Mit einem Fuß im Orient

Reisebericht

Mit einem Fuß im Orient

Reisebericht: Mit einem Fuß im Orient

2013 unternahmen ein Schulfreund und ich eine Reise nach Istanbul. Ich muss vorwarnen, hinsichtlich einer recht martialischen Stadtgeschichte und unserem recht martialischen Interesse ist auch dieser Bericht... etwas martialisch geraten

Gewürzbasar (wenn ich mich...

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Wer in den vergangenen Jahrhunderten auf der Seidenstraße in Richtung China reiste, der kam fast zwangsläufig erst einmal durch das Tor zum Orient – heute Istanbul genannt. Als Meltingpot von östlichen und westlichen Einflüssen reizt diese Großstadt mit einer Vielzahl an Eindrücken, sowohl historisch wie auch modern. April 2013 reisten Schulfreund Michael und ich für knapp eine Woche an den Bosporus; Erfahrungen mit türkischen Tabak bis hin zur Kampfkunst der Janitscharen inbegriffen.

Anreise am Nachmittag, Michael und ich werden per Taxi in die Altstadt zum Aren Suites Hostel gefahren. Ein Doppelzimmer mit Aussicht auf die Hafenanlage sowie die Reste einer spätantiken Seemauer, inmitten enger Gassen wo sich (Cliché par excellence) Dönerbuden an kleine Supermärkte und Tante-Emma-Läden reihen. Es ist von hier aus nicht weit bis zur Sultan Ahmed Moschee und somit wäre auch das Tages- oder besser Abendziel ausgewählt. 1616 im Auftrag Sultan Ahmeds I. erbaut lief das Gebäude schnell der Hagia Sofia als Hauptmoschee im damaligen Konstantinopel den Rang ab. Besonders Abends lohnt sich ein Besuch, während und nach dem letzten Gebet der gläubigen Muslime, wenn die Moschee im Scheinwerferlicht erstrahlt. Bei dem Besuch belassen wir es dann auch an diesem Tag, müde von Menge und Vielfalt der neuen Eindrücke schläft jeder schnell im Hotel ein.

Istanbul blickt auf eine lange Geschichte zurück. Bereits im 6. Jahrhundert vor Christus soll hier eine phönizische Siedlung errichtet worden sein, welche sich in ununterbrochenen Konflikten mit griechischen Nachbarn, dakischen Plünderern und schließlich römischen Besatzern befand. Mit dem Zerfall des Imperium Romanum in West und Ost im 5. Jahrhundert stieg die Macht der seit Kaiser Konstantin Konstantinopel genannten Stadt zu der des Kaiserreiches Byzanz: Gegenspieler der im Mittelmeer kurzweilig herrschenden Vandalenkönige, Bollwerk gegen die ersten maurischen Eroberer, Erbe einer Weltmacht, Hüter antiken Wissens welches im Westen verloren ging und weil es so schön ist auch noch Knotenpunkt im west-östlichen Handel. Man könnte die Liste vermutlich noch um ein gutes Stück erweitern.

Von einer Geschäftspartnerin und gleichzeitig Freundin meiner Mutter werden wir am nächsten Tag durch die Altstadt von Istanbul geführt. Hinein in den Großen Basar, welcher von Sultan Mehmet Fatih im ausgehenden 15. Jahrhundert etabliert wurde. Bekannt ist dieser Markt heute für seine schier endlosen Goldvorkommen in Juwelierläden, echten und falschen Antiquitäten, sowie allerlei Plunder für Touristen. An Bekanntheitsgrad gewann dieser außerdem mit der Premiere von „Skyfall“, in dem Daniel Craigh alias James Bond einen Gangster über die Dächer Istanbuls und durch den Großen Basar verfolgt – kurz bevor ihn seine eigene Kollegin über den Haufen schießt. Das aber nur nebenbei. Wir besuchen diesen Basar oder Suq (arab.) noch einige Male, um türkischen Honig für unsere Eltern zu kaufen.

Ein heimeliger und deutlich heimischerer Suq ist außerdem der Gewürz- oder Ägyptenbasar, welcher dem Großen Suq im 17. Jahrhundert folgen sollte. Direkt am Wasser sei dieser auch, so unsere Führerin, eine Art Kontor für den Gewürzhandel mit Fernost gewesen. Bereits beim Betreten der Halle steigen mir die Gerüche von Safran, Myrrhe, Pfefferminz, Tee, Süßspeisen und tierischen Abfällen in die Nase. Letzteres aufgrund einiger Läden außerhalb der Markthalle, in denen Tiere – eigentlich bevorzugt lebend – verkauft werden. Bevor wir mit der Fähre das asiatische Festland besuchen, machen wir noch einen Abstecher nach Beyoglu. Dieses Wahrzeichen, ich nenne es mal rundheraus kreuzfahrerischer Hintergedanken, wurde nach dem vierten Kreuzzug AD 1204 als eine venezianische Bastion errichtet. Der damals mächtig werdende italienische Stadtstaat hatte das knapp 12.000 Mann starke Unternehmen nämlich finanziert und organisiert; und nach der Eroberung der damals noch unabhängigen byzantinischen – außerdem christlichen! - Hauptstadt zufällig den stärksten Wirtschaftskonkurrenten im Mittelmeer ausgeschaltet. Kreuzzug nach Jerusalem war danach nur noch doof, die Truppen wurden aufgelöst oder in Garnisonen verteilt. Wir entdecken in einer kleinen Gasse ein gemütliches türkisches Restaurant mit für mich undefinierbarem aber leckerem Essen. Döner isst man hier eher wie in Deutschland Lamaccun, also gerollt auf dem Teller und zusammen mit bitterer Milch als Getränk. Reis ist ab und zu auch dabei. Und Tchai – ich liebe diesen Tee!!! Zusammen mit kleinen Süßspeisen aus Blätterteig. Das Wetter wechselt die Tage von regnerisch zu sommerlichen Temperaturen, man kommt sich beim Spazieren vor wie in einer Dauerschleife von Joe´s „You can leave your hat on“: Pullover an, Pullover aus, Pullover an, Pullover aus usw., den lieben langen Tag.

Abendliches Weggehen. Hinter der Sultan-Ahmed-Moschee gibt es eine Art open air Suq. Das Interessante: Tagsüber fallen Touristen über die Läden her, abends paffen hier die Händler mit ihren Familien. Als kulturinteressierte Jugendliche lassen wir es uns nicht nehmen, den ganzen Abend in einem Café Tee zu trinken und Wasserpfeife zu rauchen. Die Quittung bekommen wir dann nach drei Stunden. Uns ist dermaßen schlecht, dass der knapp ein Kilometer lange nächtliche Rückweg zu einem Gang nach Canossa ausartet. Die Nacht über träume ich von Magenproblemen und bin am nächsten Morgen geradezu kindlich glücklich darüber, dass ich keine weiteren Nachwirkungen verspüre. Viel Wasser und ein ordentliches Frühstück in einem Straßencafé stimmen auch Reisegefährte Michael wieder guter Laune.

Nächster Programmpunkt ist der Topkapi Palast. Sultan Mehmed II, Eroberer Konstantinopels im Jahr 1453, hatte wenig Interesse daran dieses wirtschaftliche Juwel an die Berberstämme oder gar wieder an ein christliches Königreich zurück zu verlieren. Und was macht man, wenn man nicht will, dass jemand einem etwas wegnimmt? Genau. Man lässt eine Festung von den Ausmaßen einer damaligen Kleinstadt bauen und ergänzt sie mit einer kilometerlangen Landmauer im Norden. Der Bau dieser imposanten Anlage markierte auch den Beginn der Herrschaft des osmanischen Reiches, dessen wirtschaftliches Zentrum Istanbul und machtpolitisches Zentrum der Topkapi Palast werden sollten. Hier beschloss man gleich zwei Wiener Belagerungen und hier rollten auch jeweils die führenden Köpfe als beide Unternehmungen versagten. Heute besticht diese Sehenswürdigkeit vor allem mit ihrem Ausblick von den Schanzen auf den Bosporus, sowie mit der Ausstellung des Staatsschatzes. Dabei sind: Unmengen an Edelmetall, Kleidung, eine Reihe Prunkwaffen sowie einer der zehn größten Diamanten der Welt. Hat mich auch nervös gemacht.

Schließlich wollen wir auch diese Attraktion nicht mehr aufschieben und besichtigen die Hagia Sofia. Im 6. Jahrhundert errichtet mischen sich in der ursprünglich christlichen Kathedrale westliche und östliche Kultureinflüsse in den Goldmosaiken. Nach der Eroberung durch die muslimische Herrscherkaste wurde der sakrale Bau zur Moschee umfunktioniert, die zunächst allein bestehende byzantinische Kuppel ergänzte man um eine Reihe Minarette. Sehr interessant: Man fand Graffiti aus dem 10./11. Jahrhundert an den Säulen. Runenschrift. Häh? Zwei Theorien: Obwohl man unseren Vorfahren ja einiges an Dummheit vorwirft sind gerade die nordeuropäischen Händler sehr weit gekommen, belegtermaßen noch über Istanbul hinaus, welches im Altskandinavischen Myklagard hieß. Möglicherweise hat ein Händler seinen Namen auf dem Stein hinterlassen, wie es einige Witzbolde heute noch machen? Theorie zwei: Im zehnten Jahrhundert entsandte ein Ruskönig (Rus = Siedler im heutigen weißrussischen Gebiet mit skandinavischer Abstammung) ein 6000 Mann starkes „Wikingerheer“ (Anführungsstriche weil Wikinger, bzw. ursprünglich Vikingr, Seeräuber bedeutet; man unsere Vorfahren also tatsächlich je nach ihrer Einreiseabsicht benannt hat) zum Schutze des Kaiserreiches. Begeistert von der Kampfkraft der Nordmänner, welche nicht zuletzt wohl auf einen geradezu suizidalen Glauben (Krieger kamen nach ihrem Ableben in eine Festhalle, Pazifisten hatten wohl weniger zu lachen) und den Konsum von Fliegenpilzen zurück ging, rekrutierten die byzantinischen Kaiser bis ins 13. Jahrhundert ihre Leibwache aus nordeuropäischen Veteranen. Die Warägergarde war geboren. Da sich Palastwachen bekanntermaßen mit geradezu chronischer Langeweile auseinandersetzen mussten, spricht das für jene Graffiti – dass die Runen in Marmor geritzt wurden außerdem dafür, dass der Wachhabende viel Zeit und wenig zu tun hatte.

Unser vorletzter Tag in Istanbul. Als begeisterte Kampfsportler, die sich zudem mit dem sogenannten HEMA (Historical European Martial Arts – also praxisnahe Studien über die Entwicklung europäischer Kampfkünste) auseinandersetzen, besuchen wir eine Kampfsportschule eine Stunde östlich von Istanbul in Izmir. Die Kuzgun Akademi hat sich auf westliche sowie nahöstliche historische Kampfkünste spezialisiert und uns zu einem Training mit Besichtigung einer Filmkulisse eingeladen. Die Kämpfer, allesamt berufliche Stuntmen, haben sichtlich Spaß mit uns Teenies und trotz der sprachlichen Diskrepanz – wir sind auf einen Übersetzer angewiesen - gestaltet sich der Besuch zu einem lockeren Erfahrungsaustausch. Mit unserem Übersetzer haben wir im Übrigen eine Menge Glück, trotz seines Alters gibt er zu so etwas nie zuvor erlebt und eine Menge Spaß zu haben. Wir lassen uns in die Kunst der Janitscharen, also dem Umgang mit Shamshir, Speer, Krummdolch und allerlei anderen Waffen unterweisen und tauschen diese bereitwillig gegen unsere Kenntnisse über den gerichtlichen Zweikampf im Deutschland des 15. Jahrhunderts. Die Unterschiede sind manchmal deutlich ersichtlich – in Europa bevorzugte man im Spätmittelalter aufgrund neuer Technologien schon eher das Stechen, im Orient vertraute man auf Altbewährtes und hieb dem Gegner bevorzugt die Rübe ab. Was sich weitgehend deckt ist die Basis: Ringen und Boxen scheinen biomechanisch universell zu sein. Ein wenig erstaunt wirkt die Gruppe von unseren Erzählungen über die Szene des HEMA. Die ist nämlich ziemlich breit gestaffelt und gut vernetzt, mit Gruppen auf allen fünf Kontinenten und mit von hunderten Teilnehmern besuchten Seminaren wie dem Dreynschlag in Wien. Ilker Can Karagülle, Begründer der Kuzgun Akademi, erklärt uns woher die Reaktion seiner Mitstreiter rührt. Nicht wenige Türken scheinen ein geradezu phobisches Verhältnis zu ihrer vorrevolutionären Geschichte zu haben; ähnlich wie wir Deutsche mit der NS-Zeit. Nach Attatürks Aufstieg galt alles osmanische aus der Epoche der Sultane als verpönt. Es sei nicht immer einfach Genehmigungen für Auftritte und Vorführungen an historischen Plätzen zu bekommen, an einem Event am Topkapi Palast säßen sie schon seit Jahren. Man wird hier leicht als Osman-Nastolgiker abgestempelt, so Ilker - was sie zur Annahme verleitete, sie seien mehr oder minder alleine mit ihrer Begeisterung und Beschäftigung. Dass das zumindest in der Türkei eine traurige Tatsache ist, darin sind sich alle einig. Kampfkunst mag kritisch betrachtet werden, sie war und ist auch Ausdruck unserer Kultur. Waren die Japaner für ihr Kendo, die Chinesen für die Shaolin Mönche und die Südostasiaten für ihre Kickboxtechniken bekannt, so fürchtete man uns Deutsche bereits im Mittelalter im Ringkampf und am Langschwert, Engländer im Boxen und Bogenschießen, Italiener im Dolchkampf und Armbrustschießen, Osmanen im Umgang mit Shamshir und Scimitar, die Zulu wegen ihrer Assengai, Cheroquee aufgrund der Tomahawks, Azteken ihrer Macahuitl (Obsidianschwerter) wegen. Jede Hochkultur war früher oder später an den Krieg gebunden und so ergab sich eine Vielfalt an Kampfkünsten welche auch die zugehörige Mentalität widerspiegelten. Nach mehreren Stunden Training - in denen wir uns auch auf ein kleines Sparring einlassen - und einer Führung durch die Filmkulissen einer historisch orientalischen Stadt, werden wir zum Essen eingeladen. Döner. Mit Cola. Unsere Wege trennen sich, nicht ohne die Freundschaftsanfragen bei Facebook beantwortet zu haben. Wir schreiben bis heute. Kultureller Austausch mal anders.

Den letzten Tag verbringen Michael und ich mit Besorgungen für die Familien – Stichwort türkischer Honig und bemaltes Porzellan - und einem letzten Ausspannen im bereits bekannten Wasserpfeifen-Café. Ohne Wasserpfeifen versteht sich. Es war für uns ein kurzer aber denkwürdiger Aufenthalt im Tor zum Orient. Vielleicht ein wenig martialisch, trotz allem würde ich so etwas jederzeit wieder mitmachen.



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Kommentare

  • Blula

    Lieber Nicolás !
    Diesen etwas martialisch geratenen Bericht ( haha... so bezeichnetest Du ihn selbst ) habe ich mit Vergnügen gelesen. Herrlich! Ich wäre da gerne, zumindest in der Kampfsportschule, mit meiner Filmkamera dabei gewesen. Prima, wie Du hier über Deinen Istanbulwoche mit Deinem Freund berichtest. Da habt Ihr viel gesehen, erlebt und geschmeckt vom Tor zum Orient.... mehr, als man es als "normaler" Tourist tut. Ich war übrigens noch nie in Istanbul.
    Der Besuch mit Dir hat Freude gemacht. Danke!
    LG Ursula

  • niglotraveller

    Liebe Ursula,

    dann bin ich ja erleichtert, dass es interessierte Reisende gibt denen das Martialische nichts ausmacht! ;)Man könnte jetzt sagen "normal" kann ja jeder, aber ich denke es kommt auch darauf an was einen interessiert. Es hat jetzt nicht sehr viel Zeit gekostet mich über meine Kontakte in der Kampfsport- und Geschichtsszene mit dem türkischen Zweig in Verbindung zu setzen. Ich hatte zudem wahnsinniges Glück mit meinem Reisepartner, der schonmal eigentlich nicht eingeplant war. Michael und ich waren die, die in der Schule immer die Geschichtshausaufgaben der anderen gemacht haben und neben den Handballern als einzige ständig blessiert aus dem Wochenende gekommen sind (ja HEMA bleibt eben doch ein handfestes Hobby). Wir hatten also weitgehend gleich Interessen, waren also scharf auf Kreuzfahrergeschichten, römische Zeugnisse und als Highlight auf das Training in der Kampfkunstschule. Für mich als bevorzugter Reiseeinzelgänger einer der wenigen Glücksfälle in meinem Freundeskreis wo ich sage "Jederzeit wieder".

    LG

    Nicolás

  • rita_schumann

    Das ist ein schöner Einstieg! Mach weiter so! LG Rita

  • freeneck-farmer

    schön dein etwas anderes Reisebericht, Istanbul ist ein tolle Stadt die man "erleben" muß. Wie ihr das getan habt.
    LG Anneken

  • ursuvo

    das war doch mal ein Bericht der anderen Art - Klasse!!! - in Istanbul war ich vor Jahren mal "pauschal". Besser als gar nichts - aber so wie Ihr das gemacht habt - absolut nachahmenswert!!!
    Viele Grüße - Ursula

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