Kanalinseln

Reisebericht

Kanalinseln

Reisebericht: Kanalinseln

Ein verlängertes Wochenende in London und auf den Kanalinseln Guernsey und Jersey. Unterwegs per Flugzeug, Bahn, Schiff, Bus und Fahrrad.

1. London by Night

London by Night

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Direkt von der Arbeit geht es an den Flughafen Zürich. Um 18:35 Uhr ist der Abflug nach London geplant – es soll dann doch etwas später werden.

Gegen 21:00 komme ich in Heathrow an. Mit dem Expresszug gelange ich in nur rund einer halben Stunde zur Paddington Station. Da ich nur diesen Abend in London bin, lasse ich es mir nicht nehmen zur Waterloo Station zu laufen, um zumindest im Vorbeigehen noch etwas von der Stadtatmosphäre aufnehmen zu können. Da dürfen die obligaten Fish & Chips in einer kleinen Bude nahe Paddington nicht fehlen.

Satt und zufrieden marschiere ich dem Hyde Park entlang und gelange auf die Oxford Street. Dort trotzt man den jüngsten Terroranschlägen und feiert ausgelassen. Auch ich sehne mich nach einem Pint und finde diesen in der Crobar, die auf meinem Weg liegt. In dieser – für jene die es kennen und schätzen – gemütlichen Metal Kneipe geht es zumindest in punkto Publikumsfrequenz etwas ruhiger zu und her. Dann wird es Zeit den Rest des Weges bis zu meinem Hotel an der Victoria Station unter die Füsse zu nehmen. Ich wohne in einem recht unpersönlichen und mittelprächtigen Bunker. Das Zimmer tut es aber allemal für eine kurze Nacht.



London by Night



2. London, Poole und Guernsey

Poole

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Noch vor sechs Uhr verlasse ich das Hotel Richtung Victoria Station. Ich hole mir erst den Fahrschein, dann das Frühstück für Unterwegs. Mithilfe des Bahnhofpersonals finde ich schliesslich auch noch den Zug nach Poole, da die Abfahrtsanzeige nicht wirklich weiterhilft. Doch alles klappt und schon bald rattert die Komposition der Southern Railways durch die Vororte von London Richtung Poole.

Poole ist ganz niedlich anzuschauen, aber ich bereue meine Stippvisite, bestehend aus dem Weg vom Bahnhof zum Fährterminal nicht wirklich. Dort angekommen beziehe ich mein Ticket. Im Warteraum herrscht Betagtenheim Atmosphäre. Rollatoren schleichen durch die Gänge und die Senioren im seltsamen Tuch der ab 70 Freizeitkleidung wirken schon jetzt völlig erschöpft. Man fühlt sich unweigerlich an Szenen von Dawn of the Dead erinnert. Für einen Moment zweifle ich, ob das wirklich ein Urlaub für Meinesgleichen ist.

Nachdem ich dann aber auf der Fähre bin, entspannt sich die Lage. Das Wetter ist prächtig und bei einem kühlen Ale bestaune ich zusammen mit einer Biker Gang – offenbar sind alle Nicht-Rentner mit ihrem Fahrzeug an Bord gegangen –die Insel Brownsea mit dem gleichnamigen Castle und die Old Harry Rocks.

Nach etwa drei Stunden kommen die ersten der Kanalinseln in Sicht. Zuerst passieren wir Burhou und laufen später vorbei an Herm und Jethou in St. Peter Port ein. Das pittoreske Städtchen sieht aus der Ferne aus, als hätte man es seit zweihundert Jahren nicht mehr verändert, sondern einfach nur gut gepflegt, während es von der Festung auf dem Castle Rock bewacht wurde. Nach dem Aussteigen heisst es im Terminal erst einmal Passkontrolle – schliesslich verlässt man Grossbritannien. Die Crown Dependency agiert tatsächlich wie ein selbstständiger Staat, was sie de facto eigentlich auch ist.

Ich bin etwas überrascht am Ausgang aus dem Fährterminal eine Dame mit einem Schild des Reiseveranstalters zu sehen, über den ich gebucht hatte. Also frage ich – eher aus Neugier - spontan nach, ob sie etwa auf mich wartet. Und tatsächlich: Völlig unerwartet steht draussen ein ganzer Vierzehnplätzer für mich allein bereit, der mich samt „Ansprechsperson vor Ort“ und eigenem Fahrer zu meinem Bed and Breakfast couchiert. Von diesem „Staatsempfang“ bin ich dann doch positiv überrascht. Der Fahrer ist gebürtiger Insulaner, bzw. ist seine Familie seit vierhundert Jahren alteingesessen. So nutze ich die kurze Fahrt für eine Fragerunde und erfahre bereits zwei drei Dinge, die nicht unbedingt im Reiseführer stehen. Etwa, dass das imposante Gebäude mit den Schweizer Kantonsflaggen der Credit Suisse gehöre und auf Guernsey jeder stinkreich sei – ausser eben die Insulaner selbst, die nur einen Bruchteil der Bevölkerung ausmachen.

Ich beziehe gegen Mittag mein gemütliches Zimmer. Dann mache ich mich zu Fuss auf ins Nachbardorf, wo sich gemäss Angaben des Fahrers ein Fahrradladen befindet, der die Drahtesel auch vermietet. Schliesslich möchte ich in den zwei halben Tagen die ich hier habe so viel wie möglich sehen. Auf laubüberdachten Strässchen, die mit vor Blumen strotzenden Steinmauern eingerahmt sind, gewinne ich einen ersten Eindruck. Die Höfe und Häuser an denen ich vorbeikomme sind aus massivem Stein gebaut und scheinen seit Jahrhunderten praktisch unverändert. Die Insel hat wirklich einen ganz eigenen Charme. Den Fahrradladen in St. Martin finde ich problemlos. Fachkundig wird für mich ein extra grosses und perfekt gewartetes Vehikel bereitgestellt und nach dem Ausfüllen eines Formulars darf ich bis am nächsten Tag um zwei Uhr Mittags nach Lust und Laune in die Pedale treten.

Die Orientierung ist aufgrund der unzähligen kleinen Strässchen die wie ein verworrenes Netz über die Insel verteilt sind nicht immer einwandfrei. Die mir vom Fahrradladen abgegebene Karte hilft zwar, aber öfter ist ein Zwischenstopp nötig um überhaupt herauszufinden, welche der knapp zwei Meter fünfzig breiten Asphaltspuren mit ständig wechselnden Namen mich nun ans nächste Ziel bringt.

Ich komme an weiteren kleinen Häuseransammlungen und unzähligen Blumen in allen Farben vorbei, passiere den kleinen Flughafen und lande schliesslich in L’Erée an der Westseite, wo riesige Sandstrände die Küste säumen. Dazwischen ragen grasbedeckte Felsbänke ins blaue Meer. Nicht einmal die alten Bunkeranlagen der Nazis, welche die Insel einst besetzt hatten, trüben die Idylle. Besiegt von der Flora haben sie sich längst zusammen mit den alten königlichen Festungen der britischen Krone ins Landschaftsbild gefügt. Die Bunkeranlage von Ford Hommet schaue ich mir aus der Nähe an. Die alten steinernen Befestigungen sind zusammen mit den Betonanlagen zu einer schweigenden Ruine verschmolzen, an deren Fuss das Meer gleichmütig gegen die Felsen schwappt.

Ich folge der Küste und umrunde die Insel bei Bordeaux Harbour, wo ich zu den Ruinen des Vale Castle aufsteige. Die Anlage war erst Französisch, wurde dann von der englischen Krone gegen Angriffe der Franzosen ausgebaut und schliesslich von den Nazis übernommen.

Es ist Abend geworden und ich kette mein Fahrrad am Hafen von St. Peters Port an ein Eisengeländer. Im White Hearts Pub gönne ich mir ein Ale. Kaum habe ich mich gesetzt, kommt eine mächtige Erscheinung mit Bierbauch, Glatze und Rugby Shirt auf mich zu und fragt mich, wo ich her sei. Bald darauf sitze ich mit ihm und seiner gut beleibten Frau, die mich stark an Matt Lucas in einer Frauenrolle erinnert am Tisch und kriege den nächsten Pint spendiert. Der sanfte bis aufbrausende Riese stammt ursprünglich aus Südafrika und hat den Pegel erreicht, in dem man gerne mit Jedermann über Gott und die Welt philosophiert. Das ist in der Fremde oft gar nicht so uninteressant und etwa eine Stunde lang unterhalten wir uns bestens. Nach drei Pints muss ich aber wirklich dringend etwas essen. Seit dem Frühstück war da nichts mehr und mir steigt nach der Radelei langsam ein Dusel in den Kopf.

Im Library Carvery finde ich Erlösung. Das Restaurant ist eine Mischung aus altehrwürdigem Pub, Bibliothek und einem Hauch Frankreich. Ich bekomme ein grosses, saftiges Steak mit ungefähr einem Deziliter geschmolzener Knoblauchbutter, gebratenen Pilzen, Grilltomaten und in einem Blechkübelchen arrangierten Fritten. Nach dem Dessert gefragt, meine ich Süsses sei nicht so meins und bekomme direkt das nicht ausschlagbare Angebot, dass man mir auch eine kleine Käseplatte arrangieren könne – und die ist auch wirklich vorzüglich. Da ich noch fahren bzw. Strampeln muss, schleiche ich am White Hearts vorbei zum Hafen. Den steilen Hang zu meiner Bleibe hinauf stosse ich den Drahtesel dann lieber und falle nach einer ausgiebigen Dusche zufrieden in die Federn.



Brownsea



3. Guernsey und Jersey

Guernsey

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Im B&B wird das klassische English Breakfast serviert. Die Mehrzahl der Anwesenden sind Briten. Unkompliziert wie diese sind unterhält sich praktisch der ganze Frühstücksraum auf angenehme Art und Weise über alle Altersgruppen hinweg miteinander.

Gut genährt schwinge ich mich wieder in den Sattel und widme mich heute der wilden Südküste und ihren Klippen. Vorab halte ich aber am Sausmarez Manor, einem stattlichen Herrenhaus mit grossem Garten der frei zugänglich ist. Auch dieses Anwesen scheint seit Jahrhunderten unverändert.

Weiter geht es nach Jerbourg und Jerbourg Point, wo ein grüner Felsrücken sich weit ins Meer erstreckt. Vorbei an weiteren Herrenhäsuern samt Anwesen und kleinen Steinhäuschen um die farbige Blüten im leichten Wind wogen, gelange ich zum Tal der Moulin Huet Bucht. Rasant geht es im angenehm kühlen Schatten der Bäume bergab. Die kleine Felsenbucht die ich dann nach einem kurzen Fussmarsch auf einem schmalen Pfad erreiche hat schon Renoir gemalt. Nachvollziehbarer Weise, denn den Ausblick könnte man vom Fleck weg einrahmen. Der Weg zurück auf die Strässchen, die weiter um die Insel führen hat es dann aber in sich. Wie noch oft in den folgenden Stunden will die heitere Abfahrt mit einem steilen Aufstieg abverdient sein.

So auch bei der Saints Bay, wo, überragt von einem alten Wehrturm, viele kleine Schiffchen in der Bucht vertäut schaukeln. Das angenehme an all diesen hübschen kleinen Plätzen ist, dass man überall ganz oder zumindest fast alleine ist. Nur ab und an schleicht auf den schmalen Strässchen ein Auto entgegen, das die Fahrspur ausfüllt und den Rückzug ins satte Bordgrün nötig macht. An der Petit Bot Bay steht neben dem Wehrturm eine kleine Fressbude wo sich dann doch ein paar Leute eingefunden haben.

Ich lande schliesslich wieder an der Westseite und genehmige mir nach dem anstrengenden Auf und Ab im Biergarten der Guernsey Pearl eine Flasche „Liberation Ale“ mit Blick auf das gegenüberliegende Fort Grey. Eigentlich wäre ein Bad im Meer noch ins Auge gefasst gewesen. Aber es ist Ebbe und wo gestern das Meer nur etwa einen zehn Meter breiten Streifen Sand liess, erstreckt sich nun das Watt dutzende Meter weit. Das ist zwar schön anzuschauen, lässt die Schwimmaktion aber doch etwas kompliziert erscheinen, so dass ich es bleiben lasse.

Ich komme vorbei an der Dolmenanlage von le Creux et Faies, gemäss Inselfolklore ein Zugang ins Feenland, über der ein Nazibunkerturm sich wie eine perfekt runde Wehrburg erhebt. Schliesslich komme ich über das Inselinnere zurück nach St. Martin, wo ich das Fahrrad zurückgebe und dann zurück zum B&B spaziere. Ich bin noch etwas zu früh für meinen Abholservice (den ich für die paar Meter zurück nach St. Peters Port eigentlich gar nicht brauche, wie ich mittlerweile weiss). Also genehmige ich mir im nahen Prince of Wales noch einen Pint in uriger Pub Atmosphäre.

Als ich warte, sehe ich unten an der „Hauptstrasse“ einen Bus manövrieren. Der Fahrer steigt aus und steuert Zielstrebig das B&B an. Ich spreche ihn an und tatsächlich, der gute Mann quält sich hier mit dem Riesenvehikel einzig und allein für mich herum: Ich bin der einzige Passagier in dem für ca. 40 Personen ausgelegten Fahrzeug. Der Service ist ja wirklich nett, aber irgendwie fast zu gut gemeint.

Die Fähre nach Jersey lässt auf sich warten. Beinahe lande ich in der ebenfalls verspäteten Fähre in die Normandie, werde aber vom freundlichen Personal glücklicherweise wieder zurückgepfiffen. Raus aus dem Terminal geht es nach der Sicherheitskontrolle – wie am Flughafen mit Detektor und Gepäckdurchleuchtung – nicht mehr. Immerhin versprüht der Damenpolterabend, der sich offenbar lieber „anonym“ auf der grossen Schwesterinsel austoben will, etwas Stimmung.

St. Helier wirkt gegen die Örtchen auf Guernsey wie ein Moloch. Ein irgendwie absurd erscheinender Komplex aus typischen Geschäftsbauwürfeln türmt sich vor der eigentlichen Innenstadt auf. Wieder werde ich abgeholt. Der Bus lässt aber auf sich warten und ich wechsle einige Worte mit dem Jungen Deutschen, der die „Ansprechperson vor Ort“ gibt. Schliesslich kommt tatsächlich wieder ein Reisebus angefahren, der mich als einzigen Passagier zum Seawold Guesthouse in Beaumont bringt. Wieder wechsle ich einige Worte mit dem Fahrer. Der ist aber fühlbar mehr unter Druck als jener auf Guernsey. Und interessiert sich als Landsmann mehr für die Portugiesen in der Schweiz, als er mir viel erzählen kann.

Auch die nette Dame im Guesthouse ist Portugiesin. Sie erklärt mir den Nachtkühlschrank und die anderen kleinen Besonderheiten des Hauses, bevor ich mein kleines Zimmer beziehe. Nach einer kurzen Verschnaufpause schlendere ich der Kilometerlangen Strandpromenade in Richtung St. Helier entlang. Hier gibt es richtiges Strandleben und man fühlt sich mit all den kleinen Büdchen bei den Parkplätzen eher an eine Mittelmeerinsel erinnert. Nachdem die unpersönlichen Glas- und Betonblöcke passiert sind, entpuppt sich St. Helier dann doch noch als ein Städtchen, das auch seine beschaulichen Gässchen und Winkel hat.

Im Peirson Pub fragt mich die Dame hinter dem Tresen, ob ich aus Guernsey stamme, als ich mit Guernsey Pfund zahle. Hier fungiert die Währung noch als Herkunftsmerkmal. Auf der Suche nach Nahrung lande ich in einem Sri Lankischen Curry House. Nicht gerade lokaltypisch, aber eine Küche die ich bisher noch nie probiert habe. Bei meiner Bestellung hebt der Chef die Augenbrauen und fragt sicherheitshalber nochmal nach, ob ich wirklich allein esse. Ich versichere ihm, dass der Appetit gross genug für zwei ist und er fügt sich. Als die verlockende zweite Vorspeise aus scharfem Rindfleisch in Salatblättern gereicht wird, kommt ein Grüppchen aus vier harmlosen aber gut angesäuselten Personen hereingestolpert.

Kurz darauf nimmt eine Dame mittleren Alters aus dem Grüppchen neben mir Platz, bestaunt den Kopf in die Hände gestützt meine Esskünste und fragt, ob ich Schauspieler sei. Der Chef bekommt beinahe einen Infarkt und fordert die Dame auf mich umgehend in Frieden zu lassen. Ich schlichte und meine, noch störe sie ja nicht, was ihre drei Begleiter fröhlich quittieren. Als ich zustimme mich zu ihnen zu setzen, nimmt das Madame aber zu wörtlich und zerrt meinen Tisch quer durchs Restaurant. Dem Chef springen fast die Augen aus dem Schädel und nachdem er den ersten Shock verdaut hat, schreitet er ein. Ich kann die Verhältnisse ordnen und finde den richtigen Kompromiss: Der Tisch bleibt wo er ist, aber ich und mein Stuhl ziehen um.

Das illustre Grüppchen stellt sich mir als Lehrerschaft einer Mädchenschule vor, das sich gerade für die bevorstehenden Ferien einstimmt. Die kontaktfreudige Dame, deren Kopf mittlerweile verdächtig schläfrig über ihrem Glas schwebt sei ausserdem noch örtliche Fahrlehrerin. Bei einem auch weiterhin hervorragenden Essen verbringen wir einen lustigen, aber durchaus auch sehr interessanten Abend. Ich erfahre viel über Jersey und das Verhältnis der Insel zu Britannien. Gegen elf Uhr verabschieden wir uns.

Ich stelle fest, dass die Strandpromenade nachts doch wesentlich anders aussieht. Eine Lichterkette spannt sich die Küste entlang. In der Ferne zucken Blitze, die mich um die morgigen Abenteuer bangen lassen. Es dauert eine Weile, bis ich mein Guesthouse wieder finde, von dem ich etwas gar kopflos und ohne einen Gedanken an die veränderten Grössenverhältnisse aufgebrochen war.



Guernsey



4. Jersey und Fähre nach Portsmouth

Jersey

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Ich marschiere der Küste entlang in die andere Richtung nach Saint Aubier. Dort miete ich ein Fahrrad von einem Verleih, der in einem alten Nazi Bunkertunnel untergebracht ist. Zuerst geht es Richtung Westküste an den Strand von La Braye.

Hier stehen Bademeisterhäuschen für die Beobachtung der spärlichen Badegäste. Gegenüber auf einem Fels im Meer thront ein Festungswachturm, der den Betrieb schon längt eingestellt hat. Bunte, im Wind flatternde Fahnen signalisieren den Badebereich. Im Strandcafé hole ich mir etwas zu Trinken und ein Softeis aus original Jersey Milch.

Der Küste entlang gelange ich zum Jersey Island Military Museum. In einem der alten Nazi Bunker wurden unzählige Schaustücke aus der Zeit der Besetzung durch die Nazis und natürlich der anschliessenden Befreiung zusammengetragen. Das kleine Museum ist erstaunlich informativ und mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Aus Flugzetteln, Fronzeitungen und verschiedensten Alltagsgegenständen kann die Geschichte der unliebsamen Besatzung hautnah nachempfunden werden. Wirklich sehr lohnenswert.

Mein Weg führt mich zum Sandstrand von Plémont in einer engen Felsbucht. Mächtig ragen die von sattem Grün überwucherten Steinwände rundherum auf. Hier zeigt Jersey, dass es in Sachen Naturschönheiten durchaus mit Guernsey mithalten kann. Es fehlt vielleicht einzig der Eindruck vom zurückversetzt Sein in eine andere Zeit und die allgegenwärtige Ruhe.

Am Strand von Grève le Lecq hole ich mir Fisch und Bratkartoffeln und setze mich auf die Terasse. Hier haben sich die Badegäste schon zahlreicher eingefunden. Es ist zwar sehr warm, aber man sieht deutlich, dass das nicht für das Wasser gilt, in das sich nur sehr wenige wagen.

Durch luftige grüne Tunnel aus Bäumen führen mich die engen Strässchen zum Parkplatz beim Devils Hole. Zu Fuss geht es erst durch einen Sumpfwald, wo man tatsächlich hinter dem Geäst die Schemen einer riesigen Teufelsfigur erkennt. Ein Pfad führt in die Felsen an der Küste. Hier klafft ein Loch im Fels. Nachdem im 19. Jahrhundert ein französischer Schoner an den Klippen Jerseys zerschellte, wurde die Gallionsfigur in dieses Loch geschwemmt. Ein Insulaner fügte der Figur Arme und Beine hinzu, was sie dem Teufel ähneln liess und stellte sie bei den Klippen auf. So kam der Ort zu seinen Namen. Nach einem Pint im Pub breche ich auf und komme in stetigem und teils sehr anstrengendem Auf und Ab über St. Martin und Five Oaks zurück nach St. Helier. Wieder der Strandpromenade entlangfahrend höre ich lautes Motorenjaulen. Die Leute an der Promenade blicken hinaus ins Watt, wo zu meinem Erstaunen gerade ein Autorennen stattfindet. Ein paar Flottgemachte alte Karren jagen einander durch den nassen Sand hinterher. Es dauert keine drei Runden bis der erste Wagen liegen bleibt. Es kann hier also durchaus auch einmal wild zu und her gehen.

Das Rad stelle ich gemäss den Anweisungen vor dem nun versperrten Bunker in St. Aubier ab und schmeisse den Schlüssel durch einen Metallschlitz.

Mit dem Doppelstöcker Bus fahre ich wieder nach St. Helier und überbrücke die Zeit bis zur Abfahrt der Fähre in der Bellinis Blue Note Bar. Im Halkett Pub finde ich die Perfekte Mahlzeit um den gigantischen Hunger nach der Beinahe-Inselumrundung zu stillen: Steak mit Spareribs, geschmolzener Knoblauchbutter in Massen, einer riesigen Battered Onion und Chips. Jersey mag ein Finanzparadies sein – das Essen ist jedenfalls gemessen an der Leistung keineswegs überteuert.

Mit Müh und Not schleppe ich meinen vollen Bauch zum Fährterminal. Obwohl die Fähre in der Nacht überlegt, kann man erst kurz vor Abfahrt einsteigen. Glücklicherweise läuft auf einem Fernseher im grossen Warteraum eine Episode der neuesten Doctor Who Staffel, so dass ich mich kaum losreissen kann, als der Sicherheitscheck öffnet. Wieder heisst es Taschen leeren, Schuhe aus und das ganze weitere Prozedere. Die Fusspassagiere, die im dämmrigen Warteraum hinter der Sicherheitskontrolle aufs Einsteigen warten, lassen sich an einer Hand abzählen.

Schliesslich müssen wir allesamt in einen Kleinbus steigen, der ein paar Meter über einen Platz und in den Verladeraum der Fähre tuckert. Die typischen absurden Gepflogenheiten des Englischsprachigen Raums eben, wo man davon ausgeht, dass jede Person sich umgehend mindestens lebensgefährlich verletzt, wenn sie nicht rundumbetreut wird. Der Kahn ist in die Jahre gekommen und legt für einen Moment die Vermutung nahe, dass die Besatzung deshalb nur aus Russen besteht, weil diese als einzige noch mit der Technik vertraut sind. Meine Schlüsselkarte muss ich nochmals neu laden lassen und selbst dann öffnet sich die Tür erst nach zigfachem Durchziehen derselben. Die Kabine ist zweckmässig, eigentlich für vier Personen gedacht und erinnert etwas an eine grössere Version eines Zugschlafabteils. Ich decke mich nur kurz mit dem Nötigsten im Bordcafé ein, dusche und lasse mich früh in den Schlaf schaukeln, da wir bereits im Morgengrauen Portsmouth erreichen werden.



Jersey



5. Portsmouth und London

Ich trinke in der Bordcafeteria einen mittelprächtigen, lauwarmen Kaffee. Dann stehen wir wie bestellt und nicht abgeholt im Laderaum. Niemand will unseren unweigerlichen gewaltsamen Tod riskieren und so müssen wir auf den Kleinbus warten, der uns sicher durch die lauernden Gefahren manövriert. Das Prozedere nervt gewaltig.

Portsmouth liegt tief im Schlaf als ich vom Hafengelände vorbei an den Einrichtungen der Britischen Marine Richtung Innenstand gehe. Die Stadt ist schlicht hässlich und heruntergekommen. In den Eingängen der verwahrlosten ehemaligen Ladenlokale schlafen die Obdachlosen. Teilweise haben sie sich dort mit ihrem gesamten Hausrat mit Sofa, Rollkoffern und allerlei anderen Utensilien eingerichtet, so dass klar ist, dass sich das Gesicht der Stadt sich im Verlauf des Tages nicht plötzlich in ein Freundliches wandeln wird. Die wenigen noch nicht bankrotten Läden sind noch für Stunden geschlossen. Schliesslich finde ich einen fast schon kultig schäbigen 24 Stunden Imbiss, der aussieht wie aus einem englischen Arbeiterviertel in den Achtzigern. Da er in der Ruine von einem Gebäude einer Taxifirma untergebracht ist, vermute ich, dass der Schuppen deren Grundversorgung sicherstellt. Was Taxifahrer überleben, wird mich nicht umbringen. Ich bestelle eine Bacon & Egg Roll mit Brown Sauce und einen Kaffee. Der sympathisch prollige Herr im fettverschmierten Unterhemd wurschtelt in Kartons und Kühlschränken. Auf einer - nennen wir es mal - hygienisch nicht einwandfreien Herdplatte, deren Kruste fernen Generationen einst Aufschluss über die Essgewohnheiten der Portsmouther Taxifahrer liefern wird, brutzelt es. Aus einem Kocher giesst der Chef heisses Wasser über Pulverkaffee. Die zwei Liter Brown Sauce Flasche wird mir zur freien Verfügung zusammen mit dem Hauptgang überreicht. Das Ganze kostet fast nichts und ich runde grosszügig auf, was sehr freundlich quittiert wird.

Ich finde am Hafen der Stadtfähre beim Busbahnhof vor dem lächerlich modern aus der Einöde ragenden Ticketgebäude eine Betonbank. Der Pulverkaffee schmeckt besser als die Brühe auf dem Schiff und die Bacon & Egg Roll ist eigentlich gar nicht schlecht und vor allem sehr grosszügig. Links von mir sehe ich das alte Englische Kriegsschiff, das ich eigentlich besichtigen Wollte. Es ist in Plastikplanen gehüllt und wird offenbar gerade renoviert. Es würde ohnehin erst in ein paar Stunden öffnen. Ich beschliesse also, dass ich genug von Portsmouth gesehen habe und mache mich auf zum Bahnhof. Ich erfahre, dass man aus Portsmouth nur mit Umstieg nach London kommt.

Die erste Etappe absolviere ich in einem Doppelstöcker Bus. Irgendwo in der Pampa werden wir an einem Bahnhof rausgelassen. Immerhin gibt es hier vernünftigen Kaffee, bis es mit dem Bummelzug nach London weitergeht.

Die Zeit bis zum Weiterflug nutze ich für einen ausgiebigen Spaziergang an der Themse und durch den Hyde Park bis nach Chinatown. Dort esse ich in einem kleinen Restaurant Brühe mit Dim Sum, die von der Oma an einem der Fenster präpariert werden. In einem gemütlichen Pub bei der Paddington Station überbrücke ich die knappe Stunde bis zum Abflug und stelle einmal mehr fest, dass eine Feiertagsbrücke von wenigen Tagen eine wunderbare Gelegenheit für einen Tapetenwechsel darstellt. Aufgrund der zahlreichen Eindrücke in kurzer Zeit fühlt es sich an, als würde ich nun aus einem zweiwöchigen Urlaub heimfliegen. Lieber in kurzen Ferien viel unternehmen, als einen langen Urlaub zum Nichtstun „nutzen“.


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