Mikica und das Leben zwischen Tierfütterung und Bohnensuppe

Reisebericht

Mikica und das Leben zwischen Tierfütterung und Bohnensuppe

Reisebericht: Mikica und das Leben zwischen Tierfütterung und Bohnensuppe

Meine Neugier treibt mich immer wieder an. Es ist nicht das Funkeln und das Schöne sondern das Interessante, was mich magisch anzieht.

Wasser für die Bohnensuppe

Mikica am Gartentor

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An einem recht angenehmen Tag habe ich mich nach Trnovce auf gemacht. Trnovce ist, muss Mann wissen, eine Metropole von ( meiner Meinung nach) ca. 5 bis 6 Tausend Einwohnern und in der Nähe von dem Fluss Morava. Der Fluss war mein primäres Ziel. Nach einer Wanderung von zwei, drei Stunden, nettem Plausch mit Fischern, meine Bewunderung für Abfallentsorgung am Ufer, Aufscheuchen vieler Tiere habe ich mich auf den Rückweg gemacht. Wie immer, das Wasser hat nicht gereicht und ich bin in einen Tante Emma Laden eingekehrt, Wasservorräte aufzufüllen. In der Kneipe neben an spielten die älteren Herren des Dorfes Domino. Ein Hauch Kubas und Menge derber Ausdrücke,wenn es doch nicht so läuft, wie sich der Spieler so vorgestellt hat. Und da traf sich, das mein Blick durch die Straßen ging und ein Eckhaus, was auch von der Ferne nicht besonders einladend aussah, mich fesselte. Flasche unterm Arm und Kamera um den Hals und schlendernd an schleichen, ohne die Aufmerksamkeit der sehr wachen Nachbarn zu wecken, bin ich hin.
Was der erste Eindruck war? Wohnt hier einer? An der Treppe lag lasziv sich räkelnde Ziege, die Ente hat ihre Küken beschäftigt, weiter hinten war ein angebundener Ziegenbock zu sehen. Eine ziemlich kranke Katze lag in einer Mulde im Rasen und der Hund wusste nicht, ob er sich meiner Worte erfreuen oder sein Territorium verteidigen soll. Wir haben uns auf Schmuseeinheiten geeinigt. Unter wachen Augen des Hundes bin ich auf die andere Seite vom Grundstück und staunte nicht schlecht: ein Fernseher - die Reste davon - und ein Fiat ( oder? es ist ein Fiat?) im Gras eingewachsen. Der hat die Reparaturversuche nicht überlebt oder gar nicht erfahren.
Über all Verhau und endloser Schrott aber Paradies für Tiere. Ich werde nie verstehen, warum der Bauer das Plumpsklo mitten auf dem Grundstück aufgebaut hat, hat sicherlich einen Sinn.

Mit der neuen Freundschaft flirtend und in der Tasche nach was Essbaren suchend, hat sich die Ziege am Gartenzaun mit eingefunden. Sehr strenger Geruch, ja das muss man mögen. Ich mag alle Tiere - sofern die Beine haben und nicht mit gespaltener Zunge Luft fächeln, aber die Gerüche sind auch so eine Sache. Ziege stört es nicht, das ich nur durch den Mund atme. In meiner Welt gefangen habe ich nicht gemerkt, dass der Bauer des Grundstückes mich jetzt beobachtet hat und sich gewundert, was die Rote da mit seinem Hund zu bereden hat. Nach seinem freundlichen 'Der Hund beißt nicht', haben wir uns schon angefreundet. Er machte die Gartentür auf und begrüßte jedes Tier mit Namen und rief hinter sich nach einem Pera. Und da kam aus dem Gebüsch von der anderen Straßenseite ein brauner Gockel voller Freude auf den Bauern zu. Die Begrüßung war richtig herzlich! Auf die Frage ' was machst du hier', habe ich ihm geantwortet, dass ich seine Tiere fotografieren möchte und ob es ihm was ausmacht. Natürlich nicht, denn die Tiere sind ein Grund, das er noch lebt. Und es waren viele Tiere: Ziegen, Ziegenbock, Gans zwei Gänseriche, Katze, Hund, Schweine, Hühnchen und zwei Gockel und anderes Getier was den Gartenzaun überspringt und die Wildnis zu genießen.

Mikica heiß der Herr und ist 70+. Er lebt zeitweise alleine in dem Haus mit seinen Tieren. Ja, da gäbe es wohl eine Bäuerin, aber die ist viel lieber auf Tournee bei ihren Verwandten. Die meiste Zeit ist es damit beschäftigt die Tiere zu versorgen, denn er ist auch nicht der rüstigste. Sagte er und verschwand im Haus. Die Ärmel auf seinem Hemd waren an den Nähten aufgerissen und so mit den Armen wedelnd wie eine Fledermaus versuchte er die Tiere, die sich in seiner Abwesenheit im Haus gemütlich gemacht haben, zu verscheuchen.

Unter Tito hat er in Elektro Distribucija gearbeitet. War schöne Zeit. Danach kamen Andere und die haben es nicht verstanden das Land zu regieren. Dann hat er wohl versucht mit den wenig Land was er besitzt sich übers Wasser zu halten. Ging auch nicht so gut für ihn aus. Und dann der Krieg der NATO. Hat die meisten Tiere schlachten müssen, denn das Futter reichte nicht aus und er hatte teilweise Angst die Felder zu bestellen, seit er Belgrad hat brennen sehen. Mit der Hilfe der Nachbarn hat er seine Menagerie wieder neu aufgebaut. Heute lebt er von einer ca. 130.-- Euro Rente. Ja, das würde für ihn reichen, aber das Futter für die Tiere, das muss er dazu kaufen.

Er war gerade bis zu Morava vorgeredet und Wasser für die Bohnensuppe zu holen. 'Weißt du, das Wasser vom Fluss ist viel besser für die Bohnensuppe. Die wird in zwei Stunden fertig. Damit spare ich mir das Holz zum einschüren und die Zeit die Suppe zu bewachen. Ansonsten müsste ich vier Stunden bei der Hitze neben dem Ofen sitzen'. Nina versteht. Ob er kein Elektroherd hätte? Ja, das hätte er, aber das mistige Ding ist vor Jahren kaputtgegangen. Jetzt benutzt er das Backrohr als Unterbringung für die Ente und die Küken. Letztes Mal hat der Wiesel vier Küken geholt. Backrohr für Käfighaltung ...

Danach wurde ich an dem zentral gelegenen Plumpsklo vorbeigeführt zum Schweinestall. Wieder mit Namen gerufen kamen zwei sehr, sehr großen Schweine aus dem Verschlag. Das ist ein Geschwisterpärchen, klärt er mich auf. Die kommen mit einander klar, nur mit der Mutter nicht. Offensichtlich in Teenager Alter. Die ist auf der anderen Seite vom Gemüsegarten.

Gemüsegarten hat er angelegt und da die Tomatenpflanzen sehr günstig waren, hat er sich welche gekauft. Keiner hat ihm erklärt, dass das Cocktailtomaten sind. Für ihn ein Ding der Unmöglichkeit: welche Menschen essen Tomaten die so groß sind wie Glasmurmeln? Krautköpfe hat er schon abgeerntet und die Zwiebeln dazu. Das mit dem Gießen ist in der letzten Zeit zu einer Plage geworden. Er hat ein Brunnen, der im Gemüsegarten steht. Darin ist eine Pumpe, die das Wasser nach oben pumpt. Sehr kreative Stromversorgung, die mich davon abgehalten hat, in den Brunnen zu schauen. Er hat von da aus bis zum Haus einen Plastikschlauch gehabt. Leider kam es, dass letztes Jahr der Schlauch einfror und der Hengst von den Nachbarn sich losgerissen hat, über den Zaun gesprungen und den Schlauch an ein paar Stellen gebrochen hat. Reparieren war nicht möglich, Nachbar nicht einsichtig, somit Mikica ohne Wasser am Haus.

Nach der kleinen Gartenschau waren wir wider vor dem Haus. Da angelehnt war ein Motorrad, lt. Besitzer aus '65 gern. Er hat sich daran gemacht die Maschine zu reparieren, aber es hat immer was gefällt: Teile oder Geld. Somit ist das Motorrad an der Wand angelehnt und dient dem Gockel als Station zum Verkünden vom Sonnenaufgang. Und das Auto? Das Auto hätte er sich in den 80 gern gekauft. War aus einer Laune heraus, wollte Führerschein machen. Dazu kam es nicht, aus bekannten Gründen: Geld.

Immer nach unten schauend, um nicht auf die Küken zu treten die ständig um seine Füße kreisten, ging er ins Haus und da begann die Tierfütterung. Erst mal die Küken, danach die Hühner, noch mal der kranken Katze übers Fell gestrichen, der Ziegenbock, der angebunden war an einem Maulbeerbaum. Auf die Frage, warum er sich nicht frei bewegen darf, meinte Mikica: er belästigt ständig die Ziege und die kann dann nicht stressfrei die Milch produzieren. Auf die Milch sind nicht nur er, sondern auch die Katze und der Hund angewiesen. Sandokan, so hieß er nämlich, hat sich mit seinem Schicksal abgefunden. Seit er immer wieder aus der Nachbarschaft Besuch von Ziegen-Damen bekommt, die ihm nicht abgeneigt sind, ist er friedlicher. Bauer Mikica meinte, dass manche für den Deckakt zahlen, aber die meisten nicht. Auch keine Einnahmequelle.

Alle Tiere, auch die vor Dreck starrenden Schweine, waren in einem prächtigen Zustand. Außer die Katze. Der Bauer war in der Nachbarschaft bei einer Tierärztin, die er schon als kleines Kind kennt. Musste für die Untersuchung nichts zahlen, aber geholfen hat sie der Katze auch nicht. Struppiges Fell, matte Augen... weiß nicht, aber ich denke es sind Parasiten. Mikica nickt und streichelt das Elend. Da zieht es mir das Herz zusammen.

Ich habe ihn in seinem Ablauf gestört, dass war den Tieren an zu sehen und alle haben gewartet, dass ich endlich gehe. Mikica nicht, aber die Tiere. Habe höflich den angebotenen Kaffee ausgeschlagen, denn es wurde langsam Dunkel und habe mich verabschiedet mit der Frage, ob ich wieder kommen darf. Jeder Zeit dürfte ich das und falls es nicht zu Hause ist, kann ich bedenkenlos das Grundstück betreten. Der Hund kennt mich jetzt schon. Ob der Hund tatsächlich Gefahr ist, ist zu bezweifeln. Eher die Ziege Mara. Die wollte unbedingt meine Turnschuhe, hat mir die Schnürsenkel abgekaut.

Auf dem Fahrrad von Mikica war ein blauer Rucksack, der vor Jahrzehnten bessere Zeiten erlebt hat. Darin waren Schnüre und eine um Stück Holz gewickelte Angelschnur. Er geht immer wieder angeln um seine karge Kost aufzubessern. Als er mich nicht im Blick hatte, habe ich ihm für den Wasserschlauch ( oder für was er es verwenden will) Geld eingesteckt. Ihm das Geld in die Hand zu drücken hätte den Bauer beleidigt. Seiner Erzählungen nach, hat er alles was er braucht und ist glücklich und zufrieden.

Er ist kein Einzelfall. Sehr viele ältere Menschen teilen seinen Schicksal. Wenn die Glück haben, werden die von Kindern unterstützt. Wenn nicht, müssen die schauen, wie die zu Rande kommen. Die Heilfürsorge ist kostenfrei aber nicht ausreichend. Der Zahnersatz ist nicht inbegriffen, deshalb zahnlos. Ist häufig zu sehen. Überlebenskünstler auf allen Gebieten.








Pera


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Kommentare

  • Blula

    Nina, dieser Bericht von Dir hat mich sehr in den Bann gezogen. Du warst hier für mich in der 'hintersten Ecke' Serbiens unterwegs um das Leben auf dem Lande zu begreifen. Dabei hast Du nicht nur die Einsamkeit entdeckt, sondern auch die Zufriedenheit der Menschen fernab von jeglicher Art von Wohlstand. Was braucht man wirklich zum Leben ? Neulich las ich mal, dass jeder Mensch in Westeuropa etwa 10.000 Gegenstände besäße. Nun, keine Ahnung, ob ich auf so viele komme, aber brauchen wir wirklich so viel, um glücklich und zufrieden zu sein?? Möglich, dass Dich dieser nette Herr Mikica auch darauf gebracht hat, etwas "Balast" abzuwerfen. Mikica selbst bleibt ja gar keine andere Wahl als sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und scheint, auch weil er mittlerweile daran gewöhnt ist, damit nicht unzufrieden zu sein. Er lebt sein Leben in Enthaltsamkeit, achtet all seine vierbeinigen (;-))Tiere, die es mit ihm teilen und.... er bekommt ihre Liebe dafür. Ich glaube, so eine Visite könnte jedem von uns mal ganz gut tun und zum Nachdenken bringen.
    Danke für diesen sinnreichen Bericht !
    LG Ursula

  • NinaAngerer

    Ja Ursula, Mikica hat mich ins Grübeln gebracht: Er fährt 20 km mit dem Fahrrad um Wasser von einem Fluss zu holen um sich 2 Stunden Holz für den Ofen zu sparen. Bemerkenswert.
    Ich habe mich gerade gefragt, ob ich 10 Tausend Gegenstände habe.... brauche ich die? Seit einigen Jahren habe ich angefangen, mich von Unnötigem zu befreien. In jeder Richtung.
    Danke Dir, für Deinen Kommentar! Schön, dass Du mich verstehst!
    LG und schönen Abend noch
    Nina

  • ursuvo

    Deine "Schreibe" ist einfach klasse!! und dieses Thema hier auch. Ich würde mich nicht trauen so auf jemand zuzugehen - das finde ich bewundernswert. Und so hast Du hier mal einen ganz andern Bericht gezeigt - von einem ganz andern Leben als wir es gewohnt sind!
    LG Ursula

  • Chrissi

    Liebe Nina, das ist nun mal keine Hochglanzgeschichte, aber es ist ein glänzender Bericht darüber, ein Bericht zum Nachdenken und In-sich-Gehen. Sollte jeder lesen.
    Danke dafür !
    LG Christel

  • shootingstar

    Ein schöner Ausflug mit Nina : ) Genau solche Begegnungen machen das Reisen in unbekannte Gegenden so spannend. Jedes Land bekommt seine eigenen wunderbaren Geschichten und man lernt die Menschen besser verstehen.
    Ein sehr stimmiger Bericht mit schönen Fotos. Danke Nina und Blula, die mich extra darauf hingewiesen hat.
    LG Claudia

  • NinaAngerer

    Vielen Dank, Mädels!
    LG
    Nina

  • bezi

    Nina, dein Bericht hat mich auch ins Grübeln gebracht und eines weiß ich, falls ich demnächst mal einen schlechten Tag haben oder ich wegen irgendwas unzufrieden sein sollte, dann werde ich an Mikica denken.
    Ein Danke auch von mir für diesen nachdenkenswerten Bericht und die eindringlichen Fotos dazu.
    LG Claudia

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  • Travelman85

    Liebe Nina, ein wirklich beeindruckender Bericht. Dadurch wird man schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und man merkt wie gut es einen eigentlich geht.
    Nachdenklich und herzlich geschrieben.

    Viele Grüße

    Oli

  • NinaAngerer

    Vielen Dank an alle, für die Kommentare und die Empfehlung an die Redaktion.
    Ich bin gerne unterwegs und das was mich antreibt ist, dass das Leben nicht in den vier Wänden statt findet sondern in die Vielfalt der Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln und das Leben in allen Facetten zu sehen. Ob das Madagaskar, entlegene Dörfer Sri Lankas, Serbien oder das Leben im Paradies Mauritius: überall gibt es das Elend. Wir empfinden es als Elend, die das Leben lebenden als Normalität. Es reicht nicht, für mich, ein paar Bilder zu machen. Hinterfragen und nachschauen, warum ist es so, wie es ist. Bleibt neugierig, meine Lieben!
    Eure lieben Worte haben mich sehr berührt und danke für euere Weitsicht!
    LG & schönes Rest WE
    Nina

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