Island und Südgrönland

Reisebericht

Island und Südgrönland

Tag 1 - Reykjavik

Anflug auf Keflavik

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Nach der Landung in Reykjavik geht’s direkt zum Mietwagenschalter. Bereits am Flughafen wird klar: Island ist definitiv das Mallorca des Nordens geworden. Es wuselt die Sockensandale zwischen dicken Rucksäcken hindurch und prallt in die junge Trekkerin, die über die Rollkoffer einer asiatischen Reisegruppe stolpert.

Dennoch kriegen wir unseren Schlüssel recht schnell und finden inmitten von rund zweihundert Skoda Kombis schnell den unseren. Eigentlich hatten wir ein anderes Gefährt erwartet, aber dazu später. Erst einmal haben wir so viele Hummeln im Hintern, dass wir nicht gross weiter überlegen und Richtung Reykjavik tuckern. Der Automat fährt sich höchst komfortabel und es manövriert sich angenehm durch den zum Zentrum hin immer dichter werdenden Verkehr. Wir machen es uns leicht und fahren direkt in die Tiefgarage der Harpa Oper. Hier gibt es noch ein klassisches Kassenhäuschen, wo wir rund 10 Euro für 24 Stunden Parken zahlen. Im modernen und einzigartigen Glas- und Betonpalast stolpern knipsende Touristengruppen herum. Wir machen uns auf in die Innenstadt und schon schellt das Taschentelefon: Zwei unserer Freunde aus der Heimat sind ebenfalls hier und werden morgen nach drei Wochen Islandrundfahrt abreisen. Wir treffen uns beim Laugavegur und verabreden uns auf ein paar Bier, nachdem wir kurz unsere beiden 80L Rucksäcke im Hotel deponiert haben.

Erst einmal geht’s ins "Big Lebowski" auf ein paar Bier. Erst staune ich über die immer noch moderaten Preise (bei unserem letzten Besuch war noch Wirtschaftskrise), dann merken wir: Das war die Happy Hour. Stolze 10 Euro kostet der halbe Liter. Danach wollen wir eigentlich beim Saegreifinn Fisch essen, aber vor der Theke reiht sich die Menschenschlange bis hinaus auf den Gehweg. Also nehmen wir an einem der vielen freien Tische im Lokal gegenüber Platz. Dort verzehren wir eine hervorragende Langustensuppe und einen perfekt zubereiteten Saibling. Alles prächtig präsentiert und den etwas gehobeneren Preis durchaus wert. Wir besprechen mit unseren Freunden ihre Abenteuer und erfahren schnell: Der erste Eindruck hat nicht getäuscht. Der Massentourismus hat definitiv Einzug gehalten, vor allem im Süden. Die Preise für Zimmer und Ausflüge seien selbst für Schweizer teilweise schwer verdaulich. Trotzdem: Island ist dermassen schön, dass man alles verzeiht und mit so vielen Eindrücken abreist, dass sie alle negativen Aspekte überschatten.

Gegen elf Uhr Abends heisst es Abschied nehmen, da die anderen beiden früh abreisen und auch wir fit sein wollen für die grosse Fahrt.



Tag 2 - Reykjavik bis Kerlingarfjöll und weiter nach Seljalandsfoss

Kerlingarfjöll

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Wir holen unser Auto aus der Operngarage und fahren erst einmal bei Hertz vor. Die Mahnenden Worte unserer Freunde was das Fahren im Hochland angeht, haben uns veranlasst lieber noch einmal nachzufragen. „Kerlingarfjöll? That’s no problem. Your contract allows you to drive up there“ sagt die Dame hinterm Thresen. Das stimmt tatsächlich: Zum Glück ausgerechnet die Strasse dort hinauf kann auch ohne noch teureres Allradgefährt erlaubterweise befahren werden. Es sei lediglich ein kleiner Fluss zu queren und das gehe bei gutem Wetter eigentlich Problemlos. Etwas skeptisch sind wir noch, aber immerhin: Vertraglich ist alles in Ordnung. Also los!

Wir fahren Richtung Selfoss. Dort zweigen wir nach Reykholt Richtung Inland ab. Nach rund eineinhalb Stunden kommen wir am Gullfoss vorbei. Der Parkplatz beim Gullfoss ist gigantisch, vermag aber den Ansturm nicht zu schlucken. Massen von Touristen stolpern neben und auf der Strasse herum. Wir verzichten vorerst auf eine Begutachtung. Die Strasse wird schmaler und bald schon endet der Belag abrupt und wir ruckeln über eine Schotterpiste durch eine zunehmend wüstenartige Landschaft. In der Ferne schimmert der Langjökull am Horizont und so plötzlich wie die geteerte Strasse endete, fühlt man sich auf einmal von der Weite und Einsamkeit der Landschaft überwältigt. Der Skoda meistert die Strasse mit Bravour. Selbst steile Anstiege nimmt er Problemlos und trotz des niederen Unterbodens bleibt kein Geröll hängen. Nachdem ich mich eingewöhnt habe macht die Angelegenheit richtig Spass. Schlaglöcher, teils gefüllt mit Wasser und die nicht immer auf Anhieb sichtbare Spur verlangen einiges an Konzentration, machen gleichzeitig aber auch sehr viel Spass. Inmitten von Nichts zweigt die Strasse nach Asgard ab. Nach rund eineinhalb Stunden hochlandfahrt muss dann tatsächlich noch ein kleiner Fluss gequert werden, was aber ebenfalls problemlos gelingt.

Wir parken beim Kerlingarfjöll Mountain Resort neben lauter Jeeps, zusammengewerkelten Überlebensfahrzeugen und Hochlandtrucks mit Monsterrädern. Rund dreissig Zelte stehen bereits auf dem Zeltplatz neben dem kleinen Fluss. Ein paar Hüttchen kann man offenbar mieten. Im Hauptgebäude gibt es ein Restaurant und daneben ein Mehrzweckgebäude zum Spülen, Waschen und für die Körperentleerung. Das Ganze strahlt eine Mischung aus hübsch gemacht und ein Bisschen improvisiert aus. Wir brechen direkt auf zum Geothermalgebiet. Der weg schlängelt sich die sanften Hügel hinauf. Sobald die Lodge ausser Sicht ist, wird es einsam. Nur vereinzelt sind hier andere Leute unterwegs. Der Weg ist gut markiert und nicht sonderlich schwer. Nach etwa einer Stunde sehen wir Rauch und hören auch schon bald das typische Zischen. Die bisher eher gräulichen Hügel verfärben sich zusehends rötlich, orange und gelblich. Zusammen mit dem teils fast neongrünen Bewuchs und den Restschneefeldern fügt sich ein einzigartiges isländisches Landschaftsbild zusammen. Aus dem Boden vor uns schiesst Dampf als baumdicke Säule. Man fühlt sich wie bei der Erkundung eines fremden Planeten. Ein lehmiger Weg führt uns ins Tal hinab. Es stinkt nach faulen Eiern. Warme und kalte Bächlein mischen sich und es zischt und blubbert rundherum. Mehr als eine Stunde erkunden wir die vielen kleinen Seitentäler. Nur eine Handvoll anderer Leute sind unterwegs und die Stimmung lässt sich wunderbar auskosten. Dann steigen wir hinauf zum Parkplatz – man kann von der Lodge auch bis hierhin fahren, aber solche Orte zu Fuss zu erreichen ist doch etwas ganz Anderes. Auf der Schotterpiste gehen wir zurück Richtung Lodge. Auch jenseits der geothermischen Täler bieten sich herausragende Einblicke in Täler durch die sich glitzernde Flüsse schlängeln. Zahlreiche Blumen wachsen in der auf den ersten Blick öden Steinlandschaft.

Nach etwa fünf Stunden sind wir zurück bei unserem Skoda. Der hat noch jede Menge Gesellschaft bekommen. Der Ort wirkt mittlerweile ein wenig wie ein Deutsches Ferienlager. Uns ergreift ein Fluchtreflex. Es ist zwar bereits sieben Uhr Abends, aber Monsieur klemmt sich gerne nochmal hinters Lenkrad. Einen richtigen Plan haben wir eigentlich nicht. Erst einmal Hochland fahren und dann schauen. Im Verlauf beschliessen wir einfach im Auto zu schlafen.

Diesmal halten wir am Gullfoss. Es stehen noch drei Autos auf dem Parkplatz. So in aller Ruhe und fast allein ist das Naturschauspiel doch gleich wesentlich genussvoller. Da ein kühler Wind die Gischt gegen uns schleudert, machen wir uns aber bald wieder vom Acker.

An einer von Olis Tankstellen irgendwo zwischen Selfoss und Hella kehren wir kurz vor Mitternacht ein. Es scheint selbstverständlich, dass man hier noch was zu essen kriegt. An den modernen Laden ist eine Theke mit Pizza, Burgern, Salaten und vielem anderen angegliedert. Die Tischchen sehen aus, wie nach einem Bombeneinschlag. So richtig Bock zum Arbeiten hat niemand. Die männliche Dame vom Fressthresen schäkert lieber ein wenig mit ihrer Freundin und offensichtlich besten Kundin. Abräumen tut – ein Bisschen – eine kleine Asiatin, die keiner beachtet. Eine reichlich absurde Atmosphäre, aber der Burger und die Fritten sind ziemlich gut. Unter einem flammenden Sonnenuntergang hält Monsieur noch immer ohne festes Ziel durch.

Dann kommt die Gelegenheit: Ein Schild weist auf den Seljalandsfoss Wasserfall hin, wo wir parken. Das Projekt Sitze umklappen und Schlafkombi einrichten lässt der Skoda aus technischen Gründen scheitern. Die Müdigkeit richtets, dass wir die Schlegel auf dem Armaturenbrett auf den Vordersitzen einschlummern.



Kerlingarfjöll



Tag 3 - Seljalandsfoss bis Höfn

Seljalandsfoss

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Zerknautscht aber glücklich besichtigen wir den Wasserfall, wo sich noch kaum jemand eingefunden hat. Die schiere Grösse des Parkplatzes lässt erahnen, dass dies nicht lange so bleibt. In der morgendlichen Stille lässt sich der über einen sattgrünen Hügel rauschende Wasserfall aber durchaus noch geniessen. Wir schreiten hinter den silbernen Fäden am Fels entlang hindurch. Der Ort ist wirklich sehr schön und es ist nachvollziehbar, dass viele Menschen ihn sehen wollen. An der gerade geöffneten Fressbude holen wir Kaffee und ein kleines Frühstück. Danach putzen wir die Zähne vor dem öffentlichen Klo vor den verwunderten Blicken der herannahenden Knipshorden. Zeit weiterzufahren.

Nächster hält: Schwarzer Strand Reynisfjara. Es regnet. In den meisten Autos auf dem Parkplatz zeichnen sich schemenhaft Gestalten ab, die auf besseres Wetter warten. Wir nutzen die Gelegenheit, die Örtlichkeit einigermassen menschenfrei begutachten zu können. Die See löst sich in der Ferne hinter dem schwarzen Sand in Dunst auf. Zwei Felsen ragen wie schwarze Haifischzähne aus dem nassen Grau. Auf der anderen Seite türmen sich Haufen aus geografischen Basaltsäulen zu Klippen auf, in denen Papageientaucher und allerlei andere Vögel nisten. Wiederum: Klar, dass das kein Geheimtipp geblieben ist. Der Regen lässt nach, wir fahren weiter.

Als die ersten Gletscher hinter den Strassenkurven schimmern, lassen wir uns zu einer Dummheit verleiten: Wir fahren allen anderen hinterher. Wir landen auf dem gigantischen Parkplatz des Skaftafell und Vatnajökull Nationalparks. Hier dackeln Hunderte, ja Tausende Touristen herum. Es werden Touren auf den Gletscher angeboten und ganze Berge von Steigeisen türmen sich. Auch wir watscheln brav auf einem breiten Weg zur Gletscherzunge. Und natürlich ist es schön: Die Blumen, das Eis, das in den davor gebildeten See ragt…aber der Menschenauflauf ist ein regelrechter Shock. Als wir weiterfahren stellen wir zudem fest: Die Gletscherparade ist noch lange nicht zu Ende. Immer wieder wird der Blick auf die weissen Giganten frei. Von kleinen Parkplätzen machen wir Fotos.

Beim Fjallsarlon Gletschersee sind wir zwar auch nicht die Einzigen, allerdings überwiegt hier die Weite der Landschaft. Die Gletschermassen ragen direkt über einem See auf. Der Anblick ist so majestätisch, dass man die Menschen um einen herum vergisst. Von denen schleppen sich die meisten eh nur ein Stück weit den Schotterweg entlang, so dass man sich fast einbilden kann, allein zu sein.
Auch bei der Jökulsarlon Gletscherlagune wollen alle sehen, wie das Eis aus dem See den Fluss hinab treibt. Auch das ist nachvollziehbar: Der Anblick ist einmalig, gerade auch weil die Brocken direkt unter der Brücke der Hauptstrasse hindurch ins Meer schwimmen.

Wir beschliessen in Höfn nach einem Schlafplatz zu suchen und sind tatsächlich erfolgreich. Genau ein Zimmer gibt es noch im von der Touristeninfo als „normal“ betitelten Hotel. Dort kostet das Zimmer hundert Euro weniger als in der noblen Variante, wenngleich der Preis von rund 250 Euro für ein Doppelbett, zwei Stühle, einen Fernseher, ein Bad mit Dusche und Frühstück im Schuppen gegenüber immer noch hart zu Buche schlägt. Das Örtchen wurde erst vor etwa 150 Jahren gegründet und hat, vor allem für isländische Verhältnisse, viel Beschaulichkeit bewahrt (die meisten Orte sind eher praktisch als hübsch).

Zu Fuss machen wir uns auf ins Zentrum. Unterwegs finden wir einen kleinen Supermarkt mit Vinbudin, wo wir uns mit Bier für den Abend eindecken. Im alten Warenlager wurde ein sehr hübsches Restaurant eingerichtet. Gierig aber mit Genuss verzehren wir eine sehr gute Fischsuppe und mit Kartoffeln in einer Eisenpfanne gegarten Fisch. Wirklich gut. Das Isländische Doppelbockbier ebenfalls, wenn es auch fast gleich viel kostet wie der Hauptgang. Daher schlürfen wir am kleinen Hafen illegalerweise noch ein Bierchen in der Öffentlichkeit aus der Einkaufstüte.



Reynisfjara



Tag 4 - Höfn bis Ólafsfjörður

Sympathische Verkehrshindernisse

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Wir gehen es gemütlich an. Den Frühstücksraum in der Hütte gegenüber teilen wir uns mit einigen Koreanern. Das Frühstück fällt ausgiebig aus, damit wir gewappnet sind für einen langen Tag. Wir haben mittlerweile beschlossen die Insel zu umrunden.

Auch die Landschaft wird ruhiger. Weniger monumental, aber nicht weniger schön. Es ist sogar recht angenehm, dass hier weniger los ist. Wir brausen einfach gemütlich über die Strassen und lassen alles auf uns einwirken.

Bei Breidalsvik verlassen wir die Küstenstrasse und wählen die Passroute nach Egilsstadir. Auch diese ist nicht asphaltiert und schlängelt sich in zahlreichen Serpentinen die Berge hinauf. Herrlich zu fahren, nur muss man auf die Schafe achten, die ab und an einfach auf der Strasse stehen, dort auch stehen bleiben und einem anglotzen, als wäre man völlig bescheuert. Die Landschaft ist hier wieder eine ganz Andere und erinnert ein wenig an die äusseren Hebriden.

In Egilsstadir besuchen wir die N1 Tankstelle, wo wir vor Jahren ein paar Abende während unserer ersten Islandreise zubrachten. Seltsam, dass man mit einer Tanke schöne Erinnerungen verbindet. Wir essen etwas Kleines und überlegen uns, wo wir eigentlich übernachten wollen. Das Myvatn Gebiet und Akureyri kennen wir bereits. Das W-Lan ausnutzend, finden wir eine freie Hütte in Ólafsfjörður für die heutige Übernachtung.

Beim Geothermalgebiet Hverarönd treffen wir auf die erste Menschenmasse seit langem, die sich das dortige Geothermalgebiet anschaut. Monsieur ist ganz froh sich nach der langen Fahrt ein wenig die Beine vertreten zu können. So rennt er denn auch kurz auf den Hügel über dem ansonsten rollstuhlgängigen Areal. An dessen Hang rutschen eine Handvoll Leute mit angstgeweiteten Augen herum. Madame verzichtet ebenfalls auf das Abenteuer. Von oben sieht man die kleinen Gestalten zwischen den Rauchsäulen herumwuseln. Auf der anderen Seite zum Myvatn und kann man anhand der gut gefüllten Parkplätze ausmachen, wo sich das Heissquellenbad, Dimmu Borgir und alles Weitere befindet. Das macht wenig Lust sich dort hineinzustürzen.

Beim Godafoss schauen wir dennoch kurz vorbei. Auch hier: Trotz der zahlreichen Besucher ist es eindrücklich, wie die Wassermassen über die Basaltsäulen stürzen. Auf dem Weg von Egilsstadir nach Akureyri fahren wir durch teils erstaunlich grossflächige Waldstücke.

Nach Akureyri fahren wir entlang dem Fjord. Gegenüber ragt eine von der Sonne beschienene Bergkette aus dem Meer. Dann folgt ein ca. 3.5km langer, einspuriger Tunnel mit Ausweichstellen. Wir fühlen uns unweigerlich an die Färöer erinnert – und doch ist es hier anders. Es gibt wirklich kaum ein Land auf der Welt, das so abwechslungsreich ist wie Island.

Ólafsfjörður ist ein kleiner, sehr schön gelegener Ort. Wir bekommen eine Hütte am Fjord mit eigener Hot Tub! Das Lässt sich Monsieur nicht nehmen! Direkt nach dem guten Essen im Familienbetrieb, der hier mit viel Geschickt aufgebaut wurde, hantiere ich unter dem Wachbecken im Klo, ziehe am Hahn unterm Balkon und tatsächlich: Warmes Wasser sprudelt in den blauen Bottich. Madame schaut eher skeptisch als ich die toten Fliegen vom Wasser lese und überlässt mir die Wanne grosszügig. Mir ist’s Wurscht. Ich sitze mit einem kühlen Bier in der warmen Suppe und schaue im Abendrot glühenden Hügel an. Danach aber vielleicht doch noch kurz duschen…



Island



Tag 5 - Ólafsfjörður bis Reykjavik

Nordisland

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Wir nehmen die Bergstrasse die als Schotterpiste durch grüne Täler, vorbei an vereinzelten Höfen und entlang dem Stifluvatn führt. Hier oben scheinen sich nur noch die wenigsten Touristen hinzuverirren. Eine Gegend die man durchaus auch einmal länger erkunden könnte. Wanderrouten gäbe es genug.

Wir wollen aber erst einmal weiter nach Sauðárkrókur. Das kleine Örtchen besteht mehr oder weniger aus zwei Häuserzeilen durch die eine Strasse führt. Wir finden ein sehr hübsch eingerichtetes Restaurant, wo es gerade Mittagsbuffet gibt. Das reichhaltige Angebot aus Suppe, Saltaten, Fisch und Fleischgerichten sowie verschiedenen Pizzen wird zum Schnäppchenpreis von rund 20 Euro angeboten. Da sind wir gerne mit von der Partie. Zusammen mit den Arbeitern aus der Region speisen wir königlich. Beim ebenfalls enthaltenen Dessert suchen wir W-Lan sei Dank nach unserer letzten Bleibe auf Island. Eigentlich dachten wir an etwas ca. eine Stunde ausserhalb Reykjavik. Allerdings sind die meisten in Frage kommenden Orte ausgebucht, oder die Angebote sind dermassen überteuert (800 Euro kamen vor…), dass wir schliesslich beim Center Hotel in Reykjavik landen und ein Zimmer in der Innenstadt für einen erschwinglichen Preis ergattern können.

Gestärkt geht es weiter. Noch rund 300 Kilometer sind bis Reykjavik zu bewältigen. Und natürlich bestehen diese nicht aus einer eintönigen Strasse durch eine belanglose Gegend – und sicher hätte sich an manchem Ort ein weiterer Halt durchaus gelohnt. Manchmal ist es aber auch purer Genuss einfach so durch eine wunderbare Gegend zu fahren. Ausserdem wollen wir, wenn wir schon nochmal die Gelegenheit haben, in Reykjavik auf Kneipentour.

Das Hotel verdient seinen Namen: Es ist wirklich im absoluten Stadtzentrum. Dennoch finden wir direkt daneben ein Parkhaus. Im Hurra und im Gaukurinn gibt es erst mal ein paar Bierchen. Dann versuchen wir es nochmal beim Seebaron – und haben Glück. Einige der blauen Fischfässer die um zwei lange Tische stehen sind frei, die Schlange nur ein paar Nasen lang. Wir suchen uns Fischspiesse aus, bestellen Hummersuppe als Vorspeise und – auch wenn wir dafür in die Ökohölle kommen – Minkwal. Der Seebaron wird nicht umsonst bestürmt. Das Essen ist simpel, aber gerade deswegen wirklich super. Wir gönnen uns noch einen Happen Gammelhai mit Aquavit, dann spülen wir den verbleibenden Müllgeschmack im Dillon, wo im oberen Stock gerade live musiziert wird und das deshalb aus allen Nähten platzt. Im Aussenbereich richten wir uns ein, dort ist aber bald Ende weil Nachtruhe. Wir trinken drinnen im Gewusel noch kurz aus und machen uns auf den Rückweg.



Nordisland



Tag 6 - Reykjavik nach Nuuk

Nuuk

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Wir fahren zum vermeintlichen Hauptgebäude des Inlandflughafens. Ich lasse Madame dort raus, will das Auto beim nahen Hertz Parkplatz zurückbringen und dann zu Fuss wieder zum Flughafen. Die Autoabgabe läuft simpel ab und ich hechte zurück, da wir eher etwas knapp dran sind. Madame informiert mich, dass der Terminal genau auf der anderen Seite des Flughafenareals ist. Also eilen wir im Stechschritt dorthin…bloss nicht den Flieger nach Nuuk verpassen.

Im kleinen Inlandflughafengebäude haben sich zwei Grüppchen eingefunden: Eines will offensichtlich (zurück) nach Grönland, das andere hat einen Inlandflug gebucht. Der Flieger nach Nuuk hat Verspätung, also umsonst gehetzt. Trotzdem sind wir froh, dass alles klappt. In der kleinen Caféteria mit Kiosk und ein paar Tischchen richten wir uns ein und holen ein paar Mal Kaffee aus einer bereitstehenden Thermoskanne, da sind die Isländer Grosszügig: Der Amerikanische Refill hat Tradition. Schon leicht zittrig vom Koffein geht es durch die Sicherheitskontrolle und ab in die 36 Personen fassende Bombardier von Air Iceland.

Die ersten Eisberge treiben weit unter uns im Meer. Dann taucht mächtig die ewig scheinende und sich immer weiter ausbreitende eisige Landmasse Ostgrönlands auf. Die sich abhebenden Gletscherströme, die camouflageartigen Felsengebilde, Schären und Fjorde in denen sich gleissend die Sonne spiegelt lassen in einem das Gefühl aufkommen, als würde man über einem fremden Planeten schweben. Dann wird alles für mehr als eine Stunde von einem allumfassenden Weiss verschluckt. Es ist schwer auszumachen, wo das Inlandeis aufhört und wo der Himmel beginnt. Nur ganz vereinzelt lassen sich schattenartige Erhebungen oder Vertiefungen erahnen. Ich habe selten so gebannt aus einem Flugzeugfenster geglotzt – werde es in den folgenden Tagen aber noch des Öfteren tun.

Der Passagierflughafen in Nuuk ist noch etwas rudimentärer als der Inlandflughafen in Reykjavik: Ein paar Stühle und Tische, ein Kiosk, Klos und ein Schalter. Wir nehmen unsere Rucksäcke in Empfang und besteigen eines der Taxis. Der Sitz ist mit samtweichem Robbenfell bezogen. Auf dem Weg zum Hotel bekommen wir einen ersten Eindruck der Stadt. Im Vergleich zu den Orten die wir bisher in Grönland gesehen haben gibt es ein umfangreiches Strassennetz. Viele neue Wohnblocks moderner Bauart werden in der Peripherie der Stadt gebaut und stehen in starkem Kontrast zu den Bausünden der Sechziger und Siebziger, als das dänische Mutterland den wirtschaftlichen Aufschwung einleiten wollte und damit das Elend der Betonblockghettos und des Alkoholismus heraufbeschwörte.

Das Hans Egede Hotel liegt im Recht undifferenzierten Zentrum Hauptstadt, gegenüber von einem Glasgebäude mit Geschäften, vor denen Einheimische auf der Strasse Kram und Kunst verkaufen. Innen ist das Hotel topmodern und sehr geschmackvoll eingerichtet – ebenso unser wirklich grosszügiges und schönes Zimmer mit Sicht auf die vielen bunten Häuschen und Wohnblocks.

Wir machen erst einmal einen Stadtrundgang. Gegenüber dem Hotel befindet sich das recht moderne, aber zweckdienlich erstellte Zentrum mit Läden für den täglichen Bedarf, aber auch eher für Touristen gedachte Boutiquen mit Kleidung und Utensilien aus lokaler Wolle, Robbenfell usw. Der Fischmarkt dürfte für viele Westler ein Shock sein. Es gibt hauptsächlich lokale Spezialitäten: Ungefär eine halbe Tonne rotes Minkwalflesich liegt in einer Wanne, in einer anderen fast genauso viel Fett. Beides wird fleissig mit Kellen in Plastiktüten geschöpft und an die Käuferschaft abgegeben. Natürlich gibt es auch Robbenfleisch, daneben aber auch zahlreiche „normale“ Meerestiere. Wer sich hier entrüstet, ist nach meiner Meinung an den falschen Ort gereist. Mir jedenfalls läuft das Wasser im Mund zusammen.

Ein paar Schritte weiter gruppiert sich die „Altstadt“ um das auf einem Felshügel errichtete Hans Egede Denkmal. Einige wohlgepflegte bunte Holzhäuser und eine rot-weisse Kirche. Als Kontrast zum autoritär herbaschauenden und offensichtlich oft vandalisierten Missionar ragt am Fuss des Felsens die Mutter der Meere aus dem Wasser. Eine Frauengestalt umrankt von den Geschöpfen des Meeres verkörpert die eigene, reichhaltige Kultur. Dazu passend liegen unweit davon traditionelle und moderne Qajaqs auf einem Gestänge. Dahinter ragt eine Reihe moderner Wohnblocks in den Himmel.

Die historische Hafenanlage ist ebenfalls wohlgepflegt und besteht aus ein paar bunten Häuschen, die erahnen lassen was für ein abgeschiedener Aussenposten dies einmal war. Tranpressen reihen sich vor dem Nationalmuseum, das leider bereits geschlossen hat. Dafür hat das Café geöffnet, wo wir ein lokales Bier verkosten. Eigentlich wollten wir noch die „Grönland Tapas“ versuchen, die gibt es jedoch erst in etwas mehr als einer Stunde. Wir halten es so lange aus und werden nicht enttäuscht. Es wird zwar nicht gerade reichhaltig aufgetischt, aber dafür vom Feinsten: Grönländische Garnelen, Krebs, zwei Sorten einer Art Fischcarpaccio und geräucherts Lamm. Alles arrangiert wir im Sternerestaurant und mit kleinen Finessen wie fein zerstäubter Buchenasche versehen.

Danach gehen wir ins Gothab Brygghus im Kneipenviertel, das eigentlich auch direkt bei der Einkaufspassage und im Wesentlichen in einem grossen Lagerhallenartigen Gebäude liegt, das verschiedene Lokale beherbergt. Drinnen kommt aber urige Gemütlichkeit auf. Es sieht aus wie eine Mischung aus Irish Pub und einer Spelunke in einem Spaghettiwestern. Es gibt Billardtische, Tiffanyglas und einen ewiglangen Theresen mit zahlreichen Zapfhähnen, hinter denen sich die Schnapsflaschen aneinanderreihen. Ausgeschenkt wird lokales Bier in einer erstaunlichen Vielfalt – und in wirklich solider Qualität.

Da das Amuse-Bouche aus Grönlandspezialitäten nicht viel hergab, fragen wir den Barkeeper, wo man etwas Richtiges zwischen die Rippen bekommt. Er verweist uns auf unser Hotel, wo es das Restaurant mit den besten Steaks der Stadt gebe. Also los. Kurz darauf wird gekonnt ein Kilo T-Bone Steak in Tranchen geschnitten und auf zwei Teller verteilt. Das Lokal könnte auch in New York sein. Am üppigen Salatbuffet decken wir uns zusätzlich mit mehr der weniger Gesundem ein. Dann noch einen Absacker in der Hotelbar, die dann doch eher wieder an eine Fährüberfahrt erinnert.
Ein langer, überaus kontrastreicher Tag.



Nuuk



Tag 7 - Nuuk nach Narsarsuaq

Hinter dem Flughafen

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Es geht bereits wieder weiter. Nach dem üppigen Frühstück in dem Raum, wo wir gestern noch das Steak verzehrt haben, machen wir uns auf zum Flughafen. Auch der Flieger nach Narsarsuaq ist verspätet. Wir spazieren also etwas auf den Felsen ausserhalb des Flughafengebäudes herum. Hier an den Grenzen der Stadt endet die Zivilisation beinahe abrupt. Auf der einen Seite ein von Grün durchsetztes Felsenmeer das sich zu Hügeln auftürmt auf der anderen der Flughafen mit zahlreichen Lagerhallen und Wartungsgebäuden. Wir schlagen die Zeit tot, enden Fast in einem falschen Flieger und beobachten das stete Kommen und Gehen. Hier ist der Flughafen was bei uns der Bahnhof ist. Wer in die nächste Ortschaft will, kann entweder sehr lange Schiff fahren oder er fliegt.

Schliesslich heben wir dann doch ab. Diesmal in einer knatschbunten Bombardier. Die Aussicht auf die endlosen Gebirge, Gletscher, Seen, Flüsse und Fjorde lässt mich die Nase fast den ganzen Flug an die Scheibe pressen. Regelrechte, tiefste Dankbarkeit dies alles sehen zu dürfen steigt in mir auf.

Beim Landeanflug blicken wir auf die versprenkelten Eisberge die sich von den mächtigen Gletscherarmen in die tiefblauen Becken zwischen den blassgrünen Hügeln ergiessen.

Über dem Gepäckband im Flughafengebäude prangt eine goldene Dankestafel der Stadt Berlin in Erinnerung an die Rosinenbomber die seinerzeit von hier aus gestartet waren. Ein Hinweis auf die nicht ganz so süssen Bomber, die von hier aus Korea bombardierten fehlt.

Narsarsuaq ist sehr überschaubar. Hauptzeugnis menschlicher Anwesenheit bildet der Flughafen. Daneben gibt es eine Handvoll Häuschen und eine geteerte Strasse. Direkt neben dem Flughafen steht das Blue Ice Café, wo der örtliche Tourenanbieter seinen Sitz hat. Ich war eigentlich überzeugt bei Chef Jacky via E-Mail für den nächsten Tag eine Überfahrt nach Itilleq reserviert zu haben. Im Blue Ice Café weiss man davon aber nichts. Chef Jacky macht’s pragmatisch: Wir dürfen trotzdem mit. Mit einem Papiervoucher versehen steuern wir das lokale Hotel an, das in einem, im Verhältnis völlig überdimensionierten alten Army-Gebäude aus der Zeit der amerikanischen Besatzung stammt. Es sieht ein Bisschen nach einer Mischung aus Ferienmassenlager aus Kindertagen, Forschungsstation und sechziger Jahre aus. Den riesigen Empfangsraum hat man irgendwie behelfmässig mit bunt zusammengewürfelten Möbeln aus verschiedensten Jahrzehnten und einer Eisbärskulptur gefüllt. Das Zimmer selbst wirkt, als hätte man hier seit dem Abzug der Amerikaner nichts verändert. Sehr rustikal, inklusive Wahlscheibentelefon. Wir sind aber auch nicht hier um im Hotel zu hocken.

Aufgrund der verspäteten Ankunft haben wir nicht so viel Zeit wie geplant um das Hinterland von Narsarsuaq zu erkunden. Erst einmal geht es der einzigen geteerten Strasse entlang. Ein offensichtlich neuer Runenstein erinnert an die ehemalige Besiedlung durch die Wikinger. Dahinter flattert die grönländische Flagge. Die Häuschen und Zweckbauten dünnen aus. Dann tauchen mächtige Ruinen der ehemaligen Armeeanlagen auf. Kurz bevor der Weg zu einem Kiespfad wird steht ein einsamer Kamin zwischen Büschen und Blumen. Ein letztes Erinnerungsstück an das ehemalige Armeehospital, wo einst die während der Normandieinvasion und im Koreakrieg Verwundeten Soldaten gepflegt wurden. Dann enden auch die letzten Spuren von Zivilisation. Harsche Felsen überragen das satte Grün der Sträucher. Nach einem gemächlichen Anstieg geht es hinab ins Blomsterdalen. Und das trägt seinen Namen zu Recht. In einem weiten Flusstal breitet sich ein Meer aus Farbtupfern gleich einem Monet Gemälde aus. Dann wird der Untergrund zunehmend sandiger und der Fluss der in einem Bett aus Kies glitzernde Fluss kommt in Sicht. Auf den grauen Sandbänken die der Gletscher zurückgelassen hat wuchern Inseln aus violetten arktischen Wiederöschen. Wir folgen einem glasklaren Nebenarm des Flusses, durch den immer wieder grosse und kleine Saiblinge huschen. Zu unserer Rechten zeigen Seile den Aufstieg zum Aussichtspunkt über den Gletscher an. Da es mittlerweile recht spät ist verzichten wir auf den Aufstieg. Über Steinbrocken nähern wir uns dem Gletscherabfluss, bis schliesslich eine Felswand, hinter der sich der Gletscher versteckt den Weg versperrt. Nur ein paar Eisbrocken lugen um die Ecke. Auch ohne Gletscherausblick hat sich dieser mehrstündige Spaziergang auf jeden Fall gelohnt.

Gegen neun Uhr Abends erreichen wir das Hotel und haben Glück: Es gibt noch etwas zu essen. Der Speisesaal sieht in etwa so aus, wie man ihn sich in Nordkorea vorstellen würde: Seit Jahrzehnten unverändert, aber jeder Tisch ist sorgsam gedeckt – und wir sind die einzigen Gäste. Das Personal tänzelt fast scheu um die Tische. Vieles von der Karte ist gerade aus, was uns erst nicht gerade kulinarische Höhenflüge erwarten lässt. Das lokale Qajaq Pilsner schmeckt aber schonmal gut. Die Suppe mit Muscheln überrascht dann positiv, davon hätte man auch einen ganzen Topf bringen dürfen! Das gegrillte grönländische Lamm mit Bratkartoffeln und Wurzelgemüse ist ebenfalls richtig gut und was da ist wird grosszügig aufgetragen. Ein paar Fischer kehren gegen 22 Uhr zum Hotel zurück und kriegen ganz selbstverständlich auch noch was zwischen die Rippen.



Gletscherarm



Tag 8 - Narsarsuaq nach Igaliku

Igaliku

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Jacky holt uns früh morgens in einem klapprigen Bus vom Hotel ab. Ein älteres Ehepaar, das in eine kleine Siedlung auf der anderen Seite des Fjords will ist ebenfalls an Bord. Am kleinen Hafen, vor dem die Eisberge gemächlich im Meer treiben muss Jacky erst mal den Skipper wachklingeln. Der kriecht noch etwas bedöppelt unter Deck hervor und Frühstückt erst mal eine Zigarette. Dann dürfen wir an Bord des mit einem Rentiergeweih geschmückten Bootes und nehmen auf der bequemen Rückbank in der Kabine Platz. Die Wolkendecke hat sich tief gesenkt und wir hoffen, dass das Wetter nicht unsere fünftägige Wanderung nach Qaqortoq lang verregnet sein wird.

In Itilleq gibt es keinen richtigen Hafen. Nur ein Holzsteg schwimmt im Wasser. Auf der Kiesstrasse oberhalb steht ein verlotterter Jeep, der die uns ablösenden Bootsgäste aus Igaliku gebracht hat. Mit Gesten bedeutet uns der einheimische Chauffeur die Rucksäcke einzuladen und mitzufahren. Der Kiesweg bis Igaliku verspricht nicht ausserordentlich spannend zu werden und so willigen wir ein, die ersten paar Kilometer abzukürzen. Das Gefährt holpert gemächlich über die grobe Schotterpiste. Der Riss in der Frontscheibe hält wacker durch. Trotz des miesen Wetters regnet es (noch) nicht und wir haben noch Hoffnung. Als wir einen Hügel erklommen haben wird die Sicht auf das kleine Dörfchen Igaliku frei. Idyllisch liegen die paar bunten Häuser auf eine grüne Wiese gestreut. Wir werden vor dem örtlichen Café abgeladen.

Noch bevor wir unsere erste Etappe nochmal auf der Karte durchgehen können, begrüsst uns eine über dem Geländer vor dem Café lehnende, nach Trailerpark-Klischee aussehende ältere Dame. In der einen Hand eine dampfende Tasse Kaffee, in der anderen die Frühstückskippe. Sie fragt, was wir vorhaben und meint dann, in die Richtung können wir jetzt nicht wegen der Eisbären. Wir halten das erst einmal für einen Schabernack, den die Einheimischen mit den doofen Touristen treiben und lächeln höflich. Die Dame schaut uns aber aus tiefgrauen Augen an und versichert uns, dass sie das durchaus ernst meint. Dann zückt sie ihr Mobiltelefon und klärt auf Kalaalisut offenbar die mit jemanden die derzeitige Eisbärensituation. Nach ein paar Minuten zeigt sie mit dem Finger genau in unsere Marschrichtung und meint, es seien zwei Eisbären etwa zwei bis drei Kilometer in jener Richtung unterwegs. Man beobachte wohin sie sich bewegen, könne aber natürlich nicht voraussagen, was die beiden genau vorhaben. In der Siedlung sollte es sicher sein sich zu bewegen, aber zu zweit und ohne grosskalibriges Gewehr würde sie uns nicht empfehlen irgendeinen Weg in diese Richtung einzuschlagen und meint beiläufig „the polar bear is no pussycat, you know“. Noch etwas ungläubig stolpern wir ins sehr hübsche Café, das irgendwie auch eine Touri-Info, Tourenbureau und ein Souvenirshop ist. Ausserdem gibt es Zimmer. Man bestätigt uns die Geschichte der Eisbären-Lady. Im Moment sei es am besten zu warten. Zu unserem Erstaunen kann man hier draussen selbstverständlich mit EC-Karte zahlen – zum Glück, denn wir hatten nicht damit gerechnet die nächsten Tage überhaupt Geld zu benötigen. Wir fügen uns dem Schicksal und harren erst einmal in der Sitzecke aus. Immer wieder wird telefoniert und man teilt uns den aktuellen Eisbärenbericht mit. Der verheisst leider nichts Gutes: Die beiden streunen immer noch genau in unserer Richtung herum. Es wird immer klarer, dass aus unserer geplanten Tour nichts wird: Aufgrund einer Flugplanänderung sind wir später hier als geplant und haben nur ein enges Zeitfenster, da in exakt fünf Tagen die Küstenfähre ab Qaqortoq zurück nach Nuuk fährt. Fünf Tage waren für die Strecke schon sportlich geplant. Vier Tage wären, vor allem auch in Anbetracht des miserablen Wetterberichtes für die nächsten Tage, einfach zu knapp für eine grösstenteils weglose Tour ohne Abkürzungsmöglichkeit. Das bestätigt man uns auch nochmal vor Ort. Wir steigen von Kaffee auf Bier um und planen an einer Alternativroute herum. Auf der anderen Seite des Eriksfjords kann man nach Narsaq wandern. Die Überfahrt nach Brattahlid, der ehemaligen Siedlung von Erik dem Roten im heutigen Qassiarsuk können wir direkt vor Ort buchen und zahlen. Im Café ist ausserdem noch ein Zimmer frei, was sich in Anbetracht der Umstände angenehmer ausnimmt als eine Nacht im Zelt. Der Plan steht und wir beschliessen uns das Örtchen etwas genauer anzuschauen. In der Nähe der Kirche befinden sich die Ruinen des Bischhofssitzes Gardar der Wikinger. Viel ist nicht übrig, aber allein die Tatsache sich an einem derart historischen Ort zu befinden beflügelt die Phantasie. Wir besichtigen die direkt daneben liegende kleine Holzkirche, die für sich ein Stück lebendige neuere Geschichte darstellt. Ein Gedenkstein erinnert an den Norweger Anders Olsen, der die heutige Siedlung 1782 gründete.

Beim kleinen Hafen richten wir unsere Küche ein. Wenn schon nicht wandern, dann wenigstens Stilecht aus dem Rucksack speisen. Unter ständiger Ausschau ob etwas Grosses, Weisses uns ans Leder will.
Danach verziehen wir uns wieder ins Café und spielen Karten. Die Eisbärberichte kommen immer noch regelmässig über Mobiltelefon. Eine Touristengruppe uniformiert in die gleichen roten Expeditionsjacken trudelt ein und ist ohnehin ganz hin und weg vom totalen Abenteuer, das sie hier grad erleben und kriegt sich vor lauter „und dann noch Eisbären“ gar nicht mehr ein. Als die Truppe das Buffet stürmt verziehen wir uns zum Lesen in unser winziges, aber sehr gemütliches Zimmer.



Kirche von Igaliku



Tag 9 - Igaliku nach Qassiarsuk (ehem. Brattahlíð)

Wir fassen es kaum. Man teilt uns mit, dass der eine Eisbär über den Fjord geschwommen sei. Er hocke nun genau zwischen Qassiarsuk und Narsaq. Damit blockiert er nun ausgerechnet unsere Alternativroute. Da der andere Bär noch immer in der Gegend herumwuselt macht hierbleiben aber auch keinen Sinn. Wir buchen also gleich die Weiterfahrt von Qassiarsuk nach Qaqartok für den nächsten Tag, weil auch in der Umgebung von Qassiarsuk nichts ist mit Wandern und wild Zelten. Immerhin: Die Schotterpiste bis zum Anlegesteg sollte Eisbärfrei sein. Also wenigstens ein Bisschen die Beine vertreten.
Dennoch beobachten wir die Landschaft SEHR Aufmerksam, als wir Richtung Itilleq marschieren. So aufmerksam, dass wir von den beiden Anlegestellen an der verkehrten welchen stehen, als das Boot einfährt. Monsieur hechtet also im Galopp durch die Büsche an der Küste in der Hoffnung auf die Gnade des Skippers. Verschwitzt und keuchend klopfe ich an die Scheibe, hinter welcher der Käptn tiefenentspannt am Navigationsbildschirm hantiert und meint, er habe uns schon gesehen, kein Problem. Ich lege den Rucksack hab, hechte zurück zu Madame, die sich etwa in der Hälfte der Strecke noch im Gestrüpp abmüht und nehme ihr den Rucksack ab. Mit etwa zwanzig Minuten Verspätung legen wir ab.
Qassiarsuk hat einen kleinen Hafen. Ein Kinderfahrrad liegt zum Einladen bereit, ein Pick-Up bringt einheimische Fahrgäste, Gepäck wird ausgeladen. Das Örtchen ist ein kleiner, landwirtschaftlicher Weiler. Auf einem Fels steht eine rund drei Meter hohe Statue von Leif Eriksson, dem Sohn Eriks des Roten der in den Fjord hinausschaut. Wir lassen die Rucksäcke zurück und steigen zu der Statue hoch. Der Ausblick auf die Häuschen und den Fjord, in dem Eisberge treiben ist trotz des üblen Wetters prächtig.
Wir steigen ab, satteln die Rucksäcke wieder und marschieren zu den Nachbauten eines Wikingerlanghauses und einer Wikingerkirche. An der Umfriedung hängt ein laminiertes Blatt mit der Telefonnummer für Führungen à 50 Kronen. Die Führerin kommt aber schon von einem roten Häuschen über den Nachbauten gestiefelt und begrüsst uns freundlich. Sie erzählt uns viel über den Fund der Gebeine der Nordmänner im Ort und wie man so nach langem Werweissen zum Ergebnis kam, dass Erik der Rote hier gesiedelt haben muss. Die Nachbauten sind sehr sorgsam und detailgetreu gefertigt. Im Langhaus sind sowohl Alltagsgegenständen der Wikinger als auch der einheimischen Kalaallit ausgestellt. Die 50 Kronen lohnen sich allemal. Nach der offiziellen Führung erfahren wir, dass heute Hochzeit ist im Ort. Schon die Dritte dieses Jahr, was ein gutes Zeichen für den Fortbestand der nur knapp 50 Leute zählenden Siedlung sei. Unsere Führerin selbst stammt nicht aus dem Ort und gesteht uns, dass sie vor lauter Angst vor dem Eisbär, der gestern Nacht herübergekommen sei vom Ortsvorsteher nach einem Nachtessen bei diesem mit dem Auto die paar hundert Meter in ihr Haus zurück gefahren werden musste.
Sie erklärt uns ausserdem, es seien zwei Jungbären, wahrscheinlich Geschwister. Die Jungtiere würden nach der Ablösung von der Mutter über das Eis in den Süden wandern und würden dann im Sommer häufig vom Rückweg abgeschnitten. Durch die Erderwärmung finden sie im Süden weniger über den Sommer bestehende Eisflächen, so dass sie keine Robben jagen können. Die Bären wurden so immer häufiger in den Siedlungen landen, wo sie mit den Schafen eine leichte Beute finden. Da die Jagdquote für Eisbären bereits ausgeschöpft sei, versuche man nun die beiden Bären zu beobachten und durch Lärm von den Siedlungen abzuhalten. Häufig würden die ausgehungerten Tiere dann aber dennoch geschossen, weil sie zur Gefahr für die Menschen werden und langfristig ohnehin nicht durchkommen würden. Man spürt die Mischung aus Selbstverständlichkeit der Jagd auf Eisbären, aber auch ein grosses Mitgefühl für die Tiere.
Wir erfahren noch, dass das Leif Eriksson Hostel die einzige Unterkunft im Ort ist und auch die Möglichkeit bietet zu zelten. Der gelbe Bau liegt direkt unter der Statue des Namensgebers. Innen ist alles Behelfsmässig, aber ordentlich eingerichtet. Der Betrieb wird – eher überraschend - von einer Gruppe von Spaniern geführt. Für ein kleines Entgelt dürfen wir unser Zelt draussen aufbauen und den mittlerweile stetig zunehmenden Regen im Gemeinschaftsraum überdauern. Als gegen Abend wieder eine in geliehene Expiditionsjacken uniformierte Pauschalabenteuertruppe eintrudelt verziehen wir uns in Zelt. Der Regen hält die ganze Nacht an. Eisbärenbesuch erhalten wir glücklicherweise keinen.



Neo-Wikinger Schnitzerei



Tag 10 - Qassiarsuk nach Qaqortoq

Zwischen Qassiarsuk und Narsuaq

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Es nieselt noch immer leicht. Wir packen zusammen und trotten zum Hafen. Unser Boot kommt pünktlich und in der wohligen Wärme der Kabine beobachten wir die aus dem Nebel auftauchenden Eisberge, die an den beschlagenen Scheiben vorbeigleiten. Nach etwa vierzig Minuten legen wir Narsaq an, wo eine vierköpfige Familie zusteigt. Ausgerechnet Landsleute und nicht unbedingt die repräsentativsten. Als Papi ständig mit der Hand an der Scheibe herumwischt händigt ihm der Skipper entnervt einen Abzieher. Das interpretiert Papi offenbar als seine Aufgabe an Bord und die nächsten vierzig Minuten bis nach Qaqortoq wird alles wo man durchgucken kann abwechslungsweise unter lustigen Kommentaren saubergewischt. Wir schweigen, beissen die Zähne zusammen und versuchen am Wischgefuchtel vorbei die mystisch neblige Aussicht zu geniessen.

Qaqortoq ist der Hauptort der Gegend. Zwar leben auch hier nur rund 1500 Leute, der Hafen in den wir einlaufen ist aber im Verhältnis zu allen Vorherigen regelrecht eindrücklich. In einem Halbkreis schwingen sich Häuser und Wohnblocks an den Hängen empor. Am Hafen gibt es einen überdimensioniert scheinenden Souvenirladen mit lokalen Knocheschnitzereien, Handwärmern aus Moschusochsenwolle, I love Greenland Tassen und Kühlschrankmagneten und was man sonst so alles nicht braucht. Ausserdem ist hier das Tourismusbureau. Zum Übernachten verweist man uns an das (einzige) örtliche Hotel, das direkt auf dem Felsen dahinter liegt und das man über den Hinterhof eines Supermarktes erreicht. Das Hotel ist sehr modern mit Blick auf den Hafen. An der Wand über der Reception hängt ein traditionelles Qajaq aus mit Häuten überspanntem Knochengerüst. Unser Zimmer ist zweckdienlich und sehr geschmackvoll. Im Bad mit Bodenheizung hängen wir erst einmal das Zelt zum Trocknen auf. Aufgrund des miesen Wetters beschliessen wir erst einmal nur den Ort selbst zu Fuss zu erkunden.

Es fällt auf, dass es jede Menge kleiner Supermärkte mit sehr langen Öffnungszeiten gibt. Ob das dem Bedarf der Einwohnerschaft oder mehr einer Beschäftigungstherapie derselben entspricht, wissen wir auch nicht so genau. Jedenfalls gibt es alles was das Herz begehrt. Vom Fahrrad über die Ananas bis zum Wegwerfgeschirr mit Grönlandfahnenaufdruck. Den Hang hinauf gegenüber dem Hafen erreicht man bald das abrupte Ende der Siedlung. Hier spiegeln sich die bunten Häuschen und Wohnblocks in einem See, der sich zwischen verblassenden Hängen im Nebel verliert. Es gibt eine Art Pub wo man auch essen kann, eine Burgerbude, ein Rockcafé und das Hotel mit Bistro und einem Speiserestaurant gehobener Klasse. Überschaubar – aber immerhin.

Im Pub auf dem kleinen Hauptplatz landen wir schliesslich. Hier ist es sehr gemütlich und man hat sich mit der Einrichtung genauso viel Mühe gegeben wie bei der Zubereitung der Speisen. Fischsuppe und Moschusochsensteak kommen gekonnt angerichtet daher und munden sehr. Ebenso wie das lokale Bier ab Zapfhahn. Wahlweise auch aus der Fünflitersäule direkt am Tisch.

Der Absacker in der Rockbar ist, trotz Elvisstatue im Eingang, riesiegen Räumlichkeiten und einer unterwarteten Sammlung an Rock’n‘Roll Memorabilia eher ein Reinfall. Nebst uns ist noch der Barkeeper und Jonathan dort. Der Barkeeper fragt höflich, ob er weiter Radio hören darf oder wir Musik möchten. Jonathan, ca. 1.50m hoch und rund 3 Promille breit, stellt sich schwankend die Hand entgegenstreckend vor. Jäger sei er. Die Frage was er genau jagt beantwortet er auf Grönländisch. Der Barkeeper weiss auch nicht so genau was er meint. Morgen sei mehr los, es spiele eine Band aus Bulgarien.



Auf dem Boot nach Qaqortoq



Tag 11 - Qaqortoq

Hinter Qaqortoq

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Das Wetter ist immer noch düster. So langsam sind wir den Eisbären sogar dankbar, dass sie uns dutzende Kilometer durch Regenschauer erspart haben. Raus wollen wir aber trotzdem. Wenigstens einmal um den See direkt hinter dem Ort.
Wir steigen zwischen den bunten Häuschen den Hang hoch und spazieren an ausgeschlachteten Booten und Schrott vorbei auf einer Schotterpiste dem Ufer entlang. Die hört abrupt auf und wir kraxeln durch ab und an mit einem roten Punkt markierte, glatte Felsen hinauf. Bald schon kommt richtiges „ab vom Schuss“ Feeling auf. Die Qaqortoq ist hinter Felsen und Wolken verschwunden. Es gibt keine Anzeichen von Menschen mehr. Nach einer Weile wird der Blick linkerhand frei auf das Meer und die darin treibenden Eisberge. Auf der anderen Seite tauchen grüne Landzungen auf die sich durch den Nebel in den See hinaus tasten. Zuhinterst am See strömt ein kleiner Wasserfall in ein üppiges Sumpftal. Dann wird der Blick wieder Frau auf die am Hang klebenden Wohnblocks auf die wir an der flacheren Uferseite zuschreiten. Ein kurzer, aber doch sehr schöner Abstecher – und eigentlich hat es kaum geregnet.

Auf dem Trampelpfad kurz vor der Ortsgrenze steht plötzlich ein Schild mit einem Explosionssymbol. Da mittlerweile doch auch ein paar andere Leute am Spazieren sind, denken wir uns nichts dabei. In ein paar hundert Metern Entfernung fuchteln Männer in Arbeitskleidung wild mit den Armen und deuten nach rechts. Also halten wir uns rechts und stolpern an der Strasse angekommen über ein Schild, das Grönländisch, Dänisch und Englisch vor Sprengungen warnt. Wir warten auf den Knall – es kommt aber nichts.

Wir wollen eigentlich im Hotel Rentier essen. Geht aber nicht, weil einerseits das ganze Restaurant reserviert ist und man es uns auch nicht ins Bistro servieren kann, weil Rentier aus ist. Venusmuscheln, grönländisches Lamm und ein prächtiges Dessert mit Zitruseis, Schokocremetorte, Beeren und Confit auf einer Schiefersteinplatte bekommen wir aber ins Bistro geliefert. Dann müssen wir endlich einen Grönlandkaffee versuchen. Das ist eine Mischung aus Märchenstunde und Ausdruckstanz mit Flaschen: Whisky, Kaluha und Grand Marinier werden brennend als Nordlicht mit Kaffee vermischt und Sprühsahne obendrauf symbolisiert das Inlandeis und hastenichtgesehn. Danach trinkt man das Kunstwerk, das zwar ein kleines Vermögen kostet, aber dafür auch schön reinballert.



Hinter Qaqortoq



Tag 12 - Qaqortoq (Kreuzfahrer, Inlandeis und Musikanten)

Flora bei Qaqortoq

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Ein gigantisches Kreuzfahrtschiff liegt etwa einen Kilometer draussen im Meer. Schlacksige gestalten werden von gedeckten Beibooten geschluckt und am Hafen unter einem extra aufgestellten kleinen Baldachin wieder ausgespuckt. Zombiehaft wackeln sie, die Hälse unter der Last riesiger Kameras gebeugt, ziellos durch die verregneten Strassen, bis man sie ein paar Meter weiter in den Souvenirshop navigiert. Dort geht es zu und her wie bei einer Heuschreckenplage. Von der lustigen Grönland Frühstückstasse bis zum 400 Euro Specksteinschmuckstück wird alles zu den beiden eifrig hantierenden Damen an der Kasse geschleppt.

Wir können zwischendurch noch kurz unseren gestern bereits ausgehandelten Ausflug zum Inlandeis klären und uns vor allem eine Bleibe für die letzte Nacht in Qaqortoq ergattern. Das Hotel ist nämlich am Tag vor der wöchentlichen Abfahrt der Küstenfähre ausgebucht und wir müssen unser Zimmer räumen. Wir bekommen einen Schlüssel für unser Zimmer bei einer örtlichen Familie in die Hand gedrückt. Es sei das Haus oben am Hang mit den vielen Bäumen und dem schönen Garten.
Diese Beschreibung passt perfekt: Nur ein Haus sticht durch einen Garten mit Bäumen und einer wahren Blütenexplosion aus den anderen hervor. Der Schlüssel passt. Als wir öffnen trottet uns ein freundlich dreinguckender Fido entgegen. Die Hausherrin ist noch in Hauskleidern und mit Putzlappen unterwegs, bittet uns aber freundlich herein. Sie zeigt uns kurz wo die Küche, die Stube und die Schlafzimmer sich befinden. Von den drei mit Ikea-Stockwerkbetten eingerichteten Schlafzimmern dürfen wir uns eines aussuchen. Sie verziehe sich dann in den unteren Stock und das Haus hier oben gehöre dann uns. Wir laden nur kurz die Rucksäcke ab, beziehen unsere Betten und bestaunen die Sammlung der ausgestopften Vögel über einem Bücherregal in der Stube. Es ist sehr gemütlich, aber ohne die Hausherrin fühlt man sich mit all den Familienfotos an den Wänden und inmitten der persönlichen Gegenstände etwas als Eindringling.

Hinter dem Haus spazieren wir die Strasse bis zu deren Ende hinauf. Monsieur zieht es magisch auf das dahinter liegende Hochland, Madame möchte sich lieber etwas zum Lesen zurückziehen.

Ich gelange vom Plateau weglos zu einer für diese Gegend unverhältnismässig breiten Schotterpiste und folge dieser einige Kilometer. Ich habe keine Vorstellung was diese ungetüme Schneise durch die Landschaft rechtfertigt und Folge ihr instinktiv. Nach über einer Stunde muss ich, nicht schlauer als vorherm, umdrehen, da ich schliesslich noch eine Verabredung mit Madame habe.

Die wartet im gemütlichen Pub auf mich. Dort ist grosse Kirmes. Die Kreuzfahrer aus den USA sind gekommen um die Einheimischen zu begutachten – und die einheimischen sind gekommen um die Kreuzfahrer in Augenschein zu nehmen. Auf der kleinen Bühne des Pubs spielen zwei Akkordeons und ein Bass eine Polka nach der anderen auf, dass ich mir fast wie bei einer urigen Stubete in der Heimat vorkomme. Nur etwas schräger klingt es, weil der ältere Herr, der die erste Stimme orgelt entweder ein Flair für freejazzartige Dissonanzen oder schon gut einen im Tee hat. Das Schiffsvolk aus den Staaten stört es wenig. Sie schunkeln lustig oder drücken abwesend auf ihren Mobiltelefonen herum. Eine korpulente Lady gluckst abwesend in die Runde „where on Iceland are we now exactly“ und ein etwas angsteinflössender Herr mittleren Alters fragt uns „spräcken Sie Döitsch?“. Daneben sitzen die Einheimischen bei ihrem Bierchen und das prächtige Buffet wurde offensichtlich auch nicht für die Kreuzfahrer, sondern für die Schaulustigen Einheimischen aufgebaut. Ein wirklich skurrilles Schauspiel. Das Buffet ist aber wirklich super: Grönländische Schrimps, frittierte Muscheln, Minkwal- und Moschusochsensuppe mit Reis und Kartoffeln, getrocknetes Robbenfleisch…ein repräsentatives lokales Menu, das wir uns – vor allem zum Preis von ca. 20 Euro - nicht entgehen lassen. Die Kreuzfahrtpiraten gucken misstrauisch auf unsere Teller. Ganz vereinzelt schleicht einer mit einem Teller vor dem Buffet herum und weiss nicht so recht, was er nun damit anstellen soll. Die Polka dudelt durchs Gebälk und ältere Damen mit künstlichen Fingernägeln berichten von ihren Abenteuern im lokalen Supermarkt.

Wir finden uns schliesslich gegen 16:00 Uhr beim Souvenirladen ein und erkunden uns, wo denn unsere Tour zum Inlandeis starten wird. Die armen Mitarbeiterinnen wurden von den Kreuzfahrern völlig gebeutelt. Etwas verwirrt schaut die Dame uns an, greift zu ihrem Mobiltelefon und führt ein Gespräch auf grönländisch. Es sei da wohl etwas falsch verstanden worden vom Skipper. Es gehe erst um 16:30 los. Am besten, wir würden ihn gleich bei der Schiffstankstelle treffen.

Die Schiffstankstelle besteht aus einem Floss mit zwei Zapfsäulen. Wir besorgen uns noch etwas zu trinken und warten dann eine Weile. Ein eher kleines Boot mit PS-Starkem, lenkergesteuertem Aussenbordmotor und einem Plastiverdeckt fährt vor. Der Skipper, ganz in Manchester United gekleidet, bedeutet uns einzusteigen. Er rollt eine Karte aus und fragt uns, wo wir denn gerne hinmöchten. Das soll mal er am besten sagen. Er zeigt auf eine Stelle und meint, dorthin sei es schneller, dann auf eine andere. Dorthin sei es länger, da sei es aber auch schöner. Also Nr. 2. Er legt uns noch eine Mappe mit von ihm geschossenen, laminierten Fotos von Eisbären hin. Dann drückt er auf die Tube und das Schiffchen hüpft wie ein geschleuderter Stein übers Wasser. Dann klingelt das Mobiltelefon vom Skipper. Wir haben die Reiseleitung vergessen, meint er mit einem Lächeln. Wir drehen um, gabeln beim Hafen eine der Damen aus dem Souvenirshop/Tourismusbüro auf und legen nochmal von vorne los.

Unsere Reisebegleiterin kommt ursprünglich aus Asiaat und wurde in Sisimiut geboren. Das liefert direkt Gesprächsstoff und man freut sich offensichtlich, dass wir auch schon im Norden Westgrönlands waren und es uns dort sehr gefallen hat. Über weite Strecken reden die Reiseleiterin und der Skipper zusammen und wir saugen die gewaltige Landschaft aus Felsschären, immer mehr werdenden Eisbergen und dunklem Meer in uns auf. Dazwischen immer wieder ganz normale Gespräche, z.B. über die Verteilung der lokalen Dialekte und Sprachen (Kitaamiutut, Tunumiisut und Inuktiun) ob und wie man sich untereinander versteht, welche Sprachen man in der Schule lernt usw. Das Ganze fühlt sich erfreulicherweise weit mehr wie eine Ausfahrt mit Leuten an, die man eben zufällig kennengelernt hat, als ein Touristenausflug. Unsere Begleiterin berichtet freudig, dass sie morgen ebenfalls auf der Fähre sein wird und ihre Heimat ansteuert. Die Fahrt zum Inlandeis sei quasi ihre Abschiedstour vor den Ferien. Sie sei selbst auch noch nie dort gewesen wo wir hinfahren und sei sehr gespannt. Das Boot flitzt immer noch mit überraschend hoher Geschwindigkeit zwischen den dichter werdenden Eisbrocken und -bergen hindurch und schlägt immer mal wieder klatschend auf die Wasseroberfläche. Schliesslich taucht zwischen den Felsen am Ende des Fjords ein hellblau schimmernder Streifen auf, der erst immer grösser wird und schliesslich mächtig dutzende Meter vor uns aufragt. Ein zerklüftetes Gebilde aus Höhlen, Zacken und Rissen in unzähligen Schattierungen und Lichtreflexen. Ab und an donnert ein Brocken in dem finstertürkisen Spiegel. Möwen kreisen in der Luft und ab und an taucht der Kopf einer Robbe aus dem Wasser. Ein überwältigender Anblick. Unsere Begleiter scheinen genauso gebannt wie wir. Alle vier schiessen wir unzählige Fotos. Die Reisebegleitung zückt eine Flasche Billigwhisky. Gelöscht auf dem vom Skipper neben dem Boot herausgefischtem Gletschereis rundet er den Moment dennoch ab. Lustigerweise fragen die beiden, ob sie mit uns zusammen ein Foto haben dürfen. Das ist der wohl lohnenswerteste Ausflug den wir je gemacht haben.
Nach fast einer Stunde reissen wir uns los. Auf der Rückfahrt kommt Regen auf, aber im kleinen Boot wird es dadurch nur noch gemütlicher. Etwa zwei Stunden später laufen wir wieder im Hafen von Qaqortoq ein.

Wir verabschieden uns und steuern nochmal das örtliche Pub an um das wunderbare Erlebnis zu begiessen. Die Kreuzfahrer sind verschwunden, die Einheimischen sind noch da. Auf den Tischen stehen fünfliter Plexiglaszapfhähne. Wir lassen es bei zwei Pints bewenden und setzen uns an einen freien Tisch. Ein offensichtlich geistig Behinderter junger Mann kommt kurz darauf durch die Tür und macht die Runde von Tisch zu Tisch um alle zu begrüssen. Bei uns macht er erst vorerst etwas irritiert halt und winkt nur kurz. Dann schnappt er sich die Gitarre von der kleinen Bühne. Wir prüfen schon mal den Bierstand in unseren Gläsern und schätzen die Fluchtzeit. Doch der Mann weiss was er tut. Er spielt und singt einwandfrei eine grönländische Ballade und es kommt eine ganz eigene, behagliche Kneipenstimmung auf. Nach jedem Stück bekommt er an einem anderen Tisch ein Bier aus den Plexiglaszapfhähnen. Schliesslich landet er bei uns und fängt in gar nicht so schlechtem Englisch ein Gespräch mit uns an. Was wir hören möchten, fragt er. Nach Übersetzungshilfe vom Nebentisch stellt sich heraus, dass er Johnny B. Goode nicht im Repertoire hat. Also nochmal was Einheimisches und selbstverständlich erhält er auch von uns das obligate Sängerbier.



Fjord hinter Qaqortoq



Tag 13 - Auf der Sarfaq Ittuk (Qaqartoq bis Paamiut)

Sarfaq Ittuk

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Heute schiffen wir uns auf der Sarfaq Ittuk ein. Die Rotweisse Küstenfähre mit dem gelben Schornstein ist 72 Meter lang und 11 Meter breit. Eine kleine Menschentraube hat sich gebildet um Freunde und Familie zu verabschieden oder in Empfang zu nehmen. Wir kennen das Schiff schon von unserem ersten Grönlandbesuch und freuen uns sehr auf die Rückfahrt nach Nuuk. An Bord gibt es alles was man braucht: Eine Caféteria wo für wenig Geld ein ausgiebiges Frühstück, Mittag- und Abendessen ausgegeben wird, eine kleine Lounge, simple aber sehr ordentliche Kabinen. Sogar mit Fernseher und einer breiten Auswahl an Filmen wie im Flugzeug. Die meisten Passagiere sind Einheimische. Das immer noch schmuddelige Wetter macht die Fahrt eigentlich nur noch gemütlicher.

Nach etwa acht Stunden Fahrt erreichen wir gegen 16:00 Uhr das winzige Arsuk. Die Handvoll bunte Häuschen taucht fast wie eine Fata Morgana auf, nachdem acht Stunden nur Küste und Schären in Sicht waren. Der Hafen ist zu klein zum Ankegen. An einem Kran wird ein Rettungsboot zu einem ausgeklappten Steg heruntergelassen. Einige Passagiere werden mit den Booten der Einheimischen zur Sarfaq Ittuk geführt.

Nochmals rund acht Stunden später, in denen bis auf einige Orientierungsmasten auf Felsinseln keinerlei Anzeichen von Zivilisation in Sicht sind, fahren wir durch die silbern-blauschwarz dämmernde Mitternacht dicht an den Felsen vorbei auf die in der Ferne schwach schimmernden Lichter von Paamiut zu. Bedrohlich ragt direkt neben uns das halbverrottete Wrack eines Schiffes auf. Monsieur lässt sich fast zu einer Stippvisite an Land hinreissen. Als wir bereits Minuten später ablegen, bin ich froh doch nicht die örtliche Kneipe für ein „ich war da Bier“ aufgesucht zu haben. Immerhin hätte Paamiut einen Flughafen. Auf dem Schiff ist es aber gemütlicher und wir haben uns für die Fahrt gut mit Qajaq Bier eingedeckt.



Blick von der Sarfaq Ittuk



Tag 14 - Auf der Sarfaq Ittuk und in Nuuk

Auf der Sarfaq Ittuk

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Der Halt in Qeqertarsuatsiaat ist uns irgendwie entgangen. Dafür blinzelt die Sonne ab und zu durch die über die Hänge und Bergrücken kriechenden Wolken. Der Ausblick auf dieser Küstenfahrt ist einmalig und besticht vor allem durch die absolute Einsamkeit und die Weite der Landschaft. Immer wieder tauchen breite, tiefe Fjorde auf, in denen kein Boot treibt und nicht ein einziges Haus zu erkennen ist. Unberührtes Land das man unwillkürlich in Gedanken erkundet.

Schliesslich kommen am späten Nachmittag die ersten Wohnblocks von Nuuk in Sicht. Man fühlt sich als würde man in eine Stadt von der Grösse New Yorks einlaufen nach all der unberührten Landschaft. Die arktische Sonne wirft ihr ganz eigenes Licht auf die über Felsen gestreuten Bauten. Plötzlich geht es nicht mehr weiter: Ein Kahn hat unseren Anlegeplatz in Beschlag genommen – und die Crew ist offensichtlich unauffindbar. Nach ungefähr einer halben Stunde wird das Gefährt kurzerhand weggeschleppt. Als wir Steg liegen kommt es zu einer Balletteinlage mit Gapelstapler. Der Steg wird so umständlich wie nur möglich in rund einem Dutzend Anläufen an den Abgang gelegt. Das Anlegemanöver dauert insgesamt über eine Stunde. Der geplante Museumsbesuch fällt damit ins Wasser.

Wir nutzen stattdessen das schöne Wetter und marschieren in einer knappen Stunde zu Fuss ins Hans Egede Hotel.

An unserem letzten Tag auf Grönland erkunden wir Nuuk nochmals ausgiebig zu Fuss – auch die nicht schönen, heruntergekommenen Ecken, wo Schrott zwischen den Betonschluchten heruntergekommener Wohnblocks herumliegt und das soziale Elend greifbar ist. Für eigentliche Slums ist die Stadt aber zu klein. Direkt neben den Betonmonstern stehen bunte Einfamilienhäuser idyllisch auf den Felsen, was die gegenüberliegende Tristesse aber nur noch verstärkt. Trotzdem spielen Horden von Kindern Fussball, Alkoholiker sieht man eigentlich kaum und wenn nur an der Quelle bei der Kneipe, wo sie den Balkon in Beschlag genommen haben und rauchend übereinander purzeln, während drinnen hauptsächlich Nichtgrönländer ganz gemütlich beim Bier sitzen oder Billard spielen.

Zurück beim alten Hafen bietet sich ein wildromantischerer Anblick. Bronzegoldene Sonnenstrahlen fallen durch die Wolken und glitzern auf dem zwischen den Schärenfelsen aufgespannten Atlantik.

Auch vom Restaurant des Hans Egede Hotels aus geht das Schauspiel des Sonnenuntergangs weiter und hinter den Wohnblocks werden Meer und Hänge von gleissendem Licht überströmt. Es ist, als ob man uns den Abschied absichtlich noch schwerer machen will – zumal die nächsten Tage perfektes Trekkingwetter versprechen. Es hilft nichts. Wir trösten uns mit hervorragendem Fisch aus lokalen Gewässern und ein paar Gerstensaftgetränken auf Gletscherwasserbasis.



Blick von der Sarfaq Ittuk



Tag 15 - Nuuk, Kangerlussuaq, Kopenhagen

Vogelperspektive

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Der Rückweg führt uns ab Nuuk über Kangerlussuaq, wo wir vor fünf Jahren erstmals Grönländischen Boden betreten haben, nach Kopenhagen. Die Aussicht aus dem Propellerflieger ist nochmals atemberaubend. Die Augen wandern zusammen mit den Gedanken über die Landschaft und Hunderte von Marschrouten zwischen den Tausenden Seen hindurch werden durchgespielt.

Am Flughafen mitten im Nirgendwo strahlt die Sonne vom Himmel was sie kann. T-Shirt Wetter. Am liebsten würden wir eine Woche dranhängen und den Weg nach Sisimiut unter die Füsse nehmen…stattdessen warten wir brav im seit unserem letzten Besuch massiv vergrösserten und modernisierten Flughafengebäude auf die grosse rote Maschine nach Dänemark. Dort gibt es in Kopenhagen einen Unterbruch in einem überaus komfortablen Flughafenhotel, das wir natürlich auskosten – aber die Gedanken hängen noch für Tage irgendwo in den Fjorden von Kalaalit Nunaat.



Kangerlussuaq


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Kommentare

  • ursuvo

    und auch weil ich leider nie mehr dorthin kommen werde bin ich Euch mit Begeisterung auf Eurer interessanten Reise gefolgt!
    LG Ursula

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Island und Südgrönland 5.00 3

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