Sardinien in der Nebensaison

Reisebericht

Sardinien in der Nebensaison

Reisebericht: Sardinien in der Nebensaison

Gründe, antizyklisch zu reisen und Sardinien nicht nur als „Strandurlaubsziel“ zu verstehen, sondern auch Destination für Kultur- oder Aktivurlaub, gibt es viele: Die Insel überschlägt sich im Herbst mit Festen allerorts, Farben und Frohsinn machen sich breit. Sie ist sie selbst, genauso ihre Bewohner. Mal tobt sie sich sich aus, und das Wetter schlägt Haken. Und mal verwöhnt sie ihre Bewohner m

Top Reisezeit: Herbst

Ich bin im November auf Sardinien. Das kommt vielen gar nicht erst in den Sinn und da die Hauptsaison vorbei ist, ist die Anreise auch etwas herausfordernd. Mit einem Zwischenstopp über Mailand allerdings kommt man täglich auf die Insel.

Das Tollste an Sardinien im Herbst ist die Gelassenheit, die über dem Land liegt. Wenn Nebelfelder über die glatte See ziehen oder das Land in seichte Schwaden hüllen, geht alles etwas langsamer. Die Strände, Museen und Sehenswürdigkeiten sind nicht mehr überfüllt, sondern gehören dem Reisenden mit Glück fast ganz allein.

Und wo in Europa findet man noch Plätze, an denen es noch so ursprünglich ist? Wenn meilenweit kein Mensch und kein Dorf zu sehen ist, und der Tag sich schon früh über dem kargen Land zu seinem Ende neigt, bekommt der Mensch plötzlich wieder Kontakt zu seinen Wurzeln, seinen Instinkten. Und wenn der nächste Sturm im Mittelmeer tobt, auch intensiv zu den Elementen und der Natur.



Ruhe am Golfo di Arzachena



Kleine Rundreise im Nordosten

Die Touristenregion im Nordosten Sardiniens ist jetzt fast frei von Menschen. Was für eine Wohltat, ganz allein am Strand zu spazieren und durch die wie ausgestorben da liegenden Ferienorte Porto Cervo oder Poltu Quatu zu schlendern.

Wer allerdings Menschen sehen möchte, wird früher oder später ins Hinterland und auf die gewachsenen Orte ausweichen. Ganzjährig Leben findest du zum Beispiel in Arzachena, Luogosanto, Tempio Pausania, Santa Teresa Gallura, Castelsardo, Olbia, Monti oder gar auf der Insel La Maddalena. Das von Palau mit der Fähre erreichbare Städtchen hat alles, was du brauchst.

Alles geht einen Gang ruhiger (die Sarden sind eh keine Hektiker). Die Restaurant- und Hoteldichte ist etwas niedriger. Dafür haben fast ausschließlich diejenigen offen, die Qualität liefern. Den Einheimischen können sie schlecht ein Touristenmenü vorsetzen.
In Tempio Pausania, der aus Granitsteinen erbauten Stadt unterhalb des Monte Limbara (ca. 1300 Meter mit tollen Trekkingpfaden) bekomme ich wirklich gute Küche für kleines Geld. Fregola (eine typisch sardische Pasta in kleinen gerösteten Kügelchen) mit frischen Steinpilzen aus den Wäldern um die Ecke. Der Ort selbst hat einige versteckte Besonderheiten, wie die alte Bahnstation. Die liegt etwas außerhalb, hat innen aber Wandmalereien, die die Kultur der Gallura zeigen.

In Aggius öffnet extra für mich das Museum für die Landeskultur der Gallura und ruft auch gleich beim Banditenmuseum an. In der Nebensaison wird jeder Gast persönlich umsorgt. Das ist hier so und das ist auf ganz Sardinien so. Die Gastfreundschaft der Sarden ist quasi unendlich.



Blick auf Nuoro



Nuoro - die erste Kulturhauptstadt

Mamuthones in Mamoiada

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Im Herbst auf Sardinien kann es auch mal stürmen und regnen - und genau das macht es seit zwei Tagen. Ich fahre nach Nuoro, dort sind einige richtig gut gemachte Museen, in denen völlig egal ist, was draußen passiert.

Nuoro war um die Jahrhundertwende die kulturelle Oase Sardiniens - und Inspiration für die Literatur-Nobelpreisträgerin Grazia Deledda. Sehenswert ist ihr Geburtshaus im historischen Zentrum von Nuoro, das „Museu deleddiano".

Viele Künstler trafen und treffen sich in Nuoro, vom Musiker bis zum Poeten, vom Maler bis zum Bildhauer. Pflichtprogramm in Nuoro ist daher auch ein großartiges Museum für sardische und moderne Kunst: das MAN – Museo d’Arte della Provincia di Nuoro (www.museoman.it). Vor allem im Winter gelingt es den Kuratoren, Ausstellungen namhafter Künstler zu organisieren, zuletzt Paul Klee.

Das „Museo del costume e delle tradizioni popolari di Nuoro“ zeigt volkstümliche Kostüme und Traditionen aus Nuoro. Mich interessiert heute die Archäologie etwas mehr und so lande ich im Museo Archeologico Nazionale in der Via Mannu, das die sardische Frühkultur erklärt.

Die Museen in Nuoro sind in der Regel ganzjährig geöffnet, im Winter gibt es ggf. mal einen Ruhetag mehr oder verkürzte Öffnungszeiten. Da ich eh ein paar Tage in und um Nuoro bleibe, kann ich mich entsprechend "umsortieren".



Barbagia: das echte Sardinien

Sie gilt als das Herz der Insel: die Barbagia. Und hier finde ich tatsächlich das wirklich echte und authentische Sardinien. Bei den Herbstfesten in der Barbagia, den "Cortes Apertas" wird an jedem Wochenenende irgendwo gefeiert, ganz in der Tradition des jeweiligen Dorfes. Aussteller zeigen Kunsthandwerk und bieten lokale Spezialitäten an. Bis spät abends ist man gesellig beieinander, tanzt am offenen Feuer oder auf der Piazza den "ballo sardo", eine Art Ringtanz.

An diesem Wochenende bin ich in Mamoiada. Der Ort ist für seine Karnevalstraditionen bekannt und schon über die Landesgrenzen berühmt. Die Mamuthones und Issohadores treten auch heute auf: Die beiden Figuren - die einen mit Fellumhängen und schwarzen Masken, die anderen in einer Art Reiteruniform - zeigen in den Straßen und auf dem zentralen Platz ihr starkes, rhythmisches Stampfen, dunkle Glockenklänge hallen durch den Ort. Ein sehr beeindruckendes Erlebnis!

Ich fühle mich in Mamoiada extrem wohl und beschließe, hier ein paar aktive Tage zu verbringen und mir einen Guide zu suchen: Der Supramonte ist quasi direkt vor der Haustür, ein Trekkinggebiet vom Feinsten.

In der Nebensaison hast du immer das Gefühl, Teil des "wirklich wahren Lebens" zu sein, vor allem, wenn ich in einem Ort länger blieb, war es, als wäre ich Teil des Ganzen. Schön, kein Tourist, sondern Reisender zu sein.

Nächste Woche geht es weiter: in die Inselhauptstadt nach Cagliari!



Supramonte


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Kommentare

  • shootingstar

    Für mich ein interessanter Bericht und gute Neuigkeiten sind das auch. Es freut mich doch sehr zu hören, dass es außerhalb der Hochsaison noch immer so schön beschaulich ist auf Sardinien. Ich war in den 90er Jahren schon mehrmals dort und gerne vor Ostern, das war ähnlich schön, wie das, was man von dir nun hört. Irgendwie ist Sardinien, wie ein ewig anhaltende Liebe, das Land und die Menschen sind herzerwärmend und verursachen bei mir bis heute gelegentlich Gänsehaut, wenn ich daran denke.
    LG Claudia

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