Das Gold am Rand von Südafrika

Reisebericht

Das Gold am Rand von Südafrika

Reisebericht: Das Gold am Rand von Südafrika

Um Südafrikas jüngere Ereignisse wirklich verstehen zu wollen, ist der Blick auf die Geschichte am Kap zwingend notwendig. Die frühen Auswanderer, die aus Glaubensgründen Europa den Rücken gekehrt hatten, legten die Grundlage für das was ins Blut der Afrikaner übergehen sollte.

Südafrika gilt als Wiege der Menschheit, Bartholomeu Dias erreichte 1488 die Südspitze Afrikas, 1652 gründete die Niederländische Ostindien-Kompanie mit Kapstadt die erste Siedlung am Kap. 1806 nahmen die Briten Besitz am Kapland. Nach Norden auswandernde niederländischstämmige Buren gründeten daraufhin verschiedene Burenrepubliken. Die Grenzkriege (1779 – 1879) waren neun aufeinanderfolgende Kriege zwischen Xhosa und europäisch stämmigen Siedlern der Kapkolonie. Zwischen den Bantuvölkern begann 1817 mit dem Aufstieg des Zulu-Königs Shaka das zwanzigjährige Mfecane (Nguni für Zermalmen); das Schlachten unter den schwarzen Völkern, in deren Verlauf Sotho’s, Matabeles und Tswanas aus ihren angestammten Gebieten vertrieben wurden. Bis in die 1850er Jahre siedelten tausende Buren als Voortrekker in den Norden und gründeten später die Republiken Transvaal und Oranjefreistaat. Die Spannungen zwischen Buren und britischem Empire eskalierten in den Burenkriegen. Nach der Eingliederung in das Empire entstand 1910 die Südafrikanische Union, als selbst regiertes Dominion im britischen Commonwealth. 1926 erhielt Südafrika die faktische Souveränität, 1931 auch formal die gesetzgeberische Unabhängigkeit von Großbritannien. Nach dem 2.Weltkrieg beschritt Südafrika mit dem System der Apartheid einen Sonderweg. 1961 schied das Land aus dem Commonwealth aus und gründete die Republik Südafrika. Die erste Wahl nach der Aufhebung der Apartheidgesetze fand 1994 statt.

Um Südafrikas jüngere Ereignisse wirklich verstehen zu wollen, ist der Blick auf die Geschichte am Kap zwingend notwendig. Die frühen Auswanderer, die aus Glaubensgründen Europa den Rücken gekehrt hatten, legten die Grundlage für das was ins Blut der Afrikaner übergehen sollte. Später folgten die Auseinandersetzungen mit dem Britischen Empire, das sich als globaler Weltpolizist sah und das Kapland annektierte. Die Voortrekker schufen daraufhin mit ihren Siedlungszügen den Urmythos und lieferten so im übertragenen Sinne den Siedlungstrecks anderer Kontinente die Blaupause.

Den Buren war und ist Freiheit und Unabhängigkeit ein und alles. 1835 verließen die ersten großen Siedlungstrecks, die Voortrekkers, das Kap um sich eine, aus ihrer Sicht, freie und neue Zukunft im Südafrikanischen Inland aufzubauen. Dem Ruf vom Großen Treck folgten tausende Männer, Frauen und Kinder. Doch die Siedlungszüge kollidierten mit den in jenen Jahren von den Zulus ausgelösten Massenfluchten anderer afrikanischer Stämme. Die ersten Begegnungen waren noch friedlich. Friedensverträge wurden geschlossen, gebrochen und wieder geschlossen. Letztlich kam es jedoch nicht wie während der großen nord- und südamerikanischen Besiedelungszüge oder der australischen Landnahme zum Genozid an den heimischen Stämmen. Jedoch beglichen auf beiden Seiten ungezählte Familien die Konfrontationen mit dem Blut und Tränen ihrer Männer, Frauen und Kinder.



Voortrekker Monument, Pretoria



Die Gründung Pretorias 1855 markierte das Ende des Großen Trecks, der so gefahrvoll und entbehrungsreich wie alle Siedlungszüge jener Zeit war. Die ursprüngliche Idee, ein Ehrenmal für die Vorfahren zu errichten, geht bereits auf die Zeit des prominenten Präsidenten Paul “Ohm” Kruger zurück. Doch erst am 16.Dezember 1938 erfolgte die Grundsteinlegung des wuchtigen Voortrekkermonuments. 11 Jahre und knappe 360.000 £ später wurde das „magnus opus Moerdijkd“ eröffnet. Das nach Vorlage des Leipziger Völkerschlachtdenkmals errichtete Bauwerk steht etwas außerhalb von Pretoria auf einem Hügel. Über die Architektur ließe sich trefflich streiten, Verfechtern des damaligen Bauhausstils und moderner Glasfassaden ein Dorn im Auge, doch ist das Denkmal im Art-Deco-Stil mit Elementen afrikanischer Symbolik dem damaligen Zeitgeist geschuldet. In heutigen Zeiten wurde der Gedenkstätte, die an die Leistungen und Entbehrungen der „emigranten“, wie sich die Pioniere selber nannten, erinnern soll, leider der revanchistische Anstrich verpasst. Den meisten Touristen zu wenig Mainstream, liegt das Monument heute politisch unkorrekt abseits der sonst üblichen Touristenwege. Eine Mauer mit 64 symbolischen Ochsenkarren, welche an die für die Siedler so lebensnotwendige Wagenburg erinnern, schließt das Monument weiträumig ab. An den Ecken des Denkmals wachen neben anderen die steinernen Voortrekkerführer Andries Pretorius, Hendrik Potgieter sowie Piet Retief. Über vierzig Meter streckt sich das Gebäude in den südafrikanischen Himmel.

Wir machten einen kurzen Stop am Voortrekkermonument. Durch ein breites gusseisernes Tor liefen wir durch die steinernen Ochsengespanne hindurch und die breiten Stufen zur Ehrenhalle hinauf. Vom oberen Rundlauf hatten wir einen weiten Blick ins Gauteng, der ehemaligen Provinz Pretoria-Witwatersrand-Vereeniging. Im Norden lag Pretoria, dessen Hochhäuser mit der Hügellandschaft zu verschmelzen schienen. Der Sitz der Regierung, das 1913 eröffneten Union Building, war nur schwer im Dunst auszumachen. Hinter der vor uns liegenden Pretoria Station lag Melrose House, in dem der Friedensvertrag von Vereeniging unterschrieben wurde. Der Frieden von Vereeniging beendete am 31.Mai 1902 den Zweiten Burenkrieg und mit der militärischen Niederlage der Afrikaner die Existenz von „Transvaal“ und „Oranjefreistaat“. Mit dem Ende der fast dreijährigen mörderischen Auseinandersetzung, dem Tod und Leid tausender Soldaten und Zivilisten wurden die Burenrepubliken Teil des britischen Empire. Der Krieg am Kap zählt zu den brutalsten Auseinandersetzungen der Kolonialgeschichte und war blutiger Vorbote der Kriege des 20.Jahrhunderts. Er nahm den totalen Krieg und die Mobilisierung aller Reserven ebenso vorweg wie die Massaker an der Zivilbevölkerung. Die Auswirkungen des Burenkrieges, den Historiker auch als Südafrikanischen Krieg bezeichnen, reichten weit über das Kap hinaus.



Straßenhändlerin



Überfremdungsängste der Buren, die infolge des Goldrausches und der einhergehenden Zuwanderung zu einer Minderheit im eigenen Land zu werden drohten und die britischen Begehrlichkeiten mündeten in dem Krieg, dessen Sieg das Empire mit extrem brutalen Mitteln und einem immensen Imageschaden erkämpfte. Britannien schickte insgesamt etwa eine halbe Million Soldaten ans Kap, denen vierzig- bis achzigtausend Burenkämpfer gegenüberstanden. Der Guerillataktik der Afrikaner setzten die britischen Truppen die Politik der verbrannten Erde entgegen. Sie schlugen Schneisen der Verwüstung durch Transvaal und Oranjefreistaat, brannten Farmen nieder, erschossen das Vieh und raubten den Südafrikanischen Familien die Lebensgrundlage. Britannien ließ den Krieg gnadenlos auf die Zivilbevölkerung ausweiten, 230.000 Menschen, vorwiegend Frauen und Kinder, in Konzentrationslagern internieren, die unter unwürdigen Bedingungen dahinvegetierten und einen hohen Preis zahlen mussten. 46.000 starben, die meisten von ihnen Kinder.

Die Weltöffentlichkeit nahm, dank der zahlreichen Berichterstatter, die sich im Kriegsgebiet aufhielten und neuer Technologien, wie dem Telegraphen, großen Anteil am Kampf der Buren. Etwa 200 Korrespondenten berichteten vom imperialen Terror, unter ihnen Churchill und die britische Aktivistin Emily Hobhouse, die über die katastrophalen Zustände in den Internierungslagern berichtete. 1910, keine Dekade nach Kriegsende, genehmigte London die Bildung der "Union of South Africa"; die zwei britischen Kolonien Kapkolonie und Natal und die ehemaligen beiden Burenrepubliken Oranjefreistaat und Transvaal wurden ein selbst regiertes Dominium innerhalb des Empire. Am 31.Mai 1961, genau 59 Jahre nach dem Frieden von Vereeniging, erklärte sich Südafrika nach einem Referendum zur Republik und trat aus dem Commonwealth aus.



Downtown Johannesburg



Mit dem Sitz des Parlaments sowie dem halbjährigen Sitz der Regierung von Januar bis Juni in Kapstadt und dem obersten Berufungsgerichts in Bloemfontein leistet sich Südafrika inklusive Pretoria heute praktisch drei Hauptstädte. In den Grasebenen wie direkt neben der Straße unter uns flackerten zahlreiche Buschfeuer, deren Rauch die Luft einhüllte. Einige Hütten und Pferdekoppeln verteilten sich über das Hügelland, welches sich endlos bis zum Horizont ausbreitete. Einige hundert Meter entfernt versteckte sich das Fort Schanskop unter Jacaranda-Bäumen. Die Anlage, die mit drei weiteren Forts zum Schutz Pretorias kurz vor 1900 errichtet wurden, war eine Reaktion der Südafrikanischen Republik auf den 1896 niedergeschlagenen britischen Jameson Raid sowie der hohen Anzahl an zugewanderten Ausländern nach den Goldfunden am Witwatersrand. Heute beherbergt das von den deutschen Krupp-Ingenieuren Otto Albert Adolph von Dewitz und Heinrich C. Werner errichtete Fort Schanskop das „Anglo-Boer War Museum“.

Tief unter uns erinnerte im Untergeschoß der Kenotaphhalle ein symbolischer Sarg mit der Aufschrift „Ons vir jou Suid-Afrika“, auf Deutsch: „Wir für Dich, Südafrika“, an die entbehrungsreiche Urbarmachung. Jedes Jahr am 16.Dezember scheint die Sonne um 12.00Uhr durch eine Öffnung des Doms auf die Aufschrift des Sarkophags und erinnert an die Schlacht am Blood River und das Gelöbnis der Buren. Die Friese in der Haupthalle beschrieben die Geschichte der Voortrekker: Wie die ersten Wagen 1835 die Kapkolonie verlassen, wie britische Siedler Jacobus Uys eine Bibel überreichen und Glück wünschen und wie die ersten freundlichen Begegnungen mit den Baralong und Bataung in der Schlacht von Vegkop mündet. Piet Retiefs Verhandlungen und der Friedensvertrag mit dem Zuluhäuptling Dingane, der mit der Ermordung des Burenführers und seiner Begleiter endet. Die Schlacht am Bloedrivier, Hoffnung, Tod und Neubeginn.

In Pretoria selbst, hielten wir im Stadtzentrum nur kurz für einige Fotos. Gegründet von Marthinus Wessel Pretorius, bestand der Ort, der 2016 in Tshwane umbenannt werden sollte, 1863 aus etwa 50 bis 60 Gebäuden und 300 Einwohnern, unter ihnen viele Deutsche und Deutschstämmige. Mit etwa 33 Prozent bildeten die deutschen Auswanderer nach den Niederländern die zweitgrößte Siedlergruppe. Später beim Abendessen mit Corlia, Jannie und Josua diskutierten wir über Autorennen, Reportagereisen und die unvermeidliche Politik.

Die 1980er Jahre waren von schweren sozialen und politischen Umbrüchen geprägt. Südafrika wurde aufgrund seiner Apartheidpolitik weltweit geächtet und Streiks, Protestmärsche, Sabotagen und Anschläge verschiedener Anti-Apartheid-Bewegungen wie dem ANC waren an der Tagesordnung. Das Land stand kurz vor einem Bürgerkrieg. Mit der schrittweisen Aufhebung der Apartheidgesetze unter Frederik Willem de Klerk in den frühen 1990er Jahren und dem endgültigen Ende der Apartheid 1994 standen dem Land am Kap glanzvolle Zeiten bevor. Doch die Illusion hielt nur kurze Zeit an und Südafrika, der Wirtschaftsmotor des schwarzen Kontinents, taumelte in eine Gewaltspirale die bis heute anhält.



Im Bosveld



20 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist Nelson Mandelas Idee einer toleranten Regenbogennation in einer Sackgasse gelandet. War in den Jahren der Rassentrennung der weiße Rassismus allgegenwärtig, so hat er sich heute umgedreht und radikalisiert, wie beispielsweise in Julius Malemas links-radikaler Oppositionspartei EFF. Rassismus ist kein Monopol der Weißen. Galt vor etwa zehn Jahren das Land am Kap noch als einflussreichster Staat auf dem afrikanischen Kontinent, so hat Südafrika die mit dem Ende der Apartheid gewonnene liberale Rechtmäßigkeit wieder eingebüßt. Während der afrikanische Kontinent in den vergangenen Jahren einen enormen Wirtschaftsaufschwung hinlegte, wurde die höchstentwickelte Volkswirtschaft Afrikas von Nigeria beziehungsweise Ägypten abgelöst. Südafrika versinkt in innerpolitischen Querelen und Korruptionsskandalen. Der Zerfall der staatlichen Institutionen ist allgegenwärtig und manifestiert sich in den tausenden Farmermorden und Überfällen der letzten Jahre die einhergehen mit zunehmenden Unruhen. Alles in allem beginnt Südafrikas Stern zu sinken.

Gegründet in den Jahren des Goldrauschs, entwickelte sich Johannesburg rasant und während die Mega-City zum wichtigsten Drehpunkt im südlichen Afrika wurde, blieb das Metall über die Jahre Segen und Fluch zugleich. Von den neuesten Entwicklungen wollten wir uns selbst überzeugen. Der Spaziergang im gesicherten Stadtviertel Maboneng mit Mittagessen wurde für uns ein vollkommen unproblematisches Abenteuer. „I was shot in Joburg“-Shirts wurden in den kleinen Künstlerläden verkauft und zählten zu den satirisch-witzigen Verkaufsschlagern.

Seit dem Ende der Apartheid Südafrikas Sorgenkind, entdeckt sich die Millionenmetropole seit einiger Zeit neu. Ehemalige „No-Go-Areas“ wie Braamfontein und Maboneng entwickelten sich zu angesagten Stadtvierteln. In alten Fabrikgebäuden hatten sich Künstler und Enthusiasten eingerichtet und dem heruntergekommenen Arbeiterviertel mit hoher Kriminalitätsrate und illegal besetzten Häusern einen Imagewechsel verpasst mit kleinen Cafés, hippen Shops und Galerien. Jonathan Liebmann gelang es mit seinem Projekt Propertuity und der dahinterstehenden Immobiliengesellschaft, die Gegend um die Fox Street in Downtown Joburg aus ihrer kriminellen Verwahrlosung zu reißen. 2009 kaufte der Investor einige Straßenzüge auf und entwickelte das neue Viertel Maboneng mit Modeläden, Restaurants und Loft-Wohnungen, Sicherheitskameras und Wachleuten. Doch während sich dank Maboneng Joburg wieder zu Fuß entdecken lässt und die Einwohner Hoffnung schöpfen, existiert zwei Blocks weiter die dunkle Seite von iGoli, dem Ort des Goldes.


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Kommentare

  • Blula

    Keine "so mal eben" - Lektüre ist dieser Reisebericht, denn der Leser bekommt hier durch Dich auch noch einen fundierten Einblick in die Geschichte Südafrikas. Ich habe sehr viel erfahren, was mir so noch nicht bekannt war. Sehr gut und absolut lesenswert !
    Vielen Dank.
    LG Ursula

  • matulr

    Ein toller Bericht, der viele heutige Probleme historisch gut erklärt und auf den Punkt bringt. Gentrifizierung ist heute weltweit in vielen Grossstädten Fluch und Segen zugleich - ich wusste nicht, dass dies in Südafrika auch bereits geschieht...
    LG ULI

  • Sternensilber

    Ich war gerade erst in Südafrika und hab auch das Voortrekker Monument besucht. Südafrikaner haben uns den langsamen Zerfall der immer ärmer werdenden Goldminen-Dörfer nahe Johannesburg gezeigt. Und sie waren selbst entsetzt darüber, was gerade geschieht.
    LG Anne

  • Schalimara

    Interessanter Bericht.
    LG Schalimara

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