Jahreswechsel auf Arabisch

Reisebericht

Jahreswechsel auf Arabisch

Reisebericht: Jahreswechsel auf Arabisch

Sonne, Meer und orientalisches Flair: In der ersten Januarwoche haben wir im Süden von Marokko täglich volle zehn strahlende Stunden Sonnenschein genossen und sind eingetaucht in eine farbenfrohe, lebendige, manchmal geheimnisvolle Welt.

silvester in agadir

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Wie so oft im grauen deutschen Winter wünschen wir uns Sonnenschein und ein bisschen Wärme. Da wir keine Lust auf einen Langstreckenflug und Jetlag haben, kreisen wir mit imaginärem Zirkel über den Globus und landen … in Marokko. Agadir lässt uns hoffen: auf durchschnittlich sechs Sonnenstunden pro Tag, ein bisschen orientalisches Flair und die Vorstellung, im Hammam auf heißen Kacheln liegend ordentlich durchgewalkt zu werden.

Die Auswahl fällt auf ein Hotel, das im Internet im Gegensatz zu den Clubhotels bekannter Namen einen etwas authentischeren arabischen Eindruck vermittelt. Allerdings: im Ryad Mogador al Madina wird kein Alkohol ausgeschenkt. Dies mag so manches Urlaubsklientel direkt schon einmal abschrecken. Stattdessen gibt es einen Gebetsraum für Männer und einen für Frauen. Und der ferne Ruf des Muezzins bei Sonnenuntergang wird nicht von Popgedudel übertönt.

Wir sind gespannt, wie der Jahreswechsel auf Arabisch funktioniert. Im Islam feiert man ja eigentlich nicht den 1. Januar, sondern den 16. Juli als Neujahrstag – im Gedenken an den Propheten Mohammed, der an jenem Tag im Jahr 622 nach Christus mit seinen Anhängern von Mekka nach Medina auswanderte, um dort das erste islamische Staatswesen aufzubauen.

Doch die Gelegenheit zu feiern lassen auch die Marokkaner nicht aus. Am Strand ist eine große Bühne mit gewaltiger Lichtanlage aufgebaut, auf der ein DJ für Stimmung sorgt. Geschätzt mehr als zehntausend Menschen, vorwiegend Einheimische, kommen am Silvesterabend dort zusammen um zu feiern. Ohne Alkohol, aber bester Laune. Es fällt auf, wie viele junge Männer im Alter zwischen 15 und 25 Jahren die Promenade bevölkern. Mädchen dieser Altersgruppe gibt es sicherlich genau so viele, doch weit weniger von ihnen sieht man draußen in der Öffentlichkeit. Neben vielen westlich gekleideten Jugendlichen sieht man auch eine große Zahl von Menschen jeden Alters in traditioneller Tracht: Männer und Frauen in langen Gewändern, sogenannten Djellabas.



Ausblick auf Agadir

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Ganz ohne Alkohol: Silvester im „Dry Hotel“

Privates Feuerwerk ist strikt verboten, und die von der Polizei engmaschig bewachten Marokkaner halten sich, soweit für uns sichtbar, ausnahmslos an das Verbot. Ein beeindruckendes „offizielles“ Feuerwerk ist allerdings am Strand von Agadir aufgebaut. Von der Dachterrasse unseres Hotels haben wir den perfekten Blick darauf. In unserem sogenannten „Dry Hotel“ können wir zwar nicht mit Sekt anstoßen, doch das tut der Begeisterung keinen Abbruch.

Bereits von weitem nicht zu übersehen ist der bei Dunkelheit leuchtende, große arabische Schriftzug am Berg von Agadir: Gott, König, Vaterland. Bei einem unserer Strandspaziergänge diskutiere ich mit meinem Mann, was wohl in Deutschland so prominent an einen Berg geschrieben sein könnte. Wir leiten die Frage auch per Whatsapp an Freunde weiter und erhalten prompt die Antwort: „20 Prozent auf alles außer Tiernahrung“. Klingt lustig, aber irgendwie ist schon etwas Wahres an dieser Aussage.



Verliebt in Agadir

Immer wieder begegnen wir am Strand verliebten jungen Paaren, die flirtend, lachend und turtelnd spazieren gehen oder eng umschlungen im feinen Sand sitzen. Zwar sind die Mädchen meist züchtig verhüllt, doch dies hindert sie offensichtlich nicht am Austausch von Zärtlichkeiten mit ihren Liebsten. Vielleicht sogar im Gegenteil. Schließlich sind sie unter ihren üppigen Stoffhüllen aus der Distanz nicht zu erkennen. Ob sie die bei uns so begehrte Bikinifigur haben, sieht man unter dem wallenden Tuchwerk ebenfalls nicht. Keine schlechte Tarnung eigentlich.

Lebens- und Spielfreude strahlen auch die vielen jungen Männer aus, die den Niedrigstand des Atlantiks bei Ebbe nutzen, um im vom Wasser planierten Sand Fußballfelder abzustecken und zu kicken. Barfuß mit abgewetzten Lederbällen. Zum Schutz der Haut vor der Reibeisenwirkung des mit feuchtem Sand beschichteten Fußballs tragen manche Socken. Das regelmäßige Toben und Rennen am Strand hat ihre Körper athletisch geformt. Wir bewundern die Energie und Ausdauer der Hobbyfußballer.



Strand von Agadir

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Lust auf Bewegung und Entdeckung

Sandskulptur Neujahr 2017

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Unser 16-jähriger Sohn freut sich über die angenehme Gesellschaft der jungen Araber, die ihn immer wieder ansprechen, um Beach Ball, Volleyball oder Fußball mit ihm zu spielen. Ich selbst verspüre ebenfalls einen unbändigen Bewegungsdrang, den ich bei ausgedehnten Spaziergängen und beim Ballspielen auslebe. Geschlossene Räume suchen wir in dieser Woche nur zum Essen und Schlafen auf, selbst der zuvor erträumte Hammam-Besuch wird ausgelassen. Zu kostbar ist in der kurzen Urlaubswoche die Zeit, zu groß der Hunger nach Sonne, Bewegung und Entdeckung. Wellnesstempel können wir schließlich auch im winterlichen Deutschland aufsuchen.



Leben und leben lassen

Liegen wir tatsächlich mal ein paar Minuten am Strand, werden wir sofort von Händlern angesprochen, die uns Obst, Gebäck, Kleidung, Schmuck, Handys oder in der Sahara gesammelte Edelsteindrusen verkaufen wollen. Da es zurzeit relativ wenige europäische Touristen am Strand gibt, müssen die umtriebigen Händler weite Wege gehen, um ab und zu ein Geschäft zu machen. Wir verstehen ihre Not und lassen uns hier und da auf einen Handel ein. Wir feilschen wie die Berber, bezahlen am Ende aber meist dennoch überhöhte Preise - nach dem gern angeführten Motto „leben und leben lassen“. Den meisten Händlern müssen wir allerdings doch eine Absage erteilen, es sind einfach zu viele.



Agadir Silvester

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Rundumblick von der Kasbah

Kasbah Agadir

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So schön es ist, die tosende Brandung des Atlantiks zu beobachten, sich gedankenverloren der Suche nach hübschen Muscheln und bunten Fliesenscherben hinzugeben, so wollen wir doch auch über den Tellerrand unseres Küstenstreifens hinausschauen. Wir beginnen mit einer Taxifahrt auf Agadirs 236 Meter hohen Hausberg zur halb verfallenen Kasbah aus dem 16. Jahrhundert. Als Agadir 1960 durch ein Erdbeben nahezu vollständig zerstört wurde, blieben immerhin die alten Festungsmauern zum Teil erhalten. Von hier haben wir einen großartigen Ausblick auf die Stadt, die Marina, den Fischerei- und den Handelshafen. Für ein bisschen Bakschisch erzählt uns ein junger Marokkaner etwas zur Geschichte der Kasbah und über die Umgebung. Ungeachtet unserer Bemühungen mit Schulfranzösisch, spricht er deutsch mit uns. Die Sprache hat er, wie viele Marokkaner, nicht in der Schule, sondern im Umgang mit deutschen Touristen erlernt. Wir sehen unzählige Fischerboote, die in Richtung Hafen tuckern und erfahren, dass Agadir einer der wichtigsten Fischerhäfen des Landes und führender Exporteur von Sardellen und Sardinen ist.



Marokkanische ''Road-Show"

Transportmittel mit einem...

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Verlässt man das Touristen-Viertel von Agadir per Taxi oder Ausflugsbus, wird der wuselige Straßenverkehr zum spannenden Erlebnis. Wir staunen über exotische Verkehrsteilnehmer: Eselkarren, 30 Jahre alte Mercedes Diesel mit sieben Insassen, die als Sammeltaxi fungieren, Kleintransporter, deren Laderaum randvoll mit Menschen ist, sowie Mopeds, auf deren Gepäckträger sich Kartons mit rohen Eiern stapeln. Außerhalb der Stadt wird es bald ruhiger auf der Straße, immer wieder begegnen wir Hirten, deren Herden im Straßengraben grasen. Wir wundern uns über Menschen, die irgendwo im Nirgendwo teilnahmslos am Straßenrand oder auf dem Mittelstreifen der vierspurigen Landstraße nach Taroudant sitzen.



Durch die fruchtbare Souss-Ebene

Eingang zum Souk Taroudant

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Die Straße führt durch die Souss-Ebene, eine der fruchtbarsten Gegenden Marokkos. Bananen werden hier angebaut, Zitrusfrüchte, Oliven, Gemüse und Getreide. Kaktusfeigenhecken begrenzen einzelne Felder. Typisch für die Region sind natürlich auch die Arganbäume, die dank ihrer bis zu 30 Meter langen Wurzeln in den trockeneren Lagen gedeihen. Aus ihren nussartigen Früchten gewinnen Frauen in aufwendiger Handarbeit das wertvolle Arganöl. Wir entdecken unterwegs eines der beliebtesten Fotomotive Marokkos: Ziegen, die bei ihrer Futtersuche auf den Arganbäumen herumklettern. Ein Fotostopp ist unerlässlich.



Traum aus 1001er Nacht

Taroudant

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Bald erreichen wir die alte, von einer kilometerlangen und sechs Meter hohen Lehmmauer umgebene Berberstadt Taroudant. Sie wird zu Recht auch als „Klein-Marrakesh“ bezeichnet. Auf den engen, verwinkelten Gassen des urigen Basars, Souk genannt, herrscht buntes, geradezu märchenhaft orientalisches Treiben. Wir sehen kaum Europäer, sondern fast ausschließlich einheimische Bevölkerung, die hier ihren Geschäften nachgeht. Hier gibt es nichts, was es nicht gibt. Früher konnte man sich auf dem Souk an Sonntagen und mittwochs für 10 Dirham (1 Euro) sogar einen Zahn ziehen lassen. So wuselig die Szenerie wirkt, hat man doch stets das Gefühl, dass die Uhren hier langsamer laufen, die Menschen mehr Zeit haben. In Djellabas gehüllte Männer mit braunledernen Gesichtern stehen zusammen oder sitzen klönend im Café. Ein altes, auf Schulkindgröße gekrümmtes Mütterchen bahnt sich seinen Weg an den Ständen vorbei und streckt die Hand für ein Almosen aus.

Auf dem zentralen Platz packt gerade, als sei er bestellt, ein Schlangenbeschwörer seine Kiste aus. Er hebt eine schwarze Kobra heraus und platziert sie vor sich auf einen Teppich. Wir haben die Kamera schon im Anschlag, als unser Reiseführer betont, dass wir für ein Foto bezahlen müssen. Das ist es uns wert. Nicht nur die Giftschlange, sondern auch der stechende Blick und die sich windenden Bewegungen des Schlangenbeschwörers ziehen uns in den Bann und sorgen für ein wohliges Gruseln.



Gemüse vom Souk

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Ausflug in die Oase

Oase Tiout

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Wir wären gern noch länger in Taroudant geblieben, doch unser Ausflugsprogramm sieht die Weiterfahrt zur Oase Tiout vor. In der Kasbah von Tiout essen wir eine hervorragende Hühnertajine und Couscous mit Gemüse. Das köstliche Mahl wird mit aromatischen Mandarinen aus der Region und einem „marokkanischen Whisky“, sprich stark gesüßtem Minztee, beschlossen. Beim anschließenden Spaziergang durch die mit Dattelpalmen, Granatapfelbäumen, Bananenstauden und Getreide bepflanzte Oase glauben wir uns im Paradies wiederzufinden. Ein wenig traurig stimmen uns allerdings die aufs Betteln abgerichteten Kinder des Berberdorfes.



Yallah, yallah

Zu einem richtigen Marokko-Urlaub gehört natürlich auch ein Kamelritt. Wir buchen eine zweistündige Tour zur Mündung des Flusses Souss, wo man aus einiger Entfernung, gerade noch erkennbar, Flamingos beobachten kann. Auf dem Rücken unserer Dromedare schaukeln wir an den streng bewachten Sicherungsanlagen des Königpalastes vorbei durch einen Eukalyptuswald dem Sonnenuntergang entgegen. Nach einiger Zeit gewöhnen wir uns an die eigentümliche Bewegung der Dromedare. Wir lassen die Haltegriffe los, werden zunehmend locker in der Hüfte und fühlen uns sehr entspannt. Zurück geht es „yallah, yallah“ im Dunkeln. Der freundliche Kamelführer erzählt uns unterwegs vom Leben seiner Berberfamilie in den Bergen. Mit dem Moped benötigt er eine halbe Stunde nach Hause. Nach unserer Tour muss er noch die Tiere versorgen, dann hat er Feierabend.



Ohne Stoßdämpfer in Richtung Süden

"Klein-Sahara"

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Ein stoßdämpferamputiertes Offroad-Fahrzeug steht anderntags bereit für einen Ausflug in Richtung Süden. Auch wenn ich noch nicht genau weiß, wie ich das schwere Ding nach Hause schleppen soll, kann ich nicht widerstehen, unterwegs in einer Keramikmanufaktur eine Tajine zu kaufen. Wir fahren auf holpriger Sandpiste zu einer Steilküste, wo Fischer in Klippenhöhlen wohnen. Weitere Ziele des Tages sind der Souss Massa-Nationalpark, die Silberstadt Tiznit, die Dünen der „kleinen Sahara“ und der Stausee Youssef Ben Tachfine. Hier entdecken wir auf der Staumauer den marokkanischen Wahlspruch wieder: Gott, König, Vaterland.



Überbordende Fülle

marokkanische Orangen

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Ein Vormittag muss natürlich dem Besuch des riesigen „Souk el Had“ in Agadir gewidmet sein. Der Basar hat alles zu bieten, was man sich vorstellen kann: Hier werden nicht nur Obst und Gemüse regionaler Erzeuger verkauft, sondern auch Möbel geschreinert und Gewänder genäht. Nachgemachte Markenklamotten und -Schuhe gibt es natürlich auch, ebenso Touristen-Tinnef aller Art. Der überwiegende Teil der Waren ist allerdings für einheimische Kunden bestimmt: zu Bergen gehäufte versilberte Teekannen und Tajines, Gewürze und Naturheilmittel, Haushalts- und Baumarktartikel, aber auch billige, gebrauchte Kleidung sowie gebrauchte Schuhe.

An den Fleischständen des Souk von Agadir kann man hervorragend Anatomiestudien betreiben. Hier gibt es keine abgepackten Schnitzel, sondern ganze Tierhälften, Beine inklusive Huf, Köpfe, Innereien, Gehirn. Kein Stück vom Tier, das hier nicht offen und erkennbar präsentiert wird. In der Geflügelabteilung erhält man Lebendware: vom Küken über die Legehenne bis zum Truthahn. Auf Wunsch werden die Tiere vor Ort geschlachtet und gerupft. Nicht unbedingt etwas für sensible Gemüter, doch so sieht nun mal die Realität aus, wenn man Fleisch essen möchte. Ob deutsche Schlachtfabriken „humaner“ sind, wagen wir zu bezweifeln.
Bei Jamal, einem ebenso freundlichen wie gewieften Händler, tragen wir uns nicht nur ins Gästebuch ein, sondern investieren ganze 40 Euro in Gewürze und Tee. Damit wir die verlockenden Aromen des Orients auch zuhause nachschmecken können.



Wiedersehen macht Freude - Inschallah

Der letzte Nachmittag ist bis zum prachtvollen Sonnenuntergang noch einmal dem entspannten Treiben am Strand vorbehalten. Ein sympathischer Student aus der nach Unabhängigkeit strebenden Region Westsahara spielt wieder Beach Ball mit unserem Sohn, er würde sich freuen, uns irgendwann mal wiederzusehen. Inschallah.



Atlantikküste

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Kommentare

  • Sternensilber

    Silvester ohne Schampus hat auch was, wie man in Deinem Bericht liest und wir auch immer wieder erleben. In der einen Woche habt Ihr richtig schön was erlebt. Marokko ist ein angenehmes Winterziel mit viel weniger Touristen. Schöner Bericht.
    LG
    Anne

  • Blula

    Auch mir hat dieser Bericht ausnehmend gut gefallen. Ich habe große Lust, auch noch einmal nach Marokko zu reisen. Inschallah.
    LG Ursula

  • SchroedingersKatze

    War noch unter König Hassan mal über den Jahreswechsel in Taroudannt - noch etwas traditioneller als in Agadir, welches wir nur streiften - Strand war nicht angesagt, dafür eine Oasentour entlang des Draa bis hinter Zagora....Angenehme Erinnerungen! Vllt gibts mal ne Trekking-Tour im Anti-Atlas, Marokko ist ja sehr vielseitig.
    LG Ulf

  • u18y9s26

    Danke für diese schöne Idee! LG Ursula

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