DELHI gefühlt!

Reisebericht

DELHI gefühlt!

Reisebericht: DELHI gefühlt!

Delhi und Jaipur gefühlt in der Monsunzeit.
Fühlen statt abhaken von Sehenswürdigkeiten, sich die Zeit nehmen statt Zeitvorgaben übernehmen. Denn - die Zeit, Eindrücke zu verarbeiten ist kein Luxus.
"Touristen wissen nicht, wo sie waren - Reisende wissen nicht, wo sie hingehen" (Zitat)

Delhi - Jaipur Spätsommer 2016

„Delhi gefühlt“ (2016)
Zehn Hände greifen nach unseren Koffern – mir fehlen kleine Rupee-Scheine. In Indien lernt man, sich durchzusetzen: „Ji nahii“, sage ich und blicke in 5 Paar grösser werdende Augen. Ich weiss, was sie denken, die selbsternannten Kofferträger: „Die Gori (Weisse) spricht ja Hindi“ –
Delhi: Gefühlte 40 Grad und 90% Luftfeuchtigkeit. Monsunzeit, in Delhi meist in abgeschwächter Form.
Am Prepaid-Schalter der ‚Delhi Traffic Police’, ausserhalb des Terminals, lösen wir unser Taxiticket. Da wir alleine reisen, wählen wir diesen Weg, um ins Hotel zu kommen, welches zwar unseren Shuttle noch „saver“ anbietet, aber genau zum 10fachen Preis, dafür mit 5er BMW.
Immer, wenn ich in ein Taxi in Indien besteige, bin ich neugierig auf das Armaturenbrett - ein Ganesha, Götterbilder, einen Buddha, ein Bild eines Rishis, Guru Jis? Da höre ich schon die klassischen Sätze im Taxi, wie sie wohl jeder Indien- Reisende immer wieder zu hören bekommt: „First time in India“ (ich rate jedem „nein“ zu antworten!) und „are you married“ (hier ist ein Nein fatal) ebenso bei der Frage „Children?“ – Antwortet man mit Nein und dann 2 Mal mit Ja, dann gestaltet sich die Weiterfahrt sicherer. Im ersteren Fall wirkt man nicht wie ein Greenhorn, welches man gleich auf den ersten Metern schon ..... kann (obwohl meine Hindilehrerin, sie ist aus Delhi, sagt: „Cheating“ is everywhere). Die Familienfragen sind für jeden Inder einfach essentiell.
Und – da mir lieber ist, unser Driver blickt beim Fahren auf die Strasse - sage ich ein beherztes Ja.
„Crowdy“ nimmt in Delhi eine solche Unfassbarkeit an, dass wir es niemandem erklären können. Wie kann man hier Driver sein? Ereilt sie alle der plötzliche Herztod, nach Jahren solchem Stress auf der Strasse? Ich muss immer lachen, wenn mich jemand zuhause fragt: Und, mietet ihr ein Auto? – Ja sicher, denn wir sind suizidal und dafür ist uns kein Weg zu weit. – Unser Guide, den wir am letzten Tag in Delhi hatten, meinte zum Fahren in Indien, halb im Scherz halb im Ernst, wir glauben ans Schicksal beim Fahren. Ich frage Ihn, warum es keine Strassenmarkierungen in einer so grossen Stadt gibt? „Das halten wir für Dekoration – und - Autofahren ist hier mehr eine Kunst als reine Fortbewegung.“
Wir fahren durch das Hotel-Tor, werden angehalten, das Auto mit Spiegeln zur Untersicht geprüft und Kofferraum und Motorhaube ausgeleuchtet. Wir und unser Gepäck werden gescannt, wie meistens. Wieder wird mir bewusst, was es bedeutet, in einem relativ sicheren Land zu leben, auch wenn Sicherheit bei uns neu definiert werden muss.
Beim Schlendern durch den Hotelgarten bleiben wir bei einem riesigen Buddha- artigen Kopf stehen. Nein, kein Buddha, wie mir eine reizende Angestellte aus Darjeeling erklärt, eine Mischung von vier Devis (Göttinnen) Lakshmi, Saraswati, Durga und Kali, die Vereinigung aller nutzbringenden Eigenschaften. Pragmatisch eben.
Der Duft von Räucherwerk zieht zu uns herüber, Namasté, wir sind angekommen ... „Was macht ihr 9 Tage in Delhi, da ist man 2-3 Tage, schaut sich die Mogularchitektur an, fährt durch Old Delhi mit der Fahrradrikscha und dann geht es
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weiter zum Golden Triangle. Hast Du keine Angst vor Vergewaltigungen?“ - So ungefähr lautet die Standardkonversation über Delhi.
Ja nun, was soll ich sagen, dass mich eigentlich noch nie interessiert hat, was man macht, oder dass ich keine Reiserouten abhake oder dass es mir schon keinen Spass mehr macht, zu sagen wohin die Reise geht?
Am Connaught-Place fühle ich mich irgendwie unwohl, warum kann ich nicht sagen. In einem Bookshop schläft der betagte Inhaber in einem Sessel mit Beinstütze, schnarcht und wird vom Ventilator in den Schlaf begleitet. Mir werden sofort die neuesten Literaturhits gezeigt, unter anderem von Aravind Adiga (Golden Boy).
Ich suche nach Rupert Snells Hindibüchern, nichts ist den Verkäufern zuviel, mit einem Arm voller Bücher verlasse ich das Geschäft. Mein Mann schaut mich Kopf schüttelnd an. Unser Fahrer Bunty, der uns Rajeev, der Schwager meiner Hindilehrerin, besorgt hat, schaut mich fragend an, als ob er sagen möchte, ah, die indischen Bücher sind besser?
Vor dem Cottage Emporium Industries (Janpath Rd.) stehend, erblicken wir zuerst Horden von flinken Affen, die über den Autodächern Fangen spielen. Beamte und Wächter „bewachen“ alles. Die Regierungsbeamte, die Karmcaris, sind übrigens Hauptakteure der überaus beliebten indische Witze.
... und dann versinken wir auf vier Stockwerken in Sandelholz, Kitsch, Bindis, Räucherwerk, Teppichen, Saris, Schmuck, dem ganzen Pantheon des Universums, und mehr. Trotzdem kaufen wir lieber hier, wo die Preise fix und die Karmcaris sicher auch noch verdienen, aber wir hoffen zumindest, dass die Menschen, die produziert haben, einige Rupees mehr bekommen. Auch wir haben gerne ein gutes Gewissen. Ich möchte einen tanzenden Shiva, einen Nataraja, gefühlte 5 Kg schwer, aus Messing. Mein Mann findet ihn hässlich und zeigt auf einen bemalten mit „Kupfer Finish“. Die Verkäuferin in meinem Alter zwinkert mir verschwörerisch zu und meint: „Nehmen Sie besser den, der Ihrem Mann gefällt, dann haben Sie weniger Probleme!“ - Ganz so kompromissbereit sind wir zuhause nicht ...
Wir schauen uns an, worauf wir gerade Lust haben, Gärten, die Tempel, - Delhi ist wirklich eine Gartenstadt - und kommen dann auf die Idee, doch nach Jaipur zu fahren. Der Sikh, der uns täglich begrüsst und alles tut, damit wir uns wohl fühlen, fragt nochmal nach, „an einem Tag?“ Nun ja...
Bunty holt uns um 05.00 Uhr ab, to crowdy, meint er immer wieder. Je weiter weg von Delhi je mehr Monsun. Fahles Morgenlicht, Schlamm, massenhaft Kühe auf dem Mittelstreifen der Strasse, Massen von Menschen in nassen Kleidern, Armut, Kinder am Pipi machen unter kleinen Plastikblachen, unter denen die obdachlosen Familien leben, und die allgegenwärtigen Abfallberge in Indien.
Das muss Aravind Adiga mit der „Dunkelheit“ gemeint haben, mit dem er den Norden Indiens in seinem Roman „Der weisse Tiger“ bezeichnet.
Wir wohnen in Luxushotels, damit wir tagsüber die Armut ertragen und uns dann abends umschmeicheln lassen von den umsorgenden Indern, die uns jeden Wunsch von den Augen ablesen. – Wie streng sollen wir mit uns sein? Wieviel ertragen wir und womit belohnen wir uns für das Aushalten und abwechslungsweise „Hin- und weggucken“?
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Mein Mann liegt nach dem Besuch des Amber Forts in Jaipur im Wagen. Das für Jaipur berühmte Blockprinting (Stoffdrucktechnik) bekommt er nicht mehr mit: Übelkeit, ohne Streetfood? Oder einfach die Erinnerung an Hunger und Armut im Süditalien der 50 und 60er Jahre?
Ich springe also im Regen mit „Bunty“ durch die Pink City, wimmle Führer ab, die Bunty anschleppt, aus Angst, plötzlich vom „Driver zum Guide“ von mir befördert zu werden. „My husband is sick!“ Da ist er wieder, der Grund, warum ich immer wieder diese Hassliebe Bharat (Indien) brauche, es ist die Fürsorge bei allem „cheating and fighting“, es ist der Mensch und seine Art. Jeder gibt uns Tipps, was bei einem verdorbenen Magen das beste ist. Ja - wenn ein Volk darüber Bescheid weiss, dann die Inder.
Ingwer, steamed Rice mit Yoghurt, black Tea mit Zitrone und, und, und.
Bunty tastet ihm den Puls und kramt eine vermutlich Jahre alte Tablette, die bei 50 grad im Auto immer mitreiste hervor und gibt sie ihm.
Mit dem Tuk Tuk durch Pfützen, Taubenschwärme, zum Hawa Mahal und einer Rundumsicht von Jaipur trinken wir Chai, um Paolos Magen „aufzuräumen“.
Ich glaube eher, ihm liegen andere Dinge auf dem Magen. Aber da müssen wir jetzt durch, trotz mehreren Stunden Stau...
Am 4. Tag testen wir das „App von Ola Cab“, dem populären Taxianbieter, der sich besondere Sicherheit auf die Fahnen schreibt. Das App setzt aber eine indische SIM Card voraus. Nach dem 3. Hindi sprechenden Fahrer klappt es, und das vertraute Englisch begrüsst mich am anderen Ende der Leitung. Ich danke aber trotz allem Rajeev für seinen Fahrer Bunty, der uns am nächsten Tag wieder begrüsst mit der Frage: „Ihr wart gestern den ganzen Tag im Hotel?“ – „Chalo, lass uns fahren, Bunty“ Die nächsten Tage stehen ganz unter dem Motto, .... Am Ende des Tages gehen wir dorthin, wohin wir gerufen werden:
In Indien sagt man: „Jagah aap ko aapnae paas bulati hai“ – „The place calls you“
Sights, Gegensätzliches, Skurriles und unser eigener Rhythmus, Old Delhi (was von Einheimischen nicht Old Delhi sondern Chandni Chowk genannt wird).
Als wir nach historischen Touren zum Stadtteil Saket in die Shopping Mall Select City Walk reinschnuppern, ist es wie überall in der Welt: eben westlich und austauschbar – aber eben nicht ganz! Ich frage meinen Mann, ob ihm was auffällt? Das Publikum hier ist völlig anders als bei uns:
Ganz junge Massen von Mittel – und Oberschicht-Zöglingen. Kaum andere Altersgruppen. Bei uns ist das Verhältnis gerade umgekehrt - spannend.
Doch hier in Delhi gibt sich Frau indischer, als in Mumbai. Die „Mumbaians“ haben öfters auch einmal einen flotten Haarschnitt. In Delhi habe ich ein einziges Mal eine Frau mit modischem Kurzhaarschnitt getroffen, und das war in unserem Hotel. Ich meine hier nicht die langen Haare, die den Rupees oder einem religiösen Entwicklungsschritt weichen mussten, sondern jene, die modische Zugehörigkeit ausdrücken sollen.
Delhi ist Verwaltung, Regierung, Business, Geschichte pur, Garten und Modernität Auch sind die Slums, zwar nicht versteckt, aber nicht so überbordend wie in Bombay (in Bombay wird die Stadt meistens Bombay und je nach Situation Mumbai genannt), die Stadt der Träume, von der jeder hier den Satz kennt „Mumbai meri jaan!“ – Mumbai meine Liebe.
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Mumbai ist Business, Bollywood, Traumfabrik, Illusion, Gewalt, Mafia, Kampf um Existenz und Skala aller „Daseinsformen“ auf dieser Erde. Für Ausländer ist es allerdings eine grosse Herausforderung - und Träume - für uns hier schwer zu erkennen.
Für Salman Rushdi: eine „kaputte Stadt“!
Der Tourismus-Slogan „incredible India“ läuft hier zur Hochform auf, in jeder Beziehung.
Nun – nach Indien ist vor Indien...



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Kommentare

  • Blula

    Ich sage DANKE für diesen herausragenden Bericht.
    Du hast Delhi und Jaipur wahrhaftig gefühlt und es Dir m.E. auf geradezu einzigartige Weise gelungen, Deine Erlebnisse, ja, Deine Gefühle so zu formulieren, dass sie beim Leser auch richtiggehend ankommen.
    Beeindruckend und ich kann nur sagen : LESENSWERT !
    LG Ursula

  • u18y9s26

    Mit großem Vergnügen habe ich deinen kenntnisreichen Essay einer Reisenden mit Zeit durch das unglaubliche Indien gelesen. Danke! LG Ursula

  • Chrissi

    Auch ich bin ganz angetan von diesem wunderbaren Reisebericht, auch weil er sich von den sonst meist üblichen so unterscheidet. Sehr gut.
    LG Christel

  • INTERTOURIST

    Ich kann mich nicht erinnern je was besseres über Delhi und Indien gelesen zu haben. "Der Gott der kleinen Dinge" mal außen vor gelassen. Hassliebe ist es bei mir. Bin ich länger als ein oder eineinhalb Wochen da, glaube ich die indische Realität nicht mehr ertragen zu können. Bin ich zu Hause will ich wieder hin. Am schwersten fällt es mir nach einem Tag mit dem allgegenwärtigen Elend, Schmutz und Kastenirrsinn, mich in einem wattegepackten Disney-Indien Hotel zurechtzufinden. Deshalb wähle ich meist einfachste Unterkünfte.

    Viele Grüße
    Jörg

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