Mit vier Füssen und einem Bus ans Ende der Welt --- 2. Teil: Fähre in den Große Süden

Reisebericht

Mit vier Füssen und einem Bus ans Ende der Welt --- 2. Teil: Fähre in den Große Süden

Reisebericht: Mit vier Füssen und einem Bus ans Ende der Welt --- 2. Teil: Fähre in den Große Süden

Reise über die Anden --- Von Santiago de Chile nach Ushuaia
1. Teil: Santiago de Chile und Der kleine Süden
2. Teil: Fähre in den Große Süden
3. Teil: Der Große Süden
4. Teil: Santa Cruz --- Nach Süden entlang der Ruta 40
5. Teil: Zurück in Chile --- Torres del Paine und die Magellanstraße
6. Teil: Letzte Etappe: Feuerland

Nachtfähre

Um Mitternacht des siebten Tages unserer Reise an die Südspitze Südamerikas legte die von der Reisegesellschaft gebuchte Fähre im Hafen Angelmo nahe der Stadt Puerto Montt ab. Wir fuhren über Nacht durch den Golf von Ancud und Corcovado bis nach Chaitén. Unter den Passagieren, meist einheimische Reisende, befand sich zu unserem Erstaunen eine weitere Rotel-Gruppe an Bord. Diese war in Santiago de Chile zwei Tage vor uns gestartet, durch eine Verspätung verpasste sie ihr Fährschiff und lag so ein paar Tag im Rückstand.



Fähre in den Großen Süden



Überraschung

Als es hieß, dass für die Nacht Schlafsessel gebucht wurden, dachte ich gleich an eine Fährfahrt von Rotterdam nach Hull in Mittelengland. Auf dieser Reise hatten wir bequeme Kipp-liegesessel. Jeder Sessel stand einzeln in Reih und Glied und außerdem beanspruchte jede Sesselreihe einen angemessenen Abstand zu den anderen Sitzgruppen. So konnte jeder Fährgast bequem zwischen den Reihen lustwandeln ohne einen der anderen Mitreisenden zu stören. Aber das, was sich an Liege-/Sitzgelegenheiten auf der Fähre nach Chaitén befindet, ist alles andere als bequem. Bei diesen unbequemen Sitzmöbeln können nur die Rückenlehnen verstellt werden. Leider war es auch nicht möglich, sie in eine horizontale Ebene zu schwen-ken wie auf dem Fährschiff nach Hull. Zudem sind die Sitze tief und eng und obendrein zu nahe mit dem Vordersitz verschraubt. Also noch enger als in einem Flugzeug. Das Ausstrecken der Beine ist für einen 170 cm langen Menschen kaum möglich, was einen erholsamen Schlaf ausschließt.



Ruhe finden, aber wie?

Irgendwann in der Nacht, nachdem das Licht gedimmt wurde und fast jeder Passagier versuchte Ruhe zu finden, bewegte ich mich durch den Schlafraum und die angrenzende Kantine. Die beiden Räumlichkeiten waren nur durch einen Sichtschutz aus dünnen Sperrholztafeln abgetrennt. Im Kantinenbereich standen 6 große Tische in Zweierreihen. An einem der Tische spielten einige Männer Karten. Einige der chilenischen Fahrgäste stellten jeweils 4 gepolsterte Stühle zusammen und legten sich darauf schlafen. Zu meinem Bedauern waren nur noch 2 leere Stühle vorhanden. Ich holte meine Jacke und wartete auf das Ende des Kartenspiels. Während des Wartens kam unser Busfahrer vorbei, er legte sich unter einen der Tische schlafen. Irgendwann wurden schließlich zwei weitere Stühle frei. Ich schob sie zu meinen bereits reservierten Stühlen, knüllte meine Jacke zu einem Kopfkissen zusammen und legte mich schlafen. Ich schlief gut.
Ich schlief gut, bis mir einer von zwei Mitreisenden Rotelgästen den Polsterstuhl, auf dem mein Haupt ruhte, wegzog und in meinen Traum hineinsagte, >>He, Klaus geh mal weg, sonst kommen wir nicht zu den anderen Stühlen da hinten. << Ich war (verschlafen und) wütend auf die Ruhestörer. Denn erstens fiel mein Haupt von meiner Liege und mein Kopf stürzte in die Tiefe. Und zweitens hasste ich es schon mein ganzes Leben lang, wenn jemand Klaus zu mir sagte, denn Verwandte und Bekannte meiner Familie verwechselten mich ständig mit meinem jüngeren Bruder Klaus.
Nach dem Zwischenfall konnte ich nicht mehr einschlafen. So wanderte ich durch den Schlafbereich. Überall lagen schlummernde und schlafende Körper auf dem Boden. Kreuz und quer und ineinander verschlungen versperrten sie die Gänge, selbst vor den Toiletten. Es war kaum ein Durchkommen. Viele der einheimischen Reisenden hatte Decken und andere Unterlagen mitgebracht, um ihre Überfahrt angenehmer zu gestalten.



Berauscht

An der verlassenen Bar saß einsam auf einen der Hocker, eine Rotelianerin aus Niedersachsen, sie versuchte aus ihrem neuen Fotogerät schlau zu werden. Da ich mich mit Spiegelreflexkameras auskannte, glaubte sie, ich sei der richtige Ansprechpartner für ihre Fragen. Was natürlich nicht der Fall war. Da wir beide unter Schlafmangel litten, redeten wir uns in einen ansteckenden Rausch aus Albernheiten. Aus dieser Berauschtheit heraus hätten wir beinahe ihre sämtlichen Fotos gelöscht. Ich für mich zog aus dieser Nacht die Lehre: Schlafmangel, Albernheit und technische Probleme passen nicht zusammen. Bevor das Morgengrauen anbrach, kehrte ich zu meiner provisorischen Schlafstätte zurück. Die beiden Übeltäter, die mich geweckt hatten, saßen auf den von ihnen organisierten Stühlen und schliefen über einen der Tische gebeugt.



Inseln im Nebel

In den frühen Morgenstunden dämmerte ich wieder auf meinen vier roten Polsterstühlen weg, um ein paar Stunden später etwas ausgeruhter aufzuwachen. Um an diesem Morgen wach zu werden, begab ich mich die steile Treppe zum Deck hoch. Dort begrüßte mich ein kalter, verhangener Januarmorgen. Die Fähre suchte sich ihren Weg zwischen der Insel Chiloé an Steuerbord und den zahlreichen Inseln und Fjordausläufern des Festlandes an Backbord.
An den Ufern der Inseln und des Festlands stieg Nebel auf. Er zog sich über den kalten Regenwald, kletterte auf die steilen Hügel und Berge und vermischte sich mit der tiefliegenden Bewölkung des Himmels. Hin und wieder fanden Sonnenstrahlen durch das dicke Geflecht aus Nebel und Wolken ihren Weg. Ein Fest für meine Kamera.
Wegen der Kälte, des Windes und meiner fortschreitenden Erkältung wärmte ich mich hin und wieder unter Deck auf. Denn ich konnte und wollte es nicht zulassen, diese einzigartige Insel- und Fjordlandschaft, die vor mir im Nebel auftauchte, nicht mit meiner Kamera festzuhalten.



Morgennebel



Nach der 10stündigen Fahrt erreichten wir den Fährhafen von Chaitén. Von dort aus führte uns die Carretera Austral (früher auch Carretera Presidente Pinochet) tief in den Großen Süden. Von der kultivierten patagonischen Landschaft, die uns an unserem ersten Tag im Großen Süden zum Lago Yelcho begleitete, sah ich kaum etwas, denn ich schlief tief und fest.



Ankunft in Chaitén


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Kommentare

  • Blula

    Spannend, unterhalsam und lebendig wie der erste Teil, so las sich auch die Fortsetzung Deines Berichtes über die Reise ans Ende der Welt.
    Danke, ich reise gerne weiter mit Dir.
    LG Ursula

  • Pinky3

    Muß zugeben das ich an einigen Stellen schmunzeln mußte :) ja das Reisen ist auch manchmal unbequem...........aber diese Erlebnisse werden Dir immer in Erinnerung bleiben.
    Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag und ich freue mich schon auf die Weiterreise.........
    LG Gaby

  • agezur

    Ich war wieder dabei! Wenn auch bequem in meinem Polstersessel....
    Danke für deinen sehr persönlichen Bericht - ich hoffe die weitere Reise ist komfortabler verlaufen!
    LG Christina

  • Steffania

    Bin auf die Fortsetzung gespannt.
    LG Steffi

  • pleuro

    Ich glaube, mir wäre das Kreuz abgebrochen, hätte ich auf 4 Polsterstühlen schlafen müssen.
    Auf zum nächsten Teil. :-)
    LG Anne

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