Abenteuer Danakil. Teil 3: Dallol - "Rhapsodie in Farben"

Reisebericht

Abenteuer Danakil. Teil 3: Dallol - "Rhapsodie in Farben"

Reisebericht: Abenteuer Danakil. Teil 3: Dallol - "Rhapsodie in Farben"

"Höllenpfuhl der Schöpfung" nannte einer der ersten Europäer, der die bizarre Landschaft der Danakil-Wüste kennenlernen durfte, das Geothermalfeld des Dallol. Dort erleben wir das letzte Highlight einer außergewöhnlichen Reise.

Kurzer Rückblick

Beim Abstieg vom Erta Ale waren wir auf die düsteren Wolken eines abziehenden Gewitters zugegangen. Einzelne Blitze und ferner Donnergroll hatten zu dem Szenario am Krater und dem Lavasee gepasst, nicht aber zu den Vorstellungen, die man von einer Wüste hat - vor allem nicht, wenn sie als eine der trockensten, wenn nicht gar als die trockenste der Welt gilt. Etliche Male waren dann unsere Wagen in den trügerischen Untergrund der unter Wasser stehenden Piste eingesackt. Wenn auch mit teilweise großen Anstrengungen hatten unsere Boys die Wagen zum Glück immer wieder frei bekommen.



"Ende der Fahnenstange!"



Errettung aus "Seenot"?

Nun aber ist guter Rat teuer! Wir haben das Ende eines gewaltigen Lavafeldes erreicht und sehen uns einer fast völlig unter Wasser stehenden Ebene gegenüber. Durch die müssen wir irgendwie durch, um auf die Asphaltstraße zu gelangen, auf der wir nach Norden zum Geothermalfeld Dallol fahren wollen. Und wir haben nur noch drei Stunden, bis es dunkel wird....

Weit draußen inmitten der Wasserflächen erkennen wir Fahrzeuge. Es muss die israelisch-französische Gruppe sein, die uns am Morgen, als wir gerade wieder einen Wagen ausbuddelten, überholt hat. Wie haben's die nur bis dahin geschafft?! Ob die aber auch weiterkommen?



Unsere Fahrer halten eine Weile mit dem Road Guide "Kriegsrat". Der geht dann 30 Meter vor dem ersten Fahrzeug voran und dirigiert uns parallel zum "mud" auf den sichersten Stellen über die nackte Lava. Dabei werden wir gehörig durchgeschüttelt. Doch da gilt nur eins: "Zähne zusammenbeißen und durch!" Auf der hinteren Sitzbank purzeln wir ein paar Mal durcheinander; das führt aber nur zu Gelächter und nicht zu "Stress" untereinander. Glücklicherweise sind wir alle hart im Nehmen.



Über nackte Lavafelder



"Wenn das nur gut geht!"

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Doch irgendwann ist vorbei mit lustig. Jetzt gibt es keine Ausweglösung mehr, wir MÜSSEN durch den "mud". Und der "mud" greift sich schnell das erste Opfer.



Das war's dann wohl!



Das zweite und das dritte folgen. Es wird gebuddelt und geschoben. Nichts hilft. Ziehen kann auch kein Wagen mehr. Bis auf "mein" Fahrzeug, das "nur" halb festsitzt, sind alle anderen manövrierunfähig. Eine Stunde lang versuchen die Boys noch ihr Bestes, dann geben sie auf. Wir müssen die Nacht hier auf irgendeiner trockenen Stelle verbringen - in der Hoffnung, dass das Wasser morgen früh abgelaufen oder versickert ist. Dazu ist natürlich allererste Voraussetzung, dass es in der Nacht nicht erneut gewittert.



Rien ne va plus!



Aus den Wasserflächen schaut glücklicherweise eine langgestreckte "Sandbank" heraus. Nur dort können wir die Zelte aufstellen. Bisher war es ja stets das vorausfahrende Küchenteam gewesen, das die Zelte aufgebaut hat. Jetzt müssen wir selbst Hand anlegen. Was meine Person betrifft, ist es Jahrzehnte her, dass ich das mal in einer Sommerfreizeit oder bei der Bundeswehr getan habe. Da hat man noch schwere Metallstäbe zusammengesteckt und sogenannte Heringe in den Boden geschlagen. So stehe ich erst einmal recht ratlos vor dem modernen Material, das die Boys aus den gestrandeten Fahrzeugen herbeitragen. Mit ein paar Tipps meiner anderen "Schiffbrüchigen" sowie den stets hilfreichen Methoden "learning by doing" und "trial and error" schaffe ich es tatsächlich, meine Koje für die Nacht herzurichten.



Notbiwak in der Wüste



Wenige Minuten später steht die Sonne nur noch knapp über dem Horizont und taucht die "Wasserwüste" in goldenes Licht. Romantische Gefühle wollen sich aber bei mir unter den gegebenen Umständen nicht einstellen. Im Bild will ich die Szenerie dennoch festhalten.



Sonnenuntergang in der Danakil-Wüste.



Ein Riesenlob müssen wir dann wieder unseren Fahrern und der Küchenmannschaft zollen, die am schief im Schlamm steckenden Pick-up unter schwierigsten Bedingungen ein Abendessen für uns hervorzaubern und es die gut 80 Meter über den glitschigen Boden zu unserer "Abendmahl-Tafel" auf der "Sandbank" herübertragen. Es ist wohl erst 20 Uhr, als wir uns alle schon in unsere Zelte zurückziehen. Meine letzten Gedanken drehen sich nur um die Frage, ob ich wohl nachts dadurch geweckt werde, dass sich meine Matratze langsam von unten her mit Wasser vollsaugt...

Doch nichts dergleichen geschieht. Um 6 Uhr schaue ich neugierig aus meinem Zelt. Von Wasser ist bis auf ein paar Pfützen weit und breit nichts zu sehen! Nur grauer Wüstenboden! Wir sind noch einmal davon gekommen! Petrus hatte ein mitleidvolles Einsehen mit uns! 20 Minuten später mache ich mein Sonnenaufgangsfoto in entgegengesetzter Richtung vom Vorabend. Langgezogene Sandrücken wechseln sich mit schmalen Wasserzungen ab.



Sonnenaufgang über der Danakilwüste



Glitschig, klebrig, schmierig.

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Um uns herum hat sich eine skurrile Oberflächenform gebildet, wie ich sie noch nie gesehen habe. Ich nenne sie kurzum "Badewannen-Landschaft". Wie flache Wannen wirken die Kuhlen, die noch vor Feuchtigkeit glänzen. Getrennt werden sie voneinander durch Stege oder Rippen, die einen recht stabilen Eindruck machen. Wie sollen da nur unsere Fahrzeuge drüber weg fahren können, wo doch selbst die Fläche zwischen unseren Zelten und den verstreut im Schlamm steckenden Jeeps noch glitschig und klebrig ist?!



"Badewannen-Landschaft"



Zahllose Heuschrecken - farblich an den Schlammboden angepasst - haben sich, wie von Geisterhand gerufen, über Nacht eingestellt. Bejubeln sie etwa die unerwartete Feuchtigkeit und sind zu neuem Leben erwacht? Sind sie etwa die ersten Vorboten einer der zehn biblischen Plagen?



Nur Schlamm, kein Futter!



Frühstück der Gestrandeten

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Unsere Boys haben wohl schon in der ersten Morgendämmerung damit begonnen, die Wagen wieder flott zu bekommen. Drei stehen bereits beieinander auf festem Grund und am vierten machen sie sich gerade zu schaffen. Sie haben dann sogar die Zeit, uns beim Abbau der Zelte behilflich zu sein. Mit einem guten Frühstück endet schließlich unser unfreiwilliges Biwak in der Wüste. Ende gut, alles gut? Noch sind wir nicht "raus". Head Driver Tesfaye meint, dies sei jetzt seine 18. Fahrt zum Erta Ale gewesen, doch so etwas habe er noch kein einziges Mal erlebt. Es sind keine Ängste, die sich bei uns einschleichen, aber eine gewisse Besorgnis, wie und ob wir hier wohl heil rauskommen, ist jedem von uns auf die Stirn geschrieben.



Der "Spuk" ist vorbei.



Diese Sorge ist zum Glück unberechtigt, denn die Jungs finden eine erfolgversprechende Route an der Kuhlenlandschaft vorbei. Die schnell gestiegene Sonne hat auch ihr Übriges dazu getan, dass sich der Boden relativ gut verfestigt hat. In Schlangenlinien fahrend, lassen wir immer mehr dieses unwirtliche Stück Wüste hinter uns. Dann ein Jubelgeschrei! Wir haben wieder Asphalt unter unseren Rädern! Wer atmet jetzt tiefer durch? Die gepeinigten Rücken oder unsere geschundenen Seelen? Welch ein erhebendes Gefühl nach der langen Juckelei und Schuckelei mit ungewissem Ausgang seit gestern früh!



Die Straße hat uns wieder!



Auf neuer Straße nach Dallol

Ich frage Johnny, ob diese nagelneue Straße wie so viele in Äthiopien ebenfalls von den Chinesen gebaut wurde. Er verneint, will aber nicht so recht mit der Sprache raus, wer es denn nun gewesen ist. Erst viel später erfahre ich, dass das äthiopische Militär diese Pionierarbeit geleistet hat und zwar nach 2012, als es zu den Todesfällen am Erta Ale und zu Scharmützeln mit Eriträern im Grenzgebiet gekommen war. Am grenznahen Geothermalfeld Dallol, unserem Tagesziel, wurde ein größerer Militärposten eingerichtet und der muss schließlich schnell erreichbar sein.



Glatter Asphalt! Welch eine Wohltat!



Straßenneubau in der Danakil

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Die Straße ist wirklich eine bauliche Meisterleistung. An steileren Abschnitten existieren sogar zwei Fahrstreifen aufwärts. Mit unserer Wagenkolonne klettern wir immer höher in die Berglandschaft hinein, die die westliche Begrenzung des Grabenbruchs im Afar-Dreieck bildet. Bald befinden wir uns ca. 1000 Meter über der Danakilsenke! Letztlich bleibt mir aber die Streckenführung rätselhaft. Warum zieht man die Straße die Berge hinauf, um dann doch weiter im Norden wieder in die Danakilsenke zurückzufinden?



Neue Straßen erschließen die Wüste.



Der Blick von einem Satelliten im Weltraum möge meinen Leserinnen und Lesern noch einmal die Lageverhältnisse des eingebrochenen Afar-Dreiecks mit seinen steil aufragenden Gebirgsrändern in Erinnerung bringen. An der bläulichen Farbe deutlich zu erkennen sind im Norden die tiefsten Stellen der Danakil-Depression. Auf die steuern wir jetzt zu. Dort liegt das Geothermalgebiet Dallol.



Das Afar-Dreieck aus dem All



Unverkrampft

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Es ist schon zur Gewohnheit geworden, dass wir, um der Mittagshitze zu entgehen, eine Pause einlegen. Dazu bietet sich in einem Bergdorf eine gute Gelegenheit in einer kleinen Imbissstube. Diese wird von einer freundlichen Frau und ihren zwei Töchtern geführt. Offensichtlich sind sie nicht aus der Gegend. Dagegen sprechen zum einen die Kreuze, die sie als Schmuck am Hals tragen und die sie als Christen ausweisen; zum anderen trägt die Mutter ihre Haare in der typischen Art der Tigray im Hochland. Bereitwillig stellen sich alle für ein paar Fotos zur Verfügung.



Heute lege ich meine Hände in den Schoß.



Gestärkt und gut erholt brechen wir nach einer Stunde wieder auf und folgen der neuen Straße immer weiter durch die Berge nach Norden. Die karge Landschaft hat es uns überaus angetan und so folgt ein kurzer Fotostopp auf den anderen. Das Erfreuliche ist dabei, dass die Initiative dazu vom Führungsfahrzeug ausgeht, so dass niemand in den nachfolgenden Wagen groß darum bitten muss.



Am Rande des Afar-Dreiecks



Die Gesteine, die hier den Rand des Rift Valleys bilden, sind mesozoische Sedimentgesteine, die beim langsamen Auseinanderdriften der kontinentalen Landmasse und dem damit einhergehenden Einbrechen des Grabens zerbrochen sind und gekippt wurden. Der Schattenwurf durch die bereits weit im Südwesten stehende Sonne unterstreicht diese Gesteinslagerung.



Gebrochene und verstellte Gesteinsschichten 1



Als es wieder merklich abwärts geht, überholen wir die erste Kamelkarawane. Sie ist auf dem Rückweg von Bere Ale (Berhale), dem Hauptumschlagplatz für Salz vom Dallol. Dort wird das Salz seit einiger Zeit auf Lastwagen umgeladen, die es anschließend weiter ins Binnenland transportieren. Nur wenige Karawanen ziehen heute noch weiter. Früher war ihnen nicht einmal der Weg bis in den Sudan zu weit.



Auf dem Weg in die Salzwüste. 1



Mit Futter statt Salz geht's...

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Was aber tragen die Kamele auf ihrem Rückweg zum Dallol? Gar nichts zu transportieren wäre unwirtschaftlich. Es muss etwas sein, das es im Salzabbaugebiet nicht gibt. Bei genauem Hinschauen kann man erkennen, was sich in den Säcken befindet: Grünfutter! Das leuchtet ein, denn dort, wohin die Karawane unterwegs ist, wächst kein einziger Grashalm. Wie sollten die Tiere also zu ihrem Futter kommen, wenn sie es nicht selbst mitbrächten?!



Auf dem Weg in die Salzwüste. 2



Gegen 17 Uhr haben wir die Niederung erreicht. Das Thermometer ist jetzt wieder auf 38 Grad im Schatten geklettert. Das ist - aus entgegengesetzter Richtung betrachtet - "kühl" genug, dass sich die Salzkarawanen auf den etwa 75 Kilometer langen Weg hinauf nach Bere Ale (Berhale) machen. Die erste Karawane, die uns entgegen kommt, wird angeführt von Eseln. Auch vor ihnen liegen 75 Kilometer! Wie viel Schritte mehr werden ihnen wohl abverlangt im Vergleich zu ihren hochbeinigen "Kollegen"?



Salzkarawane: Auch die Kleinen müssen ran.



Der hohe Funkmast in der Ebene vor uns zeigt an, dass wir das Dorf Ahmed Eyla mit dem Militärstützpunkt erreicht haben - genau 24 Stunden später als geplant. Dem Jahrzehnt-Ereignis "Regen in der Wüste" haben wir zu "verdanken", dass wir hier nur eine Nacht verbringen werden und unser Besichtigungsprogramm gehörig kürzen müssen. Als ich unsere Nachtunterkunft erblicke, muss ich erst einmal kräftig schlucken.

Vor ein paar erbärmlichen Hütten aus Knüppelgestänge stehen etliche Holzpritschen auf wackelig wirkenden Beinen. Wenn man wolle, könne man sich aber auch eines unserer Zelte aufbauen lassen. Ich will. Schlafe ich doch lieber auf dem Boden, als dass ich damit rechnen muss, dass mein "Diwan" zusammenkracht, sollte ich mich etwas zu schwungvoll in der Nacht umdrehen.
30 Meter abseits steht eine - sogar überdachte! - Stangenkonstruktion, die als Toilette bezeichnet wird. Nun denn, wenigstens ist man vor den Blicken anderer geschützt. Da lob ich mir doch unsere Buschtoilette am Awash River, auch wenn man da Gefahr lief, von einem Krokodil angeknabbert zu werden. Auf Wasser werden wir natürlich verzichten müssen. Ein Lob auf den Erfinder der Erfrischungstücher!



Unser Nachtlager am Dallol



Das "weiße Gold" der...

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Direkt an unserer beinahe biblisch erscheinenden Herberge vorbei zieht jetzt eine Karawane nach der anderen hinein in die untergehende Sonne. Die Kamele ertragen willig die zentnerschwere Last der Salzplatten und trotten gleichmütig hintereinander her. Den Abstand zwischen ihnen regelt ein Strick zwischen Schwanz des "Vordermanns" und Kopf des "Hintermanns". So ist ein gleichmäßiges Tempo der ganzen Gruppe gesichert. Wie ich ihnen so zuschaue und meine Fotos mache, frage ich mich, wie oft Mensch und Tier diesen langen, beschwerlichen Marsch wohl schon gemacht haben? Alles wirkt in höchstem Maße routiniert; so als gäbe es nichts anderes auf der Welt.



Ein langer Marsch beginnt.



Vor den Dahintrottenden türmt sich in der Ferne die Gebirgsmauer auf, die sie im Dunkel der Nacht erklimmen wollen. Das 75 Kilometer entfernte Bere Ale werden sie mit Gewissheit nicht bis zum nächsten Morgen erreichen. Sicherlich werden sie noch zwei- oder gar dreimal tagsüber rasten. Das bedeutet natürlich auch, dass die Männer die Tiere mehrfach von ihrer schweren Last befreien müssen, um sie dann am folgenden Morgen wieder neu zu beladen. Welch eine Strapaze unter diesen klimatischen Bedingungen!! Ich mag gar nicht darüber nachdenken, was für einen "Hungerlohn" die Karawanenführer dafür wohl erhalten.



Weit ist der Weg.



Der Gebirgsmauer entgegen.

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Angesichts der neuen Straße stellt sich natürlich auch die Frage, wie lange dieses uralte "Ritual" noch Bestand haben wird. Warum holen Lastwagen das Salz in Bere Ale und nicht bereits hier ab - sozusagen "an der Quelle"? Müssen die Eigentümer der Kamele für den Erhalt ihrer Lebensgrundlage kämpfen? Nehmen sich die verantwortlichen Afar vielleicht sogar das Recht heraus, LKWs aus dem Hochland den Zugang zum Dallol zu verwehren? Fragen, auf die ich leider keine Antwort gefunden habe.



Wenn die Sonne sinkt...



Im Anschluss an das wie gewohnt sehr ordentliche Abendessen unseres tüchtigen Küchenteams gehe ich noch mit einigen aus meiner Gruppe zu dem Militärstützpunkt, wo ein größeres Zelt als Bar dient. Dort wollen wir uns nach langer Entbehrung ein Fläschchen Bier gönnen. Etliche Soldaten, Polizisten und auch ein paar Touristen hocken vor einem Fernseher. Den hätte ich "am unwirtlichsten Ort der Erde" auch nicht unbedingt erwartet. Über den Bildschirm flimmern Bilder von einem terroristischen Anschlag. Erst als Präsident François Hollande spricht, bekomme ich mit, dass es im "Bataclan" in Paris ein Massaker gegeben hat. Es ist der 15. November 2015.

Mein Gott, geht es mir durch den Kopf, ich hatte doch so große Befürchtungen, dass mir hier in der Danakil-Wüste etwas Schlimmes widerfahren könne, und nun passiert etwas noch viel Schlimmeres mitten in Paris! Wo ist man auf dieser Welt eigentlich noch sicher?! Das Bier will bei diesen Nachrichten und den Bildern auf der Mattscheibe einfach nicht so richtig schmecken.



Besonders frisch fühle ich mich am nächsten Morgen nicht; dazu war es in der Nacht trotz weit geöffneter Zelttür einfach zu heiß gewesen. Vielleicht hätte ich doch mit einer der Pritschen unter dem Sternenzelt Vorlieb nehmen sollen. Schnell hinaus und ein Foto vom Sonnenaufgang gemacht! Dann schon geht's ans Packen, denn nach unserem Ausflug zum Geothermalfeld werden wir direkt die Rückfahrt ins Hochland antreten. Es ist wirklich schade um den einen verlorenen Tag.



6 Uhr 25 am Dallol-Camp



Kurz bevor wir um 7 Uhr 30 aufbrechen wollen, bekomme ich "Damenbesuch". Meine "Wüstenblume" kommt zum Foto-Shooting!

Am Vorabend war mir die hübsche junge Frau aufgefallen. So wie sie sich verhielt, hatte ich angenommen, dass sie die "Herrin der Holzpritschen" sei, soll heißen, die "Hoteldirektorin". Von dem Blitzlicht-Foto, das ich von ihr gemacht hatte, waren wir beide nicht sehr angetan und mit ein wenig Englisch verständigten wir uns darauf, dass wir es am Morgen noch einmal versuchen sollten.

Nun steht sie also tatsächlich vor mir, deutet auf meine Kamera, die ich um den Hals trage, und lächelt mich an! Als "Anstands-Wauwaus" hat sie noch einen jungen Burschen und ein kleines Mädchen dabei. Ihren Freund? Ihren Mann? Ihre kleine Schwester? Oder ist sie mit ihren 21 Jahren vielleicht gar die Mutter? Alles Fragen, die ich in der Kürze der Zeit nicht klären kann. Unter viel Gelächter geht es nur um ein paar Fotos.



Die "Hoteliers" von Ahmed Eyla?



Später kommen mir ganz andere Gedanken. "Wüstenblume" heißt auf Somalisch "Waris" und da gibt es eine weltberühmt gewordene "Blume" namens Waris Dirie. Sie entstammt einer somalischen Nomadenfamilie und eroberte neben Naomi Campbell als farbiges Model die Laufstege von Paris, Mailand und New York, wurde zu einer Bestseller-Autorin und zur Aktivistin im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM).

Könnte nicht das Schicksal etwas Ähnliches mit "meiner" Wüstenblume vorhaben? Wer weiß, welche Fähigkeiten in dieser schönen Frau schlummern? Fähigkeiten, die jedoch unentdeckt bleiben und in dieser trostlosen Einöde "am Ende der Welt" nicht zur Geltung kommen können.
Hat diese Frau etwa auch das Martyrium der Genitalverstümmelung durchleiden müssen? Und kann aber nichtsdestotrotz so voller Lebensfreude in meine Kamera schauen!



"Blume der Salzwüste"



Und das Kind, das uns so belustigt zuschaut? Ist ihm womöglich schon jenes blutige, grausame Ritual erspart geblieben? Denn niemand anders als der von mir schon im zweiten Teil dieses Berichts erwähnte Rüdiger Nehberg hat es in seinem Kampf für Menschenrechte geschafft, die Afar davon zu überzeugen, dass das Entfernen der Klitoris und der äußeren Schamlippen menschenverachtend sei.

Und es waren die Afar, die als erstes Volk die Konsequenzen aus der Botschaft einer von Nehberg und höchsten islamischen Gelehrten 2006 in Kairo abgehaltenen Konferenz gezogen haben. Der Oberste Rat für Islamische Angelegenheiten und sämtliche Clanführer erklärten am 6. Juli 2007 per Gesetz die Genitalverstümmelung als nicht vereinbar mit grundlegenden Werten des Islam und stellten sie unter Strafe. "Klein-Waris" könnte davon schon profitiert haben.

(Näheres zu diesem Thema unter: https://www.target-nehberg.de)



Belustigt



Geothermalfeld Dallol

In unseren Fahrzeugen müssen wir nun alle etwas enger rücken, denn vier Soldaten sind zu uns gestoßen, um uns sicher zum Dallol und wieder zurück zu bringen. Es ist ja nicht auszuschließen, dass sich von der nur 8 Kilometer entfernten Grenze zu Eritrea ein Kommando auf den Weg gemacht hat, den Tourismus in der Danakil-Wüste empfindlich zu treffen. Nicht die "ungläubigen" Touristen wären das eigentliche Ziel, sondern man würde dem Erzfeind Äthiopien Schaden zufügen wollen. Für betroffene Touristen würde das aber wohl kaum einen Unterschied machen....



Salz, nichts als Salz 1



Als wir in die topfebene Salzwüste hineinfahren, zeigt das Thermometer bereits 39 Grad, wo es doch noch früh am Morgen ist. Mit 120 Metern unter dem Meeresspiegel befinden wir uns an der tiefsten Stelle des äthiopischen Teils der Danakil-Wüste. (Nur in Dschibuti geht es mit 150 Metern noch tiefer.) Liegt es daran, dass es hier auch nachts nicht so abkühlt, wie man es von anderen Wüsten gewohnt ist?

Warum ist das Salz hier braun? Ich habe doch Fotos gesehen von Karawanen, die sich durch eine weiße Landschaft bewegen. Ist das Salz hier etwa durch einen Staubsturm so braun gefärbt worden? Oder hat das Salz hier andere chemische Beimengungen? Derartige Fragen stellen sich in der Folgezeit noch viele.



Salz, nichts als Salz 2



Woher rührt die eigenartige Struktur der Oberfläche? So weit man sehen kann, ist der Boden mit einem Netz von Polygonen überspannt. Ganz regelmäßig scheinen sie nicht zu sein. Möglicherweise sind es Fünf- oder Sechsecke. Im Permafrostbereich der Tundra gibt es Ähnliches. Dort geht die Formbildung auf den Wechsel zwischen Frost und Auftauen zurück. Aber hier? In dieser Hitze? Ohne die nächtliche Abkühlung unter Null?! Wieder bleibt eine Frage offen.



Durch die Salzwüste zum Dallol



Der bislang "uferlose" Horizont erhält plötzlich eine Begrenzung in Form eines Felsgebirges, das sich schroff aus der Ebene erhebt. Das "Salt Canyon" genannte Gebiet wollen wir uns etwas näher anschauen.



Salzgebirge des Dallol



Die "Felsen" dieser Mondlandschaft bestehen aus Steinsalz, Anhydrit und Gips und sind Zeugen des Verdampfens und Auskristallisierens eines Armes des Roten Meeres, das vor einigen Millionen Jahren noch bis hierher gereicht hatte. Durch Hebung gewaltiger Gesteinspakete war dann eine Barriere zum Roten Meer entstanden und der abgetrennte Arm trocknete langsam aus. 1000 Meter mächtig ist die "Salzfüllung", auf deren Oberfläche wir jetzt stehen.



Riesen-Hor​nitos im Salz-Canyo​n



Die Barriere zum Roten Meer besteht noch heute. Stellenweise überragt sie in Dschibuti
das Meeresniveau aber nur um 20 bis 30 Meter. So ist es lediglich eine Frage der Zeit, wann bei dem weiteren Absinken des Afar-Dreiecks sich das Rote Meer in dieses Gebiet ergießen wird. Die hier lebenden Afar brauchen sich allerdings keine allzu großen Sorgen über eine neue "Sintflut" machen. Bis es dazu kommt, sollen - so die Wissenschaftler - noch schlappe 20 bis 30 Millionen Jahre ins Land ziehen.....



Im Salz-Canyo​n



Einer der "Hornitos" genannten Salztürme erinnert mich an die Erdpyramid​en auf dem Ritten bei Brixen, die viele meiner Leserinnen und Leser sicherlich aus eigener Anschauung kennen. Ist es dort größeres Geröllmaterial, das wie eine "Schutzkappe" über dem darunter befindlichen weichen Material liegt und somit dessen Abtragung verhindert, so ist es hier ein "Kopf" aus hartem Gips. Auf dem folgenden Foto kann man im Hintergrund auch zwei Hornitos erkennen, denen ihre Gipskappe abhanden gekommen ist. An ihnen wird die Erosion also leichter nagen können und sie werden sich ihres Lebens nicht mehr so lange erfreuen können wie ihr "glücklicherer" Artgenosse im Vordergrund. Wenn es in diesem Klima ohne Frost und mit nur äußerst wenig Regenfällen auch sehr, sehr lange dauern wird....



"Pilzfelsen" im Salzgebirge des Dallol



Nach diesem kurzen Abstecher fahren wir noch ein kleines Stückchen weiter und halten dann am Fuße einer braunen, überaus gestaltlos wirkenden Aufwölbung. Wir sind am Ziel, heißt es. Wie bitte? Dies soll das legendäre Farbwunder Dallol sein?! Das kann doch wohl nicht wahr sein! Und doch, es ist wahr!

Der Dallol erhebt sich tatsächlich uhrenglasförmig nur etwa 30 Meter aus der Salzebene heraus. Sein "Wunder" verbirgt sich in einem weiten, flachen Krater auf seiner Höhe.



Hinauf auf den Dallol



Rätselhafte Salzbildung 1

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Beim Aufstieg über den wegelosen Hang komme ich an eigenartigen Gebilden vorbei, die wie runde, glattpolierte Tischplatten auf niedrigem Sockel aussehen. Im ersten Moment denke ich, das sei hier wohl so etwas wie im amerikanischen Nationalpark "Petrified Forest", denn die "Tischplatten" sehen so aus, als wären sie zu Stein gewordene Baumquerschnitte. Doch das sind sie garantiert nicht. Was dann aber?
Ein neues Rätsel. Nur eines ist sicher: Die "Tische" bestehen aus Salz. Aber wie lässt sich ihre ungewöhnliche Form erklären?



Rätselhafte Salzbildung 2



Etwas weiter oben glaube ich, meinen Augen nicht trauen zu können! Vom Rand der braunen amorphen Salzmasse schaue ich in ein Meer von leuchtenden Farben. Dieser Anblick ist so überwältigend, dass er kaum in Worte zu fassen ist. (Foto bitte anklicken und auf + in der Bildmitte zur Vergrößerung klicken!)



Farbwunder Dallol 1



Was sehen wir da und wie kann so etwas zustande kommen?
Im Bereich des Dallol ist die Erdkruste sehr dünn; angeblich nur 3000 bis 6000 Meter. Das glutflüssige Magma des Erdmantels reicht also erheblich höher hinauf als andernorts. Zu dieser Konstellation kommt nun noch, dass vom äthiopischen Hochland Wasser in großer Tiefe hierher abfließt. Dieses Wasser wird durch das Magma erhitzt und unter hohen Druck gesetzt. Dadurch wird es nach oben gepresst, wobei es im Untergrund Salze und Mineralien löst und mitnimmt. Nach seinem Austritt verdunstet das Wasser recht schnell und die Mineralien und Salze kristallisieren sich aus, das heißt, sie verfestigen sich.



Farbwunder Dallol 2



Die Farbvielfalt vor uns geht also auf die verschiedensten Mineralien zurück. Hinter dem Weiß verbergen sich Salz und Kalium, hinter dem Gelb und seinen Abstufungen Schwefel, Eisen wird rostbraun und rot. Und so gibt es noch zahlreiche andere Mineralien mit ihren charakteristischen Farbeigenschaften. Leider haben wir keinen Geologen oder gar Mineralogen unter uns, der uns weiterhelfen könnte. Doch letztlich ist es der optische Eindruck, der uns alle in Staunen und Verzückung versetzt. Was sich hier vor mir auftut, stellt einfach alles, was ich bisher an Vergleichbarem irgendwo auf der Welt gesehen habe, weit in den Schatten!



Salzlake-P​ool



In diese Wunderwelt treten wir jetzt ein und ich weiß nicht, wohin ich meine Kamera zuerst richten soll. Es ist schier unfassbar!
Unfassbar ist aber auch, dass es keine markierten Wege gibt, auf denen man diese Welt erkundet - so wie ich es vom Yellowstone Park in den USA kenne. Man kann hier kreuz und quer herumlaufen! Man muss es sogar! Dass man nicht zu nah an einen mit heißem Wasser brodelnden Pool herangeht, versteht sich von selbst. Aber wie sicher ist der Untergrund sonst? Ich habe ein etwas mulmiges Gefühl.

Das ist gar nicht mal so abwegig, denn später lese ich, dass "Dallol" in der Sprache der Afar "Ort der Auflösung" oder auch "Ort ohne Wiederkehr​" heißt. Und das nicht von ungefähr, denn nicht wiedergekehrt ist schon so mancher, sei es dass er in einen Säurepool gefallen, in den Untergrund eingebroch​en oder einfach "nur" der mörderisch​en Hitze erlegen ist. Letzteres wird mir nicht passieren, denn das Thermometer ist jetzt "nur" auf "läppische" 40 Grad gestiegen...



Landschaft wie auf einem fremden Planeten



Einem Korallenteppich gleich. 2

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Noch aus einem anderen Grund habe ich ein etwas mulmiges Gefühl. Ich habe Angst, dieser Wunderwelt Schaden zuzufügen. Der "Boden", über den wir hinweglaufen, besteht teilweise aus einem dichten Teppich kleiner Kristalltürmchen, die mich an Korallen erinnern und die zerbrechlich aussehen. Doch zum Glück sind sie steinhart und zerbersten nicht unter meinen Tritten. Es bröckelt nicht einmal etwas ab. Wie sie wohl entstehen? Das nächste Rätsel....



Einem Korallenteppich gleich. 1



Was die Formen betrifft, so fallen natürlich die zahllosen kleineren und größeren "Türme" auf.
In einer TV-Dokumentation über vulkanische Aktivitäten auf dem Ozeanboden am Mittelatlantischen Rücken habe ich schon solche Türme gesehen. Dort sind es die sogenannten "Black" und "White Smokers". Die "Schornsteine" entstehen, wenn heißes Wasser aus der Tiefe aufsteigt und mitgebrachte Mineralien in dem kalten Tiefenwasser der Umgebung auskristallisieren lässt. So können die "Smokers" wie Korallenstöcke meterhoch in die Höhe wachsen. Hier im Dallol geschieht praktisch der gleiche Vorgang an der Erdoberfläche.



Hornito im Geothermalfeld Dallol



Hornitos im Babystadiu​m

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Sehr passend finde ich den Namen, den sich die Wissenschaftler für diese Gebilde haben einfallen lassen: Hornitos, abgeleitet vom Spanischen "horno" für "Ofen". Hornitos sind also "Kleine Öfchen".
An zahllosen Stellen kann man sie in ihrem - sozusagen - embryonalen Zustand von nur wenigen Zentimetern Größe sehen. Aus vielen tritt feiner Dampf aus, der sie Millimeter um Millimeter wachsen lässt, bis sie vielleicht eines Tages so groß geworden sind wie der rostrote im obigen Bild.



Hornitos, wohin man schaut.



Über meiner Begeisterung für dieses Naturspektakel vergesse ich die mörderische, zum Glück wenigstens trockene Hitze. Ich vergesse auch, dass wir hier nicht ohne Gefahr durch Menschen sind, die Böses im Schilde führen. Erinnert werde ich jedoch daran, als ich das folgende Foto mache, denn direkt in meiner Blickrichtung hockt auf erhöhter Warte unsere bewaffnete Eskorte. An einem Ort, an dem man nur in "Aaaahs" und "Ohhhhs" über das Wunder der Schöpfung ausbrechen kann, könnten doch tatsächlich tödliche Kugeln durch die Luft fliegen... Unglaublich!



Farb- und Formenspektakel Dallol



Die Farborgie bietet noch eine weitere Farbe. An mehreren Stellen haben sich Pools mit matt oder leuchtend grünem Wasser gebildet. Das Grün des etwa 70 Grad heißen Wassers ist ein Indiz dafür, dass hier hitzeresistente Bakterien leben. So stellt sich die Wissenschaft auch die Entstehung ersten Lebens in einer "Ursuppe" vor.



Zu Gelb, Weiß, Rot und Braun tritt Grün 1



Vom Ufer her kristallisiert das Wasser langsam aus und es bildet sich ein weißer Rand aus Salz. Dieses Weiß wird irgendwann die Oberhand gewinnen. Im Dallol ist alles im Wandel begriffen. Nichts bleibt, wie es ist.



Zu Gelb, Weiß, Rot und Braun tritt Grün 2



Salzlake und...

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Obwohl das Gelb - und damit Schwefel - die Szenerie dominiert, riecht es erstaunlich wenig nach faulen Eiern. Das ist offenbar aber nicht immer so. Wir haben wohl einfach Glück. An manchen Tagen soll nämlich der Geruch, um nicht zu sagen Gestank, so penetrant oder gar ätzend sein, dass den Besuchern Masken empfohlen werden. Zumindest sollte man dann ein Tuch vor Mund und Nase halten.



Farbwunder Dallol 3



Salz, Schwefel und Eisenoxid.

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Als es heißt "Wir müssen weiter!", fällt es mir schwer, der Aufforderung Folge zu leisten. Zu gerne hätte ich hier noch länger verweilt - selbst da jetzt das Thermometer auf 42 Grad geklettert ist. Gerne hätte ich noch die Relikte aus der italienischen Besatzungszeit gesehen, als man hier einige Jahre Kaliumkarbonat (auch Pottasche genannt) abbaute, das als Düngemittel Einsatz fand. Auf Fotos hatte ich ein paar verrostete alte Maschinen und Fahrzeuge gesehen, die inmitten der bunten Welt herrliche Fotomotive abgaben. Das ist nun leider nicht möglich. Noch einmal rächt sich unser "Schiffbruch" am Erta Ale. So bleibt mir nur ein letzter Blick auf diese skurrile, bizarre Welt, ehe ich über das einfarbige Braun des Dallol-Hangs wieder zu unseren Geländewagen zurückgehe.



Farbwunder Dallol 4



Das "weiße Gold"

Wir müssen aber noch nicht vollends von der Salzwüste Abschied nehmen. Nach einigen wenigen Kilometern Fahrt erkennen wir schon von weitem, dass sich aus der endlosen Ebene dunkle Punkte erheben. Schnell wird deutlich, was sich hinter diesen Punkten verbirgt. Es sind Kamele, die teils stehen, teils auf dem Boden liegen, und Männer, die unter sengender Sonne auf der schattenlosen Salzfläche arbeiten.



Salzgewinn​ung in der Danakil-Se​nke



Bei der Arbeit im Salz.

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Hier also wird das "weiße Gold" abgebaut - und das schon seit Jahrhunderten! Langsam nähern wir uns den Arbeitern, winken ihnen einen freundlichen Gruß zu. Bis ich mein erstes Foto mache, dauert es einige Zeit. Es hat etwas Beklemmendes an sich, die Kamera auf Menschen zu richten, die - im wahrsten Sinne des Wortes - im Schweiße ihres Angesichts unter diesen extremen Bedingungen malochen müssen. So ist mir ein Augenkontakt mit meinem Gegenüber und dessen Zeichen, dass ich fotografieren darf, noch mehr am Herzen gelegen als üblicherweise.



Salzarbeiter



An der Abbauweise wird sich wohl kaum etwas geändert haben. Keine einzige Maschine ist zu sehen. Irgendwie scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Statt einen dröhnenden Presslufthammer in das Salzgestein zu treiben, hebt ein Arbeiter immer wieder eine Axt hoch über seinen Kopf, lässt sie abwärts sausen und trennt peu à peu eine quadratmet​ergroße Platte vom Untergrund ab.



Unter sengender Sonne



Maloche bei 42 Grad im Schatten

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Ein Kollege steckt lange Hölzer in eine Öffnung und gemeinsam wuchten sie die Platte hoch. Das setzt voraus, dass das Salz horizontal verlaufende Schichtfugen haben muss, an denen man Hebel ansetzen kann. Nur so kann ich mir erklären, dass man einzelne Platten ablösen kann.



Salzplatten werden zugehauen.

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In gleicher Weise gehen mehrere andere Arbeiter vor. Die Großplatten werden dann in kleinere, gleich große Einheiten zerteilt. Mit einem kurzstieligen Spaten schlagen die Männer das wohl minderwertige, relativ lockere, braune Salz an der Unterseite ab und stapeln die fertigen Platten aufeinander. Zwei werden immer zu einem kleinen Paket verschnürt.



Päuschen für ein Foto



Letzter Arbeitsschritt ist dann das Beladen der geduldig auf dem Boden hockenden Kamele. Sie nehmen es stoisch und klaglos hin, wie die Männer die Salzpakete gleichmäßig im Wechsel an ihren Flanken verzurren. Das ist sicherlich ein genauestens ausgeklügelter Vorgang, dessen A und O darin besteht, dass das Gewicht völlig gleichmäßig verteilt werden muss. Eine einzige Platte wiegt etwa 6 Kilo. So ist gut vorstellbar, dass jedes Kamel eine Last von zwei bis drei Zentnern über die 75 Kilometer bis Bere Ale transportieren muss - einen großen Teil der Strecke bergauf. Wenn man sie dann in ihrer typischen, würdevollen Art daher schreiten sieht, erwecken sie nicht im Geringsten den Eindruck, als würde ihnen diese Last etwas ausmachen.



Die Lastkamele werden beladen.



Während der halben Stunde, die wir beim Salzabbau verweilen, sehe ich keinen einzigen Arbeiter einmal nach einer Flasche Wasser greifen. Offenbar sind sie dermaßen an die erbarmungslose Hitze gewöhnt, dass sie - fast wie die Kamele - lange ohne Wasseraufnahme durchhalten können. Und das, obwohl sie keine Afar sind. Die Afar sind als die Landbesitzer zu Unternehmern geworden und heuern für das Malochen im Salz Arbeiter aus dem Hochland an. Sie selbst übernehmen weiterhin den Transport und den immer noch einträglichen Verkauf. In früherer Zeit war das Salz vom Dallol so begehrt, dass es in Äthiopien sogar als Zahlungsmittel galt.

Ganz in äthiopischer Tradition steht die "Dallol-Open-Air-Coffee-Bar". So nenne ich einfach mal den Verkaufsstand, den die einzige Frau weit und breit am Rand des Abbaufeldes eingerichtet hat. Mit einem kleinen Mäuerchen aus Salzplatten schützt sie ihre Kochstelle vor Wind und Staub und wartet - auf einem Stapel aus Salzplatten, was denn sonst! - auf Kunden. Viele Touristen kommen hier ja nicht vorbei und so denke ich, dass ihre besten Kunden die Salzarbeiter sind. Wir nehmen die Gelegenheit natürlich wahr, unseren Besuch beim "weißen Gold" mit einem guten Tässchen tiefschwarzen Kaffees ausklingen zu lassen.



Open-Air-Kaffeestube im Salz



Treu ergeben und folgsam

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Als wir uns wieder auf den Weg gemacht haben, kommt uns eine Karawane unbeladener Kamele entgegen. Wie lange werden sie wohl noch ihre Rolle spielen können in dem Jahrhunderte alten Kreislauf zwischen Wüste und Hochland? Neuerungen werden wohl auch hier nicht aufzuhalten sein. TV und Handy haben je bereits erfolgreich den Anfang gemacht.



Noch "unbeschwert"...



Epilog

Gegen Mittag verlassen wir die Danakil-Wüste und klettern mit unseren Fahrzeugen den steilen Rand des Rift Valleys immer höher hinauf. Dabei fällt die Temperatur kontinuierlich von anfangs 42 auf die angenehme deutsche Sommertemperatur von 24 Grad an unserem Tagesziel Mekele. Am größten aber ist die Freude über die erste Dusche nach vier Tagen in ungewohnt großer Hitze und ohne Waschgelegenheit. Wir sind sozusagen "zurück in der Zivilisation". Den folgenden Tag verbringen wir in der Region nördlich Mekele um den Ort Wukro und besichtigen mehrere Felsenkirchen. Die 800 Kilometer zwischen Mekele und Addis Abeba legen wir in zwei Tagesetappen zurück. Der letzte Tag ist einer Stadtbesichtigung und einem Besuch von Lucy im Nationalmuseum gewidmet. Mit dem Nachtflug nach Frankfurt geht es wieder Richtung Heimat.

Eine anspruchsvolle, gute Kondition erfordernde Reise ist zu Ende gegangen. Die gesammelten Erlebnisse und Erfahrungen lassen alle Strapazen vergessen, denn sie waren einmalig und einzigartig.

Das beste Video, das ich im Internet über den Dallol gefunden habe, trägt den Titel "The Unearthy Scenery of Dallol". Es dauert 12 Minuten und kann über folgenden Link aufgerufen werden:
https://www.youtube.com/watch?v=C3crB69ZCeM


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Kommentare

  • Blula

    Hartmut, nun habe ich mich doch gerade getraut (;-)), Dir in den Höllenpfuhl der Schöpfung zu folgen, wollte doch diese wirklich abenteuerliche Reise wenigstens virtuell miterleben. Es ist Dir mit diesem glanzvollen Erlebnisbericht gelungen, mich nicht nur für die außergewöhnlichen Farben dieser Region, die so weit abseits der Touristenpfade liegt, zu begeistern, sondern auch für all die anderen Gegebenheiten. Deine Fotografien sprechen für sich, so wie immer, und Deine Schilderungen sind so lebendig, heiter ( ich nenne nur als Beispiel das Fotoshooting mit der "Hoteldirektorin") und ... sie sind teilweise richtig packend. Abenteuer pur, kann man nur mal wieder sagen. Ich denke, Du hast all die Strapazen bald vergessen können, denn was Du während dieser Gewalttour alles erleben konntest, das ist schon gewissermaßen einmalig.
    Danke für diesen wirklich außergewöhnlichen Reisebericht, der mindestens ebenso lesenswert ist wie die Teile 1 + 2.
    LG Ursula

  • tumtrah

    Liebe Ursula,
    ich bin ganz gerührt ob deiner geradezu überschwänglichen Worte. Sei ganz herzlich gedankt! Ich muss sagen, dass mir das Schreiben diesmal auch mehr Spaß gemacht hat als sonst. Obwohl die Reise ja schon ein starkes Jahr zurücklag, war sie mir noch ungewöhnlich präsent und ich fühlte mich wieder "mitten drin". Übrigens, natürlich existiert auch ein Foto von der "Hoteldirektorin", meiner "Wüstenblume", und mir, doch das habe ich lieber zurückgehalten.
    Liebe Grüße
    Hartmut

  • bezi

    Ich kann mir gut vorstellen, daß du gerade diese Reise niemals mehr vergessen wirst. Für die Strapazen unterwegs bist du belohnt worden mit unglaublichen Eindrücken. Das was du hier schreibst und an Bildern zeigst, ist schon einmalig. Dieser 3. Abschnitt deiner Reise scheint mir die Krönung gewesen zu sein, nicht nur was die Farben angeht.
    Ein Fünfsterne-Bericht, wie immer. Da fühlt man sich auch als Leser "mittendrin",
    LG Claudia

  • therese

    Selten hat mich ein Reisebericht so gefesselt, wie dieser dritte Teil Deines "Abenteuer Danakil". Bei vielen Deiner Reisen wäre ich gerne dabei gewesen. Aber bei dieser reicht mir das Lesen, vor allem weil Du die Situationen gut beschreibst.
    Ein dickes Lob für die schönen Karawanen-Fotos. Ich finde sie, neben den Portraits, wunderschön.
    LG therese

  • Sternensilber

    Danke, dass Du uns mit diesem wunderbaren Bericht mit auf Deine abenteuerliche Reise, in eine unwirkliche aber besondere Welt, genommen hast. Die Farben sind so unglaublich, die Landschaft, als wäre sie gemalt. Auch ich wäre wohl aus dem Staunen nicht heraus gekommen. Die Strapazen haben sich mit Sicherheit gelohnt. Schön auch, wie Du auf die Menschen zugehst und dafür immer wieder ein schönes Lachen erntest.
    Liebe Grüße
    Anne

  • wildwassercamera

    lieber hartmut

    schade, jetzt ist's vorbei mit dem warten auf den nächsten teil.

    ich kann dir nur absoluten respekt zollen für diese grandiose triologie! du hast uns auf deine reise mitgenommen und uns land und leute nähergebracht.

    besonders wichtig bei reiseberichten ist mir das sie nicht vor dem leid, die sozialen problemen und nicht so schönen dingen die augen verschließen. du hast genau das umgesetzt mit fundierten recherche (z.B. über die genital verstümmelung) DANKE dafür!

    ganz liebe grüsse
    alex

  • Chrissi

    Der dritte Teil dieser Reiseschilderung hat mich mindestens ebenso begeistert wie die vorangegangen zwei. Wäre Dein "Abenteuer Danakil" (1-3) nicht sogar ein einmaliger Stoff für ein Film ?? Ich könnt's mir gut vorstellen.
    LG Christel

  • nach oben nach oben scrollen
  • tumtrah

    @bezi: Liebe Claudia, mit deiner Einschätzung, dass ich diese Reise nicht vergessen werde, liegst du goldrichtig, denn sie war wirklich etwas Besonderes. In vielerlei Hinsicht. In einigen Punkten hat der Bericht das offenbar ganz gut rübergebracht; für mich kommt hinzu, dass ich ja nicht mehr so ganz "taufrisch" bin. Von daher hat es mir sehr gut getan, dass ich alle Widrigkeiten eigentlich problemlos gemeistert habe. Vielen Dank für deine hohe Einschätzung von Wort und Bild!
    LG Hartmut

  • tumtrah

    @therese: Liebe Therese, dir möchte ich ganz herzlich für deine Lesetreue danken! Dass ich dich mit dem Bericht "fesseln" konnte, werte ich als ganz besonders hohes Lob!
    LG Hartmut

  • tumtrah

    @Sternensilber: Liebe Anne, deine anerkennenden Worte zu meinem Bericht "ernte" ich genauso freudig wie das Lächeln der Menschen, die ich fotografiert habe. Schön, dass dir das aufgefallen ist.
    LG Hartmut

  • tumtrah

    @wildwassercamera: Lieber Alex, hab ganz herzlichen Dank für den "großen Respekt", den du mir zollst. Das Wort "Trilogie" hast du sicherlich nur ganz banal als "Dreiteiler" gemeint. Hohe Literatur erfordert wahrlich einiges mehr. Aber ich freue mich natürlich über dein Urteil und bleibe als Schuster bei meinem Leisten....
    LG Hartmut

  • tumtrah

    @Chrissi: Liebe Christel, schön, dass ich dich begeistern konnte! Als Drehbuch für einen Film sei der Bericht sogar geeignet. Das ehrt mich gewaltig, doch will ich den Versuch lieber erst gar nicht starten. Aber ich denke daran, dass ich die drei Berichte mal in Druckform zusammenfassen könnte - allerdings nur für Freunde und Bekannte ...
    LG Hartmut

  • Schalimara

    Auch dieser Bericht war wieder fesselnd zu lesen - eine tolle Reise mit Erinnerungen die Dir vermutlich ewig bleiben. Danke, das Du uns an Deiner Reise hast teilhaben lassen.

    LG Schalimara

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  • tumtrah

    Liebe Schalimara,
    vielen Dank für deine anerkennenden Worte!
    LG Hartmut

  • ouzo

    Einmalig in Wort und Bild. Ich bin und werde fasziniert bleiben. Vielen Dank!

    LG Pete

  • tumtrah

    Hallo Pete,
    ich freue mich sehr, dass dich der Bericht "fasziniert" hat! Vielen Dank!
    LG Hartmut

  • mychaosland

    Tolle Fotos, toller Bericht! Dallol ist der Hammer und verändert sich wie ich sehe immer wieder aufs Neue. Bei uns war es dort so unglaublich heiß, wie ich es in meinem Leben nicht erlebt habe.
    Insbesondere der Teil mit dem Regen in der Wüste fand ich sehr spannend. Wir waren auch vor ein paar Jahren dort. Wir konnten aufgrund von angeblichen Schlamm nicht zum Erta Ale. Gesehen haben wir das allerdings nicht. Nun glaube ich es schon eher. Wir hatten sehr gemischte Gefühle zu unserer Reise
    Ich verfolge alle Beiträge zu Danakil. Ich finde die Gegend unglaublich reizvoll auch wenn die Sicherheit zu wünschen übrig lässt. Die landschaftliche Schönheit ist schwer zu übertreffen.

  • tumtrah

    Hallo Alex,
    schön, dass du als Danakil-Freak meinen Reisebericht aufgestöbert und ihn für sehr gelungen erachtet und bewertet hast! Auf dein Urteil gebe ich viel, warst du doch schon selbst vor Ort, warst also sicherlich ein kritischer Leser! Auch freue ich mich, dass ich deine Erinnerungen wieder erwecken konnte. Vielen Dank!
    LG Hartmut

  • ursuvo

    Auch dieser Bericht hat mich, wie schon die ersten Teile, wieder total gefangen genommen. Spannend und ganz toll geschrieben - von der ersten bis zu letzten Zeile!! Und dazu die Bilder..................
    Meine Vor"schreiber" haben ja schon alles dazu gesagt - ich kann dem eigentlich nichts mehr hinzufügen!
    Deine Berichte sind hier jedenfalls immer ein Highlight und des Lesens wert!!
    LG Ursula

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  • tumtrah

    Liebe Ursula,
    taufrisch ist dieser Berichtsteil ja nicht mehr, umso mehr freut es mich, dass du noch erfahren wolltest, wie die ganze Sache schließlich ausgegangen ist. Vielen Dank für deine lobenden Worte und die zahllosen guten Bildbewertungen!
    LG Hartmut

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Abenteuer Danakil. Teil 3: Dallol - "Rhapsodie in Farben" 5.00 14

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