Juist - mein Töwerland

Reisebericht

Juist - mein Töwerland

Reisebericht: Juist - mein Töwerland

Mein Töwerland nennen die Juister ihre Insel. Und diejenigen, die des Friesischen Platts mächtig sind, wissen natürlich, dass damit „das Zauberland“ gemeint ist.

Zauberland im Winter



Tatsächlich passiert der erste Zauber, sobald sich auf der Fähre langsam der autofreien Insel nähert: Alles wird ruhiger und es wird ein paar Gänge runter geschaltet. Manche Einheimische behaupten, hier wäre die Entschleunigung erfunden worden. Schon bei der Ankunft am Hafen wird klar: Ein Trip nach Juist, das ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Das erste, was auffällt, sind die robusten Kaltblüter vor den Kutschen. Hochhäuser und Betonklötze gibt es auf Juist nicht,
Backstein dominiert die Insel-Architektur. Die autofreie Insel, auf der noch nicht einmal Elektroautos fahren dürfen, liegt zu einem großen Teil im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer.

Juist wird als schönste Sandbank der Welt bezeichnet. Hauptbeschäftigung hier ist: „Draußen sein“. Doch nicht nur die Landschaft hat es in sich, auch die Seeluft. Sie ist rein, staubfrei und aerosolhaltig. Und sie hat einen hohen Feuchtigkeits- und Jodgehalt. Das tut Bronchien und Lungen gut – perfekt für Allergiker und Asthmatiker. Wandern am Strand fühlt sich an wie ein Tagesausflug in ein Sauerstoffzelt. Die Verjüngungskur beginnt, sobald der Besucher aus der Haustür tritt.

Auf einem gut ausgebauten, markierten Netz von Wanderwegen kann der Besucher die 17 Kilometer lange Insel gut entdecken. Eine der schwierigsten Entscheidungen auf Juist besteht darin, ob der Wanderer zuerst die Ost- und Westspitze der Insel in Angriff nimmt. Die meisten Besucher entscheiden sich dann erst mal für die Wanderung am Strand in Richtung Westen. Unser heutiges Ziel der sieben Kilometer langen Wanderung befindet sich am hintersten Ende des Westteils und heißt Domäne Bill. Endlose Dünen und lange weiße Strände prägen die Landschaft. Über die Landseite an der Inselschule vorbei laufen wir bei Gegenwind zum
Zauberland pur Loog, dem kleinen Dorf im Westen der Insel, in dem das Inselmuseum und die Jugendherberge zu Hause sind. Neben ein paar Häusern gibt es außerdem einen Supermarkt, den Ableger vom Lütje Teehus im „großen“ Dorf und noch etwas weiter westlich, kurz vor dem Hammersee die Domäne Loog. Mit Domäne wird in Deutschland ein Landgut bezeichnet, wobei es sich auf Juist eher um ein einfaches Bauernhaus mit Viehbetrieb und Eigenproduktion von Lebensmitteln handelt. Wir wandern weiter durch eine einzigartige Dünenlandschaft auf schmalen Pfaden zum Hammersee, einem See der durch eine Sturmflut entstanden ist. Der Name ist vom friesischen Wort „Hammer“ mit der Bedeutung „niedrig gelegene, feuchte Wiese“ abgeleitet. Auf der Südseite folgten wir den Wanderweg, der den See umgibt bis zur Aussichtsplattform Augustendüne, von wo der Wanderer einen schönen Überblick über den Hammersee, das Wattenmeer, die Juister Dünenlandschaft und die Nordsee hat. Dieser Weg führt durch einen Wald in dem verschiedene Baumarten wie Erlen, Pappeln, Weiden, Kiefern, Eichen und Birken heimisch geworden sind. Die Bäume sind aufgrund des kargen Sandbodens, der salzhaltigen Luft und des Windes meist von kleinem Wuchs.

Ursprünglich war der Hammersee kein Süßwassersee. In der großen Petriflut im Jahr 1651 und weiteren Sturmfluten wurde die Insel immer weiter überschwemmt, so dass sie irgendwann aus zwei Teilen bestand. Am Ende des 19. Jahrhunderts wurde im Süden ein Deich gebaut und die Inselteile erstmals wieder miteinander verbunden. In den 1930er Jahren wurde auch auf der Nordseite ein Damm aufgeschüttet, so dass ein Binnensee entstand. Durch große Mengen an Sand entstanden künstliche Dünen, die kaum von natürlichen zu unterscheiden sind. Das Salzwasser wurde im Laufe der Zeit mit Regenwasser vermischt, so dass aus dem Salzwassersee ein Süßwassersee wurde. Heute ist der Hammersee etwa 1,2 Kilometer lang, bis zu 130 Meter breit und nur etwa 90 Zentimeter tief. Er wird von einem kleinen Wanderweg mitten durch Bäume und Büsche umrundet, der nur zu Fuß genutzt werden kann.

Ziel jeder Wanderung ist die Aussichtsplattform, von deren Höhe der Wanderer einen herausragenden Blick über den Wald und die Nordsee besitzt. Die Wanderung geht weiter zum Bill. Am westlichen Ende Juists befinden sich das Billriff mit dem kleinen Billwäldchen und den Haakdünen. Das Billriff besteht aus mehreren großen Sandbänken, die bei Ebbe zu einer großen Sandfläche verschmelzen, bei Flut jedoch durch mehrere Priele, die dann mit Wasser voll laufen, voneinander getrennt sind. Da sich hier das Wattenmeer und die offene Nordsee treffen, ist ein Spaziergang um das Billriff herum ein einzigartiges Erlebnis. Hier draußen am Billriff ist Juist zu Ende, hier gibt es nur Sand, Wind und Wasser, die nächsten Dünen sind bei Ebbe über einen Kilometer entfernt. Das Billriff hat neben seiner faszinierenden Natur auch ein kulinarisches Highlight zu bieten. Die „Domäne Bill“ bietet sich an zur Stärkung nach einem langen Spaziergang um das Billriff herum an. Spezialität des Hauses ist der „Stuten“, ein süßes Brot mit Rosinen, das man sich bei einem Juist Urlaub nicht entgehen lassen sollte. Bei einer Tasse Ostfriesen-Tee vergisst der Wanderer vieles, vor allem die Hektik und den Stress des Alltags.



Juist - Insel der Entschleunigung


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Kommentare

  • Zeitreisende

    ....ich könnte sofort meine Sachen packen und dort oben hinfahren :-) ! LG Dani

  • Blula

    Und ich .... würde mich da mal gleich gern mit anschließen, dann wären wir schon mindestens zu Dritt ;-)
    Das Töwerland im Winter, das klingt gut, Jens. Und so ganz nebenbei hast Du mir (Leckermaul ;-) eben auch noch Appetit auf „Stuten“ gemacht.
    Danke für diesen schönen Bericht!
    LG Ursula

  • cablee

    Ich komm auch mit. Sofort! Ein sehr reiseapptitanregender Bericht!

    LG
    Gila

  • Schalimara

    Das ist auch etwas für mich :-)
    LG Schalimara

  • pleuro

    Ich habe mich schon beim Lesen total entspannt. :-)
    Ja, Dein Kleiner Reisebericht macht richtig Lust, Juist zu besuchen. Ich liebe Einsamkeit und Stille und so wie Du es beschreibst, kann man das dort finden. Herrlich!
    LG Anne

  • rosibieg

    Das könnte ich jetzt gut gebrauche. Schöner Bericht.
    LG Rosita

  • ursuvo

    nach dem Lesen Deines so schön geschriebenen Berichts würde ich am liebsten sofort losfahren.
    Jetzt muss ich mich direkt mal näher über diese Insel informieren. Bisher war ich ja immer nur auf Sylt - aber nach Deinem Bericht..................wer weiß!!
    LG Ursula

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  • brandriba

    Verlockendes Ziel, würde uns sicherlich auch gefallen. Dein schöner Bericht macht Lust auf Dünen und Meer, die Entschleunigung wäre gerade das Richtige nach einer hektischen Wintersaison. Dürfen Fahrräder auf die Insel mitgenommen werden?
    LG DAni

  • matulr

    Freunde von mir fahren jedes Jahr über Neujahr nach Juist und kommen tatsächlich immer vollkommen "entschleunigt" zurück!
    Ich sollte es ganz dringend auch mal dort probieren... ;-)
    LG ULI

  • Dingo

    Ja Uli, es lohnt sich. Wobei es uns über Neujahr zu voll wäre. Aber so eine Woche mitten im Januar kann schon sehr entspannend und entschleunigend sein! Das gilt aber für alle Ostfriesischen Inseln!l Gruss, Jens

  • bezi

    Ganz wunderbar, in dieses Tauberland will ich auch mal und wenn, dann am besten auch im Januar.
    LG Claudia

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