Belarus - За дружба, За правда

Reisebericht

Belarus - За дружба, За правда

Reisebericht: Belarus - За дружба, За правда

„Die letzte Diktatur Europas“, wie Weißrussland gern von westlichen Medien gezeichnet wird, befindet sich im Umbruch. Reisen in Weißrussland bedeutet viel Improvisationskunst und neugierige Blicke. Wir kamen zumeist in privaten Unterkünften unter und stießen mehrfach auf die deutsch-belgisch-weißrussische Freundschaft an.

Am stillen See

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

„Komm doch mit nach Belarussland“ versuchte mich ein belgischer Freund bereits im letzten Jahr zu überzeugen. Doch der Krieg in der benachbarten Ukraine ließ mich zögern; zu unsicher schien mir die Lage und die Entwicklungen zu jener Zeit. Doch ich gab Lieven mein Wort, sobald wie möglich die Republik zu besuchen, in der ich ganz plötzlich mehr Gemeinsamkeiten entdecken sollte ich es je gedacht hatte. Und so ist diese Reportage keine touristische Angelegenheit und auch nicht ohne persönliche Hingabe möglich.



Berg Majak



Rajon Vitebsk

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

In den ersten Frühlingstagen erinnerte mich mein Freund an mein Versprechen, ihn nach Weißrussland zu begleiten. Immer noch skeptisch hielt ich mein Wort. Nicht zuletzt weil mich eine Freundin ermutigte. "Die schönsten und großmütigsten Frauen kommen aus Belarussland" war sie überzeugt, doch hatte ich damals nur Augen für eine einzige. Zahlreiche Legenden heben die Schönheit und den Stolz slawischer Frauen hervor. Weissrussland ist aber das Land im Osten Europas mit seinen zahllosen Seen, den endlosen Birken- und Kieferwäldern, der größten Wisentpopulation Europas, Bären und unzähligen Störchen. Natur pur.

Wir, das waren mein Freund und unsere weißrussische Gastgeberin Natalja*, flogen mit einem der bekannten Billigflieger nach Vilnius wo uns bereits Nataljas Cousine Tamara* erwartete. Der Grenzübergang gestaltete sich aufgrund der Wochenendeinkäufe langwierig, letztlich jedoch unkompliziert. Allein das wir uns einige Tage später bei der Minsker Polizei melden mussten, erinnerte mich an frühsozialistische Eigenwilligkeiten.

Weißrussland wurde für mich eine meiner persönlichsten Reisen. Aufgewachsen und sozialisiert im Land der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, mit Subbotnik, Pawel Kortschagin und Arkardi Gaidar und letztlich mit den allgegenwärtigen Erinnerungen an meine frühe weissrussische Freundschaft empfand ich die Offenheit und Gastfreundschaft unserer belarussischen Gastgeber mehr denn je erfrischend und wohltuend. An den Ufern des von zahlreichen Seen gezeichneten Nationalparks "Braslauskije Osjora" stießen wir mehrfach auf die deutsch-belgisch-weißrussische Gastfreundschaft an, ließen uns Schaschlik, Fischsuppe und Bier schmecken und begründeten neue Freundschaften. Nur den Wodka kosteten wir in jenen warmen Sommertagen nicht gemeinsam. Einem abkühlenden Regenschauer verdankten wir die Versuchung der russischen Banja im Sommer. Pjotr*, dem Mann Tamaras, der uns auf der Reise begleitete, bereitete es sichtbares Vergnügen, uns in die Eigenheiten der russischen Sauna einzuweisen. Zur Plage wurden an den Abenden nur die weißrussischen Mücken, welche die Gastfreundschaft schamlos ausnutzten.



Orthodoxe Kirche, Braslav



Gedenkstätte Chatyn

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

„Die letzte Diktatur Europas“ befindet sich im Umbruch. „Heutzutage ist Belarus ein wunderbares Land, das einzigartige Züge der eigenartigen Kultur und der uralten Traditionen zusammen mit der Moderne der Gegenwart harmonisch aufbewahrt hat und sogar die leidenschaftlichsten Reisenden zum Staunen bringt.“, hieß es in einem Weirussischen Reiseführer. Während Präsident Aljaksandr Lukaschenka länger als Helmut Kohl in Deutschland und Leonid Breschnew in der UdSSR die politische Richtung des Landes bestimmt, und die Vielzahl demokratischer Defizite und ein autoritärer Regierungsstils aus westlicher Perspektive kritisiert wird, zeichnen Smartphones, Skype, Facebook und ein offenes Internet ein offeneres Bild. Selbst die Reisefreiheit ist, im Gegensatz zu anderen postkommunistischen Ländern, nicht eingeschränkt. Somit stehen den zumeist gut ausgebildeten Akademiker auch die Tore der westlichen Marktwirtschaft offen, was gleichzeitig den Exodus der ländlichen Gebiete und den Verlust zahlloser Arbeitskräfte auf dem weißrussisch-staatlichen Arbeitsmarkt bedeutet.

Wir kamen zumeist in privaten Unterkünften unter. Trotz aller Schlichtheit und abgesehen vom Massenexodus der Dörfer, die sich auch im deutschen Osten wiederfanden, fielen mir besonders die farbenfrohen und gepflegten Grundstücke auf. Müßiggang konnten sich die Bauern in der „letzten Diktatur“ offensichtlich nicht leisten.



Museum für Kriegsgeschichte, Minsk



Minsk - Oktoberplatz

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Reisen in Weißrussland bedeutet viel Improvisationskunst und neugierige Blicke. Uns war es recht, waren wir doch nicht auf das übliche Sightseeing aus, sondern wollten Land und Leute ungeschminkt kennenlernen. So wie Nataljas Großvater, der mit seinen 92 Jahren den heute noch allgegenwärtigen Zweiten Weltkrieg erlebt hatte und uns bereitwillig von den Jahren der Bombardierung, den Verhaftungswellen und Zwangsarbeiten berichtete. Weißrussland nahm immer wieder eine besondere Stellung in den Kriegen ein. „Быстро, быстро, руки вверх! Schnell, schnell, Hände hoch!“ gehörte zum überlebensnotwendigen Sprachwortschatz in jenen Jahren. In der Generation der Enkelkinder kam ging es in „за дружба! Auf die Freundschaft!“ über.

Minsk mit seinen zwei Millionen Einwohnern, den breiten Prachboulevards, den Gebäuden Stalinistischen Baustils und den zahhlosen Plattenbauten ware das ernüchternde Kontrastprogramm zu Braslav. Während uns Nataljas Tante mit Pelmeni und Heidelbeeren verwöhnte, nutzten wir Google um Sprachbarrieren zu übergehen und Urlaubsbilder und Campari für das persönliche Näherkommen. Der Abstecher zu den Minsker Traktorenwerken war ebenso kurz wie von seiner großen Vergangenheit geprägt. Beim Fotografieren wurden wir immer wieder argwöhnisch und als vermeintliche Inspektoren beobachtet. Touristen mit Fotoapparat sind trotz Smartphone-Zeitalter eben doch eine weißrussische Seltenheit.

In jenen weißrussischen Tagen ließen „Пусть всегда будет солнце“ („Immer lebe die Sonne“) und „Ну заяц, ну погоди!“ („Nun Hase, na warte!“) mit belgischer Schokolade die anfängliche Verschlossenheit bald einer Herzlichkeit weichen, die man in Deutschland lange sucht. Wir tauschten uns in einem herzhaften deutsch-niederländisch-russisch-englischem Kauderwelsch aus, schlossen neue Freundschaften und luden uns gegenseitig ein.

„Berühren Sie die jungfräuliche Natur, hören Sie sich Melodik der belarussischen Sprache an und fühlen Sie grenzenlose Gastfreundschaft der friedliebenden Belarussen. Und Sie werden bestimmt Lust haben, hierher immer wieder zurückzukommen.“

* Name geändert



Metro Minsk


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • reisefreudig

    Schade, dass Du Dir nicht die Mühe machst und die Bilder zu den jeweilig passenden Texten stellst, z B. "Text umfließt". Der Bericht würde dadurch wesentlich "wertvoller" gestaltet sein. Über diese Land gibt es so wenig INFO hier, ich denke bei "Zuordnung" Deiner Bilder würden sich mehrere Bewertungen ergeben,
    lg Harald

  • lungta (RP)

    Hallo Harald,
    Manöverkritik angenommen :-)
    Viele Grüße Matthias

  • reisefreudig

    Matthias, der "Umbau" ist Dir perfekt gelungen. Sorry wollte nicht den "Oberlehrer" spielen, aber diesen Vorschlag mußte ich Dir einfach machen,
    lg Harald

  • lungta (RP)

    Sachdienliche Hinweise werden gern entgegengenommen und umgesetzt :-)
    Danke

  • gtrasher

    Ich kann insbesondere Deiner Schilderung der Herzlichkeit und der Besuchern entgegengebrachten Gastfreundschaft nur zustimmen --- mich als Deutschen hat das in den ersten Jahren meiner (beruflich) bedingten häufigen Besuche in Belarus fast beschämt. Lukaschenko allerdings scheine ich deutlich kritischer zu sehen als es in Deinem Bericht durchklingt.Belarus ist ein freies Land für alle, die keine oder eine wohlwollende Meinung zu Lukaschenko haben.Für alle anderen kann es ein ausgesprochen unangenehmes Land sein, zumindestens wenn sie ihre Meinung öffentlich machen ---- insofern ist Belarus das Gegenteil von Demokratie.Und ein wirklich freies Internet gab es in Belarus noch nie ---- und in diesem Jahr der Wahlen hat Lukaschenko durch weitere Gesetze erneut vorgesorgt, dass die Verbreitung unerwünschter Meinungen durch das Internet ziemlich schnell ohne Gerichtsverhandlungen im Gefängnis enden kann (warum er das allerdings macht, ist mir schleierhaft - nachdem es keine ernstzunehmende Opposition mehr gibt gewinnt er die Wahlen auch ohne Manipulation problemlos).Mein Fazit: Ein tolles Land mit tollen Menschen, dem ich etwas mehr Demokratie wünsche - in heutigen Zeiten wohl ein hoffnungsloser Wunsch. LG Gerd

  • Blula

    Vielen Dank, für mich war das ein Erfahrungsbericht, im wahrsten Sinne des Wortes. Auch die interessanten Fotografien will ich dabei nicht unerwähnt lassen.
    LG Ursula

  • lungta (RP)

    Hallo Ursula, vielen Dank für die Blumen. Freut mich sehr. Matthias

  • nach oben nach oben scrollen
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Belarus - За дружба, За правда 4.88 8

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps