Die heilige Chaostheorie

Reisebericht

Die heilige Chaostheorie

Reisebericht: Die heilige Chaostheorie

Tausende von Menschen, die sich auf staubigen Wegen und mit Selbstfindungsgedanken durch das heiße Herz Spaniens quälen? Wunder am Wegesrand und eine Muschel, die einem den Weg weist? Bienvenido al Camino de Santiago, dem wohl berühmtesten und beliebtesten Pilgerpfad Europas. Der Kreis der Pilger könnte hier heterogener nicht sein: Burnout-geplagte Manager, rüstige Rentner, Hobbypilger und Abiturienten, die nach der präklausuralen Erleuchtung suchen. Sie sprechen Spanisch, Italienisch, Englisch und Deutsch - der Jakobsweg oder auch Camino Francés ist ein europäischer Weg.

Großen Zuspruch erhält der Pilgerweg besonders in so genannten „heiligen“ Jahren (immer dann, wenn der Tag des heiligen Jakobus auf einen Sonntag fällt, zuletzt 2010) oder in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit und ökonomischer Krisen. Unsere Reise beginnt nach dem ersten Drittel des Weges, in Logroño. Dieser Abschnitt, so wird uns gesagt, entscheidet darüber, ob man es bis Santiago de Compostela schafft: Die Abbrecherquote liegt hier bei über 50 Prozent. Frisch ausgeruht und mit leichtem Gepäck starten wir in die spanische Meseta. Im August wird es dort unerträglich heiß und so kämpfen wir mit unserem inneren Schweinehund und knapp über 40 Grad Wandertemperatur.

Vielen Pilgern merkt man die Strapazen des Weges bereits an: Sie können kaum mehr laufen oder sind sonnenverbrannt. Trotz allem bin ich die Einzige, die klagt. Alle anderen beißen tapfer die Zähne zusammen. Das Erreichen des Etappenziels ist schließlich auch eine Frage der Ehre, denn die meisten Pilger laufen in kleinen Gruppen und sichern sich so die Unterstützung einer motivierenden Kontrollinstanz.

Während der Jakobsweg im Mittelalter die Seele des Pilgers direkt an allen Ablassbriefen vorbei sündenfrei in den Himmel bugsieren sollte, steht heute der sportliche und touristische Aspekt im Vordergrund. Da wird abends stolz die traditionelle Pilgerurkunde mit den Etappenstempeln vorgezeigt und verglichen und nicht selten endet der Tag in der lokalen Weinschenke und nicht mit dem obligatorischen Kirchgang. Gerade zur Hauptreisezeit im Juli und August sind die Pilgerherbergen restlos überfüllt und auch der Weg: Wie eine bunte Karawane schleppen sich die Pilger durch die erntereife spanische Landschaft.

Gefunden haben sich auf der Strecke Logroño - Santo Domingo de Calzada die wenigsten, das einzige glückselige Lächeln habe ich auf dem Gesicht eines hartnäckigen bärtigen Dauerpilgers entdeckt, der den Jakobsweg schon seit Jahren auf und ab läuft und mich mit einem fröhlichen „Namaste!“ grüßt. Vielleicht ist aber auch nicht der Weg an sich, sondern die Beharrlichkeit das Ziel?

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