Karhunkierros - Bärenrunde in Nordfinnland

Reisebericht

Karhunkierros - Bärenrunde in Nordfinnland

Reisebericht: Karhunkierros - Bärenrunde in Nordfinnland

Für einmal nicht Berg und Tal, sondern durch ausgedehnte Wälder streifen. Das war der Plan für eine Ferinwoche im Juni. Der Karhunkierros (dt. Bärenrunde) ist verhältnismässig einfach zu erreichen, erfordert praktisch keine Vorbereitung und ist im Juni bereits schneefrei - und noch nicht überlaufen. Also los!

Spät abends im Helsinki

Ich lande nach 22 Uhr in Helsinki. Die Zugfahrt in die Innenstadt ist zum Glück unkompliziert und dauert nur rund 45 Minuten. Da ich um die späte Ankunft wusste, liegt mein Hotel direkt beim Bahnhof. Hier im Norden heisst spät nicht gleich dunkel. Die Leute tummeln sich noch draussen. Strassenmusiker geben ihr Bestes. Ganze Scharen von Menschen sind unter dem nur unmerklich dämmrig werdenden Himmel unterwegs. Ich reisse mich zusammen und verkrieche mich im Hotel um die Reserven für den nächsten Tag zu schonen.



Tag in der Stadt - Nacht im Wald

Helsinki, Finnland

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Der Frühstückssaal im Hotel Seurahuone erinnert an ein klassisches Theater. Viel Stuckatur an sehr hohen Decken, Leuchter und geschmiedetes Eisen. Ein angenehmer Start in den Tag. Ich frühstücke ausgiebig. Dann erkunde ich die Stadt zu Fuss. Vorab noch ohne meine rund 20 Kilo Gepäck, die im Hotel bleiben.

Helsinki zeigt die Sonnenseite. Ein stahlblauer Himmel leuchtet über den neoklassischen Wachfiguren des Hauptbahnhofs. Ich steuere erst die Westseite der Halbinsel auf der die Innenstadt liegt an. Durch gepflegte Parkanlagen erreiche ich die Küste. In einem weiteren Park steige ich auf einen grossen Felsbrocken, der eine schöne Aussicht bietet. Wieder unten passiere ich eine Schar Wildgänse, die schnatternd eine Wiese in Beschlag genommen haben. Entlang dem Yachthafen und später vorbei an den grossen Fährterminals wo gerade drei Hochseegiganten gleichzeitig liegen, erreiche ich die russisch orthodoxe Kapenski Kathedrale und den Marktplatz. Dahinter steht der Markante Dom, wo die Reisecars im Minutentakt Touristen Ausspucken. Einige Stunden sind vergangen und ich hole mir an einem der verlockenden Fressbuden am Marktplatz Sprotten und Lachs mit Bratkartoffeln und Gemüse. Dazu rund drei Esslöffel Mayonnaise. Ich finde in der Menschenmeute ein Plätzchen am Hafenbord und verzehre das Ergatterte unter den aufmerksamen Blicken zahlreicher Möwen, die vor, hinter und neben mir herumtänzeln. Danach genehmige ich mir ein Bier im Aussenbereich eines Pubs in der Innenstadt, bis es Zeit für die Weiterreise wird, ich meinen Rucksack im Hotel aufgable und zurück zum Flughafen fahre.

Der Flieger nach Kuusamo hat etwas Verspätung. Glücklicherweise liegt es nicht am Wetter, das eigentlich bei meiner Abreise gar nicht prickelnd aussah, jetzt aber hervorragend ist und zu werden verspricht.

Nach einer knappen Stunde in der zweimotorigen Propellermaschine landen wir auf dem kleinen Flughafen im Nirgendwo zwischen den Seen und Wäldern. Auf der Gepäckausgabe grüsst ein ausgestopftes Rentier. Plakatgrosse Landschaftsfotografien steigern die Vorfreude.

Draussen suche ich den Bus, der mich an den Eingang des Oulanka Nationalparks und den Ausgangspunkt der Bärenrunde bringt. Auf dem Parkplatz stehen aber nur eine Handvoll Autos und ein Minibus mit dem Schild „Airport-Shuttle“ unter der Frontscheibe. Der Fahrer steht neben letzterem und bestätigt mir, dass dies durchaus der Bus ins 120 Kilometer entfernte Salla sei und er mich am Nationalpark rauslassen könne. Es ist mittlerweile fast 21 Uhr. Bis auf meine Wenigkeit haben sich nur ein übergewichtiger Jungteenager in Trainerhose und ein Mann mittleren Alters, der die Lieder im Radio mitflüstert zur Fahrgemeinschaft gesellt. Mehr als eine Stunde ziehen Bäume, Seen und selten ein kleines Häuschen an der Scheibe vorbei. Zweimal steuern wir eine Siedlung an, wobei wir jedes Mal ein paar Kilometer von der Hauptstrasse ab- und wieder zurückfahren.

Dann halten wir auf einem Parkplatz bei Hautajärvi direkt auf dem Polarkreis. Letzteres verrät eine mehrsprachige Blechtafel am Strassenrand. Mein Stopp. Ich sattle den Rucksack und verschaffe mir vor dem Informationszentrum, das ausgestorben daliegt einen ersten Überblick auf den ausgehängten Karten. Ein paar Kilometer bis zu einem Laavu will ich noch hinter mich bringen. Der Pfad führt direkt in den allgegenwärtigen Wald. Unter dem Geheul von Hunden in einem Zwinger hinter dem Informationszentrum marschiere ich los. Bald taucht ein durchgerostetes Autowrack mitten im Wald auf und ruft Reminiszenzen an Texas Chainsaw Massacre und andere Killbilly Streifen hervor. Ein recht atmosphärischer Start. Ein paar hundert Meter weiter sitzt dann aber eine nett grüssende Gruppe ganz normaler junger Leute um ein Feuer vor einer Holzhütte.

Dann kommt lange nur sanfter Wind, Vogelgesang und das Geräusch meiner Schritte. Der Weg ist idiotensicher mit orangen Punkten an den Bäumen markiert. Jeden Kilometer zeigt ein gestanztes Eisenschild die zurückgelegten und die noch vor einem liegenden Kilometer an. Über die ersten Sumpfgebiete führen komfortable Lattenstege. Nach etwa zwei Stunden erreiche ich eine der zahlreichen Rastplätze mit Hütte, Laavu, Feuerstelle und Plumpsklo. Ich habe Glück: Das Laavu direkt am Fluss ist frei. Zwischen den Bäumen stehen zwei Zelte, deren Besitzer offensichtlich schon schlafen. Ich hole meine Vielle Prune Flasche hervor und lehne mich erst einmal auf meinem eingerollten Schlafsack zurück. Es ist Mitternacht und fast Taghell. Der Fluss rauscht einlullend. Zwei Stunden später Wache ich ordentlich durchgefroren auf, schäle mich aus den Schuhen und verkrieche mich im Schlafsack.



Helsinki, Finnland



Oulanka

Karhunkierros, Finnland

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Gegen halb sieben weckt mich die hinter den Bäumen emporsteigende Sonne. Die Nacht an der frischen Luft war doch sehr erholsam. Voller Tatendrang hole ich erst einmal Flusswasser, schraube den Trangia-Kocher zusammen und mache Kaffee. Nach einem leichten Frühstück packe ich zusammen und starte den ersten richtigen Wandertag.

Der Weg ist vorerst unverändert: Ein schmaler, hervorragend markierter Pfad führt durch den Wald. Es gibt kaum Steigung und ich komme trotz des schweren Rucksacks zügig voran. Allzu viele Menschen sind Anfangs Juni noch nicht unterwegs. Die meisten sind Finnen, was ich daran erkenne, dass mein „Hej“ meistens mit einem bestimmten „Terve“ oder etwas mir völlig Unverständlichem erwidert wird.

Ich erreiche den Savinajoki Fluss, der später in den Oulankajoki übergeht und an dem entlang der weitere Weg führen wird und blicke schon bald auf den wunderschönen Savilampi See. Hier befindet sich eine nahe Zufahrt und einige Tagestouristen stolpern im Wald herum. Danach wird es wieder ruhig. Der Weg schlängelt sich, aus helvetischer Perspektive, praktisch eben durch die Waldlandschaft.

Plötzlich stehe ich auf dem Parkplatz einer Campinganlage. Das ist ungewohnt und jenseits meiner bisherigen Trekkingerfahrung in Norwegen, Island und Grönland. Ich nutze dennoch die Gelegenheit, schleiche in den Kiosk, ergattere mir eine Dose Karhu-Bier und wusele mit dieser wie ein Tier, das etwas erbeutet hat wieder in den Wald. Auf einem umgeknickten Baumstamm verzehre ich das kühle Gold. Das tut richtig gut, denn es ist sommerlich warm. Ich bin ausschliesslich in hochgerollten Hosen und im Shirt unterwegs und trotz des gemütlichen Wegverlaufs ordentlich durchgeschwitzt.

Bald folgt dann das Oulanka Informationszentrum, zu dem man mit dem Auto kommt und wo sich entsprechend viele Leute tummeln. Der Weg verläuft auf dem Pfad zum Kuitaköngas, einem Felsigen Nadelöhr des Flusses, wo die Wassermassen zwischen rötlichen Felsen hindurchstürzen. Ich stelle fest, dass der Spannungsbogen des Weges steigt, je weiter man kommt. Also ideal. Kurz nach dem Kuitaköngas dünnen die Menschengrüppchen immer mehr aus und schon bald schreite ich einsam über den Felsen des Oulanka Flusses. Auf diesem paddelt eine Gruppe Kajakfahrer. Offensichtlich Anfänger, die fröhlich kichernd ständig zusammenstossen und mehr von der Strömung getrieben werden, als ihre Gefährte steuern.

Nach rund sieben Stunden Marschzeit und etwa 30 Kilometern erreiche ich die Ansa-Hütte. Diese wurde vor kurzem neu errichtet, da die alte Hütte abbrannte und liegt nur wenige Meter vom Flussufer entfernt. Etwa 50 Meter von der Hütte finde ich einen schönen Zeltplatz im Wald. In wenigen Minuten bin ich eingerichtet, da die Heringe tiptop in den Waldboden gleiten und die Hillebergs eine unschlagbar simple Zeltkonstruktion gezaubert haben. Erstmals tauchen Schwärme von recht schläfrig wirkenden Mücken auf. Bewegt man sich ein paar Meter weg, brauchen sie Minuten um wieder angesummt zu kommen. Natürlich sind die Biester dennoch gewohnt nervig, aber der Insektenspray sorgt schon in kleiner Dosierung dafür, dass ich nicht gestochen werde. Als ich am Fluss Wasser schöpfe, legen die heiteren Kanuten gerade am gegenüberliegenden Strand an, wo sich ebenfalls eine Hütte befindet. Nach ungefähr zwei Stunden paddeln sie aber bereits in verworrener Formation weiter. Der Platz ist herrlich still und ich Löffle meine Trekkingmahlzeit auf einem Baumstamm am Steilufer während unter mir der Fluss rauscht und über mir das Vogelorchester zwitschert. Als ich mir noch einen Kaffee mit Vielle Prune gönne kommen noch ein paar andere Gäste um sich einzurichten. Es ist aber so viel Platz, dass hier niemand keinen stört. Nachdem ich mich reichlich satt gesehen habe, beende ich die Abendvorstellung der Mosquitos Loqos und verziehe mich hinter das Insektennetz meines Zelts.



Karhunkierros, Finnland



Kitkanjoki

Karhunkierros, Finnland

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Es geht vorerst über dem Hochufer des Oulanka weiter, was schöne Ausblicke über den endlosen Wald und den sich durch diesen schlängelnden Fluss ermöglicht. Es folgt ein grösseres Sumpfgebiet mit zahlreichen Bohlenstegen.

Ich erreiche die Ylikota, eine traditionelle Holzhütte in deren Umgebung sich auch Holztische und Lavus finden. Der Fluss trennt sich hier auf einer weiten Lichtung in mehrere Arme. Aus dem Wald trottet ein Rentierpärchen. Ab und an schauen sich die beiden um, haben mich anscheinend auch registriert, befinden mich aber offenbar nicht als Bedrohung. Ich verweile ein halbes Stündchen an diesem idyllischen Plätzchen. Dann geht es weiter dem Fluss Kitkanjoki entlang. Teilweise liegen hier sogar noch kleine Restschneefelder. Rechts steigt das Waldbord steil an, am anderen Ufer ragen Felsen auf. Der Pfad wechselt immer weder von der Wasserkante einige Meter in den Wald hinauf und zurück. Es folgt ein kurzer, steiler Aufstieg.

Dann wuseln wieder mehr und mehr Tagestouristen herum. In der Nähe befindet sich das Örtchen Juuma und der Pfad führt mich zur Silastupa Hütte am Jyrävä-Wasserfall. Bei der Hütte mit Sicht auf die Stromschnellen drängt sich das Volk. Der Wasserfall ist schön anzuschauen, aber viele Menschen und Trekking passt einfach nicht zusammen. Also marschiere ich ohne Halt weiter. Beim Wasserfall steigt der Weg über mehrere Treppen an. Zwischen den Stämmen wird immer wieder der Blick auf den Fluss frei. Aus dem Wasser ragt trotzig eine kleine Felsinsel.

Die Menschen werden wieder weniger. Dann folgt eine fast Dünenartige, aber immer noch licht bewaldete Etappe. Das Ende Nationalparks. Es ist sofort sichtbar, wie hier der Mensch gewirkt hat. Man ist zwar immer noch von Wald umgeben, aber ausgedünnt und durchzogen von Stümpfen und vor Jahrzehnten durch schweres Fahrzeug aufgerissenen Boden, den mittlerweile wieder Gestrüpp und Moose bedeckt haben. Eine grosse Rentierherde die unweit des Weges herumtrottet stört das offenbar wenig.

Mit der Zeit wird auch der Wald wieder etwas dichter. Die breiten Kieswege haben aber nicht den gleichen Reiz wie die schmalen Pfade im Urwald.
Ich erreiche nach wiederum rund 30 Kilometern den schönen Rastplatz Porontimajoki. Eine der Hütten steht auf einer Brücke über dem Fluss. Es gibt – natürlich -ein Laavu mit Feuerstelle und einen grosszügigen Küchenunterstand. Der Untergrund zum Zelten ist zwar eben, aber die Heringe lassen sich nur mithilfe von Steinen einigermassen in den Boden treiben. An einer kleineren Feuerstelle mit Miniaturbank baue ich meine Feldküche auf. Nach dem Essen spaziere ich noch etwas rucksackbefreit durch den Wald. Es wird zwar nicht merklich dunkler, aber ein schneller Temperatursturz kündet den Abend an. Also Kaffee Schnaps als Schlummertrunk.



Karhunkierros, Finnland



Tunturi

Karhunkierros, Finnland

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Es gilt heute noch 15 Kilometer nach Ruka zu meistern. Zwar war im Streckenbeschrieb von viel Auf- und Abstieg die Rede, aber irgendwie kann ich das in dieser bisher höchstens im Dutzend Meter Bereich höhenschwankenden Landschaft nicht richtig ernst nehmen.

Vorerst geht es auch mehr geradeaus und ich trotte gemütlich vor mich hin und überlege mir schonmal, was ich in Ruka und Umgebung nach meiner Ankunft noch anstellen könnte.

Dann geht es doch plötzlich ordentlich bergan. Die Pfade werden wieder schmal und sogar etwas ruppig, was dem Bergbewohner natürlich zusagt. Kaum auf der Hügelkuppe, die sogar ein Bisschen Ausblick über die weite Landschaft zulässt, führt der Weg wieder mindestens genauso weit hinab. Das soll sich nun noch so einige Male wiederholen. Fünfzig bis hundert Meter hoch – und wieder runter. Teils mit Treppeneinlagen, teils mit Seilen um über den abgeschliffenen Fels zu kommen. Da es gefühlte vierzig Grad im Schatten hat, fliesst der Schweiss und die Tour ist zum ersten Mal tatsächlich körperlich anstrengend. Der schwere Rucksack hilft da auch nicht viel. Vor allem Berg ab reissen und schrammen die Riemen von dem Gepäckgebaumel auf den Schultern.

Doch jeder Gipfel bietet etwas mehr Aussicht und die Landschaft nur ein Bisschen weiter oben erinnert ein wenig an unseren Jura: Krüppelige Tannen und Felsen und darunter ein ewiges grünes Meer durchzogen von blauen Linien und Flächen.
Auf dem kahlen „Gipfel“ des Valtavaari (492m) hat man einen 360° Rundumblick. Hier oben steht eine kleine Schutzhütte. Tische und Bänke laden zum Verweilen ein. Im Süden sticht ein fast baumloser Hügel heraus. Seilbahnanlagen sind zu erkennen. Bei näherem Hinsehen entdeckt man die Skispringanlage. Es ist nicht mehr weit bis Ruka, dem Hauptskigebiet Finnlands.

Doch erst geht es noch ein wenig auf und ab. Am abgefrästen und verödeten Skipistenhügel folgt ein letzter Aufstieg auf einem Kiesweg, der so steil ist, dass ich nachvollziehen kann, dass in jeder Kurve eine kleine Bank steht. Dann blicke auf den Hauptplatz zwischen den Läden und Hotels, in dessen Mitte ein roter Holzturm steht. Noch eine Holztreppe hinunter und ich bin bei Kilometer 0 bzw. 82 angekommen.
Die Anzahl der Gebäude ist recht überschaubar. Das Örtchen hat zwei Verkehrskreisel, eine Handvoll Hotels und ein paar Gebäude mit Wohnungen zum Mieten. Ich stelle fest, dass man gerade grosse Revision macht: Viele Restaurants sind derzeit im Um- oder Ausbau, einige auch einfach so geschlossen. Ich marschiere schliesslich ins Hotel Cumulus. Innen sieht es ein wenig wie eine Mischung aus Hüttengaudi und traditionell Skandinavisch aus. Viel Holz, Sitzbänke, warmes Licht. Schon irgendwie typisch nach Skigebiet. Einzelzimmer gibt es nicht. Ich mache mich schon auf einen saftigen Preis gefasst, wie damals in Norwegen, als ich wegen des flächendeckenden Altschnees und fehlender Sommerbrücken auf der Hardangervidda schliesslich in Flam landete. Ich werde aber positiv überrascht: Im alten Gebäude kostet das Zimmer 72 Euro, im Neuen 85. In Norwegen hatte ich fast das Dreifache für eine kleine Einzelkemenate bezahlt. Da gönne ich mir sogar das neue Zimmer. Der Fahrstuhl bringt mich auf mein Stockwerk. Das Zimmer ist sehr grosszügig. Ich habe sogar meinen eigenen Balkon.

Ausgiebig geduscht und in frischen, nicht mit Batikschweissmuster versehenen Klamotten schreite ich im Hotelrestaurant zu Tisch. Es gibt eine Käsesuppe mit Rentierfleisch, Rentier-Kartoffel-Gratin und zum Abschluss ein Dessert aus geschmolzenem mildem Käse, Vanillesauce und Moltebeerenmarmelade. Meine Erwartungshaltung war eigentlich nicht überschwänglich – aber das Essen war tatsächlich sehr gut. Da in dem Ort wenig los ist und ich mich langsam aklimatisieren möchte, hole ich im Supermarkt ein paar Bier und Lonkero (Grapefruitlimonade mit Gin in Dosen). In der Lobby wuselt aufgeregt eine schweizerische Seniorengruppe herum. Im Zimmer wechsle ich in den Bademantel und folge der Ausschilderung in die Sauna, wo ich etwa zwanzig Minuten vor mich hinschwitze. Dann verziehe ich mich aufs Zimmer und mache mir einen schönen asozialen Abend.



Karhunkierros, Finnland



Juuma

Ich gehe sehr gemütlich an und schlendere ein paarmal zum Frühstücksbuffet. Die Gästezahl ist überschaubar, oder besser gesagt: Das Hotel ist offensichtlich für eine weit grössere Gästeflut ausgelegt. Im Winter dürfte es hier ähnlich hoch zu und hergehen wie in den heimischen Skiresorts.

Mittlerweile bin ich so heruntergefahren, dass ich dringendst etwas unternehmen muss. An der Rezeption erkundige ich mich nach der Möglichkeiten ein Kajak zu mieten. Man verweist mich an die Outdoor-Eventfirma ein Haus weiter. Dort sagt man mir erst einmal, dass alle Touren für heute schon unterwegs sind und man diese einen Tag vorher buchen müsse. Es braucht etwas Geduld, bis man mich versteht: Ich will einfach nur ein Kajak. Mit einer typisch finnischen Miene (Blick ins Leere, völlig neutraler Ausdruck) macht die Dame dann verschiedene Telefonate. Nach etwa zwanzig Minuten bekomme ich Bescheid: In Juuma im Basecamp Oulanka hat man ein Kajak. Allerdings kommt man da nur zu Fuss oder mit dem Taxi hin. Da Juuma mindestens 20 Kilometer entfernt ist, trotte ich zum Taxistand. Rund 40 Minuten ziehen die Bäume an der gesprungenen Frontscheibe vorbei. Bis auf die Begrüssung und die Verabschiedung gibt es keine Kommunikation, aber das hätte ich jetzt auch nicht erwartet. Mir ist längst klar: Die Leute im Norden haben es nicht so mit dem Reden, was ich auch nicht schlimm finde.

Das Basecamp Oulanka liegt am Ende von etwa drei Kilometern Schotterstrasse mitten im Nirgendwo. Ein stattliches Blockhaus mit Kletterwand, Hütten zum Übernachten, Restaurant und allem was man sonst so braucht. Ich werde freundlich empfangen, erledige den Papierkram und werde am Gefährt instruiert: Spritzschutzmontage, Verstauungsmöglichkeiten und einen Überblick auf der Karte über die miteinander verbundenen zwei Seen. Alle anderen Kunden scheinen entweder mit Schlauchbooten oder im Gruppenkajakverband unterwegs zu sein. Ich paddle also mutterseelenallein los. Auf dem See ist sonst niemand. Es tut gut ein wenig die Arme statt der Beine zu schwingen. Vorbei an einigen unbewohnten Inseln und am Ufer, wo immer wieder Ferienhäuschen auftauchen, entdecke ich einen riesigen Sandstrand. Auch hier ist kein Mensch. Ob das Laavu mit dem aufgestellten halben Boot als Feuerholzhäuschen privat ist oder nicht kann ich nicht herausfinden. Falls mich jemand davonjagt, kann ich mich immer noch brav entschuldigen. Ich lande das Kajak, schäle mich aus Schwimmweste, Spritzschutz und allem anderen bis auf die Unterbuchse und stürze mich in den eiskalten See. Badeferien nach meinen Geschmack. Auf der Bank vor dem Laavu trockne ich in der immer noch sehr warmen Sonne. Dann geht es paddelnd weiter auf den beiden einsamen Seen. Es gibt Schilfbänke mit den unterschiedlichsten Vogelarten, Waldbuchten, Felsen…der Ausflug hat sich gelohnt.

Nach etwa drei Stunden ziehe ich das Kajak beim Basecamp an Land, verstaue alles darin, hole mir im Blockhaus ein Bier und geniesse die Sonne auf der Terrasse, bis mein Taxi zurück nach Ruka eintrifft. Die Rückfahrt ist gleich wie die Hinfahrt: Gesprungene Frontscheibe, kein Wort. Die Verabschiedung ist dann aber wie immer recht freundlich.

Im Hotel gibt es Lachssuppe mit Kartoffeln und Zwiebeln und einen Rentierburger. Nach dem Gang in den Laden mache ich nochmal einen Fernsehabend auf dem Zimmer.



Juuma, Finnland



Flughafenhotel

Der Minibus zum Flughafen kommt pünktlich um uns drei Mitfahrer aufzugabeln. Das Gefährt mit Ledersitzen und getönten Scheiben wirkt in der Umgebung regelrecht nobel.

Am Flughafen nimmt man die Security dann so richtig ernst. Den Brennsprit, der auf dem Hinflug noch keinen Menschen interessiert hat, muss ich bereits bei der Gepäckaufgabe abgeben. Ebenso darf ich nur ein Feuerzeug mitnehmen, da wir sonst selbstverständlich unweigerlich abstürzen. Ich krame drei Feuerzeuge aus dem Rucksack und gebe zwei ab.

In Helsinki habe ich diesmal ein Hotel direkt am Flughafen, aber auch an einer Haltestation des Flughafenzuges in die Stadt. Da es auf dem Weg zum Hotel zu regnen beginnt, beschliesse ich aber nicht mehr in die Stadt zu fahren. Ausserdem muss ich um kurz nach fünf Uhr morgens raus um meinen Flieger zu erwischen.
Das Hotel ist so richtig modern. Eigentlich sehr schön eingerichtet, nur plärrt unglaublich nervige Popmusik durch die Lobby mit offener Bar und darum herum verstreuten Restauranttischen. Das Zimmer ist toll: Riesiges Bett, Bad samt Wanne, kinoleinwandgrosser Fernseher. Nachdem ich unter dem Popgeplärr im Restaurant einen local fair trade natural grown happy animal Burger (der trotz dem Firlefanz sehr gut war) verdrückt habe, hole ich mir an der Bar meinen Old Fashioned auf’s Zimmer ab und setze mich bei mir genehmer Musik aus dem Mobiltelefon in die Badewanne.



Schluss

Ich profitiere noch kurz vom Early Bird Breakfast – zum Glück noch ohne Popgeplärre. Am Flughafen gebe ich beim Sicherheitscheck nochmal zwei Feuerzeuge ab, die man beim Durchleuchten in meiner Jacke entdeckt hat. Ein Wunder, dass wir es von Kuusamo bis hierhin geschafft haben, trotz der imminenten Gefahr…der Flug mit Finnair ist dann aber sehr angenehm und alles klappt problemlos.

Fazit: Eine nicht ganz so wilde, eher gemütliche Trekkingtour, die dafür aber praktisch ohne Vorbereitung möglich ist und durch ihre Waldatmosphäre durchaus zu begeistern vermag. Vor allem die Möglichkeit auch auf dem Wasser unterwegs zu sein zu können, könnte mich durchaus nochmals in diese Gegend locken.


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