste Erkundungstour. Der erste Eindruck ist auch hier anders als erwartet. Man könnte auch in Südspanien oder eben Zypern sein. Es gibt zahlreiche Kneipen und Restaurants an der Hauptstrasse mit den Tramschienen, auf denen sabbathalber die Leute flanieren, weil bis zum Anbruch der Nacht hier mit Sicherheit kein Tram fährt.

Wir spazieren in Richtung Altstadt und sehen schon bald die eindrücklichen Stadtmauern aufragen. Touristen, orthodoxe und nicht so orthodoxe Juden, verstrahlt dreinschauende Pilger, Frauen in Kopftuch und überhaupt eine bunte Menschenmischung begegnet uns. Die Altstadt wirkt hübsch als wir durch das Jaffa-Tor schreiten. Eine Karte haben wir nicht mitgenommen und gehen einfach aufgrund unseres Ausgangsortes davon aus, dass dies nun der israelische Teil der Altstadt ist. In den engen Gässchen mit den zahllosen Läden herrscht reger Betrieb. Wir realisieren, dass wir mittlerweile im arabischen Teil gelandet sein müssen. Eigentlich hätten wir, vor allem dank des jüngsten ad Hoc Weltpolitikentscheids von Präsident Trump, Checkpoints, Befragungen, Metalldetektoren etc. erwartet. Aber alles ist ganz normal und entspannt. Wir realisieren schnell, dass die Quartiere eigentlich fliessend ineinander übergehen. Auf der Suche nach dem armenischen Viertel irren wir im Labyrinth aus Gässchen herum, in denen sich Berge von Kruzifixen, Menora, Kippot (Mrz. Von Kippa) und Gebetshörner zwischen Halal-Metzgereien, kleinen Aufgängen zu Moscheen und Süssigkeitenläden türmen. Durch puren Zufall landen wir bei der Klagemauer. Hier gibt es dann doch endlich eine Sicherheitskontrolle. Scherzende Beamte fordern zum Taschenleeren mit anschliessendem Jochgang durch den Metalldetektor auf. Es ist dunkel geworden und eine Schar orthodoxer Juden zitiert am Fusse der Treppe auf dem, im Verhältnis zu den engen Gassen überraschend weitläufigen Platz aus der Thora. Ordentlich geschlechtsgetrennt drängt man sich an die doch recht unspektakulär anzuschauende Steinmauer. Wenn man es nicht besser wüsste, man würde sich nicht an einem für viele Menschen derart bedeutenden Ort wähnen. Dem religiösen Treiben schauen wir eine Weile eher ein wenig belustigt zu und verziehen uns durch einen schachtartigen Gang und eine weniger pompöse Sicherheitsschranke wieder ins bunte Treiben der Souks, die einerseits langsam zu schliessen und sich gleichzeitig zu füllen scheinen. Die Müllabfuhr auf der israelischen Seite scheint besser organisiert und wir merken, dass man sich anhand der Abfallmenge auf der Strasse recht gut über den Stadtteil in dem man sich gerade befindet orientieren kann.

Wir sind sehr positiv überrascht, aber auch durstig. Also verziehen wir uns in die mittlerweile wieder zum Leben erwachte Neustadt. In einem gemütlichen Pub setzen wir uns im Keller an den Tresen. Hier läuft CCR, das israelische Bier schmeckt hervorragend und wenn überhaupt wähnt man sich in einem jüdischen Quartier einer europäischen Stadt, aber nicht in der Welthochburg des Monotheismus. Es geht angenehm weltlich zu und her.

Anschliessend besuchen wir ein kleines jüdisches Lokal. Die Tische und Stühle quellen aus den kleinen Räumlichkeiten auf die Strasse. Es herrschen noch ungefähr 10°C, aber das scheint hier kein Grund für ein übermässiges Angebot an geschlossenen, beheizten Räumen zu sein. Der Kellner im Fleecepulli weist uns ein kleines Tischchen zu. Wir bestellen israelischen Wein, Fladenbrot mit Dips, eine Linsen- und eine saure Suppe mit Weinblättern und Knödeln und als Hauptgang Lammköfte mit Salat. Das Essen ist viel besser, als es der etwas improvisiert wirkende Laden hätte erwarten lassen.

Auf einen Absacker verirren wir uns noch in eine Kaschemme die eine grandiose Metalbar abgegeben hätte: Kerkeratmosphäre, Gitter vor den Fenstern, Mobiliar aus abgewetztem dunklem Holz. Es plärrt aber irgendein belangloser Pseudo-Hip-Hop mit viel „Girl, butts, weed“ aus den Boxen. Der Barkeeper der aussieht wie ein neunzehnjähriger Hartz IV Empfänger aus Marzahn raucht mehr als er mixt. Als wir nach einem Aschenbecher fragen, biegt er uns einen Bierdeckel zurecht. Das liegt aber nicht etwa am schlechten Service: Sekunden später kommt der Türsteher des Etablissements fuchtelnd auf mich zu. Ich mache zwei Schritte nach draussen und meine entschuldigend, dass ich nicht gewusst habe, dass man drinnen nicht rauchen dürfe – der meint nononono, Police!“. Ich verstehe. Verboten schon, aber nur wenn einer guckt.

Selten haben wir an einem ersten Tag so viele unterschiedliche Eindrücke aufgeschnappt. Wir beschliessen uns also für den morgigen Tag erst einmal auszuruhen. Immerhin sieht es ganz so aus, als würde hier durchaus Neujahr gefeiert.



Altstadt von Jerusalem



31.12.2017 Jerusalem

Stadtmauer

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Es wird dann doch nicht ganz so früh. Gut ausgeschlafen machen wir uns wiederum auf in Richtung Altstadt. Wir landen erst einmal in einem Café an den Tramgeleisen an der Hauptstrasse der Neustadt. Der grosse Americano wird direkt im Bierhumpen serviert. Gestärkt fädeln wir durch eines der Tore in die Altstadt ein und im muslimischen Teil der Altstadt, trudeln durch die Souks und werden im palästinensischen Ostteil der Neustadt durch das Damaskustor wieder herausgespült. Wir kommen am Grab von Maria am Fusse des Ölbergs vorbei, über dem griechische und armenische Fahnen klarmachen, wer hier das Heiligtum verwaltet. Überhaupt will in Jerusalem jedes religiöse Grüppchen unbedingt mitmischen, was bisweilen fast schon ins Lächerliche abdriftet. Noch ist das Tor verschlossen, also marschieren wir weiter in Richtung der endlos aneinandergereihten jüdischen Gräber vor den Mauern Jerusalems. Über schmale Pfade und improvisiert angelegte Treppchen steigen wir zwischen den Grabstätten hinauf, während von dutzenden Moscheentürmen Allah mit sich überschlagenden Stimmen in einer surrealen Kakophonie gelobpreist wird. Passend dazu wird der Blick über die Stadtmauer und den Felsendom frei. Auf dem Ölberg angekommen bietet sich ein eindrücklicher Blick auf das Wirrwarr der Altstadt Jerusalems und die unzähligen in die Stadtmauern gezwängten religiösen Stätten. Von hier überblickt man auch das jüdische Gräbermeer vor der Stadt, von wo aus die Bestatteten dereinst als Erste wiederauferstehen sollen. Also nur die Juden, versteht sich. Der jüngste Tag dürfte in Jerusalem aufgrund der verschiedenen Präferenzen wohl logistisch etwas komplex ausfallen…

Es geht wieder hinab und das angebliche Grab von Maria ist nun geöffnet. Eine breite steinerne Treppe führt tief unter die Erde in ein Gewölbe, von dem unzählige verzierte Leuchter baumeln. In den Nischen sind mit Brokat verhängte Altare angebracht. Am Ende der Treppe steht ein Orthodoxer Glaubensbruder und verkauft Bücher und anderen Krimskrams. Ansonsten haben die Räumlichkeiten durchaus Atmosphäre, auch wenn man mit der Geschichte hinter dem Bauwerk nicht viel anfangen kann.
Durchs Löwentor kommen wir wieder in die Altstadt. Auf dem Weg zur Grabeskirche machen wir noch einen Abstecher zu den Orthodoxen Russen. Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich auch der Zar noch einen Flecken Jerusalem unter den Nagel reissen können. Schwestern kassieren am Eingang einen bescheidenen Eintritt. Innen findet sich eine Mischung aus Wohnhaus, archäologischer Ausgrabungsstätte und russisch orthodoxer Kirche. Hinter dem pompösen Hauptaltar liest eine Ordensfrau in rhythmischem Singsang die Namen Verstorbener herunter. Auch ein Zimmer im Stil der Zeit, als das Gebäude erworben wurde wird gezeigt. Angenehm vor allem, dass die Besucherzahl sich hier sehr in Grenzen hält.

Das ist bei unserem nächsten Stopp anders: Die Grabeskirche. Hier wuselt es vor klassischen Touristen und versegnet dreinschauenden Schwerreligiösen. Die Tür zur Kirche muss übrigens jeweils von einer muslimischen Familie aufgeschlossen werden, da die vier Kirchen, die sich das Gotteshaus teilen so arg im Streit liegen, dass es anders nicht geht. Eine klassische Schlägerei unter den Priestern bekommen wir zwar nicht mit, aber im düsteren, nur von Kerzenlicht erhellten Inneren werden gerade die Touristenströme für eine katholische Prozession umgeleitet, während die armenisch orthodoxen Gläubigen schon ungeduldig in den Startlöchern stehen. Wiederum: Ein interessanter Ort zum Beobachten und durchaus mit einer sehr eigenen Atmosphäre. Die über dem angeblichen Salbungsstein von Jesus kauernden und die Stirn am abgewetzten Stein schabenden Gläubigen können wir aber beim besten Willen nicht ernst nehmen. In das Grab selbst führt eine unendliche Menschenschlange, so dass der Bau im Bau aus grauem Stein wie ein menschenverschlingender Moloch wirkt.

Also lieber wieder Sonnenlicht und frische Luft. Wir beschliessen eine kurze Pause im Hotelzimmer einzulegen, um die bevorstehende Silvesternacht in vollem Schwung angehen zu können. Der Hunger treibt uns wieder aus dem Haus. Wir finden ein kleines Lokal in einem Hinterhof, dessen verschachtelte Gaststubenräume mit bunt zusammengewürfelten Möbeln und bestückten Bücherregalen gefüllt sind. Es gibt eine hervorragende Linsensuppe, Gegrillte Zucchini mit Chiliöl und Kichererbsen und eine Shashuka (Eier und Tomaten). Alles bestens und kreativ-bodenständig zubereitet.

Danach steuern wir das Putin Pub an, das uns wegen des auffälligen Namens schon aufgefallen war. Vor der Tür ist ein kleines Portierpult aufgebaut und der Chef rennt nervös zwischen diesem und dem Innern der Kneipe hin und her. Alles reserviert. Aber so um halb elf gebe es vielleicht noch Platz. Wir verziehen uns also erstmal wieder ins Kellergewölbe von „Mike’s Place“, wo silberne 2018 Ballons die Räumlichkeiten „schmücken“ und wir uns gerade noch einen Zweiertisch ergattern können. Es gibt sogar eine Live Band, die aber irgendwie nur sporadisch die Bühne erklimmt und deren Repertoire nach drei Liedern erschöpft zu sein scheint.

Vermeintlich pünktlich stehen wir wieder vor dem Putin Pub, drücken etwa 10 Euro Eintritt ab und werden vom mittlerweile noch nervöseren und wuselnden Chef ins voll besetzte Innere geleitet und mit vier anderen Leuten an einen Tisch gesetzt. Der Name ist Programm: Hier ist Russendisco! Das Ganze wirkt fast wie eine Parodie, ist aber ebenso lustig anzuschauen. Das Essen ist hier eher „Kosher Russische Art“. Die Pelmeni (russische Teigtaschen) die wir bestellen, kommen trotz Fleischfüllung selbstverständlich mit saurer Sahne – und schmecken bestens. An den Wänden prangen alte Sowjetplakate, darunter eine Propaganda für Schweinebauern. Der Chef hechtet mit Plastiksektgläsern an unseren Tisch. Blubberwein aufs Haus. Dann zählen der DJ und der ganze Laden das neue Jahr an. Es gibt kein Halten mehr. Herausgeputzte Damen in Minikleidern mit abgestimmten Handtäschchen, ältere Herren in schneeweissen Anzügen, umgedreht aufgesetzter Mütze und „lustiger“ Sonnenbrille und überhaupt alle üben sich in den wildesten Verrenkungen. Dazu dröhnt ein 90er Jahre Bravo-Hits Beat aus den Boxen zu dem auf Russisch tiefgreifende Lyrik geträllert wird. Selbst mitgebrachte Pyroeffekte verstärken die Stimmung und lassen mich im Geiste den schnellsten Fluchtweg für den Brandfall abrufen. Eine heitere und wohlgemerkt sehr friedliche, wenn auch ungewohnt anzuschauende Angelegenheit. Auch wenn es so aussieht, als gäbe es hier noch manch Lustiges zu schauen, entschliessen wir uns gegen halb zwei Uhr morgens die Übung abzubrechen.



Blick vom Ölberg auf Jerusalem



01.01.2018 Bethlehem und Jericho

Bethlehem

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Wir stärken uns erst einmal beim landestypischen Frühstück. Hier ist eher gegrilltes Gemüse, Fisch und Shashushka angesagt als Käsebrot und Rührei mit Speck. Anders, aber auch gut.

Nach vier fünf Tassen Kaffee trauen wir uns in die Lobby und schauen, ob wir schon für unsere Tour abgeholt werden. Ein Fahrer brüllt uns irgendeinen fremden Namen. Der Portier eilt zu Hilfe: Bei wem wir denn gebucht hätten? Währenddessen studiert der andere Fahrer unseren Voucher und telefoniert. Dann zückt auch der Portier sein Handy und gibt dann bekannt: In fünf Minuten würde unsere Tour eintreffen. Ein liebenswürdiges Durcheinander.

Unser Fahrer ist ein Stämmiger Palästinenser mit dem was man bei uns als Bierbauch bezeichnen würde (Köfteplautze?). Im Fahrzeug sitzen bereits zwei Schwedinnen, drei Rümänen und – natürlich – zwei Schweizerinnen. Allerdings stellen wir einmal mehr fest, dass uns Schweizern die Urlaubsgruppenbildung gar nicht in die Wiege gelegt ist. Man ist höflich und nett, aber man muss jetzt nicht gleich den ganzen Tag die jeweilige Lebensgeschichte austauschen. Auch die Skandinavierinnen ticken, wie wir es von dortigen Aufenthalten gewohnt sind: Nett, aber keine Plaudertaschen. Nur ein rumänischer Oppa quäkt permanent irgendetwas vor sich hin, was bei seinen Landsleuten nur moderate Reaktionen hervorruft.
Erst einmal fahren wir ins Westjordanland. Wir erwarten natürlich wieder Checkpoints mit Passkontrolle und allem Drum und Dran. Die Häuschen stehen da, aber die Prozedur ist nicht anders, wie wenn man von der Schweiz nach Österreich rüberfährt.
An der Stadtgrenze von Bethlehem heisst es in einen anderen Bus umsteigen. Mit israelischen Kennzeichen gibt es nämlich keine Fahrzeugversicherung im palästinensisch verwalteten Gebiet (umgekehrt stellt sich das Problem nicht: Palästinensische Nummernschilder dürfen schlicht nicht nach Israel). Fahrer und Führer begrüssen uns freundlich. Das Auto ist eine fahrende Kapelle mit Kruzifixen, Fischchenaufklebern und Heiligenbildchen. Bethlehem sieht aus, als hätte man ein paar dutzend Häuser aus einem Schüttelbecher an einen Hang gekippt und noch ein paar Laster Müll als Deko hinterher. Die Strasse ist gleichmässig von Souvenir- und Schnapsläden gesäumt. Ein paar wenige Plakate weisen auf die politischen Interessen der Palästinenser hin, ein einziges auf Jerusalem als Hauptstadt. Wir halten an der Milchgrotte, die uns unser Führer ausführlich erläutert. Hier soll die heilige Mutter Maria beim Säugen von Baby-Jesus gekleckert haben und schwupps wurde die ganze Grotte weiss. Steht zwar nicht in der Bibel, trotzdem rennen die Leute hin. Was wir sehen reisst uns nicht gerade vom Hocker. Nur die rumänische Fraktion kriegt sich vor Bekreuzigungen und Knicksen fast nicht ein. Danach geht’s grottig weiter. Noch ein Erdloch, wo die heilige Familie einmal gehockt haben soll. Auch nicht viel spannender. Eine weitgehend künstlich zusammengeflickte Höhle mit dazugehörigem Betschopf.

Dann geht’s zur Geburtskirche in der sich die Besuchermassen drängen. Auch hier ist das Interieur ein Mix aus verschiedenen Orthodoxen und der katholischen Elementen. Irgendwie haben wir das mittlerweile gesehen und würden uns, wie auch die Schwedinnen und Schweizerinnen, eigentlich lieber die Stadt selbst anschauen, was bei unserem Guide blankes Entsetzen auslöst: Wenn er uns allein herumdappen lasse, sei er seinen Job los. Wir warten also notgedrungenermassen brav im Kreuzgang.

Dann werden wir zum Familieneigenen Souvenirshop des Führers chauffiert. Man wird nicht gerade bestürmt, die Atmosphäre ist sehr freundlich und man bietet uns sogar Kaffee an, wir nutzen dann aber doch lieber die Gelegenheit wenigstens vor der Tür die Stadt von der Strasse aus ein wenig zu begutachten, auch wenn es eigentlich nur die Schnaps- und Souvenirläden zu bestaunen gibt. Dann werden wir wieder zum ursprünglichen Gefährt gekarrt, steigen zum angestammten Chauffeur um und brausen rund eine Stunde stetig von rund 800 Metern über Meer hinab nach Jericho, das rund 200 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Unterwegs deutet unser Fahrer auf in den Sandhügeln lagernde Beduinen. Das Szenario erinnert irgendwie an einen Mad Max Film gepaart mit einem Unicef Werbespot.

Bei Jericho fahren wir auf einen Rastplatz. In der Ferne wabert silbern das Tote Meer. Rundum gelbe Steppenlandschaft. Ein Ladenverhau mit Krimskrams und einem Kamel zum Spassreiten steht auf der einen Seite des Parkplatzes, auf der anderen ein paar Gartenstühle und Kühlschränke unter einem Betondach. Es ist wieder Umsteigen angesagt, da auch diese Stadt palästinensisch kontrolliert ist. Aus Platzmangel nimmt unser Fahrer Kurzerhand im Kofferraum Platz. Unser Führer könnte der Papa von Borat sein. Etwas unbeholfen, rudimentäres Englisch und Schnurrbart – und mit immensem Unterhaltungswert, wenn man einen Sinn fürs Absurde hat. Schon bei der Einfahrt nach Jericho referiert er über den wundervollen Markt – wir sehen ein paar Gemüsekisten auf dem Gehsteig und einige Bananenstauden. Eindrücklich. Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir schon mehrmals erfahren, dass Jericho nicht nur die älteste Stadt der Welt ist, sondern auch die am tiefsten unter dem Meeresspiegel gelegene. Danach gucken wir uns den „Sycamore-Tree“ an. Ein etwas mitgenommener Baum steht hinter einem rostigen Eisenzaun und um diesen stehen wir drumrum. Papa-Borat stammelt eine Bibelgeschichte herunter und betont rund dreiundzwanzigmal, dass es sich um einen der ältesten Bäume der Welt handle. Im Übrigen sei man in der ältesten Stadt der Welt, die darüber hinaus – man beachte! – auch die am tiefsten gelegene Stadt der Welt ist. Dann geht’s ins Besucherzentrum zum Mittagessen. Hier gibt es einen Parkplatz und eine Art „Zeug aus dem Toten Meer“ Supermarkt mit Kantine und – selbstverständlich – Kamele zum Spassreiten. Das Essen am Buffet sieht eigentlich sehr gut aus, aber wir haben schon geplant am Abend nochmal essen zu gehen. Unser Chauffeur missinterpretiert unsere Essensabsenz wohl irgendwie als Finanzschwäche und winkt uns in einen Nebenraum, wo die Fahrer sitzen. Er drückt uns arabischen Kaffee in die Hand und schöpft uns grosszügig Künefe (Dessert aus Nudeln, Käse und Zuckersirup) auf einen Teller. Wir setzen uns auf Plastikstühle neben zwei Herrschaften, die an einer Wasserpfeife nuckeln. Der Kaffee mit Kardamom und auch der Mitleidshappen schmecken wirklich sehr gut.

Derart gestärkt treten wir die nächste Runde mit Papa-Borat an. Der zeigt uns jetzt „Old Town Jericho“. Zu Deutsch: Ein Erdhaufen mit ein paar freigelegten Grundmauern. Als erstes wird uns erklärt, dass hier heute niemand mehr wohnt. Interessant! Dann, dass Jericho ja nicht nur die älteste, sondern auch die am tiefsten gelegene Stadt der Welt ist. Faszinierend. Im Hintergrund sehen wir den Berg der Versuchung (vgl. Bibel) mit griechisch Orthodoxem Kloster zu dem eine österreichische Seilbahn führt und auf dem etwas weiter oben eine israelische Beobachtungsstation thront. Wir torkeln etwas auf dem Erdhaufen herum. Dann geht’s zu der Elisha Quelle (vgl. Bibel) direkt neben dem Parkplatz, die etwas wie ein Plattenleger-Lehrlingsprojekt aus den Achtzigern aussieht. Papa-Borat liest noch kurz den Text auf dem Schild direkt vor unserem Gesicht vor („Oldest City in the World…“ etc.). Dann ist aber auch schon Schluss mit Abenteuer Jericho. Papa-Borat verabschiedet sich herzlich mit Handschlag von uns, während uns ein Beduine einen Spass-Kamelritt anpreist. Der Rest der Reisegruppe ist irritiert bis angepflaumt - wir hatten durchaus unseren Spass.

Zurück im Gefährt äussern die Schwedinnen ihre Unzufriedenheit darüber, dass wir nicht die Seilbahn hoch zum Berg der Versuchung genommen haben. Der Fahrer tuckert zu Schlichtungszwecken in die Richtung des Berges, an dessen Fuss wir dann für Fotos aussteigen können. Danach fahren wir zurück zum Rastplatz. Dort warten wir fast eine Stunde auf ein paar Nasen, die wir von einer anderen Gruppe für die Rückfahrt nach Jerusalem übernehmen. Innen ist ein recht hübsch eingerichtetes Café, wo israelische Soldaten gelangweilt auf den Sofas herumlümmeln. Kamelreiten will auch hier keiner. Schliesslich geht’s zurück nach Jerusalem, wo wir unserem Fahrer als einzige ein Trinkgeld überreichen, der das fast schon gerührt quittiert.

Fazit: Die Sehenswürdigkeiten sind absolut vernachlässigbar, aber es war trotzdem überaus interessant. Ausserdem ist es für die Menschen in der Region eine der spärlichen Möglichkeiten Einkünfte zu generieren.



Geburtskirche



02.01.2018 Tel Aviv

Jerusalem im Nebel

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Heute geht es weiter nach Tel Aviv. Dichter Nebel hat sich über Jerusalem gesenkt und sorgt für eine ganz eigentümliche Atmosphäre auf unserem Fussmarsch Richtung Busbahnhof. Dieser befindet sich, nicht ganz naheliegend, in den oberen Stockwerken eines Einkaufszentrums, so dass wir uns bei Soldaten und einer jungen Mutter nach dem Weg durchfragen.

Am Eingang zum Shopping Center stehen Sicherheitskräfte. Im vierten Stock kaufen wir unsere Tickets. Etwa alle zehn Minuten fährt ein Bus nach Tel Aviv und wir können nach Kurzem warten einsteigen. Alles sehr simpel und auch recht günstig. Der Bus kämpft sich erst durch den Stau aus Jerusalem hinaus. Knapp eine Stunde später kommen wir in Tel Aviv an, das schon beim Hineinfahren wesentlich grösser und urbaner wirkt als Jerusalem. Nach dem Aussteigen gibt es endlich einmal eine richtige Sicherheitskontrolle mit Metalldetektor und allem Drum und Dran. Die Sicherheitskräfte sind allerdings sehr freundlich und geduldig.
Wir schnappen uns ein Taxi zum Hotel. Schnell offenbart sich ein Wirrwarr aus Strassen und recht improvisiert wirkenden Bauten die zwischen modernen Glaspalästen kleben. Es wird gehupt, ausgeschert, kreativ überholt. Mir bangt es schon vor der morgigen Mietwagenübernahme. Das Hotel liegt in Jaffa, der mittlerweile eingemeindeten eigentlichen Haupt- und Altstadt. Wie vieles hier: Sehr kompliziert, aber aus der Nähe ganz einfach.

Zu Fuss erkunden wir erst das quirlige Jaffa, das voller Cafés, Restaurants und Läden ist. Die Gebäude sehen zum Teil von aussen aus, als würden sie nächsten zusammenfallen, innen sind sie aber hübsch und einladend eingerichtet. Auf der Strandpromenade marschieren wir Richtung Innenstadt. Die Wellen rollen meterhoch heran. Alle paar Schritte steht ein Tsunamiwarnschild. Es gibt Strandkneipen die aussehen wie Yachtclubs und direkt daneben Bretterhaufen, bei denen man nicht genau weiss, ob sie nun der Gastronomie oder Obdachlosen als Unterschlupf dienen. Zwischen Geröllbrocken steht ein verwahrlostes, mit Müll gefülltes Auto. Wir hatten eine schillernde Weltstadt erwartet. Je weiter wir uns vorarbeiten entdecken wir aber, dass Tel Aviv mehr einem organischen Wildwuchs gleicht, über den man irgendwie die Kontrolle verloren zu haben scheint. Und das hat durchaus seinen Reiz.

Wir schwenken in die Innenstadt ein. In einer Art Kantinenrestaurant lesen wir aus den dutzenden Gerichten drei aus, zahlen ca. 10 Euro und fallen hungrig über die grosszügig mit Köfte in Tomatensauce, gebratenen Linsen mit Nudeln, Kichererbsen und allerlei anderem beladenen Teller her. Ein richtiger Glückstreffer! Die Strassen sind gesäumt von Restaurants, Cafés und Läden. Nur der Blick nach oben enthüllt, dass man auch hier einfach irgendwie drauflosgebaut hat. Die rissigen Fassaden bröckeln. Stromleitungen baumeln an den seltsamsten Orten aus den Wänden und Rohre wurden im Nachhinein gewaltsam durch die Fassaden geflickt. Trotz allem versprüht das Chaos irgendwie Charme.

Über den Flohmarkt, der vor Dingen die der Mensch nicht braucht überquillt kehren wir in unser Hotel zurück und checken in unser wunderschönes Zimmer mit eigenem kleinem Balkon ein. Das Nachtleben heben wir uns für unsere Rückkehr in ein paar Tagen auf. Immerhin gilt es morgen bei voller Aufmerksamkeit durch die örtliche Blechlawine zu navigieren.



Skyline von Tel Aviv



03.01.2018 Haifa, Tiberias und Ginossar

Blick von den Gärten der Bahai...

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Nach einem reichlichen Frühstück nehmen wir ein Taxi zur Autovermietung. Formulare werden ausgefüllt, ich werde abfotografiert und nach einigem Brimborium erhalte ich dann den Schlüssel, mit dem wir zum winzigen, mit Autos vollgepackten Parkplatz gehen. Hier ist nichts mit Eisnteigen und los geht’s. Erst einmal gibt’s Schulung. Die wichtigsten Autofakten werden erläutert. Starten tut das Gefährt nur, nach Eingabe eines Codes. Der Helfer navigiert das Gefährt in Millimeterarbeit mit der Front in die Ausfahrt. Als wir starten wollen, wird noch ein Helfershelfer herangewunken, der etwas Seife auf die Scheiben spritzt und mit einem Lappen verteilt. Dann kriegen wir ein „Daumen hoch“ und es kann losgehen. Läuft eigentlich alles ganz rund. Madame navigiert, Monsieur behält die anderen Verkehrsteilnehmer im Auge. Nach einer Weile hat man registriert, dass das endlose Hupkonzert irgendwie ein Bisschen allen gilt und nicht als direkte Kritik interpretiert werden sollte. Als wir uns in eine bereits stehende Spur einreihen und unser Hintermann deshalb eine Grünphase verpasst, werden wir sogar zum Andenken fotografiert.

Nach etwa einer Stunde kommen wir in Haifa an und kurven in Serpentinen den Hang hinunter Richtung Meer auf der Suche nach dem Schrein des Bab. Noch so eine Religion (Bahai), die sich hier ein Plätzchen ergattert hat. Die Stufenförmig angelegte Gartenanlage ist prächtig anzuschauen. Nach drei Treppen ist dann aber auch schon Schluss. Der Bab Tempel ist nur von oben her zugänglich und dessen Öffnungszeiten sowieso bereits wieder vorbei. Wir schlendern also die Hauptstrasse hinab, die sich unter der Tempeltreppe bis zum Hafen fortsetzt.

Viele Häuser tragen Deutsche Sprüche über dem Eingang. Spektakulär wirkt die Stadt nicht gerade, aber wir finden ein nettes Café wo wir Koffein nachtanken. Dann geht es weiter nach Tiberias am See Genezareth. Das Städtchen wirkt wie aus Resten zusammengestiefelt. Die Promenade versprüht den Charme eines Sowjetkurorts aus den Achtzigern. Viele Kneipen sind dicht und fallen langsam auseinander. Die Innenstadt besteht Hauptsächlich aus Laubengängen mit recht belanglosen Läden und Cafés. Wir wollen eigentlich die osmanische Festung besichtigen, aber auch die bröselt ungenutzt vor sich hin. Irgendwie bietet sich auch keines der geöffneten Restaurants wirklich zum Essen an. Also fahren wir weiter nach Ginossar, wo wir heute übernachten. Die Hotelanlage hat etwas von einem Kurheim für Senioren und liegt ab vom Schuss. Das Zimmer ist aber hübsch und es sind nur wenige Schritte zum Seeufer, das hier dicht mit Schilf bewachsen ist, über dem die letzten goldenen Sonnenstrahlen für eine schöne Atmosphäre sorgen. An der Hotelbar (Modell Hallenbad) gönne ich mir ein verdientes Goldstar (isr. Bier).
Wir inspizieren die Essmöglichkeiten vor Ort. Es wurde ein riesiges Buffet in einem gigantischen Speisesaal aufgebaut - und es sieht gut aus. Nochmal irgendwo auf gut Glück hinfahren wäre jetzt auch kein Spass. Reisegruppen watscheln zwischen Tischen und Buffet herum. Christliche Jugendgruppe, jüdische Jugendgruppe, amerikanische Seniorenreise und ein Tisch mit Arabern, welche die anderen Anwesenden wohl herumkutschieren. Wir verziehen uns früh auf unser Zimmer und Monsieur geniesst den Schlummertrunk im Bett von der Nachttischbar.



Katzen in Tiberias



04.01.2018 En Gedi, Totes Meer und Eilat

En Gedi

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Wir haben rund 450 Kilometer bis an den äussersten Südzipfel Israels vor uns. Der Verkehr ist mässig und es fährt sich angenehm. Ohne es gross zu registrieren fahren wir durchs Westjordanland. Erst allmählichen merken wir den Siedlungen an, wo wir sind. Alles wirkt recht improvisiert zusammengezimmert, am Strassenrand brennen Müllfeuer und bei einer Bushaltestelle huscht ein Dutzend hübscher israelischer Soldatinnen über die Strasse. Sonst sieht man eigentlich gar keine Frauen. Hier gibt es entweder Steppenlandschaft oder reich mit Palmen und Zitrusfrüchten bebautes Land.

Nach etwa zwei Stunden kommt das Tote Meer in Sicht. Verblasste Schilder werben für ein Spahotel, neuere warnen vor Sinklöchern und dem Betreten der Anlage, die mittlerweile weit weg von der Küste liegt. Der Wasserverbrauch in Israel hat, wie auch beim See Genezareth, zu einem massiven Absinken des Wasserspiegels geführt und das wiederum zu weiteren Problemen. Hier zu der Unterhöhlung des Bodens, beim See Genezareth zum drohenden Kollaps des Süss- und Salzwasserverhältnisses.

Die Strasse fährt sich aber dank ihrer Kurven sehr abwechslungsreich und die gelbrötlichen Hügel täuschen einem Fast darüber hinweg, dass man sich hier rund 250 Meter unter dem Meeresspiegel befindet.

Etwa eine halbe Stunde später erreichen wir den Kibbutz En Gedi. Zeit sich die Füsse zu vertreten. Wir zahlen den Eintritt für den Nationalpark und landen – eher zufällig – auf dem Weg zum Wadi durch das der Arugot fliesst. In der immer enger werdenden Felsschlucht hört man das Wasser plätschern und es Baumkronen lugen über die Ränder hinaus. Ab und an berührt der Weg das Wasser und an einem winzigen Wasserfall veranstaltet eine israelische Schulklasse im vielleicht 30 Zentimeter tiefen Wasser einen Badeplausch. Etwas mehr als eine Stunde steigen wir dem Talverlauf entlang hinauf. Die Gegend ist spannend anzuschauen und hier konnte man durchaus gerne noch ein paar Stunden auf den gut markierten Pfaden herumpilgern. Wir sind aber erst in der Hälfte des Weges und wir wollen unbedingt noch im toten Meer baden.

Die Dame im Eingangshäuschen des Parks nennt uns En Bokek als geeignetsten Ort für ein schwereloses Bad. Etwa dreissig Minuten später kommen wir dort an. Hotelbunker stehen mitten im Nirgendwo und blicken hinaus auf eine Landschaft wie auf einem anderen Planeten. Eine Mischung aus Sand und Dunst verwischt die Umgebung mit dem Himmel, der beinahe orange wirkt. Hunderte von Liegestühlen säumen den ebenfalls orangefarbenen Sand und wo dieser ins Wasser übergeht, haben sich weisse Ränder aus Salzkruste gebildet. Aufgrund der Jahreszeit stolpern nur rund zehn andere Menschen herum. Die Atmosphäre könnte mit Ballermann nach einem Nuklearkrieg beschreiben. Wir schälen uns aus den Klamotten und Monsieur strauchelt als erster über den Grund aus spitzen Salzplatten. Erst fühlt sich alles ganz normal, vielleicht etwas seifig an. Als ich aber zum Hechtsprung ins doch recht kühle Nass ansetze, pralle ich zurück wie ein Korken und schwimme einfach obenauf. Höchstens ein Drittel des Körpers ist im Wasser. Das fühlt sich erst etwas befremdlich, dann überaus lustig und schliesslich sehr, sehr entspannend an. Nur das Wasser auf meinen Lippen schmeckt wirklich erbärmlich und trübt den Badespass ein Bisschen. Auch Madame ist begeistert. Wirklich eine einmalige Sache. Der Zwischenstopp hat sich wirklich sehr gelohnt. Wir stellen uns unter eine der an sowjetisches Strandflair erinnernden Duschen mit Zugkette und trocknen noch ein wenig. Nach etwa einer Stunde nehmen wir den letzten Teil der Strecke unter die Räder.

Eine gigantische Industrieanlage zur Salzgewinnung taucht aus dem Dunst in der nun gänzlich toten Wüstenlandschaft auf. Eine postapokalyptische Mad-Max Landschaft. So geht es lange, lange weiter, wird aber nicht langweilig, weil man so etwas nicht alle Tage sieht. Etwa alle 50 Kilometer säumt eine Tankstelle den durch die Einöde gezogenen Asphalt. Dann kommen langsam wieder einige Ortschaften in Sicht. Das Sonnenlicht schwindet langsam und gleich geht es mit dem Benzin in unserem Tank, der auf Reserve steht. Natürlich kam die letzten 70 Kilometer keine Tankstelle, für rund 20 Kilometer reicht der Sprit noch, rund 50 sind es noch bis Eilat. Den Rest zu marschieren würde die mittlerweile sanft schlummernde Madame sicher nicht begeistern. Etwas nervös versuche ich in der nur von unseren Scheinwerfern ausgeleuchteten Dunkelheit die nächsten Lichtflecken auszumachen, die auf eine Zapfsäule hindeuten können. Madame wacht auf und ist wenig begeistert. Doch kurz darauf, rund 8 Kilometer hätten wir gemäss Anzeige noch fahren können, finden wir endlich eine Tanke.

Kurz nach dieser werden auch schon die Lichter von Eilat und Akaba in Jordanien sichtbar. Schnell finden wir unseren Hotelturm zwischen den zahlreichen anderen. Eilat ist der israelische Strandurlaubsort schlechthin und sieht auch genauso aus: Ein Sammelsurium aus Hotelanlagen, zwischen denen sich hauptsächlich Russen an knapp 12 Kilometern zwischen Ägypten und Jordanien eingeklemmter israelischer Küste tummeln. Unser Hotel ist riesig, das Zimmer taugt und nachdem wir an der Rezeption nach einem guten Restaurant für Fleisch fragen, machen wir uns dorthin auf.

Es herrscht trotz des auch hier eher kühlen Wetters (knapp 20 Grad) Hochbetrieb. Das Restaurant das wir suchen liegt weg vom Strand und befindet sich im Gebäude einer Tankstelle, direkt gegenüber dem Flughafen, der aber nur rund zehn Minuten zu Fuss von unserem Hotel entfernt ist. Der wenige Platz wurde genutzt. Trotz der Lage ist der Laden bumsvoll. Arabische, russische und israelische Sippen besetzen zum Teil meterlange Tischkompositionen. Das Essen das herumgeschleppt wird sieht SEHR vielversprechend aus. Die nur knapp englischsprechende, aber sehr fleissige Bedienung fragt uns erst einmal, ob wir Salat möchten. Etwas überrascht bejahen wir. Warum nicht. Kurz darauf schleppt sie rund zwei Dutzend Schälchen mit gegrillten Auberginen, Tomatenmarinade, Krautsalat, Hummus, sauer eingelegtem Gemüse und anderen Köstlichkeiten an und stellt zwei riesige Fladenbrote dazu. Nicht schlecht! Dazu bestellen wir noch ein paar Fleischspiesse vom Rind und von der Ziege. Als wir zurück zu unserem Hotel torkeln platzen wir fast, aber es hat sich gelohnt.



Wadi Arugot



05.01.2018 Petra

Petra

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Wir müssen früh raus. Immer noch vollgefressen lassen wir es bei einem Kaffee bewenden.

Fast pünktlich werden wir abgeholt. Erst gibt es gleich mal ein Missverständnis: Ich meine die rund 125 Euro pro Nase, die der Mann von uns will seien einzig für das Visum für Jordanien fällig. Erst nachdem ich schon bezahlt habe, kapiere ich, dass unser Tourvoucher aufführt, dass die Tour vor Ort zu bezahlen ist. In einem Kombi fahren wir erst einmal noch zu einem anderen Hotel. Der Fahrer wuselt in der Lobby herum. Ein paar Minuten später kommt er mit zwei älteren Amerikanern zurück. Es sitzt sich eng, aber schon nach knapp zehn Minuten erreichen wir den Grenzposten. Auf der Fahrt werden wir ausführlichst über den Grenzübertritt informiert. Die Grenze wirkt nicht gerade hochmilitarisiert. Auf der israelischen Seite läuft alles freundlich und speditiv. Es herrscht eher Servicementalität als Kontrollwahn. Nachdem wir durch ein paar Glasfenster geguckt, ein paarmal den Pass gezeigt und ein Ausreisezettel zu den anderen Zetteln erhalten haben, geht es erst einmal rund 500 Meter durch Niemandsland. Das jordanische Grenztor wirkt etwas rustikaler. Hier ist Schluss mit flotten Damen in Uniform. Lausbübische Jungspunde stehen rauchend in den Wachhäuschen und grinsen schelmisch, während sie zwischendurch versuchen ernst in die Pässe zu schauen. An den Schaltern herrscht ein Gewusel und Durcheinander. Irgendwie erschliesst sich uns nicht, wo man genau mit dem Anstehen anfängt. Ein kleinerer Herr in einer viel zu grossen Jacke spricht uns an, den wir etwas unhöflich ignorieren, bis er sich mit einem „Hey, I’m your Guide!“ lautstark zu erkennen gibt. Dann sind auch die Amerikaner da und unser Guide manövriert uns gekonnt zwischen den Leuten hindurch an eins der Fensterchen. Das Interieur samt Beamten erinnert sehr an das türkische Gefängnis in „Midnight-Express“. Die Zigarette scheint Beamtenpflicht zu sein. Formulare gehen hin und her und nach ein paar kurzen prüfenden Blicken werden Stempel gesetzt. Das ganze Prozedere ab Parkplatz in Israel dauert letztlich knapp 20 Minuten. Dann werden wir von einem Plakat vom jordanischen König begrüsst, der ganz adlig auf uns runterguckt.

Unser junger Fahrer begrüsst uns vor einem nicht mehr ganz Fabrikneuen Minibus, jeder kriegt eine Wasserflasche zum nuckeln und unser Guide berichtet diesmal wirklich umfangreich und interessant über die Geschichte und die Eigenheiten des Landes. Wir fahren über von Rissen durchzogenen, aber ansonsten ganz bequemen Strassen in Richtung Berge. Wir haben einen der drei Tage im Jahr erwischt, an denen es regnet. Die Aussicht ist aber kaum getrübt und das kahle Gebirge ist bei dieser Wetterlage durchaus interessant anzuschauen. Die kleinen Ortschaften unterwegs wirken wenig strukturiert. Ein paar Häuser und Hütten, einige Autos, ab und zu erkennt man einen Laden. Die Strasse windet sich immer höher hinauf und schliesslich herrscht draussen tatsächlich dichtes Schneetreiben. Damit hätten wir nun wirklich nicht gerechnet. Nach etwa einer Stunde halten wir bei einem einsamen Gebäude mit Parkplatz an. Pipipause und Shopping. Wir befürchten Schlimmes. Drinnen wird aber nicht nur Krimskrams, sondern auch durchaus hübsches Geschirr verkauft. Die Verkäufer sind nicht aufdringlich. Im Untergeschoss gibt es einen Benzinofen, eine Kaffeetheke und ein Tischchen mit ein paar Plastikstühlen. Madame hat zum Glück noch ein paar Euro dabei. Wir gönnen uns zwei arabische Kaffee mit Kardamom und rauchen mit unserem Guide neben dem Benzinofen. Es stellt sich heraus, dass der Mann einen guten Humor hat. Wir werden mit dem halben Laden bekannt gemacht. Die Amerikaner verweisen zunehmend nervös darauf, dass sie dann mal oben warten. Eine Zigarette später fahren wir weiter.

Petra ist etwas hübscher zurechtgemacht und strukturierter als die Dörfer die wir auf dem Weg gesehen haben. Es schneit zwar nicht, aber ein kalter Wind lässt die recht spärlichen Besucher das Genick tiefer in die Jacken ziehen. Vorab geht es in eine Art Besucherarena mit ein paar Souvenirständen, Imbiss und Museum. Unser Führer organisiert für die nicht mehr ganz so fitten Amerikaner eine Pferdekutsche hinab in die steinerne Stadt. Wir schlendern mit ihm den breiten Weg hinab in die immer enger werdende Schlucht. Der Ausblick ist schon hier einmalig. Vereinzelte Steinblöcke sind ausgehöhlt, andere zu Gebäuden behauen. Die ganze Landschaft wurde vom Wind in einzigartige Formationen geschliffen.

Halb erklärt uns unser Führer die Stätte, einzelne Gebäude und in Stein gehauene Bildnisse, halb führen wir ein angenehmes privates Gespräch, das einen immer tieferen authentischen Einblick in den Alltag der Jordanier gibt. Der aggressive, kalte Wind wütet, als ob er in Echtzeit zeigen will, wie er die rotgelblichen Felsformationen bearbeitet. Wo er bläst, sind auch die menschlichen Hinterlassenschaften beinahe verblasst.

Dann blitzt im schmalen Felsschlitz, der zu beiden Seiten dutzende Meter über uns aufragt das Khazne al-Firaun auf (Modern gesprochen: Das Gebäude aus dem Indiana Jones Film). Der uns einschliessende Steinkanal öffnet sich zu einer weiten Lichtung. Hier gelangt der Wind kaum hinein und deshalb ist auch dieses einzigartige Grabmal so gut erhalten. Aber auch darum herum wurden unzählige Gebäude aus dem Stein geschnitten. Ein wahrhaft einzigartiger Ort. Für etwa eine Stunde lässt uns unser Führer umherstreifen, während er die Amerikaner sucht um auch ihnen etwas über den Ort zu erzählen. Staunend betrachten wir die Monumente, die sich teils klar und eindrücklich abheben, teils erst auf den zweiten Blick zu erkennen sind – und freuen uns auch ein Bisschen an den niedlichen Eseln und Kamelen, die heute wenig zu tun haben und faul aus den Höhlen gucken, die ihnen als Stall dienen. Die Mischung aus einzigartiger Natur zusammen mit den in diese eingegrabenen, verblassenden Hinterlassenschaften einer untergegangenen Kultur ist wirklich einmalig. Die Endzeitstimmung, die das raue Wetter verursacht unterstreicht dies alles überaus passend.

Nachdem wir den Weg zurück allein bewältigt haben, finden wir auch Guide und Amerikaner wohlbehalten in der Besucherarena wieder. Passend zum aufgekommenen grossen Hunger gehen wir jetzt essen. In einem rustikal arabisch eingerichteten Lokal werden wir von einem reichen und schön hergerichteten Buffet begrüsst. Eine Vielzahl an Salaten, gegrilltes Gemüse, Linsensuppe, Falafel, Lamm- und Fischeintopf. Das Essen war auf der ganzen Reise immer sehr gut, aber das hier ist zu meiner Überraschung wirklich erstklassig.

Danach bringen wir die Amerikaner ins örtliche Marriott, da diese dort übernachten. So haben wir Zeit, auf der Rückfahrt weiter viel Interessantes aus erster Hand zu erfahren. Bei einem weiteren Zwischenstopp, hauptsächlich für den durch das Wetter wirklich geforderten Fahrer, gibt es noch einen Kaffee unter Einheimischen. An der Grenze verabschieden wir uns herzlich. Rauchend passieren wir die jordanischen Kontrollen, das interessiert hier keinen. In Israel stellt man uns freundlich ein paar Fragen, wir erhalten einen weiteren Zettel, zeigen ein paar Mal den Pass und schon treffen wir draussen auf unseren israelischen Fahrer, der uns zurück zum Hotel bringt. Der ist ganz aus dem Häuschen, als wir ihm vom Schnee in den Bergen erzählen und meint, er und seine Familie seien den ganzen Tag am Strand gewesen – weil es so schön geregnet habe. Tja, man will immer das, was man nicht hat.

Wir lassen den Tag bei ein paar Bier und T-Shirt Temperaturen an der Promenade von Eilat sacken, während wir das bunt gemischte Publikum, das an uns vorbeischlendert beobachten. In der Hotel-Lobby saufen sich ganze russische Familien aus den mitgebrachten Schnapsflaschen müde. Ich geniesse da doch lieber vornehm noch eine kühle Bettflasche.



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06.01.2018 Durch den Negev nach Tel Aviv

Sede Boker

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Heute heisst es wieder selber fahren. Beim Frühstück zeigt sich wieder der Sabbatswahn: Selbstverständlich gibt es warme Speisen aus gewärmten Behältern. Aus irgendeinem Grund ist es aber unmöglich, heissen Kaffee zu servieren. Die Krüge mit Kaffee werden fast schon heimlich aus der Küche geschleppt und zum Auskühlen abgestellt. Dafür gibt es einen Korb mit Kippot und Karmellwein.
Die Strasse führt uns durch weite, fast menschenleere Wüstengebiete. Es fährt sich genussvoll und entspannt. Grossartige Sehenswürdigkeiten entdecken wir auf Anhieb keine, aber das ist weiter nicht Schlimm. Das Unterwegssein in dieser ungewohnten Umgebung ist für einmal auch sehr angenehm.

In Mizpe Ramon, einem grösseren Kibbutz der über einer Klippe thront, machen wir einen Kaffee-Stopp. Auf dem Parkplatz hat sich eine Gruppe Steinböcke breitgemacht, die unsere heutige Hauptattraktion darstellen. Umgekehrt ist das offensichtlich nicht der Fall, eher etwas gelangweilt mustern uns die Böcke mit den riesigen Hörnern. Ganz wie ihre Artgenossen bei uns zu Hause.

Wir fahren dann noch einen Schlenker durch Aschdod, finden aber in der Ansammlung aus modernen Grossbauten irgendwie keinen Anlass zum Aussteigen. Die Fahrt durch Tel Aviv schaffen wir dank Sabbat locker und finden sogar auf Anhieb die Tiefgarage unseres Hotels. Nach der rund fünfstündigen Fahrt ruhen wir uns dort erst einmal etwas aus, da wir heute das Nachtleben erkunden wollen. Ausserdem ist eh Sabbat bis es dunkel wird.

Nachts sieht Jaffa ganz anders aus, weil nur noch die beleuchteten gemütlichen Restaurants mit die Gassen säumenden Tischchen sichtbar sind. Wir essen in einem kleinen Lokal und spazieren dann weiter zum Rothschild Boulevard, wo wir an einem Tischchen vor einem Irish Pub das zahlreiche Ausgehvolk im Blick haben. Dafür, dass aus europäischer Perspektive Sonntag ist, ist ordentlich was los. Gegen zehn suchen wir dann die örtliche Metal Kneipe genannt Rebel Bar auf. Die ist in einem Keller untergebracht und genau so, wie es sich gehört: Gute Musik, urige Einrichtung und das richtige Publikum. Ausserdem hat der Chef Geburtstag und wir kriegen alle Schnittchen, die seine Mama zu dem Anlass gemacht hat. Besser hätte der Ausklang unserer Reise nicht sein können.


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