Titan II

Reisebericht

Titan II

Reisebericht: Titan II

Südlich von Tucson befindet sich eine ehemalige Abschussbase für Titan-II-Raketen, heute ein sehenswertes Museum der besonderen Art.

Titan II - Raketentriebwerk

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Es gibt Augenblicke, in denen man im wärmsten Sonnenschein frösteln kann. Eine Gelegenheit dazu fand ich in der Wüste Arizonas, ungefähr 20 Meilen südlich von Tucson.
Schon auf der Interstate 19, die in Richtung Süden zur mexikanischen Grenze führt, weisen Schilder den Weg zum Titan Missile Museum. Wo früher absolutes Sperrgebiet war, ist jetzt ein freundlich eingerichtetes Visitor Center, in dem man für wenige Dollars eine geführte Tour durch das Grauen buchen kann.

Dieses Museum war vormals ein Abschussbunker für eine Titan – II – Rakete, eine der fürchterlichsten Waffen, die menschliche Hirne jemals ersonnen haben. Zum Glück – die Zeiten haben sich zumindest so weit geändert, dass diese Arsenale des Wahnsinns aufgelöst und demontiert wurden, bis auf dieses eine, das heute ein Museum ist.



Nach einer kurzen Einweisung bekommen wir zunächst jeder einen Schutzhelm verpasst, dann beginnt der Abstieg in die Unterwelt.
Es gehörte zum Charakter solcher Einrichtungen, dass man auf der Erdoberfläche nicht gar zu viel sehen konnte: ein paar kleine Betongebäude, Antennenmasten, ein Zaun – und ein großes rundes Gebilde, das früher mit einem dicken Deckel aus Stahlbeton verschlossen war. Heute ist dort ein Glasdach, durch das man einen tiefen Schacht erkennen kann – und die Umrisse einer riesigen Rakete mit einer abgerundeten Spitze.
Diese ist nun eine Attrappe, seinerzeit für Trainingszwecke angefertigt. Aber wir werden aufgeklärt, dass von 1963 bis Mitte der achtziger Jahre diese Raketen rund um die Uhr abschussbereit gehalten wurden, voll aufgetankt und mit scharfen Gefechtsköpfen ausgerüstet.



Titan II im Abschussbunker



Verbindungsgang

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Seitlich von diesem Abschussschacht steigen wir eine Treppe hinab und gehen durch superdicke Stahltüren („sie halten Explosionen von achtfacher Stärke der Hiroshima-Bombe stand“) und durch Gänge, die mit hydraulischen Dämpfern gegen die erdbebengleichen Erschütterungen beim Start der Rakete geschützt sind. Unser Ziel ist das Control Center.



In der Zentrale stehen Computer, die uns richtig archaisch erscheinen. Die Programme werden über Lochstreifen aus Papier eingelesen, an den Steuerpulten gibt es jede Menge Anzeigegeräte und Schalter. Aber was verbarg sich hinter dieser Technik der sechziger Jahre!
Ein Bereich war für Empfang und Überprüfung des Feuerbefehls vorgesehen. Wenn dieses Kommando gekommen und als authentisch erkannt worden wäre – dann hätte der Commander einen von drei Knöpfen gedrückt, die Zielzuweisung. Drei Ziele waren für jede Rakete vorprogrammiert, und niemand hier im Bunker wusste, was sich hinter den Zieltasten verbirgt. War es Moskau oder Leningrad oder was auch immer – hier wurde es zu Ziel Nummer 1, 2 oder 3. Und die Leute im Bunker hätten auch nie erfahren, wohin sie ihre tödliche Ladung geschickt haben.

Dann hätten zwei Mitglieder der Combat Crew je einen Schlüssel drehen müssen, zur Sicherheit so weit voneinander entfernt, dass eine Person alleine das nicht hätte machen können.
Sie hätten innerhalb zwei Sekunden beginnen und für fünf Sekunden anhalten müssen, dann hätte sich automatisch der Deckel vom Abschussschacht entfernt, die Rakete hätte gezündet und das Ende unserer Zivilisation wäre wohl kaum noch aufzuhalten gewesen.
Denn selbstverständlich muss man davon ausgehen, dass nicht nur diese eine Rakete abgefeuert worden wäre, nein, ein wahrer Höllentanz hätte sich ereignet.

Aus dem Publikum kam die Frage, was denn nach einem Abschuss geschehen wäre. Nun, die Mannschaft hatte keine andere Order, als im Bunker weitere Befehle abzuwarten.
Lebensmittel waren für vier Wochen vorhanden. Ein Szenario für die Zeit danach gab es offenbar nicht, außer den sarkastischen Worten: Bleibt unten, betet, und wenn ihr herausgeht, atmet nicht.



Titan II - Control Center



Raketentriebwerk

Keine Bildinformationen verfügbar

Als wir wieder an das Sonnenlicht kamen, waren alle Besucher sichtlich erleichtert. Aber der Rundgang durch das Freilichtmuseum hatte es auch in sich.
Da war ein Triebwerk der Titan II (Schubkraft wie sieben Jumbo-Triebwerke), aber auch ein Hubschrauber, nicht ohne den Hinweis, dass er neben seiner militärischen Aufgabe auch zu zahlreichen zivilen Rettungseinsätzen benutzt wurde.



Gefechtskopf einer Titan II

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Und da war der Gefechtskopf. Kegelförmig, mattschwarz mit abgerundeter Spitze. Auch dieser hier jetzt natürlich ein leeres Gehäuse, aber solche Gebilde trugen einstmals den millionenfachen Tod.
Zwischen neun und zehn Megatonnen war die Sprengkraft, die in diesem Blechgehäuse steckte, laut Info-Tafel 750 Hiroshima-Bomben oder mehr als das Vierfache aller Bomben des zweiten Weltkrieges zusammen – man kann es sich nicht vorstellen!
Der Zerstörungsradius soll dann auch 1500 km betragen haben. Die für Moskau bestimmte Rakete hätte ganz Osteuropa bis hin zum östlichen Deutschland nicht unbehelligt gelassen.



Und – es gab nicht nur eine Rakete dieser Art, sondern 54 in den USA, als Gegengewicht zu den SS-20 und SS-25 auf sowjetischer Seite.
Trotz allen Unbehagens, war es womöglich doch dieses Gleichgewicht des Schreckens, das uns einen atomaren Weltkrieg erspart hat?

Dass man hier davon überzeugt ist, erkennt man ohne weiteres im Visitor Center. Hier hängen die Fotos der Combat Crews, die hier Dienst getan haben. Lauter junge, sportlich und sympathisch wirkende Leute in Uniform.
Sie sind offensichtlich stolz darauf, hier ihre patriotische Pflicht erfüllt zu haben. Sie haben lange Jahre auf einen Befehl gewartet, der zum Glück niemals kam.

Und sie hielten das Schicksal der gesamten Menschheit in ihren Händen.


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Titan II 4.00 1

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps