Merhaba Marrakech

Reisebericht

Merhaba Marrakech

Reisebericht: Merhaba Marrakech

Märchen aus 1001 Nacht oder doch schon modernes Touristkziel?

Endlich wieder nach Marrakech, diesem so exotischen und dennoch vertrauten Ort, voller Geheimnisse und Träumen aus 1001 Nacht. Als ich im letzten Oktober dort ankam, beeindruckte der riesige Neubau am Flughafen, der zukünftig die wachsende Zahl der Touristen verkraften soll.

Jetzt, Ende April 2017 war er fertig und dient als Ankunftsgebäude. Der Flieger landete ziemlich pünktlich gegen 23:00 und man freute sich schon darauf, bald im Hotel bei einem Getränk den Tag ausklingen zu lassen.

Schlagartig verflüchtigten sich diese Wünsche, als man in die riesige Ankunftshalle geleitet wurde; ca. 500 Passagiere warteten hier auf die Passkontrolle. Vor lauter Menschen sah man kaum die Schalter der Beamten, die einem den Ankunftsstempel in den Pass drücken sollten. Dann, nach einiger Orientierung konnte man sehen, dass sich gerade mal 7 Beamte mit stoischer Gelassenheit um die ankommenden Massen kümmerten.

Nach fast über einer Stunde Wartezeit war es dann so weit: der Beamten sah sich den ausgefüllten Ankunftszettel an, verglich ihn mit den Informationen im Pass und der ersehnte Stempel als Schlüssel zum Ziel der Reise fand auf einer leeren Seite im Pass seinen Platz. Jetzt schnell zum Gepäckband, den Koffer holen und in die Stadt. Weit gefehlt, auf dem Weg dort hin und in Sichtweite der Passbeamten, wurden man nochmals von offizieller Seite aufgehalten, damit auch zweifelsfrei überprüft werden konnte, ob der Einreisestempel auch wirklich im Pass Platz genommen hatte.

Zwischenzeitlich war wohl das Gepäck angekommen, aber ohne wirkliche Information, wo? - Keine Information auf den Anzeigetafeln. Dort hinten in der Ecke der Gepäckhalle sah man ein Gepäckband mit Koffern. Und beim Näherkommen dann auch den eigenen. Jetzt aber schnell 'raus, wo man den vorbestellten Transfer zum Hotel nach ca. 90 Minuten nach Ankunft zu treffen hoffte.

Vorher wurde das Gebäck nochmals durch einen Scanner geschickt - Ja, Sie lesen richtig, nach dem alle Ankunftsformalitäten schon erledigt glaubte. Das interessanteste war aber, dass der Beamte, der diesen Vorgang beobachten sollte, irgendwo hinsah, nur nicht auf den Bildschirm, auf dem die gescannten Gepäckstücke zu sehen waren. Und man musste schnell sein, denn sofort nach dem Durchleuchtungstunnel war das Rollband zu Ende und Koffer, Rucksäcke, Handgepäck fielen mit lautem Getöse auf den Marmorboden.

Glücklicherweise sind wohl Fahrer, die Fluggäste abholen, dies mittlerweile gewohnt, so lange zu warten und so wurden wir dann in unser Hotel gebracht, wo wir ca. gegen 1:00 nachts nach nur einer kurzen Fahrt zur Medina, ankamen. Den Welcomedrink haben wir uns dann geschenkt, wir wollten nur noch ins Bett.

Für den nächsten Tag hatten wir am frühen Nachmittag einen Führer gebucht, der uns die Altstadt zeigen sollte. Vorher, nach dem Frühstück, aber erst einmal auf den großen Platz, der als Herzschlag Marrakech's gilt: Jemma el Fna. Dort angekommen, fiel sofort etwas auf, irgendetwas war anders. Ja, es waren am späten Vormittag schon viele der fliegenden Händler da, die alles Mögliche anboten. Auch die Stände, wo man einen frisch gepressten Orangensaft bekam waren da, aber etwas fehlte, das sonst nicht zu übersehen war. Ja richtig, es waren die in buntem Rot gekleideten Wasser-verkäufer mit ihren wagenradgrossen Hüten, quasi die Wahrzeichen des Jemma el Fna. Und mitten auf dem Platz, dort wo sonst abends die Garküchen aufgebaut wurden, war eine riesige Baustelle!

Unser Führer, Mrabet Abdelhakim, erklärte uns, dass die Stadtverwaltung dort für die Garküchen Strom & Wasseranschlüsse verlege, damit diese Geschäfte in Zukunft hygienischer und strukturierter gestaltet werden könnten. Und die Wasserverkäufer wären zwar auch noch da, aber nicht immer präsent. Deren Aufgabe und Bestimmung sei es eh nur gegen Geld für ein Foto zu posieren. Ja, und auch die Schlangenbeschwörer seien auch nicht mehr durchgehend anzutreffen.

Im Grossen und Ganzen hat sich das Flair und die Stimmung des Platzes verändert. Er ist kommerzieller geworden. Man sieht viele bunte Plastikartikel, die sicher nicht in Marokko gefertigt wurden. Es gibt nur noch wenige Geschichtenerzähler, ab und zu sieht man noch ein paar Gaukler, die atemberaubende Zirkuskunststücke vorführen. „Die Gleichgewicht auf dem Platz zwischen Kultur und Tradition und dem Komerz ist nicht ist iregdwie abhanden gekommen. Wir merken dass der grosse Platz ist einfach nur noch ein Markt geworden, Es wird sehr wenig erzählt gespielt und gezeigt. Vieles ist für die Touristen ‚folklorisiert’ worden und ist nicht mehr so authentisch wie es einmal war.“

Unser Führer war ein Glücksgriff. Wir haben ihn auf Empfehlung eines Reiseführers im Netz gebucht. Ein angenehmer Mann mittleren Alters, der nach eigenen Aussagen sein hervorragendes Deutsch auf Schulen in Marrakech gelernt hatte. Er ist sehr belesen und kennt ‚seine’ Stadt. Es machte große Freude mit ihm durch die Altstadt zu laufen, seinen Geschichten und Informationen zu zuhören. Ich werde ihn sicher bei nächsten Mal wieder bitten, mehr von Marrakech zu erzählen.

Für den nächsten Tag haben wir einen Ausflug zu André Heller’s Anima Garten geplant. Ich hatte darüber gelesen und die Präsentation im Internet macht Lust auf mehr. Der Garten ist ca. 35 KM südlich von der Stadt. Man kommt sehr leicht dort hin, denn mit dem Kauf des Tickets kann man gratis einen Shuttle-Bus benützen, der in der Nähe der Koutubia Moschee abfährt.

Nach ein halben Stunde Fahrt ist man vor Ort und in einer anderen Welt. Wir haben selten ein so schönes Arrangement zwischen Garten und Kunst gesehen, wie den Anima Garten. Alles wirkt zufällig, nicht gekünstelt, einfach natürlich. Der Garten wirkt gepflegt, aber nicht gekünstelt. Den Pflanzen wird viel Raum gegeben. Überall gibt es verstreut irgendwelche Installationen und Kunst-werke, die eher zufällig auf den Besucher wirken, aber trotzdem sehr präsent sind. Dort spazieren zu gehen und alles auf sich wirken zu lassen, macht sehr viel Spass.

Dort in der Gegend gibt es noch eine weitere Überraschung: etwa 5 KM vom Anima-Garten entfernt liegt das Paradis du Safron. Die Betreiberin, Christine Ferrari, hat das Gelände vor Jahren vom marokkanischen Staat gepachtet, um eine Safranplantage zu betreiben. Daraus ist im Lauf der Jahre eine schöne Oase geworden, die es sich lohnt, zu besuchen. Neben der Safranplantage (Ernte ist in der Regel im Oktober), hat Christine mit ihren Mitarbeitern einen Gewürzgarten angelegt, indem man die einzelnen Pflanzen kennen lernen kann. Interessant ist auch ein ‚Barfuß-Trail’, auf dem man die verschiedenen Böden und Untergründe erlaufen und erfühlen kann. Unbedingt geniessen sollte man das angebotene ‚Safran-Menu’, ein Folge von drei Gerichten, die mal mehr, mal weniger mit Safran gewürzt sind. Alles ist sehr schmackhaft und die Präsentation könnte in einem Gourmetrestaurant nicht ansprechender sein. Ein gelungener und genussreicher Abschluss dieses Ausfluges.

Zurück in Marrakech, lassen wir den Abend auf einer der vielen Restaurantterrassen in der Medina ausklingen. Lauschen dem Klang der Stadt, den gelegentlichen Rufen der Muezzine und lassen uns von der Stimmung in der Altstadt über den Dächern des Souks mitnehmen.

Natürlich streifen wir auch die die vielen Gassen im Basar, schauen bei dem einen oder anderen Händler herein, um meistens die freundliche Einladung zum Tee abzulehnen, wohl wissend, das so etwas als Beginn einer Geschäftverhandlung verstanden werden würde. Das sollte man dann lieber lassen, wenn man nicht wirklich etwas kaufen möchte.

Zwischen Europäern und Händlern im Maghreb besteht nach meiner Auffassung eh ein grundlegendes Missverständnis über das Handeln auf einem Basar. Während der Europäer beim Handeln unbedingt ein Geschäft machen möchte, geht es dem Händler dort eher um das Handeln, das Feilschen und das Gespräch. Natürlich würde er nie seine Ware mit Verlust verkaufen – dazu kennt er seine Grenze nur zu gut – aber für ihn steht das Handeln im Vordergrund. Ein Geschäft ohne ausführliches Handeln wäre für ihn unbefriedigend.

Die Tage in Marrakech waren schnell vorbei und ich frage mich was bleibt. Ich habe gemerkt, dass sich die Stadt gewandelt hat. Sie ist kommerzieller und touristischer geworden und gerade in Neben-saisonzeiten wird man als Tourist vielleicht noch mehr bedrängt als sonst, wenn Touristenströme bei den Einheimischen für ein gewisses, regelmässiges Einkommen sorgen.

Das Ziel des Ministère du Tourisme ist ehrgeizig. Es gibt für ganz Marrokko einen touristischen Plan bis 2020, wie der Tourismus wachsen soll. Für die Region um Marrakech gilt folgendes Ziel:

Gegenüber 2010, als ca. 1,9 Miillionen Touristen diese Region besucht haben, soll die Anzahl bis 2020 verdoppelt werden, ebenso auch die Umsätze, die direkt aus dem Touristikgeschäft generiert werden. Die Bettenkapazität gegenüber 2010 (26.00 Betten) soll um das 3,3 fache ansteigen und zusätzlich sollen 68.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, die direkt im Tourismus geschaffen werden.

Das sind ehrgeizige Ziele, alle auf der offiziellen Seite des Ministeriums nachzulesen und im Einklang mit den Bestrebungen Marokko im internationalen Tourismus-Wettbewerb konkurrenzfähig zu halten.

Man kann nur hoffen, dass der Zauber dieses wunderbaren Landes dabei nicht auf der Strecke bleibt.



La Koutubia

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Kommentare

  • Sternensilber

    Das ist schade mit der Aufstockung der Bettenkapazität. Es ist zwar immer schön, wenn viele Menschen reisen können, aber ich gönne auch jedem ein Urlaubsidyll, welches mit noch mehr Touristen dann doch verloren geht. Wir hatten vor Jahren noch eine schöne Zeit dort, allerdings wurde uns vor den Orangensaftständen gewarnt wegen der Hygiene. Das Versorgen mit guten Wasserleitungen macht schon Sinn. Nur die armen Schlangen haben mir Leid getan, wie sie apathisch in der Sonne brüten mussten.
    Viele Grüße
    Anne

  • Blula

    Ein sehr guter Beitrag für die GEO-RC. Ich habe den Worten meiner Vorschreiberin @Sternensilber/Anne eigentlich nichts hinzuzufügen. Bin auch sehr froh, dass ich Marrakech mit all seiner Faszination bereits vor ca. 20 Jahren einmal besucht habe und der Aufenthalt mir noch in lebendiger Erinnerung ist.
    LG Ursula

  • wg4156

    Marrakech 1975 und 1979 war anders als 2015. War anders, aber besser/schöner? Eben anders damals war man jünger, hatte noch nicht die Eindrücke/Kenntnisse wie heute, man war unbefangener, weil jünger. Aber darum war Marrkech (Marokko, Algerien Tunesien) früher nich besser oder schöner, nur mehr anders gegenüber Europa als heute. Auch Nordafrika hat (musste) sich mehr an Europa angepaßt. That's live
    Gruß WG

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