Elsass - im Land der Kurven

Reisebericht

Elsass - im Land der Kurven

Reisebericht: Elsass - im Land der Kurven

Urige kleine Ortschaften mit alten Fachwerkhäusern, Störche, die über den Dächern kreisen, Weinberge und dazu Gipfel wie der Col du Bonhomme, Col de la Schlucht und Le Grand Ballon, die Fahrgenuss vom Feinsten versprechen - das ist das Elsass, der kleine Blumengarten Frankreichs.

„Le Hohneck“ (1.363m)



Panorama unique - Le Hohneck und Le Grand Ballon

Le Hohneck

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Es ist noch kühl, als wir die Motoren unserer Motorroller starten. Leichter Dunst zieht die Hänge zu unserer Unterkunft in Hochrodberg hinauf. Ein Sweatshirt ist da recht angenehm. Die Lage des Hohrodbergs (800) brachte ihm den Beinamen „Aussichtsterrasse zum Tal“ ein. Die Aussicht ins Munstertal ist tatsächlich phantastisch, als wir die Serpentinen der schmalen Le HohneckHangstrasse hinab ins Tal wedeln. Wir passieren auf breitem, griffigem Asphalt Stosswihr und Soultzeren, dann zweigt in einer Serpentine die Auffahrt zum Col de Wettstein (882) ab. Wald und Viehweiden begleiten den Aufstieg. Über die D48, entlang des eiszeitlichen Gebirgssees Lac Noir, erreichen wir den Lac Blanc (1.045). Der See liegt dunkelblau in einem zerklüfteten Felskessel. Die gegenüber liegende, 100 Meter hohe Steilwand des Sees bietet ein herrliches Bergpanorama.

Die körnige Teerstraße zieht sich nun an der Skistation vorbei hoch zum Col du Calvaire (1.134). Der Calvaire ist im Grunde genommen kein Pass, sondern eine der Höhen der Route des Crêtes, zwischen dem Col du Bonhomme im Norden und dem Col de la Schlucht im Süden gelegen. Über einen kurzen Abzweig von der Route des Crêtes, südlich des Col de la Schlucht, geht es hinauf zum „Le Hohneck“ (1.363m), dem zweithöchsten Berg der Vogesen.
Die etwa 1,5 km auf rauem, welligen Asphalt, mit 7 immer enger werdenden Serpentinen, stellen keine besondere Herausforderung dar. Das unten extra angekündigte „Panorama unique“, mit Blick bis zum Matterhorn und Mont Blanc, muss bei klarer Rundumsicht von 360 Grad fantastisch sein. An einem solchen Tag muss man hier jedoch auch mit erheblichem Rummel rechnen. Wir sind glücklicherweise weitgehend allein hier oben. Die mittlerweile dunklen Wolken haben die meisten Besucher wohl verscheucht. Allerdings leider auch das „Panorama unique“.

Zurück auf der Route des Crêtes überwinden wir den Col du Herrenberg (1.186) am Fuß des 1.270 m hohen Schweisselwasens, den Col du Hahnenbrunnen (1.190) und die riesige, kahle Kreuzung des Le Markstein (1.183), dann liegt er vor uns - der Grand Ballon (1.424), die höchste Bergbastion der Vogesen Auf der Bergspitze erhebt sich weithin sichtbar ein „Golfball“, welcher in Wirklichkeit eine Radarstation der zivilen Luftfahrt ist. Auf der Passhöhe finden wir einen riesigem Parkplatz mit unzähligen Motorradfahrern vor - der übliche Gipfelrummel.

Fahrfreude kommt auf, als wir uns durch die vielen Kehren, die sich schön an den Hang schmiegen, den Berg Richtung Cernay hinabstürzen. Hier können wir die Gashand spielen lassen. Gebremst wird die flotte Hatz lediglich durch einige gepflasterte, enge Kehren am Col Amic. Am Col du Silberloch treffen wir auf den Hartmannswillerkopf (Vieil Armand, 956m). Hier war das verlustreichste Vogesen-Schlachtfeld des ersten Weltkriegs. 30.000 Soldaten starben hier im Stellungskampf oder wurden Opfer der Kälte. Um die Schützengräben und den eigentlichen umkämpften Gipfel zu besuchen, bedarf es allerdings eines kleinen Fußmarschs. Dann reiht sich Kreuz an Kreuz, da kann es einem schon mulmig werden. Durch Wald und Weidelandschaft führen uns 9 Kehren den Col de Herrenfluh (835) hinab ins Tal.
Durch unendliche Weinberge folgen wir der „Route du Vin“, der oberelsässischen Weinstraße, an der sich idyllische Weindörfer wie Perlen einer Kette aneinanderreihen. In Guebwiller drängt die D430 entlang des Flüsschens Lauch wieder hinein ins Vogesenmassiv.

Am See von Kurth-Wildenstein, dem größten Stausee auf der elsässischen Seite der Vogesen, ist erst einmal Pause angesagt. Majestätisch glitzert das Wasser in der Sonne. Die Stille wird nur gelegentlich von vorbeidonnernden Motorradfahrern unterbrochen. Hinter Wildenstein kommt dann echtes Hochgebirgsfeeling auf. Durch das Tal der Thur erreichen wir auf einer kleinen Nebenstraße den Col du Bramont (956). Dieser Pass ist gemütlich zu fahren, nicht wirklich steil, aber mit seinen sage und schreibe 16 Kehren ein Genuss. Hinter Wildenstein kommt dann echtes Hochgebirgsfeeling auf.

Zwischen La Bresse und Gérardmer müssen wir noch den Col de Grosse Pierre (956) überwinden. Die Straße entlang eines offenen Berghangs oberhalb des Vallée de Chajoux verläuft durch eine anmutigen Landschaft mit Bauernhöfen, Chalets und Wiesen, dafür ist aber der Verkehr auf einer der Hauptverbindungsachsen des Départements Vosges recht stark. Wir sind daher froh, als wir in Gérardmer zum Col de la Schlucht abbiegen können.
Die Berghänge sind von dunkelgrünen Tannen- und Buchenwäldern bedeckt, auf den steilen Almwiesen weiden glückliche Schwarzfedern (schwarz-weisse Vogesenkühe); alte Bergbauernhöfe kleben an den Hängen. Der Straßenbelag ist ausgezeichnet. Das dunkle Teerband führt uns entlang der „Roche du Diable“ (Teufelsfelsen) sanft aufwärts. Am Felsentor legen wir eine Fotopause ein und genießen den phantastischen Blick in die Schlucht. Nun folgen 20 rassige Km durch den Wald den Col de la Schlucht (1.138) hinunter bis nach Munster - ein wahrer Kurvengenuss. Kleine Anmerkung: manche Leitplanke hat dort durchaus seine Daseinsberechtigung. Im unteren Teil lässt uns die gut ausgebaute Route National (D417) in alpin anmutenden Kehren dann wieder genügend Zeit, Blicke in die schöne Landschaft zu werfen. In Munster werden noch einmal unsere Motorroller für den nächsten Tag aufgetankt. Dann fordert auch unser Magen sein Recht - bei einem leckeren Schoppen Rotwein und natürlich einer Platte des berühmten Munsterkäses, dem Käse mit dem hohen Duftfaktor.



„Le Hohneck“



Unterwegs im Elsass

Ehe es wieder ins Reich der Kurven geht, machen wir einen kurzen Abstecher zum Markplatz von Munster, dem historische Kern der Stadt. Es ist Markttag; entsprechend belebt ist der Platz vor dem alten Rathaus. Man sollte hier nicht den Fehler machen, einfach vorbeizufahren, sondern den Blick gen Himmel wenden. Das Dach ist auf mehreren Etagen mit Storchennestern geradezu gepflastert. Die Störche, das elsässische Symboltier schlechthin, nehmen den Trubel unter ihnen gelassen hin.

Wir verlassen Munster auf alten Kopfsteinpflasterstraßen und folgen dem Vallée de Munster entlang der Fecht in Richtung Südwesten. Dort erwartet uns die unspektakuläre Kuppe des Col du Plaetzerwaesel (1.183). Hinter der Passhöhe geht es kurz bergab, es folgt der ebenso kurze Anstieg zum Breitfirst (1.282) - eher ein Hochplateau als ein Gipfel - dann stoßen wir auf dem Le Markstein wieder auf die Route des Crêtes. Es ist Samstag und die Ruhe des Vortages ist hier oben vorbei. Ganze Horden von Bikern sind in die Vogesen eingefallen. Immer wieder ballern Gruppen vorbei, ungeachtet des Rollsplitts, der laut vernehmbar gegen die Radabdeckungen prasselt. Über den Lac de Kruth, das Vallee de Thur, wo mythisch anmutende Berghöhen die umliegenden Täler und Hochebenen zu bewachen scheinen und das Val de Saint-Amarin geht es südwärts Richtung Thann.

Hier beginnt der Aufstieg zum Col du Hundsruck (748). An diesem Pass geriet Jan Ullrich, der kurz vor dem Gesamtsieg stand, 1997 auf der 18. Etappe der Tour de France durch eine Attacke seines schärfsten Konkurrenten Richard Virenque in Bedrängnis und verlor 47 Sekunden auf die Spitzengruppe. Doch dann soll sein Teamkollege Udo Bölts ihn mit den berühmt gewordenen Worten „Quäl dich, du Sau!” derart angeraunzt haben, dass Ullrich wieder Mut fasste, einen Zahn zulegte und schließlich die Tour gewann. Der Col du Hundsrück bildet den höchsten Punkt der D14b, die von Bitschwiller-lès-Thann nach Masevaux führt. Die Straße wurde im ersten Weltkrieg aus militärischen Gründen gebaut. Sie taucht nach einigen Kilometern in den dichten Wald ein und erreicht so die Passhöhe. Von hier oben bietet sich uns eine großartige Aussicht in die elsässische Ebene und den Grand Ballon.

Auf dem Place de Clemenceau in Masevaux, wo sich das Tal der Doller weitet, genehmigen wir uns in einem kleinen Bistro den obligatorischen Cafe au Lait und schauen dem geschäftigen Treiben auf dem kleinen Obst- und Gemüsemarkt zu. Gestärkt führt uns die D466 weiter in den Parc Naturel des Ballons hinein. In dieser Ecke ist vergleichsweise wenig los. Kaum Verkehr, keine Sessel- oder Sommerrodelbahnen, der Rummel der Route des Crêtes und des Grand Ballon sind weit weg. Hinter dem Dörfchen Sewen mit seinen kleinen Fachwerk- und Sandsteinhäuschen zieht die Straße langsam an und windet sich Staumauer des Lac d’Alfeld (621 m) hinauf. Die Fahrbahn ist schmal, nur von kleinen Mäuerchen begrenzt und dazu kehrenreich. Oben im Bergwald stürzt ein Wasserfall zu Tal - dieser Streckenabschnitt ist ein wahrer Genuss. Schnörkellos und ohne weitere Kehren zieht die Straße dann aus dem Bergkessel heraus und schlängelt sich schier endlos an den dicht bewaldeten Hängen des Grand Langenberges entlang.

Wir lassen den Ballon d`Alsace (1.178) rechts liegen und nehmen die Abfahrt entlang der Roche du Cerf hinunter nach Giromagny. Am Ortsausgang von Plancher-les-Mines empfängt uns die Auffahrt zum Col du Station (1.178) und zum Ballon de Servance (1.158). Die Straße durch den Forêt de Saint-Antoine, entlang des Flüsschens Rahin, bleibt schmal, nicht mehr als ein besserer Waldweg. Auf der rau asphaltierten Straße erreichen wir über eine kurzen Rampe den Col des Croix (680), die Hauptverbindung von Servance im Vallée de l’Ognon nach Le Thillot im Vallée de la Moselle. Das schmale Bergsträßchen trägt zum entspannten Fahrvergnügen bei, schlängelt es sich doch schön der natürlichen Topographie des Hanges folgend nach unten. Über den Col du Mont de Fourche (620), La Bresse und den Col du Bramont (956) geht es noch einmal rassig durch das Kurvenlabyrinth der Vogesen. Fahrgenuss vom Feinsten. Genau der richtige Abschluss für einen gelungenen Pässetag - und am Abend gibt es dann noch das elsässische Nationalgericht „Choucroute“ - Sauerkraut, klassisch mit Schweinefleisch und Würstchen.



Markt in Munster


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • Roemi

    Ein lesenswerter Bericht über eine ausgesprochen angenehme Gegend!

    LG Wolfgang

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Elsass - im Land der Kurven 4.75 4

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps