Nichts für Warmduscher

Reisebericht

Nichts für Warmduscher

Im Museumshafen in Kappeln an der Schlei

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Abendstimmung an Deck

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Piekfall, Klaufall, Topsegelschot, Gaffelniederholer: Auf einem bald 70 Jahre alten, gaffelgetakelten Traditionssegler gibt es ein paar mehr Vokabeln als auf einer Yacht. Etliche Leinen führen vom Deck himmelwärts und hängen sauber aufgeschossen auf ihrem hölzernen „Nagel“. Winschen oder ähnliche technische Hilfsmittel sind nicht vorhanden. Alle Crewmitglieder helfen mit, wenn es darum geht, auf Kommando die richtige Strippe zu ziehen. Und legen sich dabei mit vereinten Kräften voll ins Zeug. Diese Art gelebter Seemannschaft macht für mich den besonderen Reiz eines „Tradis“ aus.



Klar zum Segelsetzen

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Einzug ins Holzschiff

„Nichts für Warmduscher“ steht in der Beschreibung des Ostertörns der Albin Köbis. So früh im Jahr so weit im Norden segeln, das muss ich nicht haben. Folgerichtig zähle ich mich zur Kategorie der Warmduscher und buche stattdessen den einwöchigen Törn „Rund Fünen“ Ende Mai bis Anfang Juni. Klar, da ist an der Ostsee auch noch nicht der Hochsommer eingekehrt. Aber ich freue mich auf angenehme Frühlingstemperaturen und etwas Sonnenschein. Genügend warme Sachen und die gute Offshore-Bekleidung packe ich natürlich ein. Insgeheim hoffe ich aber, dass die Schwerwetter-Ausrüstung möglichst wenig zum Einsatz kommen wird.

Bei Sonne, strahlend blauem Himmel und glasklarer Luft begrüßt uns Skipper Lutz, als wir am späten Nachmittag im Museumshafen von Kappeln an der Schlei ankommen. Sechs weitere Mitsegler sind bereits da und haben es sich auf Deck mit einem Bierchen gemütlich gemacht. Wie wir erfahren, sind alle außer uns Wiederholungstäter. Ich werte das als gutes Zeichen. „Ihr teilt Euch mit Julia die Viererkabine im Vorschiff“, weist uns der Chef ein. So krabbeln wir in den Niedergang und klettern die steile Treppe hinunter in den Bug der Albin Köbis. Das Innere des 18 mal 5 Meter großen Holzschiffes erinnert ein wenig an ein Fachwerkhaus: viel Holz und dicke, dunkle Balken. Die Kojen machen einen gemütlichen Eindruck, durch eine Decksluke fällt genügend Licht herein. Bullaugen hat ein holzbeplankter Schiffsrumpf üblicherweise nicht, da man diese nicht gut abdichten kann.



Die Insel Langeland im Frühlingskleid

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Durch die Schleibrücke und hinaus auf die Ostsee

Nachdem alle ihre Sachen verstaut haben, schlägt Lutz vor, zum Abendessen zu grillen. Denn Didi aus dem Moselland hat Wildbratwürste mitgebracht. Das klingt nach einem gelungenen Auftakt. Wir genießen das leckere Essen und den sonnigen Abend an der Schlei. Das Wasser ist spiegelglatt, ab und zu fährt ein Bötchen vorbei; mit einem Kajakwanderer halten wir einen kurzen Plausch. Am gegenüberliegenden Ufer leuchtet der Raps in der Abendsonne.

Mit einer Fläche von rund 3.000 Quadratkilometern ist Fünen die drittgrößte dänische Insel. Sie reicht fast an die Dimension von Mallorca heran. Die Insel in einer oder zwei Wochen segelnd zu umrunden, gehört zu den Standardtörns auf der Ostsee. Unser Käpt‘n holt die Übersichtskarte an Deck und erklärt uns seinen Plan: Eine steife Brise aus südwestlicher Richtung soll uns am ersten Tag durch den Kleinen Belt bis nach Middelfart bringen. Danach geht es im Norden durchs Kattegat, im Osten durch den großen Belt, bevor der Wind laut Wetterdienst – perfekt für die Rückreise - auf Südost drehen wird. Klingt vielversprechend.

Als sich um 8.45 Uhr am nächsten Morgen die Schleibrücke öffnet, geht es los. Wie angekündigt, segeln wir am Vormittag zügig Richtung Norden. Ich biete mich als Rudergänger an und stehe die nächsten Stunden am Steuer. „Nicht nur auf den Kompass gucken“, rät Lutz. „Orientiere Dich an der Richtung der Wellen und an der Flagge am Masttop und versuche, geradeaus zu fahren.“ OK, wird gemacht. Es dauert immer eine Weile, bis das Holzschiff auf die Bewegungen am Ruder reagiert. Ich konzentriere mich voll, versuche, ein Gefühl für das Boot und den Wind zu bekommen und einen Zickzackkurs zu vermeiden. Das ist erst mal nicht ganz einfach, macht aber großen Spaß. Irgendwann lasse ich mich ablösen und setze mich zum Aufwärmen mit einem Buch in den Salon. Nach kurzer Zeit nicke ich ein. Bis sich plötzlich die Bewegungen des Schiffs ändern und an Deck offenbar intensiv gearbeitet wird. Ich klettere nach oben und stelle fest, dass wir den Kurs geändert haben. Der Wind hat gedreht, ein Ankreuzen bis nach Middelfart ist bei Windstärke 5 bis 6 praktisch nicht möglich. Folglich entscheidet der Skipper, stattdessen die kleine Insel Lyö im Süden von Fünen anzulaufen.



Im geschützten Hafen

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Dick eingepackt gegen die steife Brise

Nachdem wir angelegt haben, freue ich mich auf einen Landgang. Zu Fuß sind es nur wenige Minuten bis ins Dorf. Unterwegs beobachte ich auf den Wiesen Feldhasen, Kaninchen, Fasane und ein Schwanenpaar. Der malerische Ort Lyø By ist geprägt von hübschen, original erhaltenen Fachwerkhäusern, einem schönen Dorfteich sowie mit üppig blühenden Pflanzen bedeckten Trockensteinmauern. Ich genieße die Ruhe und Idylle. Und die Windstille, denn im Hafen bläst nach wie vor ein starker, kalter Wind.

Acht bis zwölf Grad Celsius bei 5-6 Beaufort fühlen sich eisig an. Ohne lange Fleece-Unterhose, Unterhemd, T-Shirt, Sweatshirt, Fleece-Jacke und darüber die winddichte Offshore-Bekleidung geht beim Segeln gar nichts. Und selbst derart dick verpackt, fröstelt man nach einigen Stunden auf See. Wäre es beim Ostertörn nicht doch wärmer gewesen? Und welcher Komiker hat der Region den Namen Dänische Südsee verpasst?

Nächster Tag, neuer Plan: Angesichts der aktuellen und vorhergesagten Windbedingungen wäre nun eine Umrundung Fünens gegen den Uhrzeigersinn möglich. Lutz will es heute schaffen bis nach Lohals auf der östlich von Fünen gelegenen Insel Langeland. Ihre lange und schmale Form hat dem 11 Kilometer breiten und 52 Kilometer langen Eiland seinen Namen eingebracht. Vor uns liegt ein schöner Segeltag. Besonders freue ich mich darüber, das Schiff unter Segeln durch den langen Svendborgsund und unter der Sundbrücke hindurch steuern zu dürfen. Rote Tonnen, grüne Tonnen, schwarz-gelbe Gefahrentonnen sind hier im Slalomkurs angeordnet und erfordern höchste Konzentration. Im engen Fahrwasser rauscht zusätzlich noch eine Fähre an uns vorbei. Ein seglerisches Highlight für mich als frischgebackene Inhaberin des Sportbootführerscheins See. Auf Raumschotkurs geht es anschließend weiter in den kleinen Hafen von Lohals.

In der Nacht werden wir wach von einem tosenden Lärm. Stürmischer Wind aus Westen bringt den aus Lärchenholz bestehenden Mast der Albin Köbis zum Heulen, Tauwerk trommelt wie ein Hammer rhythmisch ans Holz, obwohl es straff gezurrt und fest belegt ist. Ein Glück, dass wir geschützt im Hafen liegen; doch an Schlaf ist bei dem Getöse vorerst nicht zu denken. Der Sturm hält auch am Morgen an. Lutz will abwarten und am Nachmittag neu entscheiden, ob wir unter Motor Richtung Westen nach Lundeborg auf Fünen übersetzen, um zumindest in der Landabdeckung zu sein. Ich nutze die segelfreie Zeit für eine kleine Wanderung durch Wälder, Wiesen und am Strand entlang. Die Natur präsentiert sich in ihrem schönsten Frühlingskleid, alles grünt und blüht. Ein gemähter Wiesenweg ist weiß von Gänseblümchen. Üppige Wildrosenhecken verströmen einen betörenden Duft. Man braucht nur etwa hundert Meter von der Küste ins Landesinnere zu gehen, um dem kräftig wehenden Wind auszuweichen.



Wasserspiele auf Ärö

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Planänderung und "Klar zur Wende!"

Um 16 Uhr brechen wir wie geplant auf und motoren nach Lundeborg, etwa vier Seemeilen entfernt auf der anderen Seite des Wassers. Ein kurzer, unspektakulärer Trip, der sich dennoch lohnt: Am Abend haben wir die Gelegenheit, etwa 20 Minuten lang einen oder vielleicht auch mehrere Schweinswale zu beobachten. Immer wieder tauchen sie unweit unseres Schiffes auf, jeweils begleitet von einem freudigen „Da!“, sobald jemand von uns einen der kleinen, delphinähnlichen Wale erblickt.

Am nächsten Tag heißt es für lange Zeit erst mal Kreuzen gegen den Wind in Richtung Süden. „Rund Fünen“ werden wir nicht mehr schaffen, daher soll uns die heutige Etappe wieder etwas näher in Richtung Heimathafen bringen. Das ist aus meiner Sicht nicht weiter schlimm. Ob ich nun im Norden oder Süden der Insel herumfahre, spielt keine Rolle, da ich ohnehin zum ersten Mal in der dänischen Inselwelt unterwegs bin. Nun haben wir ausgiebig Gelegenheit, die Wende auf der Albin Köbis zu üben. Hoch am Wind heißt die Devise: Höhe gewinnen. Ausnutzen der Böen durch Anluven sowie zügig durchgeführte Wendemanöver sind das A und O. Beim Kommando „Klar zur Wende“ laufen alle auf ihren Posten an Klüver- und Fockschot und halten sich bereit für das Manöver. Lutz lässt die Albin Köbis ein wenig abfallen, um Tempo aufzunehmen, dann luvt er an. „Wartet, bis der Klüver von allein rüberkommt“, ruft er. Er dreht das Schiff in Richtung Wind, bis das Klüversegel flattert und schließlich an der Fock vorbei auf die andere Seite rutscht.

„Klüverschot dichtholen und belegen.“ Wird erledigt. „Jetzt vier Mann an die Fockschot!“. Mit vereinten Kräften holen wir die Fock dicht. „Fockschot belegen!“ „Ist belegt.“ Auch Groß- und Besansegel haben den Bug gewechselt. Nun nimmt das Schiff wieder Fahrt auf. Die Crew hat Pause bis zur nächsten Wende. Auf diese Weise arbeiten wir uns fünf Stunden lang Meile für Meile gegen den Wind in Richtung Svendborgsund voran.



Morgens um sieben in Faaborg

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Malerische Märchenstadt auf Ärö

Fürs Abendessen schnippele ich während der Weiterfahrt nach Faaborg allerlei Gemüse für einen leckeren Auflauf. Den Proviant für den Törn hat Lutz im Vorfeld besorgt. Backskisten und Kühlschrank sind prall gefüllt mit frischen Zutaten, ganz nach meinem Geschmack. Vom Spargel-Kartoffel-Auflauf über das in Rotwein geschmorte Hühnchen bis hin zu Pellkartoffeln mit Heringssalat: Am Abend macht sich die gesamte Crew hungrig über die vielseitigen und schmackhaften Gerichte her, die außerdem so schön von innen wärmen. Niemand hat etwas zu meckern, alle langen herzhaft zu.

Unser nächstes Ziel ist die malerische Märchenstadt Ærøskøbing auf der Insel Ærø. Schmale, kopfsteingepflasterte Gassen mit bunten, denkmalgeschützten Fachwerkhäusern laden zu einem beschaulichen Bummel ein. Wer hier entlang schlendert, fühlt sich in eine dänische Stadt aus dem 17. oder 18. Jahrhundert zurück versetzt. Nicht ohne Grund gehört Ærøskøbing zu den beliebtesten Häfen der Dänischen Südsee. Wir haben Glück. Heute scheint die Sonne, ein herrlicher Urlaubstag. Das Kontrastprogramm erwartet uns am nächsten Tag: Vor uns liegt ein langer Schlag nach Sonderburg. Starkwind mit Sturmböen, hohe Wellen und Regen machen die Fahrt durch den kleinen Belt zum Hardcore-Trip. Nichts für Warmduscher. Triefend nass und ausgekühlt erreichen wir den Stadthafen. Jetzt hilft nur noch eine heiße Dusche.

Von Sonderburg aus sind wir anschließend in perfekter Ausgangsposition, um am letzten Tag den Heimathafen in der Schlei zu erreichen. Starkwind und Sturmböen beherrschen weiterhin das Wettergeschehen, immerhin ohne Regen. Unter Landabdeckung gibt es kaum Seegang und wir kommen auf Halbwindkurs zügig voran. Ein toller letzter Segeltag zum Abschluss einer spannenden Reise. Es ist Anfang Juni. Während des gesamten Törns waren wir eingepackt in dicke wind- und wasserdichte Kleiderschichten. Morgen soll der Sommer kommen.



Malerische Schlei

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Kommentare

  • Blula

    Dieser abenteuerliche Segeltörn auf dem alten Holzschiff hätte mir sicherlich auch große Freude bereitet. ... wenn man mal von den Sturmböen absieht:-(( Danke für's Mitnehmen, kann ich nur sagen. Spannend, wie es auf so einem Traditionssegler zugeht. Sehr gefallen hätte mir auch die Märchenstadt Ärö.
    Ein toller Bericht den Du hier auch noch dazu mit ausgezeichneten Fotografien umrahmt hast.
    LG Ursula

  • ursuvo

    so eine Fahrt hätte ich - theoretisch - auch gern mal gemacht. Praktisch wäre mir das sicher zu anstrengend gewesen und ich hätte den ganzen Tag Reisepillen schlucken müssen.
    Aber Dein Bericht hat mir sehr gut gefallen!!
    LG Ursula

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