Das Verhältnis zwischen Kambodscha und Vietnam

Reisebericht

Das Verhältnis zwischen Kambodscha und Vietnam

Reisebericht: Das Verhältnis zwischen Kambodscha und Vietnam

Eigentlich hatte ich, für eine Bewerbung, vorgehabt eine Reportage über das Verhältnis zwischen Khmer und Vietnamesen zu schreiben. Das ist dann etwas ausgeartet und nun kann ich es so wohl nicht mehr verwenden, dachte aber es könnte trotzdem noch jemanden interessieren

Am Garküchenstand

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Ich sitze in einem Gasthaus im Stadtzentrum Phnom Penhs. Der Verkehrslärm hunderter Autos, Tuk Tuks und Mopeds dringt, obwohl mehr als hundert Meter von der Hauptstraße entfernt, bis in mein Zimmer. Ein Ventilator verteilt die heiße Luft mehr als dass er sie abkühlt. Die heißeste Jahreszeit in Kambodscha nimmt jetzt, Ende Mai, erst ihren Anfang. Smog und aufgeweichter Asphalt prägen das Stadt-, ausgetrocknete Felder und leere Seen das Landbild. Es ist nicht mein erster Aufenthalt in Kambodscha, dafür der längste und zeitintensivste. Für insgesamt sechs Monate bin ich als freiwilliger Lehrer an einer Montessorischule direkt neben meinem Gästehaus tätig. Vor meinen Augen scrollt der Bildschirm eines Laptops auf und ab. Notizblock, Stift und eine Wasserflasche liegen griffbereit. Geschichte und Sozialkunde, sogar zwei meiner Lieblingsfächer aus meiner eigenen Schulzeit, soll ich einer achten Klasse vermitteln. Wie nah diese beiden Themen beieinander liegen, fällt mir wieder beim Durchforsten des WWW nach der südostasiatischen Geschichte auf. Vorne dabei Kambodscha und Vietnam.

Das Verhältnis zwischen den Khmer, also der kambodschanischen Urbevölkerung und Vietnamesen geht auf eine fast zweitausend Jahre alte Geschichte zurück. Eheschließungen und Bündnisse führten zu den ersten großen Königreichen Funan und Chenla, in denen Khmer und Vietnamesen noch gemeinsam lebten. Für rund drei Jahrhunderte waren beide Länder fest in der Hand von Khmerkönigen. Die Hauptstadt Angkor, in der heutigen kambodschanischen Provinz Siem Reap, bildete das Zentrum dieses riesigen Reiches, das in seiner Blüte im 11. und 12. Jahrhundert auch noch Laos, Thailand, sowie Teile von Myanmar und Malaysia beherrschte. Bis es, nach verlustreichen Kämpfen um sein Fortbestehen, auf die Größe und das Ansehen eines Vasallenstaates der Cham (Südvietnam) und Siamesen (Thailand) schrumpfte und schließlich von den Franzosen im Jahr 1887 in die Kolonie Indochina eingegliedert wurde.

128 Jahre später. Ich stehe vor meiner Klasse, bestehend aus sieben Schülern zwischen zwölf und fünfzehn Jahren. Wir sind nicht einmal über das 15. Jahrhundert hinaus gekommen, da schießen schon die ersten Hände hoch. Nicht sicher, was jetzt auf mich zukommt, nicke ich einer Schülerin zu. „Das hat uns unser Lehrer aber anders erklärt“. Gemeint ist ihr Geschichtslehrer an der staatlichen Anukwat Highschool, die sie nebst der Montessorischule besuchen. Dort hätten sie gelernt, dass die Thais und Vietnamesen als Piraten in das Khmerreich eingefallen seien. Ich versuche mich an die Chronologie aus Wikipedia zu erinnern. Eroberung Nordthailands im 9. Jahrhundert durch die Khmer. „Außerdem“, fügt eine andere Schülerin hinzu, „haben die Vietnamesen uns zuerst angegriffen. Und dann haben sie Suryavarman II. ermordet“. Ich bin im Grunde froh, dass sich meine Schüler zu Diskussionen in meinem Unterricht hinreißen lassen. Geschichte und Sozialkunde gelten hier, ähnlich wie in Deutschland, als eher trockene Fächer. Allerdings fällt auf, dass sich das kambodschanische Geschichtsbild teilweise sehr von dem der europäischen Literatur unterscheidet. Es stimmt zum Beispiel, dass König Suryavarman II. im 12. Jahrhundert von Vietnamesen getötet wurde. Offenbar hat der Geschichtslehrer aber vergessen zu erwähnen, dass dieser kurz zuvor mit einer Streitmacht in Nordvietnam eingerückt und in Folge dessen nicht mehr lebendig zurückgekehrt ist.

In Kambodscha blickt man mit stolz auf die Geschichte der Khmer, vornehmlich zwischen dem 8. und 14. Jahrhundert. Ginge es nach ihnen, kam danach nichts mehr. Betrachtet man den darauf folgenden Werdegang, mag dies nicht weiter verwundern. Nachdem sich die französischen Kolonialherren Kambodscha einverleibt haben, setzte man vietnamesische Beamte in kambodschanische Verwaltungsposten ein; eine Ohrfeige für die nationalbewusste Khmerbevölkerung. Die bittere Ironie: König Norodom I hatte seinerzeit Frankreichs Protektorat unterschrieben, um Kambodscha vor einer zu großen Einflussnahme seiner Nachbarn Thailand und Vietnam zu bewahren. Sinkende Aufstiegschancen und Repressionen seitens der vietnamesischen Beamten führten ein ums andere Mal zu blutigen Aufständen.

Der zweite Weltkrieg sollte den Khmer eine kurze Verschnaufpause verschaffen; Frankreichs Vichy-Regierung zog seine Verbände nach Europa ab, vietnamesische Bürokraten wurden 1945 von einer japanischen Invasion abgelöst. Es geschah sicher nicht aus reinster Nächstenliebe, trotzdem gewährten die neuen Besatzer Kambodscha noch im selben Jahr seine vertragliche Unabhängigkeit; vermutlich in erster Linie um Konflikte, wie es sie im zur selben Zeit besetzten China gab, zu vermeiden. Damit galt Kambodscha erstmals seit der französischen Annektierung als souveräner Staat. Langfristig betrachtet wollte Frankreich aber nicht auf seine alten Kolonien verzichten, weshalb man kaum, dass der Weltkrieg gewonnen war, Kambodscha 1949 wieder annektierte.



Es ist später Abend und ich sitze, die Stäbchen in einem halbvollen Teller gelber Nudeln herumstochernd, an einer Garküche in der Street 132. Fragwürdige Massagestudios und teure japanische Restaurants prägen das Straßenbild. Ich schaue auf meine Uhr. Halb zehn. Ohne den geradezu inflationären Gebrauch von Lichterketten, Werbeleuchten und Flutlichtern wäre es wohl dunkel. Der Verkehr hat bereits nachgelassen und ein angenehm kühler Wind weht Plastiktüten und Papierschnipsel über den Gehsteig. Ein Mann kommt mit seinem Handkarren vorbei. Er trägt wie fast alle Khmer Flip Flops, außerdem ein durchlöchertes graues Hemd und eine ausgebleichte rote Hose. Ich habe es aufgegeben das Alter der Khmer zu schätzen. Er könnte vierzig sein, aber das Straßenleben lässt früh altern und die Gesichter zerfurchen. Der Mann hält an einem Müllhaufen und beginnt diesen mit der Hand zu durchforsten. Presshöfe in der Stadt zahlen für Aluminiumdosen und Plastikflaschen. Ein ganzer Wirtschaftszweig baut auf dem mangelnden Umweltbewusstsein Kambodschas, nach dem die Menschen ihren Müll einfach auf die Straße werfen. Von der anderen Straßenseite nähert sich eine Frau, welche mit ausdruckslosem Gesicht ihre Garküche vor sich herschiebt. Etwas baumelt zwischen den Stützpfosten über dem kalten Herd. Bei genauerem Hinsehen stellt es sich als Kleinkind in einer Hängematte heraus. Die Mutter wird sich noch einen Schlafplatz suchen müssen. Ich schaue wieder weg. Mir gegenüber grinst Sunhay, ein Neuzugang unter den Garküchenbetreibern in Phnom Penh. Vor knapp einem Jahr kamen der neunundzwanzig Jährige, seine Frau sowie eine seiner Schwestern aus der ländlichen Provinz Kampong Cham; welche neben acht weiteren an Vietnam grenzt. Aus einem ursprünglich rein geschäftlichen Interesse – ich kam fast jeden Abend zum Essen – wuchs eine Art Freundschaft, in der Sunhay mir Khmer beibringt und wir über Themen philosophieren, von denen wir wenig bis gar keine Ahnung haben. Ein Kunde macht sich bemerkbar. Es dauert fünf Minuten bis das bestellte Fischamok zum Mitnehmen fertig ist. Mit einem Stirnrunzeln kommt Sunhay zurück an den Tisch. „Er war Khmer Krom“, antwortet er auf meinen fragenden Blick, „das erkenne ich am Dialekt“. Ob er auch Kambodschaner sei, will ich wissen. Sunhay verneint. „Nicht mehr“.

Was nach dem Einmarsch der Franzosen im Jahr 1949 passierte, hinterließ bis heute Narben im kollektiven Gedächtnis der Khmer. Möglicherweise hatte Paris ein Hühnchen mit den mittlerweile als aufsässig geltenden Khmer zu rupfen. Kampuchea Krom heißt die heutige Südspitze Vietnams, dort wo der Golf von Thailand an das Südchinesische Meer grenzt. Über Jahrhunderte machte dieses Gebiet fast ein drittel der kambodschanischen Landmasse aus. Bis heute leben dort zwischen sieben und zehn Millionen ethnische Khmer, rund doppelt so viele wie in ihrer ursprünglichen Heimat Kambodscha. Am 06. Juni 1949 gliederte Frankreich die Südspitze Kambodschas an seine Kolonie Cocochina – damals Vietnam und Ostkambodscha – an. Nach der verheerenden Niederlage in Dien Bien Phu (1954) und der endgültigen Vertreibung Frankreichs, beanspruchte Vietnam in der Indochinakonferenz das Gebiet Kampuchea Krom für sich. Dem wurde stattgegeben, trotz Protesten. Hanois Regierung leitet seinen Anspruch bis heute auf zwei Arten ab. Zum Einen habe das Land noch vor tausend Jahren den Cham, also der Urbevölkerung Südvietnams gehört. Die allerdings in ständigem Konflikt mit den Nordvietnamesen standen. Zum Anderen habe Frankreich vor seinem unfreiwilligen Abzug ja bereits entschieden. Für die ethnische Khmerbevölkerung in Kampuchea Krom brachen Jahrzehnte der Repressionen an. Cải Cách Điền Địa hieß eine Landreform aus dem Jahr 1954, für die Khmer Krom der Inbegriff von Landraub und Bruderhass. Hunderte Familien verloren ihre Felder und somit Existenzgrundlage an vietnamesische Farmer und Großgrundbesitzer. Es folgten Ausschreitungen, darauf Verhaftungswellen.



Stadtpark Phnom Penh

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Ein leichter Regen zieht auf, aber wir lassen uns davon nicht stören. Als kleine Gruppe gleichaltriger Teenager vertreiben wir uns gerne die Zeit im Stadtzentrum Phnom Penhs. Vier Khmer und ein Ausländer, heute kein ungewöhnliches Bild mehr in Phnom Penh. Eigentlich soll man in Phnom Penh nicht im Regen stehen – dieser ist durch die Abgase sehr sauer und macht krank– aber zwei Regenschirme und Kapuzen sprechen für sich. Während der Verkehrslärm auf den nassen Straßen zunimmt, kommen wir zum Independence Monument. 1953 erbaut erinnert dieses, im Baustil an die Türme Angkor Wats angelehnt, an die Unabhängigkeit von Frankreichs Kolonialpolitik. Ein großer Verkehrskreisel umgibt das braune Bauwerk, wir beeilen uns vor den kommenden Autos und Tuk Tuks die andere Straßenseite zu erreichen, hin zum Wat Bottom Park. Die Grünanlagen werden von den Bewohnern Phnom Penhs, egal welcher Altersgruppe, regelmäßig aufgesucht. Es gibt einen Spielplatz, viel freie Fläche die von Skatern und Fußballern genutzt wird, sowie einen scheinbar festen Platz, an denen Damen gesetzteren Alters ihre Zeit mit synchronem Aerobic und Tanz verbringen. Schon von Weitem erkennt man außerdem ein zweites Denkmal, das die Menschen Tag für Tag an die neokoloniale Politik ihres Nachbarn erinnert. Auf das 1979 errichtete Cambodia-Vietnam-Friendship-Monument soll es schon eine Reihe versuchter Anschläge gegeben haben, auch heute patrouilliert ein Wachmann trotz Regen um den Platz. Unter einer goldenen Kuppel stehen drei Statuen. Sie stellen zwei bewaffnete Soldaten und ein kleines Mädchen dar. Einer der Männer hat seine Hand auf die Schulter des Mädchens gelegt. Vielleicht um sie zu beschützen. Oder um sie zu ermahnen.

Der große Erfolg Mao Tsedongs, im einst so traditionellen China einen kommunistischen Staat zu errichten, beflügelte auch in Südostasien die Idee einer klassenlosen Gesellschaft. Während sich Vietnam bereits 1955 im Bürgerkrieg um einen sozialistischen Staat befand, geschah in Kambodscha ein eher schleichender Prozess. Bis in die endsechziger Jahre gelang es dem damaligen Monarchen Norodom Sihanouk sein Land aus dem Vietnamkrieg herauszuhalten. Beinahe wäre es ihm bis zum Schluss geglückt. Problematischer weise gab es auch in Kambodscha kommunistische Strömungen. Deren Anhänger waren aufgrund einer anfänglichen Ablehnung und späteren Verfolgung seitens der Regierung zu einem Partisanenleben gezwungen. Man fasste diese zunächst voneinander unabhängigen Gruppierungen als die Khmer Rouge, zu Deutsch Rote Khmer zusammen. An der laotischen Grenze versteckten sie sich, exerzierten in abgelegenen Bergregionen und unterhielten Kontakte zu China und Vietnam. Angelockt vom Ruf des Abenteuers aber auch von der kommunistischen Ideologie schlossen sich zehntausende junge Männer der Untergrundbewegung an. Unter ihnen auch Salot Sahr, den Freunde und Verwandte als ambitionierten jungen Mann kannten, der sogar in Frankreich studiert und danach in einer Privatschule in Phnom Penh unterrichtet hatte. Heute kennen ihn die meisten nur unter seinem Pseudonym, das man ohne weiteres in die Reihe von Hitler, Stalin und Mao anstellen könnte: Pol Pot. Die zunächst lockeren Beziehungen zwischen den Khmer Rouge und den Vietkong wurden enger. Als die Roten Khmer für ihre vietnamesischen Genossen Rückzugsgebiete und Transportwege in und durch Kambodscha gewährten, wurde es den USA schließlich zu bunt. 1969 begann Operation MENU, die Flächenbombardierung kambodschanischer Grenzsiedlungen, bei denen laut Schätzungen mehrere zehntausend Zivilisten ums Leben kamen. Dass sie damit der roten Bewegung in die Hände spielten schien keine Rolle mehr zu spielen. 1975 folgte ein von amerikanischen Geheimdiensten inszenierter Putsch. General Lon Nols kurze Regierungszeit war geprägt von massiven Verhaftungswellen mutmaßlicher wie auch tatsächlicher Linker. Bis zum 17. April desselben Jahres. Der Tag, an dem die Khmer Rouge nach einem kurzen Bürgerkrieg in Phnom Penh einmarschierten. Der Tag, der den Genozid an der eigenen Bevölkerung einleitete.

Die sprichwörtliche Schale Reis war alles, was die Bevölkerung egal welcher Altersgruppe am Tag bekam, erinnert sich Kim Song. Die damals etwa 30 jährige, so genau wisse sie ihr Alter selber nicht, erinnert sich noch gut an die Herrschaft der Khmer Rouge. Viel Arbeit auf den Feldern, dafür wenig zu essen. Viel mehr fällt ihr dazu nicht mehr ein, außer, dass auch Menschen verschwanden. Heute hilft sie am Seametrey Children´s Village in Tonle Bati, einer Montessorischule für Kinder aus allen sozialen Schichten. Unter ihren einheimischen Kollegen wie auch uns Freiwilligen ist sie beliebt, eine sehr herzliche Frau, die Ausländer immer noch mit „Monsieur“ oder „Madame“ anspricht. Ihren eigenen Enkelkindern erzählt sie manchmal Anekdoten aus der Zeit Pol Pots, ungewöhnlich für ihre Generation, die sich sonst über das Thema beharrlich ausschweigt. Vielleicht aus gutem Grund.

Der Traum vom kommunistischen Kambodscha war von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Städter und Intellektuelle richtete man gnadenlos als Klassenfeinde hin. Die Bevölkerung wurde zur Feldarbeit gezwungen, der Großteil der Erträge diente nicht der Ernährung sondern dem Waffenhandel mit China. Erst als Khmer Rouge Verbände sich gezwungen sahen, aus Nahrungsknappheit vietnamesische Provinzen zu überfallen, nahm der Spuk im jahr 1978 ein jähes Ende. Zwei Wochen dauerte die Invasion der Vietnamesen, in deren Verlauf ein Großteil des Landes von den Roten Khmer befreit wurde. Rund zwei Millionen Opfer hatte der Traum vom kommunistischen Kambodscha gekostet, sei es durch Mord oder Hunger. Das Land galt somit als befreit; nicht weil es der Tatsache entsprach, sondern weil die ganze Welt – von den Khmer selber einmal abgesehen – es glauben wollte. Von einem dauerhaften Frieden konnte man allerdings nicht reden. Ein fast zwei Jahrzehnte währender Bürgerkrieg entflammte und hunderttausende Khmer flohen über die thailändische Grenze, was die überforderte Regierung in Bangkok dazu veranlasste, Asylsuchende bereits nach kurzer Zeit zurück in das Kriegsgebiet zu schicken. Dass der Kampf verloren war hatten Pol Pot und seine Milizen begriffen, weshalb man dazu überging sich in Minenfeldern einzuschließen und das altgewohnte Partisanenleben fortzuführen; nach einigen vergeblichen Versuchen die Khmer Rouge endgültig zu vertreiben, sah man in Phnom Penh von weiteren großangelegten Militärschlägen ab. Tags über kontrollierten vietnamesische Soldaten die Straßen, nachts kamen die Roten Khmer aus den Bergen um sich mit Proviant zu versorgen.

Während die Weltöffentlichkei keine weiteren Schreckensmeldungen aus Kambodscha vernahm, blühte die pro-vietnamesische Regierung unter dem seit 1979 amtierenden Präsidenten Heng Samrin weiter auf. 1985 bestellte Hanoi kambodschanische Vertreter an den Verhandlungstisch, um über einen neuen Grenzverlauf zwischen Kambodscha und Vietnam zu verhandeln; sehr zum Missfallen der Khmer, die – zurecht - einen weiteren Landverlust seit 1954 befürchteten. Mit dem bis heute umstrittenen Treaty on Delimitation of National Boundaries von 1985 führt die Grenze nun mitten durch die eheamligen Siedlungsgebiete der Khmer, indem man den neuen Verlauf einfach vietnamesischen Landesspitzen nach Kambodscha hinein anpasste. Hunderte Familien der Khmer Ethnie verloren ihre Existenzgrundlage, abgesegnet von der Regierung Heng Samrins sowie dem heutigen Premierminister und Regierungschef Hun Sen. Wie in Kampuchea Krom setzte Vietnam alles daran die neu erworbenen Gebiete zu halten und warb in der eigenen Bevölkerung für deren Besiedelung. Auseinandersetzungen zwischen Vietnamesen und Khmer sind bis heute an der Tagesordnung. In Streitfällen entschieden selbst kambodschanische Gerichte auffallend oft für Vietnam.



Die 90er Jahre schlossen das Jahrtausend für Kambodscha noch einmal auf fulminante Weise ab. Premierminister Hun Sen putschte sich im Jahr 1997, auf Kosten mehrerer dutzend Menschenleben, mit seiner Partei (CPP) zum alleinigen Herrscher, die UN Friedenstruppe engagierte sich zwischen 1991 und 1993 vor allem mit Dollars und HIV für den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes und der einstige Tyrann Pol Pot verstarb 1998 friedlich im Kreis seiner Angehörigen. Nebst diesen Ereignissen wuchs das –in erster Linie ausländische- Interesse an einem Tribunal zur Verurteilung hochrangiger Khmer Rouge Kader. Für Premierminister Hun Sen, selber einmal Funktionär der roten Bewegung bis er kurz vor deren Ende desertiert war, ein Thema so lästig wie kurzweiliger Tinnitus: Nervtötend beim Zuhören, aber wenn man laut genug auf die Souveränität Kambodschas pochte, verstummte es auch wieder. Bis 2006 ließen sich der Internationale Gerichtshof und die Opfer des Terrorregimes hinhalten; als das Tribunal 2013 mit sage und schreibe fünf Verurteilten (unter 14.000 in Frage kommenden Tätern) endete, waren die meisten Verantwortlichen bereits verstorben oder längst im neuen, pro-vietnamesischen Regime etabliert und somit unantastbar.



Phnom Penh bei Nacht

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Was denkt eigentlich die kambodschanische Jugend über Vietnam? Das Fazit nach sechs Monaten Freiwilligendienst: Nicht sehr gut. Oder auch: Es soll sich zum Teufel scheren. Ich treffe V., eine 17 jährige Khmer im letzten Highschooljahr, die mir den Grund dieser offenbar weit verbreiteten Ansicht darlegt. Auf das Thema gekommen sind wir eigentlich mit der in Deutschland eher profanen Frage, was sie denn nach ihrem Schulabschluss machen will. „Ich weiß es nicht“, antwortet V. im tadellosen Englisch. „Hier in Kambodscha ist es sehr schwierig einen guten Job zu bekommen“. Kambodscha, soweit war mir bis dato bekannt, ist ein Entwicklungsland; also nicht einmal, wie seine beiden Nachbarn Thailand und Vietnam, auf der Schwelle zur Industrienation. Mangelnde Infrastruktur, steigende Grundstückspreise in Städten wie Phnom Penh, sowie die tagtägliche Kriminalität sowohl in den Straßen wie in der Politik, schrecken anscheinend noch immer viele ausländische Investoren ab. Außerdem „können wir ja auch nicht gehen, egal ob nach Thailand, Singapur oder Vietnam. Die wissen, dass unsere Abschlüsse gar nichts wert sind“. Gemeint ist die Korruption in staatlichen Schulen und Universitäten. Erst vor Kurzem erfuhr ich von einer Studentin im dritten Semester, dass ihr Kurs bereits Wochen vor den letzten Prüfungen Geld für die zuständigen Professoren sammle. In Kambodscha nimmt jeder was er kriegen kann und „Geschenke“ für die Aufwertung einer Abschlussnote scheinen hier bereits einen absurden Grad der Normalität erreicht zu haben. „Die Regierung tut nichts dagegen! Die nehmen hin, dass wir arm bleiben und wegen unserer schlechten Bildung nicht einmal weggehen können!“, so V. Ich frage sie, warum sich die Leute nicht dagegen wehren. Es sei „hoffnungslos“, denn wer auf der Straße protestiere „verschwindet oder stirbt“. Dass es sich dabei um gängige Praxis seitens der Polizei handelt, zeigten schon Demonstrationen 2005. Ministerpräsident Hun Senjhatte trotz aller Kritik der Oppositionspartei CNRP betont, dass ein erneutes Überdenken des Grenzverlaufs zwischen Vietnam und Kambodscha relevant sei. Dass bei diesen Überlegungen eine von Vietnam vorgezeichnete Karte verwendet wurde, anstatt einer von der UN geprüften Landkarte, sorgte in Phnom Penh für einen Ausnahmezustand, bei dem Beamte wahllos in die protestierende Menge feuerten. Ob V. dieses Problem auf die neokoloniale Politik der Vietnamesen zurückführe, will ich wissen. Es habe System, davon ist die junge Khmer überzeugt. „Vietnam profitiert schließlich davon. Solange wir arm und ungebildet bleiben gibt es auch keine Konkurrenz“. Und die Regierung? Die mache „da auch noch mit“, für „Spendengelder“.



Die Bevölkerung in Kambodscha ist wütend und das zu Recht. P. (19) geht sogar soweit zu sagen, dass sein Volk sich das nicht mehr lange bieten lasse. Wir sitzen zum Abendessen mit vier weiteren jungen Männern, alle zwischen 15 und 20 Jahren alt, in einem Haus nicht weit vom Independence Monument in Phnom Penh. Es gäbe enger werdende Verbindungen zu China, erläutert mir P., von denen sich manche auch ein militärisches Bündnis oder zumindest Waffenimporte erhoffen. Solche Entwicklungen sind im Hinblick auf den aktuellen Konflikt zwischen der Volksrepublik und Vietnam noch nicht einmal mehr Fantasterei. „Das hier ist Kambodscha, aber nicht mehr das Land der Khmer. Eines Tages kämpfen wir“. P´s Aussage hätte einem Blockbuster entstammen können, doch so weltfremd sie aus der Sicht von uns Europäern wirken mag, die anderen jungen Männer nicken stumm und ernst. Ob diese Ansicht stellvertretend für die gesamte Jugend in Kambodscha ist, sei dahin gestellt. Gemessen an ihrer beruflichen Perspektivlosigkeit und der Schuldzuweisung an Vietnam, ist eine steigende Konfliktbereitschaft jedenfalls nicht mehr zu übersehen.



Erst im Juni 2015 kam es wieder zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen vietnamesischen und kambodschanischen Landarbeitern in der Grenzprovinz Svay Rieng. Nachdem die Cambodian Daily und die Phnom Penh Post mehrfach kritisch darüber berichteten, verhängte die Regierung über das betroffene Gebiet eine Eingangssperre für Journalisten. Koy Pisey, Vorsitzende des Cambodian Border Affairs Commitee, verteidigte dieses Vorgehen wie folgt: “Verhandlungen über den Grenzverlauf sind eine sensible Angelegenheit, deshalb müssen sie im Geheimen durchgeführt werden“ (Phnom Penh Post, 13.07.2015). Nebst Meinungsverschiedenheiten kleinerer Grundbesitzer geht es aber oft auch um größere wirtschaftliche Interessen. Vietnamesische Agrar- und Holzkonzerne kaufen von der kambodschanischen Regierung Land, ohne dass die dort lebenden Menschen angemessen entschädigt werden. Bereits der geringste Widerstand wird hart geahndet. Die Cambodian Daily etwa berichtete im Juli diesen Jahres von 300 Familien aus der Provinz Ratanakkiri, denen lange Haftstrafen drohten, sollten sie nicht freiwillig ihr Land an einen vietnamesischen Agrarmogul abtreten. Der wegen besagter Drohungen beschuldigte Gouverneur Kim Phat bestritt diesen Vorwurf. Es habe nie solche Androhungen gegeben, allerdings, so Phat, handelten die betroffenen Familien mit ihrer Weigerung rechtswidrig. Über die tagtäglichen Konflikte zwischen Khmer und Vietnamesen berichten vietnamesische Zeitungen interessanterweise so gut wie nie. Allenfalls ist die Rede von der „Vietnamesisch-kambodschanischen Freundschaft“ (Hanoi Times, 09.11.2014).


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Kommentare

  • Blula

    Hallo Nicolás!
    Wir haben nun etwas länger auf einen weiteren Bericht von Dir warten müssen, sodass ich schon befürchtete, Du hättest das Schreiben womöglich aufgegeben, was natürlich kaum zu glauben gewesen wäre. Deine Berichte sind immer etwas ganz Besonderes, einfach authentisch. Du sitzt direkt an der Quelle und man erfährt auf diese Weise "in Echtzeit", was sich vor Ort tut. Auch dieser Bericht, der, wie Du schreibst, eigentlich eine ganz "normale" Reportage über das Verhältnis zwischen Khmer und Vietnamesen werden sollte, ist wieder unglaublich lesenswert, packend und lebendig formuliert, wie man es von Dir auch gewohnt ist. Man fühlt sich "wie dabei". Habe durch Dich erneut einen tiefen Einblick bekommen in das Leben, die (politischen) Verhältnisse vor Ort.
    Sehr gut ! Vielen Dank !
    LG Ursula

  • niglotraveller

    Liebe Ursula,

    entschuldige meine verspätete Antwort auf Deine wie immer sehr motivierenden Worte!
    Ganz lieben Dank!! Und keine Sorge, so schnell geht mir die Leidenschaft für das Schreiben und Reisen nicht verloren :-)

    Liebe Grüße aus meiner Reisepause in Europa

    Nicolás

  • ursuvo

    das war wieder ein "echter Nicolás - Dein Schreibstil ist wie immer super! und das Thema sowieso wieder sehr interessant!!!
    LG Ursula

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