Ausflug im Languedoc

Reisebericht

Ausflug im Languedoc

Reisebericht: Ausflug im Languedoc

Mariniert wie wir waren, prüften wir unser Hausboot, eine behäbige Eau Claire 1400. Mit ihren dreizehnmeterachtzig Länge, vier Schlafkabinen, Küche und Salon mit Sitzecke, Schiebedach und Panoramafenster, Dusche, Toilette, Kühlschrank und Gasherd sah sie gegen eine schnittige Corvette oder mächtige Commodore ziemlich altbacken aus. Doch wir waren zufrieden.

Als wir in St.Gilles aufbrachen, lag eine ebenso herrliche wie abenteuerliche Reise vor uns. Unser Boot war vollgetankt, die Vorräte aufgefüllt und das Wetter versprach in jenem September Wunder. Wir wollten den Canal du Midi bis Carcassonne fahren, das Mittelmeer bei Sete kurz streifen und den Süden Frankreichs geruhsam vom Boot aus kennenlernen. Wir waren zu dritt und der Überzeugung, dass drei Leute auf einem Boot nicht nur ein prähistorischer Film wäre, sondern auch eine gute Idee. Südfrankreich war für uns Sonne, Wein und Ketzerburgen. Eine etwas surrealistische Wahrnehmung, aber mehr als Käse und Paris sollte Frankreich schon zu bieten haben.

Die Franzosen hatten ihren Mittellandkanal einem Man zu verdanken, der seine ganze Energie und sein Vermögen diesem Projekt trotz lebenslanger Widerstände opferte. Mittelmeer und Atlantik durch einen Kanal zu verbinden, durch den die teure und gefährliche Meerenge von Gibraltar vermieden und der Warentransport abgesichert werden könnte, war die Idee, die Pierre-Paul Riquet 1663 vor Colbert, dem Finanzminister des Königs, verteidigen musste. Jahrelang kämpfte Riquet erbittert für seinen Kanal; ein für damalige Zeiten irrationales Projekt und konnte schließlich doch den König selbst, Ludwig XIV., überzeugen. Der Grundstein des Kanals wurde im April 1667 gelegt und bereits im November begannen die Arbeiten an der ersten Schleuse in Toulouse. Je mehr die finanziellen und technischen Schwierigkeiten zunahmen, um so zahlreicher wurden die Angriffe auf Riquet und sein Projekt. Der Franzose, sogar zum Baron von Bonrepos geadelt, starb erschöpft und verbittert im Oktober 1680, einige Monate vor der Fertigstellung „seines“ Kanals. 1996 wurde der Kanal zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt. Heute bestimmen in erster Linie Wassertourismus, mit etwa 400 Mietbooten und 8.200 an den Schleusen von Fonserannes registrierten Personen pro Jahr, und der Wassertransport für die Bewässerung der umliegenden Ländereien den Rhythmus des Mittellandkanals.

Unser Weg ins vielbeschriebene Languedoc-Roussillon führte uns über Genf an den Alpenrändern vorbei. Während wir das Zentralmassiv rechts liegen ließen, fuhren wir durch das sonnendurchflutete Rhone-Tal nach Avignon und statteten der alten Papstresidenz einen Besuch ab. Hinter Nimes übernachteten wir in einer kleinen Herberge. Am nächsten Tag bogen wir in Richtung Saint Gilles ab und erreichten das kleine verträumte Provinznest am frühen Nachmittag.

Die Stadt geht auf den Heiligen Aegidius (Saint Gilles) zurück, der hier im 8.Jahrhundert eine Einsiedelei schuf und liegt heute am Canal du Rhône à Sète. Im Mittelalter hoch verehrt, wurde ein Kloster in seinem Namen errichtet und Saint Gilles zum Wallfahrtsort. Frauen und Männer aus Flandern, Dänemark, Ungarn, Polen und Norwegen pilgerten zum Schutz gegen Ängste, Nervenleiden und Feuer hierher. Städte und Dörfer wurden nachdem Heiligen benannt und über zweitausend Kirchen wählten ihn zum Schutzpatron. Während der Hugenottenkriege wurden Stadt und Kirche zerstört; trotzdem blieben noch einige Beispiele „provenzialischer Bildhauerkunst“ erhalten.

Mariniert wie wir waren, prüften wir unser Hausboot, eine behäbige Eau Claire 1400. Mit ihren dreizehnmeterachtzig Länge, vier Schlafkabinen, Küche und Salon mit Sitzecke, Schiebedach und Panoramafenster, Dusche, Toilette, Kühlschrank und Gasherd sah sie gegen eine schnittige Corvette oder mächtige Commodore ziemlich altbacken aus. Doch wir waren zufrieden. Der 44 PS-Yanmar-Motor sollte durchhalten, wenig verbrauchen und der Komfort war, nun, eben französisch-ländlich.

Wir schipperten langsam los, machten uns mit der alten Madame vertraut und ankerten bereits kurz vor Franquevaux. In Aigues Mortes mussten wir zum ersten mal schleusen, was recht gut gelang. Später entwickelten wir, dank guter Teamarbeit, eine gewisse Routine und amüsierten uns über die anderen Freizeitschiffer mit ihren Corvetten und Commodoren. Die mittelalterliche Stadt Aigues Mortes war bis zum 16. Jahrhundert einer der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte der französischen Mittelmeerküste. Von hier segelte Ludwig der Heilige, dem auf dem Hauptplatz eine Statue errichtet ist, zum Sechsten Kreuzzug ab. Gegenüber dem Badeort Carnon, einem Musterbeispiel moderner Architektur, ankerten wir am Port de Pérols. Die Nacht wurde stürmisch und unsere Eau Claire immer wieder heftig gegen die Kaimauer gedrückt. Das wir von den Ausläufern eines Orkans gestreift wurden, der zwei Menschen das Leben kostete, erfuhren wir erst Tage später. In Frontignan füllten wir unsere Vorräte auf; den Wasserspeicher, die Küchenvorräte. Das Städtchen Frontignan ist die Hochburg des Muskat. Östlich von la Peyrade stießen wir in den Etang de Thau. Links ließen wir Sete liegen, dessen Hafen noch von Riquet stammt und früher den Endpunkt des Canal du Midi bildete. Früher hatte der Etang de Thau direkten Zugang zum Meer. Heute wird die Lagune durch die Sandbank "Le Toc" fast vollständig vom Meerwasser abgetrennt, die kilometerlange Sandstrände bietet. Der nördliche Teil der Lagune beherbergt heute eine der größten Austernplantagen der Welt.

Auf unserer Rückfahrt nach Saint Gilles fuhren wir aufgrund eines starken Südwestwindes ziemlich nah an den Austernbänken vorbei. Ich stand am Steuer und kämpfte mit Eau Claire gegen Wind und Wellen. Doch trotz des geringen Tiefgangs von Eau Claire trieb uns der Wind zwischen zwei mächtige Steine, die grimmig unter der Wasseroberfläche auf uns gewartet hatten. Wir saßen fest. Die angespannte Stimmung, die damals schon einige Tage an Bord herrschte, wurde nicht besser. Zu unserem Glück arbeiteten einige Austernfischer in unmittelbarer Nähe. Wir riefen gegen den Wind an; die Fischer wurden auf uns aufmerksam und halfen uns aus unserer misslichen Lage.

Von Agde, dem ursprünglich blühenden griechischen Handelshafen, benötigten wir fast zwei Tage bis Bezier. Kurz vor Vias überquerten wir den Libron. Das Bauwerk stammt von Vauban. Der Ingenieur ließ von zwei Düsen das Wasser quer zur Fahrrinne abwechselnd vor und hinter das Boot strömen. Dadurch wird einerseits die Fahrt aufrechterhalten, andererseits die Ablagerung von Sand und Schlamm bei Hochwasser verhindert. Die ehemalige Katharerhochburg Bézier betraten wir am frühen Nachmittag, gönnten uns einen Café au lait und die herrliche Aussicht über das weite Tal. Die sieben Schleusen von Fonserannes, 1995 zum historischen Bauwerk geadelt, lagen zum Greifen nah.

„1209 wurde Béziers im Albigenserkreuzzug als erste der okzitanischen Städte von den Kreuzrittern erobert, die dem Aufruf von Papst Innozenz III. gefolgt waren, die ketzerischen Albigenser zu bekehren. Die Einwohner Béziers liefen in die Waffen eines der größten Massaker des Mittelalters: "Tötet sie alle, Gott wird die Seinen erkennen", lautete die Order von Abt Arnaud Amaury, dem päpstlichen Legaten, während des Ansturms auf Béziers.“ Ich sollte erst Jahre später wieder nach Bézier kommen.

Oberhalb der Schleusen begleiteten uns mächtige Platanen bis zum Malpastunnel. Der 173 Meter lange Schifffahrttunnel war der erste seiner Art weltweit. Wir fuhren einmal hindurch, drehten unsere alte Madame und fuhren wieder zurück. Wir hatten den Wendepunkt unserer Reise erreicht. Was bleibt zu berichten? Wir benötigten wieder einige Tage bis Saint Gilles, begegneten Flamingos und Entenjägern, kämpften gegen Wespen, Wind und stürmisches Wetter, genossen frischen Käse und Wein und ich bekam eine Lebensmittelvergiftung von schlechtem Softeis.

Nach unserer Rückkehr in Saint Gilles brannte ich eine Kerze in der Kirche an. Die Stimmung steuerte nach den Einbrüchen der vergangenen Tage wieder auf ihren Höhepunkt zu und wir stimmten überein, dass wir die nächsten Tage nutzen würden, um tiefer in das Land der Katharer zu fahren.

Die Katharer begegneten mir zum ersten Mal mit Peter Berlings „Kinder des Gral“. Die Geschichte von Yeza und Roc, den Erben des Gralsgeschlechtes, begann mit der Belagerung des Montségur im Winter 1244 durch die Truppen des Ludwig IX. von Frankreich. Seitdem ließ mich diese Religion des Hochmittelalters nicht mehr los. Der Katharerglaube breitete sich im 12.Jahrhundert in mehreren Gegenden Westeuropas aus. Ketzer, wie die Anhänger dieser Religion von der katholischen Kirche genannt wurden, gab es in Deutschland, Nordfrankreich, Burgund, in der Lombardei und der Toskana sowie im Languedoc. Ihre Ursprünge hat der Katharismus im Bogomilentum, der im 10.Jahrhundert auf dem Balkan und besonders in Bulgarien um sich griff. Er folgte der Philosophie der Dualisten, denen das Gute und das Böse zwei verschiedenen Schöpfungen angehörte, nämlich der Schöpfung des Guten, einem Werk Gottes und der Schöpfung des Schlechten, des Nichts, des Irdischen. Somit galten den Glaubensanhängern das Irdische, weltliche Belange, wenig. Das damit verbundene asketische Leben, die Hinwendung der ebenfalls adligen Standesvertreter zu einfacher Lebensweise, bedeutete bald eine reele Gefahr für Kirche und Königtum. Die allein seligmachende Kirche des Mittelalters kämpfte seit jeher mit ketzerischen Thesen und reagierte angesichts der tiefen Verwurzelung des Katharerglaubens im Languedoc verstärkt mit bewaffneten Strafmaßnahmen. Im Jahre 1209, fünf Jahre nach dem Vierten Kreuzzug nach Ägypten, rief Papst Innozenz III. zum einzigen Kreuzzug auf, der je auf katholischer Erde stattfand. Der Kreuzzug gegen die Albigenser, wie die Katharer nach der Stadt Albi auch genannt wurden, sollte ein halbes Jahrhundert andauern. Die von der materiellen Welt abgekehrten Katharer hinerließen nur wenig sichtbare Spuren. Doch einige Burgen zeugen noch heute von der Tragödie und geben stummes Zeugnis.

Über Carcassonne, seiner heute noch bestehenden mittelalterlichen Altstadt und ihrer Geschichte von Raimund Roger Trencavel, fuhren wir nach Mirepoix und wechselten hinüber in die französischen Pyrenäen. Der deutsche Esoteriker Otto Rahn erkannte in Raimund-Roger Trencavel das historische Vorbild zum Gralsritter „Parzival“ des Wolfram von Eschenbach, wie dessen ganzes epische Werk Motive aus der Geschichte des Albigenserkreuzzuges aufgegriffen hatte. Der Montségur war eine der Hochburgen der Katharer und ragt, im Herzen der Ariège-Pyrenäen, eintausenzweihundertacht Meter gen Himmel. In jenem Herbst 2002 reckten sich die Ruinen der ehemaligen Burganlage gegen einen strahlenden Himmel. Ich sollte erst Jahre später mit Katrin auf den Berg steigen, um die weite Ebene der Montagnes du Plantaurel vor und das Massif de l’Arize hinter uns zu genießen. Der Aufstieg zum „Pog“ war jedes mal anstrengend und lohnend. Nach dem Konzil der vollkommenen Katharer 1204 in Mirepoix beauftragten die Katharerführer den Raimund von Péreille damit, das zu einer Ruine verfallene Castrum von Montségur zu einem Stützpunkt auszubauen. 1232 siedelte die Führungsspitze der Katharer auf dem Berg. Mit einer Garnison von Ritter, Knappen und Reisigen, ihren Familien und Lehnsleuten, entstand eine homogene Gemeinschaft von etwa 500 Katharern auf dem Montségur. Raimund VII., Graf von Toulouse, begann 1241 die Burg zu belagern. Recht halbherzig und erfolglos streckte sich die Belagerung bis zum Jahr 1243. Der „sichere Berg“, französisch Mont sur, widerstand, bis es einem Trupp Basken kurz vor Weihnachten gelang, den Felsen Roc de la Tour zu erklimmen und die Belagerer dort ihre Wurfmaschinen aufstellen konnten. Nach zehnmonatiger Belagerung befanden sich die „Vollkommenen“ in einer unhaltbaren Lage und der Montségur musste am 2.März 1244 kapitulieren. „Fünfzehn Tage lang herrschte Waffenruhe, dann wurden die Katharer, die ihrem Glauben nicht abschwören wollten, verurteilt. Am 16.März fanden über zweihundert von ihnen auf einem Scheiterhaufen am Fuße des Burghügels den Tod.“ stand über die letzten Tage des Montségur zu lesen.
Wir fanden ein Steinkreuz, welches an jene Zeiten in Okzitanien erinnerte. In dem kleinen Ort unterhalb fanden wir eine kleine heimelige Gaststätte, tranken einen Kaffee und ließen die von Mythen und Legenden reichhaltige Geschichte der Katharer an uns vorbeilaufen. Während wir 2002 über die Küstenstrasse von Nizza und Cannes nach Deutschland zurückfuhren, wählten wir später die Strecke über Villeneuvette und Gorge de Tarn.



Katharerruinen von Montségur


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Kommentare

  • Gitane51

    Toller Bericht!

    Hahahahaha!
    "...Doch trotz des geringen Tiefgangs von Eau Claire trieb uns der Wind zwischen zwei mächtige Steine, die grimmig unter der Wasseroberfläche auf uns gewartet hatten. Wir saßen fest. Die angespannte Stimmung, die damals schon einige Tage an Bord ..."

    Ja , so hatten wir es auch schon erlebt, aber in Berlin-Köpenick! Ich stand dann zwischen zwei Segelbooten!
    Also unter 100 PS fahre ich nichts mehr, mit dem Verdränger!
    Bei uns war die Stimmung auch angespannt, aber trotzdem etwas lustig!

    LG Wolfi

  • Sternensilber

    Hallo Matthias,
    wir waren letzten September auf dem Canal du Midi unterwegs. Unsere Tour ging von Port Cassafières bis Castelnaudary mit unzählig vielen Schleusen. Wir waren Hausbootanfänger und nur zu zweit. Es war also eine Woche richtige Arbeit und viel Muskelkater. Aber richtig schön. Auch wenn wir teilweise stürmisches Wetter abbekommen haben, blieben wir von Festsitzen verschont, zum Glück. Wir wollen wieder einen Hausbooturlaub machen. Nächstes mal vielleicht durch Belgien.
    LG Anne

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