Eine Reise mit Gesprächen zu den Lakota nach Nordamerika

Reisebericht

Eine Reise mit Gesprächen zu den Lakota nach Nordamerika

Reisebericht: Eine Reise mit Gesprächen zu den Lakota nach Nordamerika

„Wenn einer einen großen Traum hat, dann hat er einen Traum. Wenn viele einen großen Traum haben, dann träumen sie von Amerika.“

von Dennis Hartke

„Mitten in den USA liegen die indianischen Reservationen wie kleine Welten für sich: Mit anderen Werten, anderen Zielen und Hoffnungen.“ Diese Ansage war für mich ein Hinweis. Ich steckte gerade in einer Zeit, in der ich versuchte herauszufinden, welche Werte mir persönlich wichtig sind, um meinen Lebensweg zu verfolgen. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Es gibt Wohlstand, die Möglichkeiten das zu machen was ich will und dennoch frage ich mich, welche Richtung ich eigentlich gehe und ob ich mich im Dschungel dieser zu schnellen Welt nicht verlieren kann. Als ich das erste Mal von einer Reise zu den Indianern in Amerika hörte, kam mir natürlich sofort der Gedanke an „Der mit dem Wolf tanzt“ in den Sinn. Mehr hatte (trauriger Weise) bisher nicht von den Ureinwohnern erfahren. Ich wusste zwar, dass sie ein Schicksal eingeholt hat und das sie von den „weissen“ Siedlern unterdrückt wurden aber dieses Beispiel gab es für mich sehr häufig in der Welt und auch bis zum heutigen Tag. Natürlich dachte ich auch an die typisch freiheitliche Filmkulisse in der die Indianer auf ihren Pferden durch die Prärie reiten, wilde Heulrufe ausstoßen und in ihren Tipis leben. Doch niemand hatte mich aufgeklärt, welch tiefe Verbundenheit die Indianer mit der Erde haben, worüber sie nachdenken und wie sie die Welt von heute sehen. Es reizte mich zeitgleich mit der Idee überhaupt in die USA zu reisen und zwar nicht in die Megacities, sondern dorthin wo alles begann....zurück zum Anfang.
Die Flugstunden quälten mich irgendwann. Wann taucht endlich der nächste Kontinent auf? Grönland haben wir schon überflogen. Schlafen kann ich auch nicht. Die Bordunterhaltung ist unendlich langweilig. Ich hatte ein kleines Buch dabei. „Bleib auf deinem Weg“, ein Buch über indianische Weisheiten. Also las ich darin.
Mit jeder Zeile stellt ich mir vor, wie die Welt damals wohl ausgesehen haben muss. Der Broadway in New York war früher mal ein Trampelpfad. Überall regierte die Natur. Fruchtbare Flussebenen, brachiale Wasserfälle und trockene, heiße Steppen. Die Natur bot einen unermesslichen Reichtum und versorgte Mensch und Tier. Für Europa war dies ein unentdecktes Land. Sie wussten nicht das zu jener Zeit dort schon 500 Stämme lebten. Die Stämme lebten von der Jagd, welche für sie heilige Bedeutung hatte. Es wurde nie mehr gejagt als nötig war. Tiere und alles andere sind Teile der Welt, in welcher sie in einer Gemeinschaft leben. Die Vorstellung klingt wildromantisch, wie einfach. Ein hartes aber ehrliches Leben in tiefer Verbundenheit mit der Erde. Wie es heute dort wohl ist?

Wir landen. Endlich angekommen in South Dakota, Rapid City. Noch total übermüdet nehme ich den Transfer zum Hotel und verkrümel mich in mein Hotelzimmer. Bereits morgen geht es in die Bad Lands zu den Lakota. Die Begegnung kann beginnen.

Nach dem Frühstück geht es los. Wir fahren durch unglaublich bizarre Formationen der Landschaft, welche durch Erosion entstand bis wir das Reservat erreichen und unsere Unterkunft beziehen. Für die nächsten Tage werden wir nun hier bleiben und die Menschen kennenlernen, die als Erste in diesem Land lebten. Sofort werden wir freundlich begrüßt. Trotz aller Schicksale werden wir mit einem Lächeln begrüßt und herzlich aufgenommen. Am Abend essen wir mit unseren indianischen Gastgebern und kommen ins Gespräch. Für die nächsten Tage gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, egal ob man den Trommelbau lernen will oder das Lakota College besuchen möchte. Ich denke ich werde einfach den Kontakt zu den Menschen suchen. Darum bin ich hier.
Am nächsten Morgen verteilt sich unsere Gruppe. Jeder hat etwas anderes vor. Ich sehe in der Nähe eine kleine Koppel mit Pferden und gehe hinüber. Dort steht ein Mann der gerade die Pferde versorgt. Wir kommen ins Gespräch. Er erzählt mir, dass Tiere schon immer wichtiger für die Indianer waren, als der Mensch selbst. Vor allem der Adler war heilig, denn er ist dem Himmel näher, als alle anderen. Er ist ein Zaubervogel und verleiht magische Kräfte. Deswegen trug man früher den gefiederten Kopfschmuck. Aber den musste man sich erst mal verdienen. Für die Indianer macht es keinen Unterschied, ob das Tier groß und stark oder klein und zerbrechlich ist. Wir alle gehören einer Gemeinschaft an und teilen Land, Luft und Wasser. „Und die Pferde?“, meinte ich. „Die Pferde“, so sagt er. Pferde haben die ersten Europäer mitgebracht und uns zum Tausch angeboten. Wir waren fasziniert von der Effektivität dieser Tiere und das man sie reiten kann. Sie wurden der Verkaufsschlager. Indianer sind unheimlich neugierig und damit haben uns die „Weissen“ wirklich gekriegt. Sie hatten jedoch ein Problem. Immer wieder sind Pferde aus ihren Gehegen ausgebrochen und sind verwildert. Daher kommt auch der Begriff „Wilder Mustang“.
Ich fand es unheimlich interessant diesen Worten zu lauschen und fragte, ob es nicht jemanden gäbe der mir mehr erzählen könne über das Leben damals. Mein neuer Freund sagte, dass ich im Reservat jeden fragen kann. Jeder wird dir mit Freude Auskunft geben.
Ich ging zurück zur Unterkunft und traf einen Mitarbeiter des Hauses an. Er fragte mich, ob alles in Ordnung sei und warum ich nicht bei den Offroadtouren oder auf einer Wanderung bin. Ich sagte, dass ich mehr über die Lebensweise lernen möchte und nicht mit dem Wagen durch die Gegend fahren will. Er sagte, dass er gleich Zeit habe und wir einen Kaffee trinken können. Ich willigte ein.

Wir setzen uns zusammen und tranken Kaffee. „Was möchtest du denn wissen?“ fragte er mich.
Ich sagte vorsichtig, was gerade in meinem Leben passiert und das ich Antworten suche. „Oh Antworten“ sagte er mir. „Antworten sind eine vergebliche Suche. Es ist wichtig auf seinem Weg zu bleiben. Egal wie schwer und lang dieser Weg manchmal ist. Wenn ein Sturm in deinem Leben auftritt, dann will er dich nicht umwerfen, sondern lehren stark zu sein. Und stark sein bedeutet an einem weiteren Herzschlag und einem weiteren Sonnenaufgang festzuhalten, denn jeder neue Tag bringt Hoffnung mit sich. Weisst du, bereits meine Urahnen brachten unserem Volk bei stark zu sein. Von Grund auf sind wir friedliche Stämme gewesen. Auf der anderen Seite waren wir immer für Kriege zu haben aber wir alle verfolgten immer ein gemeinsames Ziel und mit diesem Traum, diesem Ziel werden alle Menschen geboren. Frei zu sein. Meine Urahnen lebten ein hartes aber einfaches Leben. Sie waren genau so bemüht Büffel zu jagen um unsere Stämme zu versorgen, als auch 6 Pfeile pro Minute präzise abzufeuern, wenn es eine Schlacht gab. Dies war ihr Alltag. Die alltäglichen Fragen, die Menschen heute plagen, hatten diese Menschen nicht. Sie kannten kein Geld oder Besitztum. Sie befragten die Geister, suchten Antworten im Himmel, da dort der Schlüssel der Weisheit liegen soll.
„Und denkt ihr heute auch noch so?“ Fragte ich. „Im Grunde ja. Wir sind nicht von selber in diese Situation geraten in welcher wir heute stecken. Die Reservate heute zählen zu den ärmsten Regionen Amerikas. Dies war nicht immer so. Wir waren einfache Nomaden und zogen durchs Land. Mit der Ankunft der ersten Europäer änderte sich dies. Sie kamen zunächst in friedlicher Absicht und konnten unsere harten Winter kaum überstehen. Wir halfen Ihnen und versorgten sie. Dafür gaben sie uns merkwürdige Dinge aus Europa, allerdings auch Pferde. Viele Europäer kamen. Die Spanier zogen gewaltsam durchs Land, Franzosen suchten den Handel, Engländer wollten aus den eigenen politischen Fängen fliehen und hier ein neues Leben beginnen. Doch was wir nicht wussten war, dass sie noch etwas mitbrachten, was wir nicht sehen konnten und das waren Krankheiten. Krankheiten rafften unsere Camps dahin und bald kam unsere Welt aus dem Gleichgewicht. Aber ich muss gleich los. Was hälst du davon, wenn wir die Tage nochmal sprechen?“ „Ja, sehr gerne.“ sagte ich.

In den nächsten zwei Tagen fuhren wir zu einer Büffelranch und erlebten die Tiere aus nächster Nähe. Kaum zu glauben das man früher mit ihnen als Nahrungsquelle lebte. Es muss riesige Herden gegeben haben. In den späteren Konflikten töteten die „Weissen“ mit Absicht eine gigantische Vielzahl der Tiere, nur damit die Nahrungsquelle versiegt. Heute leben die Tiere geschützt im Reservat. Wir unternahmen ebenfalls lokale Wanderungen und ließen die Seele baumeln. Die Landschaft zieht sich in endlose Weiten und bringt einen gewissen Sog mit sich, welcher mich antreibt immer tiefer in das Bildnis der Schöpfung zu laufen. Mir wird klar, dass ich immer weiter laufen könnte, ohne anzukommen. Vielleicht ist das eine Antwort auf meine Fragen. Wir werden wohl nie ankommen. Es wird immer etwas geben, was uns voran treibt.


2 Tage später treffe ich meinen Bekannten aus dem Reservat wieder. Wir sitzen zusammen vor seinem Haus und beobachten das Leben auf den Straßen. „Mir fällt auf, dass es naja, etwas ärmer ist als woanders? Darf man das so sagen?“ sagte ich. „Ja das kann man so sagen. Es kommt darauf an wie du Armut definierst. Es gibt materielle Armut, wovon wir hier betroffen sind, denn die Reservate werden nur notdürftig versorgt. Viele haben keine gesunde Ernährung, weil es Nahrungsrationen von Fett, Mehl und Zucker gibt. Die Holzhütten oder Wohnwagen sind oft nicht beheizt, weil es sich keiner leisten kann. 80% der Menschen gehen keiner geregelten Arbeit nach. Viele haben nur Gelegenheitsjobs oder betreiben Kunsthandwerk. Auf der anderen Seite gibt es auch geistige Armut, wo wir der Überzeugung sind, dass es diese gibt und zwar bei denen, die unsere Gesetze entwerfen und uns in die Reservate getrieben haben.“
„Wie kam es, dass die Stämme so zerrüttet wurden und ihr Land verloren haben?“ fragte ich.
„Weisst du mit all dem Ärger den wir spüren und selbst wenn wir ihn aufschreiben würden, könnten wir die Welt nicht ändern. Wir haben eine Verbindung zur Welt, die „weisse“ Menschen nicht haben. Als immer mehr Europäer kamen war es gerade Zeit für einen großen Trend in Europa. Alle wollten Pelze und wir konnten diese besorgen. Als Tausch bekamen wir dafür Gewehre. Die Irokesen haben diese damals angenommen und begannen nicht nur Biber zu jagen, sondern löschten auch andere Stämme aus. Es ging soweit, dass sie als Soldaten für die englische Krone eingesetzt wurden. Denn als die neuen Siedler ihre „Freiheit“ schützen wollten, kam ihnen die Politik in die Quere. Ich mein, du kennst die Geschichte vom Unabhängigkeitskrieg und so weiter. Die Irokesen waren so versessen darauf zu kämpfen, dass sie nicht bemerkten, dass sie auf Seiten der Krone nicht für Unabhängigkeit, sondern für Abhängigkeit kämpften. Sie wussten irgendwann nicht mehr was sie taten. Mit der Unabhängigkeit kamen immer mehr Europäer, die Land für sich beanspruchen wollten und somit sahen sie in uns einen Störfaktor. Sie wollten unter sich bleiben. Sie zogen Grenzen und daraus wurden die Reservate. Das war in 1838.“

„Aber Amerika ist doch groß.“ fügte ich hinzu.
„Ja natürlich. Aber nach Ankunft im Osten waren die „Weissen“ wie ein Virus. Sie beschritten ihren Weg nach Westen, ließen sich nieder und fanden irgendwann Gold. Goldsucher kamen und mit ihnen eine spätere Verbindung für die Züge. Wir waren also auf der Flucht im eigenen Land und fanden schließlich hier Zuflucht. Und hier sind wir bis Heute. Sie zwangen uns mit ihrer Übermacht unser Leben aufzugeben und eingepfercht wie Vieh zu leben. Es gab viele Gespräche mit den „Weissen“. Wir gaben ihnen zu verstehen, dass wir ihre Ansichten nicht teilen können. Wie können wir Land, Luft und Flüsse verkaufen, wenn sie nicht uns und eigentlich niemandem gehören? Das Wasser in Flüssen ist nicht nur Wasser. Es ist das Blut unserer Vorfahren. Flüsse sind unsere Brüder, Das Murmeln des Wassers ist die Stimme unserer Vorfahren. Wenn wir das Land abgeben, muss das Heiligtum bewahrt werden. Denkst du die „Weissen“ könnten das? Wenn sie unsere Büffel töten, töten sie auch uns. Wenn sie alle Tiere töten, töten sie auch sich selber. Denn alles ist miteinander Verbunden. Unser Gott ist euer Gott. Es gibt eine gemeinsame Bestimmung. Vielleicht sind wir doch alle Brüder. Doch all dies half nicht “
„Unglaublich.“ Sagte ich.
„Wenn du es schaffst, dann fahr nach Montana zum Little Big Horn. Dort haben wir es den „Weissen“ nochmal richtig gezeigt.“ sagte er mit einem Lächeln.
„Ich versuchs. Aber ihr lebt schon noch euren kulturellen Bestandteil aus, oder?“
„Natürlich. Eine unserer Lebensformen ist es zu tanzen. Wer tanzt der bleibt gesund. Wir feiern unsere Identität und gewinnen sie zurück. Wir sorgen dafür, dass sie nicht untergeht. Genauso wie unsere Sprache „Lakota“. Sie ist uns wichtig und wird an unserem Kollege gelernt. Unsere Worte sind wie die Sterne, sie gehen nicht unter.
Ich blickte meinen Gesprächspartner lange an und bedankte mich dann für das Gespräch. Dies muss ich erst mal verdauen.



Diese Nacht schlafe ich kaum. Ich frage mich, wie ich diese Worte übertragen kann. Es klingt grausam und gleichzeitig wieder voller Weisheit. Wo ist der Nutzen, wenn man Gier und Geld folgt? Habsucht und Besitz. Wieso reicht uns Menschen nicht der Bestand den wir haben für Glück?
Am nächsten Tage fahre ich weiter. Ich verbringe einige Tage unterwegs. Blicke das „Crazy Horse Monument“ an und gedenke dem mutigen Krieger in der Schlacht gegen den Eindringling. Crazy Horse war es, der sich in 1876 General Custer in den Weg stellt in einer Schlacht zugunsten der Indianer.

Ich ziehe weiter bis ich die Reservation der Crow erreich, schließlich in Montana ankomme. Wieder sind Tage vergangen und ich bin beim Anblick dieser einmaligen Landschaft wieder meditativ, kontemplativ versunken. Hier in der Weite des Westens wo der immer wechselnde Horizont seine Farbenpracht auf dem Boden meiner Schritte widerspiegelt stehe ich mit beiden Beinen im Leben. Die Zeit und die Gespräche lehren mich, dass ich erreicht habe, was es bedarf, um mein Leben zu bestreiten. Wenn ich weitergehe, wird sich in Zukunft zeigen was passiert. Wenn ich stehen bleibe, wird nichts passieren, da schon alles gefestigt ist. Doch wenn ich weitergehe mit der Sucht nach Mehr, werde ich immer auf der Suche nach Antworten bleiben. Denn der Hunger nach dem Nutzlosen ist unstillbar. Wenn ich mein Leben simpel gestalte und sei es auch nur ein wenig, dann würde ich diese Gier nicht verspüren. So wie die Indianer damals. Ich werde weiter gehen, denn es geht immer weiter.

Am Abend vor meiner Abreise im Reservat lese ich nochmal in meinem Buch. Es heisst: „Jeder Schritt und sei er noch so schwer, ist ein weiterer Schritt in Richtung Gipfel. Und jeder schwächste Schritt in Richtung Gipfel, in Richtung Sonnenaufgang, in Richtung Hoffnung ist stärker als der schlimmste Sturm. Bleib auf deinem Weg.“



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