ALTES EISEN IM PARADIES

Reisebericht

ALTES EISEN IM PARADIES

Reisebericht: ALTES EISEN IM PARADIES

Eine kleine Gruppe junger Leute hat im tschechischen Dorf Mladejov etwas vollbracht, das niemand für möglich gehalten hätte. Sie retteten in der ländlich geprägten Gegend ein Stück Industriegeschichte.

Catch the Sun

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Tschechien war für mich touristisch ein weißer Fleck. Obwohl ich mehrmals durch die ehemalige ČSSR gefahren bin und mehrmals in Prag war, kannte ich weder das „Böhmische Paradieses“ noch den europäischen Geopark.
Bekannt war mir die Schamottefabrik in Mladějov, die bis 1991 auf ihrer Werkeisenbahn zwei der seltenen Stütztender-Dampflokomotiven einsetzte. Doch die Schamottefabrik wurde zum 31.12.1991 geschlossen und so wurden auch die Lokomotiven nicht mehr gebraucht.
Heute sind noch sechs Stütztenderlokomotiven betriebsfähig erhalten und werden an einigen Wochenenden vor Touristenzügen eingesetzt. Spezielle aber seltene Fotoveranstaltungen versuchen das Flair und realistische Zugbildungen in das digitale Zeitalter zu retten. Das zunehmende Alter der Fahrzeuge, die fortschreitende Modernisierung rund um die Eisenbahn und strenge Sicherheitsauflagen machen dies aber immer schwieriger.
Anders ist die Situation im tschechischen Mladejov, wo sich ein Verein aus mehrheitlich sehr jungen Leuten ehrenamtlich für den Erhalt des technischen Denkmals und die seltene Lokomotivbauart bemüht. Große Teile des Werkgeländes der ehemaligen Schamottefabrik wurden inzwischen von der Natur zurückerobert. Dennoch macht es der Verein möglich, den aufwendigen und personalintensiven Transport mit der Bahn, vom zehn Kilometer entfernten unterirdischen Stollen, zum Werk nachzuerleben.



TEAM

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Der April 2017 geht als einer der ungemütlichsten seit Jahrzehnten in die Annalen ein. So bestimmen Regen und Wind diesen düsteren Morgen in Mladejov, an dem ein Zug mit der 1920 gebauten Lok Nummer 1 das Werkgelände mit einem Zug leerer Loren Richtung Schachtanlage verlässt. Lange steht eine weiße Säule aus kondensierten Abdampf der Lok in der kalten Luft und es riecht nach Steinkohlerauch, Öl und Dampf. Als der Zug in die 90 Gradkurve einschwenkt und sich in die erste Steigung müht, hat es auch endlich aufgehört zu regnen. Stählernes Scheppern der leeren Loren zerreißt die ländliche Stile zwischen Kohlfeldern und Wald, als der Zug die Gruppe von 20 technikbegeisterten Fotografen passiert. Sie sind aus Kanada, den USA, aus Japan, der Schweiz, den Niederlanden, Großbritannien, Russland und allen Teilen Deutschlands hierher gereist, um die Lokomotiven vor authentischen Zügen zu erleben.



level crossing

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Der Zug, auf seiner nur 60 Zentimeter breiten Spur, schlängelt sich die Berghänge hinauf, taucht immer wieder in die bewaldeten Hänge ein, um unter blühenden Bäumen pfeifend aus den Büschen zu zischen und die kläffenden Dorfköter zu erschrecken.
In einem solchen Dorf, in dem die Bahn eine Straße quert, müssen ein „PRAGA“ Bus aus dem Jahr 1947 und ein LKW aus dem Jahr 1945 warten bis der Zug vorüber ist. Beide Fahrzeuge sind wohl nicht ganz zufällig hier, denn sie werden ebenfalls vom Verein betreut. Die Besucher freut es, denn für einen Moment fühlt man sich wirklich in die „gute alte Zeit“ zurückversetzt.
Pfeifend stampft die kleine Lokomotive weiter bergan. Einst befanden sich rechts und links des Bahndamms Stollen, Halden und Seilbahnen mit denen Schamotte gefördert wurde. Diese Anlagen sind heute jedoch kaum noch auszumachen. Die Vereinsmitglieder erzählen dem interessierten Besucher viel über die Geschichte dieser Gegend und halten so die Erinnerungen an die harten Arbeits- und Lebensbedingungen in diesem Landstrich wach.
Mitten im Wald macht der Zug einen Halt. Mit einem eigens mitgeführten Schlauch und einem Pulsometer an der Lokomotive, wird hier Wasser aus einem Brunnen gesaugt, damit die Lok ihren Durst stillen kann.



Der Lokführer

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Auf der Fahrt durch den Wald passiert der Zug mehrere kleine Stationen an denen Fahrpläne ausgehängt sind. Die einstige Industriebahn ist heute in den Monaten Mai bis September eine Touristenbahn, die in kleinen Personenwagen Wanderer in die ausgedehnten Wälder, am südlichen Rand des „Böhmischen Paradieses“ bringt. Diese, weitestgehend unbekannte Landschaft, geprägt von Wäldern und Sandsteinformationen, steht seit 1955 unter Naturschutz und ist seit 2005 Teil des europäischen Geoparks.
Die Touristenzüge fahren bis zur Station „Hřebeč Gerhard“ bei Kilometer 6,5. Unser Charterzug fährt aber weiter durch die Wälder, in denen die Strecke sanft ansteigt. Alle hundert Meter eröffnen sich auch hier interessante Motive. Endstation ist vor den verfallenen Werkanlagen nahe Březina. Hier endet die Strecke, die Lok wird umgesetzt und rollt mit der klappernden Fuhre wieder zu Tal. Wie einst, ist der Zug mit drei Bremsern besetzt, die bei der Talfahrt verhindern, dass sich der beladene Zug verselbstständigt. Da kein Schamott mehr gefördert wird, sind die Wagen heute leer. Voll sind dagegen die Filmrollen und digitalen Datenträger. Jeder bringt seine persönlichen Eindrücke aus diesem Landstrich mit nach Hause. Einigen wird es hier so gefallen haben, dass sie wiederkommen werden. Dem Verein ist zu wünschen, dass in Zukunft noch mehr Besucher den Weg in das nur 90 Kilometer östlich von Prag gelegene Örtchen finden und den Verein mit einem Ausflug in die Wälder unterstützen.
Auch die Reisegruppe mit Teilnehmern aus aller Welt wurde nicht enttäuscht. Am Nachmittag des ersten Tages und am Vormittag des zweiten Tages wurde das Wetter zunehmend besser und es entstanden tausende Aufnahmen in der jeder seine ganz eigenen Interpretationen der Motive festhielt. Die Vereins-Kanine in Mladějov hält für die Besucher üppige und gehaltvolle Mahlzeiten der traditionellen böhmischen Küche bereit und Vieles ist so günstig, dass es sich kaum in Euro umrechnen lässt. Wir bedanken uns herzlich für das Engagement des Vereins und für die Bereitschaft Überstunden zu machen. Lange vor unserem Eintreffen in tiefschwarzer Nacht musste die Lokomotive angeheitzt werden und nach unserer Abreise musste man die Kantine grundreinigen.
Wer jetzt Lust auf eine Zeitreise in die böhmischen Wälder bekommen hat wendet sich an den Verein in Mladejov (http://www.mladejov.cz/verejne-jizdy). Bei Interesse an einer Reise speziell für Foto- und Videografen, bei der alles in richtige Licht gesetzt wird, ist FarRail Tours der richtige Ansprechpartner (https://www.farrail.com).

Sbohem a bavit – Auf Wiedersehen und viel Spaß


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Kommentare

  • traveltime

    So eine Reise mit dem Zug, ist eine Reise wert.
    LG Rolf

  • Blula

    Täte mir auch gefallen, so eine Nostalgie-Eisenbahnfahrt und dann auch noch durch diese herrliche Gegend. Schade, dass das Wetter nicht durchweg mitgespielt hat.
    Ein schöner Bericht und ich ein guter Tipp zugleich.
    VG Ursula

  • Sternensilber

    Schön, dass es noch Vereine gibt, die solch »Alte Eisen« wieder zum Leben erwecken. Ein toller Tipp um dem Trubel in Prag auch mal auszuweichen.
    LG
    Anne

  • astrid

    Oh ja, ich habe ganz viel Lust bekommen zumal ich leidenschaftliche Bahnfahrerin bin. Danke für den Tipp und den netten Bericht.
    LG Astrid

  • INTERTOURIST

    VIELEN DANK FÜR DIE EMPFEHLUNG

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