Japan - Tokyo, Kyoto, Osaka

Reisebericht

Japan - Tokyo, Kyoto, Osaka

Tokyo Tag 1 - Shinjuku

Nach zwölf Stunden auf unbequemen Sitzen und entsprechend gequältem Hinterteil kriechen wir um kurz vor acht Uhr morgens aus dem Flieger. Mit Schlafen war nicht viel. Entsprechend beduselt realisieren wir erst nach und nach, dass wir bereits auf japanischen Boden herumstolpern. Die Schlange in die wir uns am Zoll einreihen erinnert ein wenig an die Einreise in die USA. Die überaus freundlichen Beamten sind hingegen ein angenehmer Kontrast. Man erhält einen ersten Eindruck, wie es zwischenmenschlich die nächsten Tage weiter geht: Sehr höflich, sehr angenehm und trotz Sprachbarriere sehr unkompliziert.

Bevor wir uns nach Tokyo, genauer nach Shinjuku aufmachen, wechseln wir erst einmal Geld. Da gemäss Internet Bankomatbezüge mit nicht-japanischen Karten schwer zu bewerkstelligen sind, haben wir uns entschieden vor Ort Bargeld zu wechseln. Das klappt problemlos. Und man bekommt ein gratis Mini-Origami als Dankeschön.

Japanische Züge sind weltberühmt. Dennoch beschliessen wir auf dem Strassenweg mit einem Bus in die Stadt zu rollen, da dieser bequemerweise direkt vor unserem Hotel halt macht. Schnell wird klar: Service wird hier noch gross geschrieben. Man wird vom Billetkauf bis zum Einstieg in den Bus von freundlichem Personal rundum betreut. Selbst wenn es keine Englische Beschriftung gäbe: Alles ist idiotensicher eingefädelt. So landen auch wir am richtigen Bussteig, bekommen ein Nümmerchen für unsere Koffer ausgehändigt und tuckern kurz darauf in Richtung Innenstadt.

Es fällt auf, dass der Japaner am liebsten in kleinen rechteckigen Kistchen mit Rädern fährt. Und links. Die Landschaft rundherum ist grüner als erwartet und die grösste Metropolregion der Welt wirkt eigentlich gar nicht wie ein Moloch. Auch als wir die Innenstadt erreichen wirkt alles nicht so gedrängt und superlativ, wie man meinen würde.

Und doch: Unser Hotel, das Keio Plaza, ist superlativ. Zwei Türme mit je 47 Stockwerken und insgesamt fast 1500 Zimmern. Trotzdem wirkt alles sehr freundlich. Sofort ist jemand zur Stelle um uns an eine freie Dame von der Reception zu begleiten. Wieder gibt es Nümmerchen für’s Gepäck. Das Zimmer können wir erst später beziehen.

Also machen wir uns auf Entdeckungsreise durch Shinjuku. Weit kommen wir erst einmal nicht: Die Plastik-Menue-Modelle im Schaufenster einer Suppenküche locken uns schon nach wenigen dutzend Metern hinein – haben wir uns doch auch und gerade wegen dem japanischem Essen so lange im Flieger den Hintern wundgesessen. Ein Fehler war die frühe Einkehr keineswegs. Wir bekommen erst einmal eine kleine Vorschau darauf, dass hier Englisch eine Fremd- und nicht unbedingt eine Weltsprache ist. Wir bekommen aber eine Menukarte in Englisch und die vielen Bilder helfen zusätzlich. Bestellt wird gestikulierend und Bildchen zeigend. Wir hoffen dabei nicht ungewollt irgendwelche Unhöflichkeiten zu fabrizieren. Anscheinend nicht, denn mit einem Lächeln erhalten wir eine Portion nach der anderen serviert: Goyza, sauer eingelegtes Gemüse, Tintenfisch und zwei grosse Suppentöpfe mit Udonnudeln, Fleisch und Scharfer Brühe. Wenn wir auch nicht annährend an den Schmatz- und Schlürflautstärkepegel der mit Japanern besetzten Tische um uns herankommen: Man dürfte bemerkt haben, dass es hervorragend gemundet hat.

Danach steht ein längerer Verdauungsspaziergang durch das quirlige Shinjuku an. Zwar sind weit wenige Menschen unterwegs als wir erwartet hätten. Die Gässchen quellen nicht gerade über. Aber es ist dann doch die schiere Anzahl der sich endlos auftuenden Seitensträsschen die immer wieder von mehrspurigen Strassen durchschnitten werden, die überquerend man eigentlich erst realisiert wie hoch sich die vor bunten Schildern strotzenden Häuser über einem auftürmen. Es ist dieser Kontrast aus beeindruckender Grösse und unerwartet gemütlichem Flair, der uns in Tokyo weiterhin begleiten wird. Unzählige Getränkeautomaten wechseln sich mit Gemischtwarenläden und kleinen Essstuben. Trotzdem es weit und breit keinen öffentlichen Abfalleimer gibt, liegt nicht ein Papierchen auf der Strasse. In den meisten lokalen kann man rauchen, auch wo gegessen wird. Auf der Strasse hingegen ist das Rauchen ausser in speziell gekennzeichneten Raucherecken verboten. Eigentlich das umgekehrte Konzept wie bei uns – im grossen Ganzen erscheint das sinnvoller. Die simple Idee des gesamten Konzepts wird schnell klar: Von jedem wird ein gewisses Mass an Rücksicht erwartet. Was jemanden stören könnte, ist zu unterlassen. Und siehe da: Das funktioniert. Selbst in den vollgestopfteren Gassen wird man nicht ein einziges Mal angerempelt.

Dann kehren wir doch für ein kurzes Schläfchen ins Hotel zurück. Wir holen unsere Schlüssel, füllen beide ein übersichtliches Formular aus und erhalten unsere Schlüsselkarten. Wir sind im 27. Stock zu Hause und der Ausblick auf Shinjuku ist überwältigend. Erst schmeichelt es der Nase zwar nichtgerade, dass wir ein Raucherzimmer erhalten haben, aber wir sind zu müde um gross empfindlich zu sein. Ausserdem haben wir extra ein grösseres Zimmer erhalten, das auch wirklich wunderbar ausgestattet ist. Nur den Gag mit den zwei Doppelbetten, wie in den USA, werde ich nie verstehen.

Frisch erholt geht es gegen 20:00 Uhr wieder hinaus nach Shinjuku. Bald finden wir ein Sushi Restaurant, das den ständig durch all die Essensmodelle und herumschwirrenden Düfte angeregten Hunger bändigen soll. Lautes „Irasshaimase!“ gejohle begleitet unseren Eintritt. Fast schon irritierend in einer sonst so zurückhaltend aber sehr hilfsbereit höflichen Umgebung. Das Angebot ist umwerfend. Vom Lachsrogen über Butterfisch und Oktopusinnereien ist alles zu haben. Wir nehmen denn auch von (fast) allem etwas. Die Preise für’s Essen sind nämlich durchaus human. Dazu gibt’s den ersten High Ball: In Japan meint das ca. 3dl Mischgetränk aus (Suntory) Whisky, Zitrone und Mineralwasser – was erstaunlicherweise hervorragend erfrischend schmeckt. Noch besser schmeckt das Sushi.

Satt und zufrieden gehen wir auf einen Absacker ins „GODZ“ Metal Pub. Ein wenig versteckt gelangen wir über eine Treppe in einen Keller, wo sich eine gemütliche Höhle auftut. Wir sind zwar die einzigen Gäste, aber die Musik ist bestens und zusammen mit den Getränken erhält man direkt kleine Zettelchen und einen Bleistift serviert um seine Musikwünsche zu äussern. Es ist lustig, dass auch die beiden Jungs hinter dem Tresen fast eher wie Hotelbarkeeper agieren („of course, which whisky do you prefer“) - bis aufs Luftgitarrespielen vielleicht. Der Laden beginnt sich erst relativ spät zu füllen. Da wir am nächsten Tag aber vorhaben was nur geht, machen wir uns einigermassen zeitig auf den Weg ins nahe Hotel.



Shinjuku, Tokyo



Tokyo Tag 2 - 30 Kilometer zu Fuss durch die Stadt

Die Schlange vor dem Frühstücksraum ist so lange wie jene vor den beiden anderen. Doch kaum haben wir uns angestellt, werden wir von einer netten Dame auch schon zum Fahrstuhl geleitet – ein paar Stockwerke höher gebe es das Gleiche, aber ohne Anstehen. Das kommt uns gelegen. In einem Bankettsaal wurde ein gigantisches Buffet aufgebaut, wie es scheint für Gruppen, die bereits wieder weg sind. Es gibt sowohl westliches, als auch japanisches Frühstück. Wir nutzen die Gelegenheit und vertilgen Miso-Suppe, gebratenen Lachs und gebratene Makrele, Natto (fermentierte Bohnenpaste), sauer eingelegtes Gemüse und reichlich mehr.

Derart gestärkt machen wir uns zu Fuss auf in Richtung Meiji Schrein, etwa eineinhalb Kilometer von unserem Hotel. Schon bald durchschreiten wir das mächtige Tori und gelangen in einen prächtig grünen Wald. Vor dem Schrein selbst waschen wir uns die Hände und den Mund aus. Man kommt wie von selbst zur Ruhe, wenn man durch das Tor in die innere Schreinanlage schreitet. Die Tore umrahmen, die wie gemalt in den blauen Himmel ragenden Baumkronen.

Das Prinzip des „Gebets“ hier scheint einfach: Man wäscht sich, tritt durch ein Tor vor einen Schrein, wirft ein paar Münzen in eine Kiste, hält sich seinen Wunsch vor Augen und lässt ihn dann zurück, indem man ihn auf ein Papier oder Holztäfelchen schreibt und hängt in einen Baum oder an eine dafür vorgesehene Schnur.

Die Atmosphäre ist eine weit angenehmere als in einer Kirche: Man befindet sich draussen, es gibt augenscheinlich kein kompliziertes Dogma und obwohl es sich beim Shintoismus um etwas Ur-Japanisches handelt, stört sich keiner an der Anwesenheit von „Gaijin“ (abschätzig für Ausländer) - aber vielleicht ist das auch nur so, weil wir mitten in der Hauptstadt herumwuseln.

Weiter durch den wunderschönen Park kommen wir vorbei an einer Wand aus gespendeten bunten Sake Fässern und schliesslich an den Bahnhof von Harajuku und tauchen ein in die Gässchen des gleichnamigen Quartiers voll mit quirligen Läden die alles von Kunst bis Ramsch anbieten. Wir manövrieren uns durch das Labyrinth aus Hello Kitty, Slipknot T-Shirts, Zuckerwattencafés in Richtung des Baseballstadions der Tokyo Swallows (ja – die heissen so. Freiwillig). Wir gehen lediglich um das riesige Stadion herum. Es reicht aber um die Atmosphäre aufzuschnappen: Baseball ist offensichtlich beliebt. Überall hängen Plakate mit den Stars.

Wir passieren den Park des Kronprinzenpalastes (Togu Palast), der jedoch nicht zugänglich ist. Wir können lediglich einen Blick auf den Asaka Palast erhaschen, dem ursprünglichen Kronprinzenpalast der stark dem Buckingham Palace ähnelt.

Wir passieren das japanische Parlament und kommen zum Chidorigafuchi Park am Burggraben um den kaiserlichen Palast im ebenfalls nicht zugänglichen Chiyoda Park. Hier stehen die Kirschbäume dicht an dicht und unzählige Leute flanieren zwischen den mit weissen und pinken Blüten schwer beladenen Ästen. Kirschblüten in dieser überwältigen Masse sind tatsächlich beeindruckend und entfalten hier, auf der einen Seite alte Stadtmauern auf einem Grünen Wall über dem Wassergraben und gegenüber die Glaspaläste der Moderne, ihren ganz eigenen Reiz. Stunden lang Blüte für Blüte begutachten, wie es hier tatsächlich Volkssport ist, wäre aber bei all den wartenden Abenteuern und Gerichten eine Schande. Unser Weg führt uns aber ohnehin durch die weissen Alleen und so wechseln auch wir für eine Weile ins Flaniertempo unter den herabschneienden Blütenblättern.

Schliesslich erreichen wir das mächtige Tori das Yasukuni Schreins. Hier quillt auch der innere Bereich des Schreins vor weissen Blüten fast über. Wieder fasst das Eingangstor die Szenerie ein wie ein Bilderrahmen, durch den man sich in dieses märchenhafte Gemälde hineinbegeben kann. Nachdem wir auch hier die einmalige Atmosphäre ausgekostet haben, umrunden wir den Chiyoda Park vollständig. Vorbei am Hauptbahnhof, der Nijubashi Brücke vor der sich die Touristen tummeln und durch den wunderschön angelegten Hibuya Park arbeiten wir uns Richtung Tokyo Tower vor.

Fast schon zufällig geraten wir über den hinter dem rot weissen Eiffelturmnachbau gelegenen Friedhof zur riesigen Zojo-Ji Tempelanlage. Wir umrunden das Hauptgebäude, aus dem monotone Chöre, Trommeln und Läuten schallen von der Rückseite kommend. Penetranter Geruch von Räucherstäbchen schlägt einem entgegen. Im Gebäude haben sich buddhistische Mönche zum Ritual versammelt. Das Tor über der weitläufigen Treppe ist in Richtung Stadt geöffnet. Es hat etwas Unwirkliches wie hier Tradition so direkt auf Moderne trifft. Rechts des Tempels stehen hunderte Kinderfigürchen aus Stein. Alle tragen rote Strickmützchen und sind von unzähligen Blumen und Windrädern umgeben. Es handelt sich dabei um sog. Jizo Statuen für die „Wasserkinder“ – ein schöneres Wort für Totgeburten und Abtreibungen. Der Tokyo Tower selbst ist direkt ums Eck, allerdings von unten gesehen nichts umwerfend Spannendes – und in der Schlange herumstehen bis man hochkommt wollen wir nicht.

Vorbei am Freimauererzentrum von Tokyo arbeiten wir uns nach Roppongi vor. Nun drückt auch der Hunger vom weiten Marsch durch. Wir finden ein kleines Lokal und schlüpfen hinein. Wagyu Rindfleisch ist hier Trumpf – die Zunge im Besonderen. Die gibt es wahlweise roh als Sashimi oder gebraten in zig varianten. Die Karte überfordert uns ein wenig – eigentlich wollten wir simple Yakitori Spiesschen vertilgen, hier wird aber eher das Beste vom Feinsten vom Tier nach anatomischer Anordnung geboten – und das nicht nur vom Rind. Die Verständigung mit dem Chef des Gauses, ob es so eine Art Probierrunde gibt, scheitert kläglich an der Sprachbarriere. Was wir für Yakitori mit Pilzen hielten, entpuppt sich schliesslich als Pilze ohne Yakitori. Das Rindfleisch, das wir bestellt haben ist aber absolut hervorragend. Nur bekommen wir auf die Art und Weise den grossen Hunger nicht weg.

Kurz darauf finden wir aber zufällig genau das Richtige: eine kleine offene Küche und fünf Tischchen. Die Chefin sitzt am Eingang und behält den Überblick. Wir bestellen reichlich von der hier vorherrschenden Hausmannskost: Schweinefleisch mit Gemüse, Gebratene Hühnermägen und Yakitori Spiesschen in verschiedensten Variationen. Uns mundet es genauso wie den gut angetrunkenen Geschäftsleuten im Eck und den beiden älteren Herrschaften die mit uns zusammen das winzige Lokal schon fast voll besetzen. Plötzlich steht die Wirtin am Tisch und stellt unter einem längeren Vortrag und unter zig Verneigungen zwei Papiertütchen auf unseren Tisch. Wir stehen einmal mehr total auf dem Schlauch. Eine der Servierdamen versucht uns den Vorgang auf English zu erklären. Es dauert aber so seine fünf Minuten, bis wir begreifen, dass wir nicht hochkant aus dem Laden rausfliegen weil wir uns so daneben benommen haben und in den Papiertüten der Rest des bestellten Essens steckt – nein, es handelt sich um Geschenke. Meine bessere Hälfte kann mich gerade noch vom Fauxpas abhalten die Tüte aufzumachen. Wir nuscheln brav unser „Arigato“ und versuchen uns nichts anmerken zu lassen. Als wir schliesslich aufstehen und zahlen wollen, geht das gemäss Bedienung nicht. Wir haben wieder keine Ahnung, bis man uns zwei Suppenschüsselchen unter die Nase streckt. Wir hatten also bloss nicht gemerkt, dass wir noch nicht fertig waren mit dem von uns bestellten Essen. Wir setzen uns brav hin und versuchen die Suppe auch (ein Bisschen) japanisch zu schlürfen. Dann klappt es mit dem Zahlen und wir verlassen unter freundlichster Verabschiedung des ganzen Kneipenteams den Laden mit einem vollen Bauch und dem guten Gefühl, sämtliche Anwesenden bestens unterhalten zu haben.

Durch das Anzeigenlichtermeer von Roppongi zweigen wir beim Bahnhof von Shibuya zu unserem Hotel ab. Shibuya selbst werden wir uns aber noch genauer anschauen. Für heute müssen wir die Notbremse ziehen und ein Schläfchen einlegen.



Meji Schrein, Tokyo



Tokyo Tag 3 - Museumstag

Es schüttet wie aus Kübeln. Auf den Strassen tief unter unserem Hotelzimmerfenster wuselt ein Meer aus Schirmen durch die Gassen. Der Wetterbericht verheisst, dass es genau so weitergehen wird. Heute also lieber ein Museumstag und von A nach B mit der U-Bahn.

Zuerst tauschen wir aber unseren Japan Rail Pass am Bahnhof von Shinjuku ein. Nach 15 Minuten in der falschen Schlange schaffen wir es in die richtige gegenüber. Bereits beim Anstehen händigt eine nette Dame ein Klemmbrett mit einem Formular zum Ausfüllen aus. Speditiv wie nun schon gewohnt. Auf Englisch und zusätzlich mit Hilfe einer Bildansicht bekommen wir erklärt, wie der Rail Pass funktioniert – obwohl es eigentlich keine Hexerei ist. Bis auf wenige ausgenommene Shinkansen Schnellzüge kann man einfach einsteigen und drauflosfahren. Man empfiehlt uns aber eine Reservation – die es an der Schlange gibt, wo wir zuvor waren. Also wieder dorthin. Bevor wir am Schalter sind, spricht uns ein Herr in Uniform an und meint, er könne uns gerne mit der Reservation am Automaten behilflich sein. Dieser steht zwei Meter weiter und wäre eigentlich mit einer englischen Benutzeroberfläche ausgestattet. Der freundliche Herr in Uniform erledigt das aber alles geduldig für uns. Kosten tut die Reservation und der Service nichts. Da kann Europa auf ganzer Länge einpacken.

Wir versuchen auf den Streckenplänen der verschiedenen U-Bahn-Netze die Linie zu suchen, die uns am schnellsten nach Ueno bringt, wo die angepeilten Museen sich befinden. Nachdem wir zwei Minuten grübelnd vor einem Plan stehen, werden wir direkt von einer hilfsbereiten Dame angesprochen, ob wir Hilfe brauchen und ans andere Ende des unterirdischen Labyrinths geschickt. An jeder zweiten Ecke stehen uniformierte Helfer, die uns auf unser unbeholfenes „to Ueno“ per Fingerzeig Problemlos an den richtigen Ort navigieren. Natürlich kapieren wir nicht, dass wir nach einer Station wieder auf die gleiche Linie umsteigen sollten und fahren fast eine halbe Stunde bis zur Endstation, weil wir meinen, die Ring-U-Bahn fährt auch den Ring – was nicht der Fall ist. Also wieder Ticket kaufen, eine halbe Stunde zurück, umsteigen und fünfzehn Minuten bis Ueno fahren. Die U-Bahn Erfahrung können wir damit abhaken.

Als wir in Ueno aus dem Untergrund auftauchen schüttet es nach wie vor. Der Park mit seinen Tempeln und zahllosen Kirschbäumen hat aber selbst bei diesem Hundewetter noch seinen Reiz. Trotzdem marschieren wir ohne Herumflanieren direkt ins Nationalmuseum der Naturwissenschaften. In einer Art 3D Filmkugel wird dort auf Japanisch erst die Entstehung des Universums und dann jene des Menschen präsentiert – gut für einen Regentag, aber nicht die erste Wahl. Dann begutachten wir zahlreiche Exemplare der lokalen und globalen Flora und Fauna, was schon interessanter ist. Im technischen Teil des Museums stechen vor allem der Jagdflieger aus dem zweiten Weltkrieg und eines der ersten Autos japanischer Produktion heraus. Wir wechseln durch den immer noch strömenden Regen ins Nationalmuseum, das sich auf mehrere Gebäude verteilt. Durch unsere U-Bahn Rundfahrt und den etwas späteren Start haben wir nur noch etwas mehr als eine Stunde. Eines der drei Gebäude wird gerade neu ausstaffiert und fällt somit ohnehin weg. Die Zeit reicht um einen guten Einblick über die Geschichte Japans von der ersten Besiedelung über die nach und nach vom Festland und schliesslich aus Europa herübergeschwappten Einflüsse bis in die heutige Zeit zu gewinnen. Die zahlreichen Exponate sind wunderbar präsentiert und ausführlich beschrieben. Als wir unter den Kirschbäumen und an Tempeln und Schreinen vorbei das Markt- und Kneipenviertel von Ueno ansteuern hat sich das Wetter keinen Deut gebessert. Wir verziehen uns in eine Udon-Nudelküche im ersten Stock. Eine riesige Auswahl an Tempura (Frittiertes) liegt zum selbst Auswählen bereit. Bei der Udon-Nudelsuppe können wir mit Händen und Füssen vermitteln was wir brauchen. Es ist mehr eine Art Schnellrestaurant wo man sich mit einem Tablett einer Fassstrasse entlang zur Kasse vorarbeitet. Mit Blick auf die durch das Strässchen wuselnden Regenschirme und unter dem genüsslichen Geschlürfe der bis auf uns ausnahmslos einheimischen Gäste geniessen wir die Wärme und das einmal mehr hervorragende Essen. Monsieur wäre es eigentlich nach einem Drink. Im Gewusel der Läden und kleinen Esskneipen werden wir aber nicht fündig und haben bei dem Wetter auch keine Lust lange zu suchen. Diesmal etwas achtsamer finden wir auf Anhieb die richtige U-Bahn zurück nach Shinjuku.

Dort gibt es im Untergrund in einem kleinen Café noch ein Dessert für Madame und danach wird auch Monsieur in einer kleinen Kneipe seelig. Einmal mehr etwas versteckt führt eine kleine Treppe in ein Kellerlokal. Es gibt einen Tresen und drei Tischchen. Jazz dudelt in einer angenehmen Lautstärke und zum Bier bekommen wir eine Art frittierte Spaghetti zu knabbern.



Ueno Park, Tokyo



Tokyo Tag 4 - 25 Kilometer zu Fuss durch die Stadt

Als ob nichts gewesen wäre strahlt heute die Sonne von einem stahlblauen Himmel. Heute kommt also wieder Weg unter die Füsse.

Als wir am Shinjuku Gyoen Park vorbeikommen öffnet dieser gerade. Vereinzelt strömen die Leute schon zur Kirschblütenbegutachtung. Obwohl wir gerade vom Frühstücksbuffet kommen, kann der Herr nicht widerstehen an einem Stand einen Tayjaki, eine Art Pfannkuchen in Fischform gefüllt mit süsser Bohnenpaste als erste Wegzehrung mitgehen zu lassen. Mundet bestens. Durch Kojimachi kommen wir wiederum zum Chiyoda Park. Vorbei am Nationaltheater, dem obersten Gerichtshof und dem Parlament geht es unter prächtigen Kirschblüten dem Festungsgraben entlang.

Durch das Ginza Quartier kommen wir am wunderschönen traditionellen Kabuki-za Theater vorbei.

Nach einem Abstecher zum buddhistischen Tsukiji Hongan-ji Tempel stürzen wir uns in die engen Gässchen des Tsukiji Fischmarktes. Jeder Quadratzentimeter ist vollgestellt mit allem was das Meer an Gaumenfreuden hergibt. Lange halten wir das nicht aus und setzen uns an zwei freie Plätze in einer kleinen Sashimi-Bude. Es gibt zum Glück eine Art Best-Of Platte, da wir wohl sonst einfach von allem etwas genommen hätten. In einer Schüssel bekommen wir verschieden fetten Thunfisch, Heringsrogen, Seeigel, Butterfisch, Lachsrogen und Omeletthappen ansprechend auf Reis drapiert - zum Preis, der daheim ein Döner kostet. Einfach nur ausgezeichnet. Wir klappern weiter die zahlreichen Stände ab, die aber alle schon langsam zusammenräumen. Dann sehen wir Menschen mit kleinen Holzschiffchen in denen Berge von Lachsrogen schimmern herumstehen. Wir können nicht widerstehen. Der Mann am kleinen Stand schöpft den Rogen mit einer Suppenkelle über die mit einer Art Omelett-Teig zusammengehaltenen Reishappen, dass einem der Geifer auf die Schuhe läuft. Wir dürften nun etwa die Proteinration eines professionellen Bodybuilders verhaftet haben. Zum Runterkommen gibt es noch ein Matcha-Softeis und weiter geht’s.

Durch Shintomi und Kayabacho arbeiten wir uns zum Sumida-Fluss vor. Von diesem zweigt der Kanda Fluss ab, in dem zahlreiche Boote schaukeln. Alles in allem eine sehr ruhige Strecke, wo man kaum etwas von dem dichtbevölkerten Tokyo mit den grellen Schildern erahnt. Es gibt kaum Verkehr und kleine Shinto-Tempelchen stehen vereinzelt in den schmalen Gassen, wie bei uns Kapellen.

Nach etwa einer Stunde erreichen wir Asakusabashi. Hier wuselt es wieder. Rund um den Asakusa Schrein gibt es Einkaufspassagen und zahlreiche kleine Kneipen. Wir begutachten den Schrein zusammen mit Hunderten anderen. Hier ist wenig von der Stille des Meiji Schreins zu spüren. Das Gelände ist eher offen und viel weitläufiger. Viele kleine Schreine umgeben das grosse Hauptgebäude und die mächtige Pagode. In einem schön angelegten Teich schwimmen Koikarpfen. Nach dem langen Marsch verziehen wir uns in eine kleine Bretterbude mit Ausschank, wo es auch Happen zum Bier gibt. Wir bestellen Goyza (gefüllte und gebratene Teigtaschen) und gegrillte Hühnerhaut und schauen aus unserer gemütlichen Ecke zu, wie an der offenen Frontseite des Lokals die Leute vorbeiwuseln. Es wird bereits dunkel als wir aufbrechen. Eine Wand aus Papierlaternen leuchtet neben dem Hauptgebäude. Durch das mächtige Tor kommen wir auf eine endlos scheinende Gasse zwischen Marktbuden, die Süssigkeiten, Esswaren und auch sonst alles Mögliche feilbieten. Am Ende steht wiederum ein mächtiges Tor. Unweit von diesem tauchen wir wieder unter die Erde ab und fahren mit der U-Bahn nach Shibuya.

Hier finden wir das Tokyo, das Medien so gerne präsentieren: Unfassbar viele Menschen füllen die Strassen. Grelle Reklamen ragen in endloser Zahl ragen weit in den Himmel hinauf. Zu den Tausenden Menschen, welche die berühmte Shibuya-Kreuzung bei jeder Grünphase überqueren, kommen Hunderte Schaulustige, die genau das sehen wollen. Wie die Speere einer antiken Armee ragen die Idiotenzepter mit den daran befestigten Smartphones über die Menge. Völlig surreal und absurd – aber gerade deshalb durchaus sehenswert. Wir folgen dem Menschenstrom für eine Weile und biegen dann links in eine der Gassen ab. Fast sofort wird es ruhiger und nur noch vereinzelt kreuzen andere Leute unseren Weg.

Hier reiht sich ein Stundenhotel ans nächste. Das Ganze wirkt aber nicht anrüchig, vielmehr wie eine Art stille Kirmes und den Hotels als Fahrgeschäften. Man kann sich für sein Schäferstündchen in ein knallbuntes Märchenland, oder in eine überromantische Kitschvilla zurückziehen. So in der Art wie man zum Essen ja auch nicht nur immer zum Italiener will. Praktischerweise steht natürlich auch ein Sexshop mit Spielzeug und allem was man sonst so braucht zur Verfügung. Das Ganze hat aber keinerlei Reeperbahnatmosphäre. Es wirkt hier mehr wie etwas ganz Alltägliches, wie eine Einkaufspassage mit dem Schwerpunkt Schuhe, gibt es eben auch eine Stundenhotelgasse.

Über zwei drei weitere Seitengassen stolpern wir von der Musik angelockt in eine urige Kneipe, die zugleich eine riesige Vinyl-Plattensammlung beherbergt. Wir bestellen Bier und Shochu (japanischen Schnaps) auf Eis. Sehr gemütlich und sehr gute Musik. Allerdings zu dieser Zeit noch fast leer.

Nach einem entspannenden Stündchen stürzen wir uns wieder ins Getümmel von Shibuya, das wir als einzige Gäste im Dämmerlicht der Kneipe schon fast vergessen hatten. Wir landen in einem ziemlich touristischen Teppanyaki-Grillrestaurant. Aber auch das muss man irgendwie gesehen haben. An einem Tisch mit Grill und Dampfabzug nehmen wir auf Barhockern Platz. Bei Highball brutzelt das Kobe Rind vor uns. Touristisch hin oder her – die Geschmacksknospen tanzen Rumba. Und das ganze Gewirbel und Gewusel in dem Laden, der eigentlich nicht viel mehr als ein vielleicht 15 Meter langer Gang mit Theke und lauter Grilltischchen mit Barhockern ist, in dem an die fünzig Leute schmatzen, reden, trinken und mit Stäbchen ihr Fleisch wenden hat was.

Wir legen einen Verdauungsspaziergang bis in unser Hotel ein. Unterwegs gibt es einem Laden noch einen kleinen Happen in Form von Yakitori-Spiesschen und Nikomans (ein luftiger Teig gefüllt mit Schweinefleisch). Ein paar Dosen High-Balls kommen mit auf den Weg.

Die Highballs, Shochus und 0.6 Liter Biere sorgen für einen gewissen Mehrweg durch Ausfallschritte und wir hoffen, die Leute in den kleinen Häuschen in dem ruhigen Quartier durch das wir wohl nicht gerade Leise philosophierend stolpern halten uns nicht für randalierende Psychopathen. So schlimm war’s wohl doch nicht – ohne Zwischenfälle landen wir im Hotel in unserem eigenen Zimmer.



Kabuki-Za Theater



Kyoto Tag 1 - Shinkansen, Ryokan, Gärten und Onsen

Heute geht es früh raus. Unser Shinkansen nach Kyoto fährt bereits um acht vom Hauptbahnhof. Wir leisten uns ein Taxi vom Hotel um nicht unterwegs im U-Bahn Dschungel verloren zu gehen.

Noch etwas bedöppelt stolpern wir, wieder von netten Menschen in Uniform in die richtige Richtung geschickt, an eine der unzähligen Plattformen. Kaffee wäre gut – scheint aber unauffindbar. In einem Warteraum mit Kiosk richten wir uns mit unserem Gepäck erst mal ein, bis in einer halben Stunde der Zug fährt. Monsieur findet im Bahnhofslabyrinth schliesslich einen Starbucks. Eigentlich gar nicht erste Wahl, aber in der Not frisst der Teufel fliegen. Die freundliche Dame hinter dem Tresen spricht zwar Englisch, aber irgendwie verstehen wir uns doch nicht. Am Ende habe ich zwar die Fressalien zusammen, aber nur einen Kübel Kaffee statt zwei. Reicht aber zum Glück für zwei, denn nochmal in die mittlerweile aus dutzenden nach Kaffee gierenden Morgenzombies bestehende Reihe will ich auf keinen Fall.

Selbst beim Einsteigen in den Zug steht alle paar Nasen lang eine Uniform die einem hilft, den richtigen Wagen und den richtigen Sitz zu finden. Der Zug sieht innen eher wie ein Flugzeug aus. Nur mit weit, weit mehr Beinfreiheit und viel bequemeren Sitzen. Anders als in Europa hat man hier übrigens auch für die Raucher einen Kompromiss gefunden: Ungefähr jeden dritten Wagen gibt es zwei Raucherräumchen. Angesichts der Tatsache, dass nur etwa ein Fünftel der Japaner raucht, scheinen die westlichen Antiraucher Abschreck- und Verbannungsstrategien da irgendwie sinnlos. Draussen zieht die Landschaft vorbei und der Zug gleitet so leise über die Schienen, dass man tatsächlich das Gefühl bekommen könnte, man sitze in einem Tiefflieger. Schon nach etwas mehr als zwei Stunden kommen wir im 450 Kilometer entfernten Kyoto an.

Wieder besteigen wir ein Taxi, das uns zu unserem Ryokan bringt. Die Rücksitze sind mit einem Häkelbezug versehen und wir müssen dem Fahrer erst mal auf Google-Maps zeigen wo wir hinwollen, aber alles klappt bestens. Kyoto sieht durchs Autofenster schon viel „japanischer“ aus. Es gibt mehr traditionelle Häuser und schon auf der rund zwanzig minütigen Fahrt erspähen wir viele Tempel und kunstvolle Tore. Auch das Yachiyo Ryokan sieht aus wie aus einer anderen Epoche. Durch eine Holzpforte kommen wir über Steinplatten durch einen kleinen Garten in das Strohgedeckte Haupthaus. Aus einer Seitentür kommt ein älterer Herr, wirbelt mit irgendwelchen Zetteln herum und meint dann sehr höflich, wir seien noch zu früh. Wir wollen ohnehin nur erst einmal unser Gepäck dort lassen, was selbstverständlich geht.

Dann machen wir uns auf zu einer ersten Erkundungstour durch die direkt hinter dem Ryokan gelegene Nanzenji Tempelanlage. Schnell wird klar, dass hier eher eine Stadt um die Tempelanlagen gebaut wurde, als umgekehrt. Ein typisch gebogenes Dach am anderen erhebt sich über die Kirschblüten. Zu unserer Rechten entdecken wir ein kleines Kassenhäuschen und bezahlen rund 5 Euro/Franken Eintritt für den traditionellen japanischen Garten. Der wirkt wie eine Märchenlandschaft. Von Stein zu Stein geht man über Teiche voll mit Koikarpfen, die herbeizuschwimmen scheinen sobald man sich dem Wasser nähert. Das Grün, die Blüten und das Wasser zusammen mit den Holzgebäuden strahlen eine tiefe Ruhe aus. Wir scheinen ausserdem die einzigen zu sein, die sich in diese Ecke der Anlage verirrt haben. Eine schöne erste Kostprobe.

Wir erkunden die Tempelanlage weiter und machen uns auf in Richtung eines nahen Shinto Schreins. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem Restaurant in einem kleinen Häuschen vorbei (Okonomiyaki Zen). Da wir im Ryokan noch ein traditionelles Abendessen vor uns haben, beschliessen wir die Gelegenheit zu nutzen und jetzt, früh genug, noch etwas in den Bauch zu bekommen. Es stellt sich heraus, dass man hier um eine Herdplatte sitzt, auf der eine Art Omelett zubereitet wird. Was wir bei den anderen Gästen sehen lässt uns direkt das Wasser im Mund zusammenlaufen und wir nehmen an der einzigen glücklicherweise gerade freien Platte Platz. Wir entscheiden uns für die Variante mit Oktopus und Speck. Kurz darauf kommt eine nette Omi mit zwei Schüsseln. Erst legt sie den Speck auf das heisse Blech. Dann rührt sie eine Masse aus Ei, Gemüse und Oktopus an, verteilt diese ebenfalls auf dem Blech, legt den Speck mit der gebratenen Seite nach unten auf die beiden Pfannkuchen und bedeutet uns zu warten. Vom Duft schon ganz wuschig glotzen wir wie hypnotisiert auf das Gebrutzel vor uns. Omi kommt und wendet die Gebilde. Schliesslich bedeutet sie uns, wir sollen die Fladen mit einer braunen Tunke, die neben uns auf dem Tisch steht einschmieren, was wir bereitwillig tun. Dann gibt es Algen und Fischflocken zum draufstreuen. Fertig. Mit einer kleinen Kelle zerteilen wir die Fladen in Mundgerechte Happen und verleiben sie uns mit Stäbchen ein. Es schmeckt unglaublich gut, was die Omi sichtlich freut.

Derart gestärkt besuchen wir den Shinto Schrein und folgen dem von dort ausgehenden Pfad in die bewaldeten Hügel. Kleinere, teils halb zerfallene Schreine säumen den Weg. Eine sehr urtümliche Atmosphäre umgibt den Ort. Hier wirken die kleinen Gebäude viel intimer und wie archaische Kultstätten, eben weil sie nicht so herausgeputzt sind. Wir drehen um und folgen einer Allee, die einem kleinen Bach entlang führt und etwas erhöht den Blick auf die Stadt freigibt, die zwischen den grünen Hügeln liegend trotz ihrer 1.5 Millionen Einwohner eher beschaulich wirkt.

Der Weg führt uns schliesslich wieder hinab in die Stadt und zum kaum besuchten Okazaki Schrein, der voll mit Hasenfigürchen und – offensichtlich – der Fruchtbarkeit gewidmet ist.

Wir erreichen schliesslich den riesigen Heian Schrein. Rot, schwarz, weiss und golden heben sich die mächtigen Gebäude auf dem riesigen Platz vor dem Hintergrund der grünen Hügel ab. Die Anlage ist dem kaiserlichen Palast aus der Heian Zeit nachempfunden – und in diese fühlt man sich, trotz der herumwuselnden Touristen, unweigerlich zurückversetzt. Wir besuchen auch die weitläufige Gartenanlage mit zahlreichen Teichen, Karpfen und natürlich Kirschblüten en Masse. Eine wirklich sehr sehenswerte, eindrückliche Anlage.

Doch so langsam wäre ein Bisschen ausruhen auch nicht schlecht. Also zurück zum Ryokan und Zimmer beziehen. Am Eingang heisst es erst einmal: Schuhe aus und Schlappen fassen. Etwas ungewohnt ist es schon, wenn einem jemand die Treter am Eingang abnimmt. Irgendwie möchte man die einfach zur Hand haben. Dann werden wir von einer traditionell gekleideten Dame durch die Räumlichkeiten geführt. Im Eingangsbereich an der Rezeption sieht es aus wie eine Mischung aus Flohmarkt und Altehrwürdigkeit. Dann kommt eine recht moderne Sitzgarnitur von der es in einen Aufenthaltsraum à la Seniorenheim abzweigt – inklusive 60er Jahre Massagesessel. Natürlich gibt es auch ein streng geschlechtsgetrenntes Onsen-Bad.

Dann wird uns unser Zimmer gezeigt. Das entspricht dann nicht ganz den Erwartungen: Durch einen Buchungsfehler des Reisebüros vor Ort haben wir ein reguläres Zimmer erhalten und nicht eines mit privatem Onsen-Bad, das wir uns ausnahmsweise gegönnt hatten. In rudimentärstem English kommen wir zum Ergebnis, dass leider sonst alles ausgebucht sei. Nicht toll, aber nach einem kurzen heftigen Aufreger auch nicht weltbewegend: Das Zimmer ist durchaus hübsch und in traditionellem japanischem Stil mit Tatami Matten auf dem Boden, auf denen nun ein ca. 30cm hoher Tisch mit bodenebenen Lehnsitzen steht. Also eine E-Mail an das Schweizer Reisebüro geschrieben, in den im Schrank bereiten Hauskimono geschlüpft und Monsieur verzieht sich grad extra ins Gemeinschafts-Onsen.

Dort hängen die Baderegeln glücklicherweise aus. Obwohl frisch gewaschen aus dem Zimmer angekommen, gibt es nach dem Verräumen der Kleidung in eine geflochtenen Kiste erst einmal auf einem der Hockerchen vor knapp über dem Boden montierten Duschbrausen eine Heisswasserspülung zur Vorbereitung. Das Bad ist etwa 3 auf 3 Meter und ca. 80cm tief und gibt durch ein Fenster den Blick auf einen kleinen Garten frei. Nach etwa zehn Minuten kommt noch jemand rein, was ich halb dösend aber nur am Rande mitbekomme. Die ganze Angelegenheit ist äusserst entspannend. Nach rund einer halben Stunde schlägt der Wassersud dann aber auf den Kreislauf und ich beende die Wellnesssession. Ausserdem wartet ein altehrwürdiges Kyotoer Abendessen auf uns.

Der Speisesaal ist ebenfalls mit Tatami-Matten ausgelegt. In angenehmer Lautstärke klimpert japanische Folklore aus nicht sichtbaren Boxen. In einem Teil des Restaurants sitzt man auf Kissen mit Rückenlehnen auf dem Boden an ebenen Tischen, im anderen Teil kann man die Füsse unter den Tisch in eine Senke baumeln lassen. Man zeigt uns wo wir die Schlappen abstellen können und geleitet uns an einen Tisch ohne Vertiefung, näher an der Fensterfront mit Sicht auf den wunderschön angelegten Garten mit Koi-Karpfenteich. Dann geht ein wahres Feuerwerk der Kochkunst los. Rund zehnmal trippelt die Oma des Hauses in ihrem Kimono an unser Tischchen und lädt einen Gang nach dem anderen ab. Alle Gerichte sind wunderschön arrangiert und schmecken genauso gut wie sie aussehen. Wahre kleine Kunstwerke gibt es unter den Deckelchen der vielen Schälchen zu entdecken. Sashimi, Tempura, Suppen, sauer eingelegtes Gemüse, Tintenfischeintopf, gegrillter Fisch, Pilze…wir sind im siebten Geschmackshimmel und das Versehen mit dem Zimmer ist vergessen.

Da man uns ohnehin die Schuhe weggesperrt hat und wir den nächsten Tag optimal nutzen wollen, beschliessen wir früh schlafen zu gehen. Nachdem wir auf dem Balkon den Garten bestaunt haben, verziehen wir uns auf unser mittlerweile verwandeltes Zimmer. Der Tisch wurde zur Seite geräumt und das Bett auf den Matten ausgebreitet. Fühlt sich ein wenig an wie auf dem Boden in der WG von Kumpels, nur mit viel tollerer Bettwäsche. Wir schlafen wie die Frischlinge.



Nanzenji, Kyoto



Kyoto Tag 2 - Schreine, Tempel und jede Menge Torii

Als wir schon bereit sind das Frühstück anzutreten klingelt das Telefon und man bittet uns zu Tisch. Also ab in die Schläppchen und in den Speisesaal. Das Frühstück ist nicht minder Grandios wie das Abendessen: Ein Gaskocher flämmelt blau auf dem Tisch unter einem Tongefäss, zwei Behälter mit Zündwürfeln und gittern brennen ebenso vor sich hin. Lauter Schälchen füllen den Tisch und wieder gibt jedes Deckelchen eine kulinarische Überraschung preis. Man hilft uns noch ein wenig und erklärt was zu tun ist: Die Fische kommen auf den Zündwürfelgrill, um die Suppe im Tongefäss kümmert sich die Dame im Kimono und der Rest kann direkt verzehrt werden. Japanisches Rührei, eingelegter Tofu, Reis, Misosuppe, Algensalat – im grossen Ganzen ein übliches japanisches Frühstück mit vielen kleinen Extras und kunstvoll hergerichtet. Nur die Putenwurst mit gehobeltem Krautsalat steht etwas verquer in der Landschaft, schmeckt aber trotzdem.

Das Bettzeug ist bereits weggeräumt und der Tisch wieder ins Zentrum gerückt, als wir im Zimmer unsere Sachen holen. Ein kurzer Blick auf die Karte und den angepeilten Weg und wir machen uns auf in Richtung des Fushimi-Inari Hügels.

Das Wetter ist einmal mehr prächtig. Der Pförtner bringt uns unsere Schuhe und los geht’s. Erst einmal passieren wir den Yasaka Schrein, wo gerade Festzelte aufgebaut werden, weil eine Art „Kirchweih“ stattfindet, also das Fest des Schreins. Noch wird alles aufgebaut und so durchqueren wir die Anlage um uns weiteren Entdeckungen zu widmen.

Wir landen bald in den beschaulichen Gässchen von Ninenzaka. Mich erinnert das ganze etwas einen Schweizer Ferienort: In alten Häuschen werden lokale Süssigkeiten, Esswaren und Mitbringsel angeboten. Die Pflastersteingässchen schlängeln sich den Hang hoch bis zur riesigen und schon um diese Zeit überaus gut besuchten Kiyomozo Tempelanlage mit ihrer eindrücklichen Pagode. Wegen dem Gewusel schleichen wir uns bald wieder davon und kommen nur wenige Meter vom Menschenstrom an einem Steilbord mit unzähligen Steinfigürchen vorbei. Es ist interessant wie fixiert Menschenansammlungen sich bewegen und oftmals von zehn spannenden Dingen sechs links liegen lassen.

Auf dem Weg zurück auf die Hauptstrasse landen wir im Café Oggi, da der Tee zwar hervorragend zum Frühstück gepasst, aber für den Koffeinspiegel nichts gebracht hat. Der freundliche ältere Herr serviert besten Kaffee. Zusammen mit den zwei Tassen händigt er uns – wie er stolz erläutert – eine von ihm selbst entworfene Karte der Gegend aus, auf der alle Sehenswürdigkeiten eingetragen sind. Beim Bezahlen darf Madame dann noch die über hundert Jahre alte Kasse bedienen. Entgegen der westlichen Vorstellung scheinen die Japaner eben doch ein sehr herzliches Völkchen zu sein.

Nur wenige Schritte weiter stolpern wir über den nächsten buddhistischen Tempel. Am Eingangstor des Otani Hombyo mit seinen violetten Bannern und der goldenen Laterne ist aber auch kein Vorbeikommen. Und natürlich ist auch diese, etwa mittelgrosse Tempelanlage eindrücklich und ja, selbstverständlich blühen auch hier Kirschbäume zwischen den teils wie Wehrtürme aussehenden Tempelgebäuden.

Rund dreihundert Meter weiter ist es wieder Zeit für Shintoismus: Am Toykoni Schrein wird gerade geheiratet und wir bestaunen das wunderschön gearbeitete Tor erst einmal von weitem. Das Brautpaar entfernt sich durch das Spalier der Gäste die ihnen folgen und wir haben die sonst offenbar nicht von Touristen angesteuerte Anlage für uns. Einmal mehr ein wahres Arrangement aus kunstvoll gearbeiteten Gebäuden, ästhetisch verzweigten grünem Geäst und weiss leuchtenden Kirschblüten.

Wir kommen direkt anschliessend am Hintereingang des im westlichen Stil erbauten Nationalmuseums vorbei, wo uns ein Uniformierter höflich darauf hinweist, dass die Anlage nur durch den Haupteingang zugänglich ist. Durch die vielen unerwartet eindrücklichen und daher länger als geplanten Zwischenstopps entschliessen wir uns aber dem eingeschlagenen Weg zu folgen.

Vorbei am Nationalmuseum landen wir nach etwa einem Kilometer in der Tofuku-Ji Tempelanlage. Kleinere buddhistische und schintoistische Tempel inmitten von traditionellen Wohnhäusern weichen erst Wald, aus dessen Baumkrönen kunstvoll gearbeitete Dächer ragen. Nach einer Holzbrücke über eine kleine Schlucht stehen wir plötzlich inmitten von riesigen, Palastartigen Gebäuden. Auch hier streunen nur wenige Besucher herum, auch wenn die Anlage wie fast alle ohne jeglichen Eintritt zugänglich ist. Auch hier kann man nicht anders als eine Zeit lang verweilen zu und die einmalige Atmosphäre auf sich wirken zu lassen.

Rund einen Kilometer weiter ist spürbar, dass wir uns einer Touristenattraktion nähern. Die Gässchen werden je voller, je näher wir den Fushimi-Inari kommen. Als die ersten Tempel schon in Sichtweite sind, werden wir in eine Gasse mit lauter Kneipen und Fressbuden gespült. Wir können nicht widerstehen und kaufen Tintenfischbällchen, Süsskartoffeln, Hühnerhaut und Pfannkuchen am Spiess Alles kostet erstaunlich wenig und schmeckt - selbst im Menschengetümmel herumstehend- super.

Zwischen den ersten Tempelgebäuden ist das Gedränge fast nicht auszuhalten. Zwar verhalten sich alle Anwesenden sehr höflich und rücksichtsvoll, trotzdem haut einem die Schiere Anzahl fast um. Die Hunderten roten Torii schlängeln sich hinauf in den Wald. Erst trippelt man in einer Schlange allzu gemächlich hinauf. Aber schon an einer ersten Verzweigung lichtet sich der Ansturm merklich. Je weiter man den Hügel durch den Wald unter den dicht an dicht stehenden Torii hinaufstapft, desto angenehmer wird der Spaziergang. Als wir schliesslich an der ersten urigen Kneipe ankommen, schleichen nur noch sporadisch Leute herum. Zeit für ein Bier. Damit wir nicht unsere Schuhe ausziehen müssen und einen besseren Überblick über die Gestalten die da kommen und gehen haben, setzten wir uns nicht in den überdachten und mit Matten ausgelegten Teil, sondern sitzen direkt am Pfad. Ein Mütterchen, mit einem Buckel, dass sie die Nase fast am Boden entlangschleift schleppt Essen und Getränke aus dem Gebäude gegenüber. Das Sapporo aus der angenehm grossen Flasche tut sehr gut und gibt Kraft für den weiteren Aufstieg. Immer wieder tauchen kleine Schreine auf. Zwei Fuchsfiguren sind allgegenwärtig. Um Steine sind Seile gebunden und allgegenwärtig stehen, lehnen und liegen die roten Torii herum: Riesengross, als Miniatur oder als Mittelgrosses Modell. Zahllose kleine und grössere Schreine säumen den Hügel. Teils gehegt und gepflegt, teils scheinen sie dem Verfall preisgegeben. Der Schwund der Menschenflut steigert zusätzlich die Atmosphäre. Man nimmt erstmals bewusst wahr, dass man durch einen prächtigen Wald spaziert. Oben angekommen sind wir praktisch allein. Der Blick auf die Stadt wird an einigen Lichtungen frei. Letztendlich verbringen wir mehrere Stunden auf dem Fushimi-Inari Hügel, was wir zu Beginn des Anstiegs aufgrund des dortigen Gedränges nicht für möglich gehalten hätten.

Da wir aber nur diesen Tag in Kyoto wirklich auskosten können, beschliessen wir uns an den Abstieg zu machen und einige der weiteren unzähligen sehenswerten Orte anzusteuern. Am Fusse des Hügels fahren die Taxis im Sekundentakt heran um sich ihre Fahrgäste aus der Menschentraube zu picken. Wir nehmen auf der mit Häkelschonbezug geschmückten Rückbank Platz und hoffen, dass der Fahrer versteht, dass wir zur Nijo Burg möchten. Er versteht nicht nur, er spricht auch passables Englisch und ist aussergewöhnlich gesprächig. Die Burg sei Nachts schöner, er empfehle uns zum Kaiserpalast, praktisch direkt daneben zu fahren. Den Ratschlag eines Einheimischen können wir natürlich nicht Abschlagen. Es stellt sich heraus, dass der Fahrer in jungen Jahren einmal in Zermatt war, was ihm sehr gefallen hat – auch weil er eingeschneit worden sei und so eine Woche länger habe bleiben können. Als er erfährt, dass wir auch und gerade wegen dem japanischen Essen angereist sind, kriegt er sich vor Lachen kaum mehr ein. Dass ein Gaijin rohen Fisch isst, scheint für ihn ein Riesenspass zu sein. Die heitere Fahrt dauert rund zwanzig Minuten und als wir vor dem Park des Kaiserpalasts abgesetzt werden, wird uns auch gleich noch der Weg zu Fuss zur Burg beschrieben.

Der Park ist riesig und umschliesst seinerseits sowohl den ebenfalls mit einer Wehrmauer umfriedeten Kaiserpalast und – natürlich – einen buddhistischen Tempel. Der Palast ist nicht öffentlich zugänglich. Dafür bilden zwei Fischreiher die unbeirrt inmitten des Parks herumstehen eine ganz eigene Sehenswürdigkeit. Und selbstverständlich sind da jede Menge Kirschblüten, vor, unter und neben denen sich die Leute ablichten lassen.

Wir durchqueren den Park und machen uns dann doch noch auf zur Burg. Doch auch hier geht es nur bis an die Wehrmauer: Ausgehend vom Haupttor führt eine Menschenschlange fast um den gesamtn Wall herum. Ein Plakat, das wir nicht lesen können, weist offenbar auf eine Veranstaltung hin. Da es ohnehin spät ist und der Weg zu Fuss zurück zum Ryokan noch einige Kilometer weit durch die Innenstadt führt, die wir unbedingt auch noch sehen wollen, machen wir uns auf den Weg zurück. Nach etwa einer halben Stunde biegen wir auf die Shijo Strasse ein. Fast plötzlich wird es grossstädtisch. Imposante Gebäude ragen zu beiden Seiten in den Himmel. Ein Laden reiht sich an den anderen und ganze Horden von Menschen strömen – aber wie immer angenehm rücksichtsvoll - über den Gehweg. Wir merken schnell, dass es hier noch so Einiges zu entdecken gäbe. Die Steitengässchen locken, doch gleichzeitig wissen wir um das uns erwartende Shabu Shabu im Ryokan. Also legen wir nochmals ordentlich Tempo vor. Als es bereits eindunkelt kommen wir durch den Maryuama Park, wo Feuerschalen vor traditionellen Restaurants zwischen den Sträuchern lodern und die Menschen sich auf Plattformen mit Tatamimatten draussen zum Essen eingefunden haben. Auch hier gäbe es noch so Einiges zu sehen. So nehmen wir im vorbeihuschen die einmalige Atmosphäre mit und tauchen in eines der Seitengässchen ab, das uns zum Ryokan führt.

Nachdem wir die Schuhe dem Portier übergeben haben, kommen wir gerade pünktlich zum Essen. Diesmal können wir die doch gut müde gewordenen Beine in die Grube unter dem Tisch baumeln lassen. Nach einem tollen Amuse Bouche wird eine Platte mit Dünn geschnittenem, wunderbar maseriertem Rindfleisch und eine Schale mit Gemüse, Pilzen und Nudeln aufgetragen und als ob as nicht reicht, wird noch ein Teller mit Tofu abgeladen. Der Gaskocher unter der bereitstehenden Tonschale wird angeschmissen. In das darin schwimmende Wasser gibt die Dame im Kimono etwas Gemüse. Wir harren mit knurrenden Mägen der Dinge die da kommen, als uns schliesslich die Bedienung mit einem freundlichen Kopfschütteln zu verstehen gibt, dass jetzt wir am Zug sind. Also tauchen wir die Rindfleischfetzen in den heissen Sud, tunken sie wahlweise in Zitrussaft mit Sojasauce oder Sesamsauce und ergeben uns dem Geschmacksorgasmus, als das Resultat unserer marginalen Anstrengungen auf unsere Geschmacksknospen trifft. Es dauert nicht lange und wir haben das Rindfleisch weggeputzt. Wieder unter leichtem Kopfschütteln wird uns bedeutet, dass da noch Tofu, Gemüse, Pilze und Nudeln stehen. Wir hatten eigentlich gemeint, dass daraus eine Art zweite Phase des Gerichts entsteht, dem der entstandene Rindfleischsud als Suppe dient. Wir folgen aber brav den Anweisungen und tunken fleissig weiter. Das knackige Gemüse und die Pilze schmecken ebenfalls bestens. Mit den Nudeln riskiert man nach dem Herausfischen und zum Mund Bewegen zwar jedesmal eine mittelschwere Sauerei, dafür klappt es mit dem Geschlürfe ganz gut, als wir die Teigschläuche von den Stäbchen saugen. Nur das mit dem Tofu leuchtet nicht ganz ein. Schmeckt einfach nach lauter Nichts. Natürlich kommen die Würfelchen dennoch alle weg. Zufrieden und satt nuckele ich noch ein zweites Fläschchen des hervorragenden Haus-Sake.

Auf die Mahlzeit begibt sich Monsieur nochmals ins Gemeinschaftsonsen. Glücklicherweise kommt diesmal niemand anderes dazu, denn ich habe den Kapitalfehler schlechthin begangen: Nach der Dusche im Zimmer bin ich frischfröhlich mit den Kloschlappen durchs ganze Haus und ins Onsen getrampelt und wohl Haarscharf einer Zwangsausweisung entgangen.



Frühstück im Ryokan, Kyoto



Osaka - Grosstadt, Burg und Dotonbori

Noch einmal dürfen wir im gediegenen Essraum ein japanisches Frühstück einnehmen. Wieder stehen viele grössere und kleinere Schälchen bereit und wieder erfreuen sich Gaumen und Augen gleichermassen.

Wir ordern ein Taxi zum Bahnhof. Erst als dieses da ist, bekommen wir unsere Schuhe ausgehändigt und werden freundlich verabschiedet.

Das Bahnhofsgebäude von Kyoto ist ein Meisterwerk moderner Architektur. Das Wellenförmige Glasdach thront hoch über der Bahnhofshalle. Eine riesige Treppe schwingt sich über mehrere Etagen unter diesem hindurch auf ein Flachdachplateau. Zum Glück führen dort hinauf auch einige Rolltreppen. Von oben bietet sich ein Blick über den modernen Kern der Stadt, aus dem die geschwungenen Tempeldächer aber noch immer golden blitzend herauszuragen vermögen. Dann stellen wir uns in die ebenfalls beindruckende Schlange vor einem Imbisscafé auf einem der unteren Stockwerke und tanken Koffein für den Rest des Tages. Auch dem im amerikanischen Stil präsentierten, aber zum Teil natürlich dennoch mit dem allgegenwärtigen Matcha-Pulver versehenen Gebäck können wir nicht wiederstehen.
Unser Zug fährt direkt am Gleis vom Eingang geradeaus durch die Haupthalle. In etwas mehr als einer Stunde tuckern wir mit der Regionalbahn nach Osaka.

Dort merkt man sofort, dass man in einer weit grösseren Stadt als Kyoto gelandet ist. Riesige Wolkenkratzer schiessen zwischen den Strassen in den Himmel. Dennoch wirkt alles recht entspannt und nicht hektisch. Wir machen uns zu Fuss auf zum Osaka Castle – obwohl uns die nette Dame von der Info versichert, dass dies zu Fuss „impossible“ weil „far, far away“ sei.

Zwischen den Schluchten aus Glas und Beton, an deren Füssen sich oft kleine Restaurants und Läden eingenistet haben, läuft es sich jedoch problemlos. Links und rechts zweigen immer wieder kleine Gässchen ab, durch die sich – eigentlich ganz untypisch unordentlich– ein Kabelgewirr zieht, das den Schilderdschungel mit Strom versorgt.

Unterwegs lockt uns ein Schild mit Fotos von Essen in ein riesiges Kellerlokal. Wir bestellen eines der drei Mittagsmenüs aus Miso-Suppe, Sashimi, Tempura und sauer eingelegtem Gemüse. Wie immer bestens.

Kurz danach steuert auf einer riesigen Kreuzung ein wild mit seiner orangenen Stablampe fuchtelnder Polizist auf uns zu. Erst stehen wir da wie Salzsäulen und kapieren mal wieder nichts. Bei genauem Hinhorchen ergibt sich, dass uns der werte Herr nur darauf hinweisen möchte, dass die Kirschblüte in die andere Richtung sei. Dort wälzt sich tatsächlich eine Menschenschlange zu einem Meer aus weissen Blütenwolken. Wir erklären, dass wir auf dem Weg zum Castle sind. Das wird mit Entschuldigungen, zahlreichen Verneigungen und der Bemerkung, dass wir da selbstverständlich absolut richtig gehen quittiert.

Schon die Umfriedung des Schlosses ist überaus eindrücklich. Aus riesigen Steinblöcken, die wie Lego ineinander passen, wurden hunderte von Metern lang etwa zehn Meter hohe Mauern aufgeschichtet. Im ersten Festungskreis werden verschiedene Führungen angeboten. Da wir nicht viel Zeit haben, schlagen wir uns zum innersten Ring durch. Dort gibt es verlockende Essensstände, selbstverständlich Kirschblüten und über allem thront mächtig das grösstenteils in den Dreissiger-Jahren wiederaufgebaute weisse Schloss. Von der Mauer bietet sich zudem ein toller Ausblick auf die Stadt und die äussere Umfriedung. Die Schlange ins Schlossinnere lassen wir dennoch aus und spazieren – nachdem wir uns ein Matcha-Eis ergattert haben - wieder hinaus in die Stadt.

Wir entern ein Taxi, weil wir doch noch eines der Einkaufszentren sehen wollen. Das Vorhaben scheitert kläglich an der Sprachbarriere, da wir keinen Namen eines bestimmten Centers kennen. „Shopping-Center“ führt dazu, dass wir höflich eine Stadtkarte gereicht bekommen, auf der wir zeigen sollen, wohin wir möchten. Wir improvisieren: Auf nach Dotonbori, das uns als DAS Vergnügungsviertel der Stadt in Erinnerung ist. Das klappt und wir tuckern los. Dotonbori sieht ein wenig aus wie eine fest installierte Kirmes mit unzähligen in Häusern eingenisteten Ess-, Trink- und Einkaufsbuden die mit einem Schilderwald und sich Bewegenden Fassadeninstallationen von Krabben, Köchen und anderen Kreationen auf sich aufmerksam machen. Der Menschenstrom ist unfassbar – aber wieder laufen zumindest alle Japaner sehr umsichtig herum, dass man höchstens ab und an mit klar als Touristen herausstechenden Individuen sanft zusammenprallt. In einer Seitengasse gibt es eine Art Wagyu-Rind-Tempura. Das muss man Monsieur nicht weiter erklären und schon wird die Köstlichkeit an einer Essbar direkt gegenüber der Küche genossen. Die kleinen aber feinen Portionen ermöglichen es zum Glück mehrmals am Tag die zahlreichen Köstlichkeiten zu probieren. Dann lassen wir uns noch ungefähr eine Stunde mit dem Menschenstrom treiben, bis wir diesen endgültig nicht mehr sehen können. Wir steuern das unweit gelegene Namba Parks Shopping Center an.

Dieses ist eine Art Schluchtenlandschaft in Form eines Gebäudes, dessen Erker, Balkone und Dachterrassen mit Bäumen und Sträuchern parkartig angelegt sind. Ich bin wahrlich kein Freund von Einkaufszentren, aber das ist wirklich einzigartig. Im Innern gibt es auf rund einem Dutzend Stockwerken dermassen viele Läden, dass es wohl gar nicht menschenmöglich ist, alles an einem Tag zu durchstreifen. Wir landen – wer hätte es anders gedacht – in einem der vielen Restaurants. Mit Händen und Füssen schaffen wir es aus den vielen, vielen Menüs sogar eine Eigenkreation zusammenzustellen – denn die in jedem Menu integrierte dritte Miso-Suppe des Tages würden wir wohl nicht mehr überleben. Am Ende erhalten wir Reis mit Niboshi (ungefähr eine Million weisse Baby-Sardinen), verschiedene Sashimi, Lachsrogen, Krebsfleisch und sauer eingelegtes Gemüse. Dazu Sake in einem Glas, das in einer Art kleinen Holzkiste steht, die ebenfalls mit Sake gefüllt ist. Auf Anweisung der Kellnerein trinken wir auch brav das Schächtelchen aus, nachdem wir bereits ein weiteres Gläschen nachbestellt und natürlich wieder nicht verstanden haben, wie sich die Angelegenheit richtig trinkt. Kaum zu glauben, dass wir in einem Shopping-Center Restaurant sitzen. Schlecht oder auch nur passabel essen scheint in Japan einfach nicht möglich zu sein.

Unwillig reissen wir uns los und besteigen den Zug zum auf einer künstlichen Insel im Meer gelegenen Flughafen. Dort beziehen wir ein sehr schönes Hotelzimmer. Aber der geplante Absacker scheitert vorerst an der fehlenden Hotelbar. Also stolpern wir durch die bereits schliessenden Läden des Flughafenkomplexes, kaufen ein paar Mitbringsel und schliesslich in einem Kiosk einige Dosen Abschieds-Highballs, die wir in einem der Raucherräume aus der Plastiktüte fischen und „geniessen“.

Am nächsten Tag frühstücken wir nochmals japanisch, integrieren aber für einen psychohygienisch weniger schmerzhaften Schnitt ein wenig Speck, Rührei, Pancakes usw. Die Abfertigung um Flughafen läuft angenehm landestypisch. Schlangen, die schon die blanke Panik aufkommen lassen, dass man den Flug niemals pünktlich erreichen wird, sind in wenigen Minuten passiert. Wir besteigen eine würdevoll gealterte und mit neuem Interieur ausgestattete Boeing 747 der Lufthansa. Die Sitze sind weit bequemer, auf dem Bildschirm sieht man was man sehen will und nicht nur Regenbogenfarben und Spiegelungen und auch das Essen ist wesentlich besser als auf dem Hinflug. Trotzdem wären gerne noch viel länger geblieben und unsere Neugier wurde durch den Besuch dieses einzigartigen Landes nur noch weiter angestachelt.



Bahnhof Kyoto


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Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Japan - Tokyo, Kyoto, Osaka 5.00 2

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