Einmal den Luxus der Langsamkeit erleben

Reisebericht

Einmal den Luxus der Langsamkeit erleben

Reisebericht: Einmal den Luxus der Langsamkeit erleben

Ja, wer setzt sich schon in der heutigen schnell lebigen Zeit in ein Motor betriebenes Gefährt, dass man beinahe zu Fuß überholen kann. Mit dem Aaglander haben wir das in der fränkischen Schweiz erlebt.

Eine „Aaglander“ Reise durch die fränkische Schweiz

„Aaglander“, was ist das fragen wir uns, als wir vor einigen Wochen das erste Mal mit diesem Namen konfrontiert werden. Keiner kann uns so recht weiterhelfen, deshalb „Googeln“ wir und finden jede Menge Einträge. Unter anderem steht der Begriff „Aaglander“ mit seinem königlich anmutendem Wappen für den „Luxus der Langsamkeit“. Auf dem Bild erkennt man eine in Hochglanz lackierte Kutsche mit goldenen Beschlägen, die gemächlich, wohl aus eigener Kraft durch die Auen der fränkischen Schweiz gleitet. „Das ist es“ sagen wir aus dem Bauch heraus und wählen schon die Telefonnummer der „Aagland’schen Kutschenhalterei auf Schloss Kühlenfels in 91278 Pottenstein.
Ein paar Wochen später stehen wir vor dem blau gestreiften Schlosstor und sind gespannt, was uns dahinter erwartet. Als sich das Tor öffnet, sind wir mit einem Schritt in einer anderen Welt. Auf dem Schlosshof finden wir uns wieder in einer historisch anmutenden Ansammlung von Kutschen, Pferdeschlitten und einigen motorisierten Aaglandern. Magisch zieht uns das dunkelblau, mit goldenen Litzen und Beschlägen abgesetzte Gefährt vor dem Wirtschaftsgebäude an. Es ist der Typ zweisitziger „Duc“, den wir für den heutigen Tag angemietet haben. „Der Leinenführer“, so nennt man den Fahrer eines Aaglander, begrüßt uns mit seinem Berner Sennhund und macht uns mit dem Duc vertraut. Erst in der Theorie und dann in der Praxis. Eine kleine Fahrschule also. Nach einer halben Stunde ist es soweit, augenscheinlich sind wir befähigt das Fahrzeug zu fahren. Wir sind jetzt auch „Leinenführer“.
Stolz klettern wir über die goldene Stufe in die ledernen Sitze. Links vor uns befindet sich ein wurzelhölzernes Kästchen, in dem der Anlasser, der Lichtschalter und der Hebel für die Sitzheizung untergebracht ist. Blinker, Hupe und Fernlicht müssen per Fußschalter betätigt werden. Es gibt ein Gaspedal, eine Fußbremse und den Ganghebel für das automatische Getriebe. Gelenkt wird mit den „Leinen“, zwei lederbezogene Stangen, mit denen vom Fahrersitz aus die Lenkstange über der Vorderachse bewegt wird.
Zögerlich drücke ich auf den Anlasser und sofort ertönt das sonore Brummen eines 20 PS starken Dieselmotors, der den Duc antreibt. Es kann los gehen…
Maximal zwanzig Kilometer ist das Gefährt schnell, über die holprigen Wald und Wiesenwege empfiehlt es sich aber mit gedämpfter Geschwindigkeit zu fahren. Schnell entkrampfen wir uns und sind nachdem wir die Schlosseigene Lindenallee verlassen haben schon voll -ständig entspannt. Kilometer zählen wir nicht, nur die Zeit zählt. Nach einer halben Stunde Fahrt verlassen wir den Wald und biegen in die Bundestraße nach Pottenstein ein. Beschleunigen auf zwanzig und schön rechts bleiben. Schnell bildet sich eine Autoschlange hinter uns, es gibt aber niemand der ungeduldig wird. All die, die zum Überholen ansetzen, zeigen ein freundliches Gesicht und winken uns fröhlich zu. Der „Aagländer Duc“ scheint nicht nur uns Freude zu machen. Die Fahrt durch Pottenstein wird zu einem kleinen Triumphzug. Da gibt es die Lehrerin, die mit ihrer Schulklasse am Bürgersteig steht und kollektiv winken lässt. Am Marktplatz stehen die Insassen eines Reisebusses und alle, die über eine Kamera verfügen lassen diese lustig drauflos blitzen. Nie im Leben sind wir so beachtet worden und winken entsprechend leutselig zurück.
Aus dem Tal hinaus brummt der „Duc“ langsam wieder bergan, über weite, saftig grüne Wiesen geht es weiter in Richtung des Felsenstädtchens Tüchersfeld. Wir parken und besichtigen die bizarren Felsnadeln und den an ihnen klebenden so genannten Judenhof. Im Cafe gibt es noch einen Espresso und ab geht die Post. Am Ortsausgang überholt uns ein aufgeregter junger Mann im Laufschritt und winkt uns anzuhalten. „Was ist das, wo gibt es so etwas, wollen sie das verkaufen“ sprudelt es aus ihm heraus. „ich möchte unbedingt so ein Fahrzeug“. Wir erklären ihm, wo man den Aagländer mieten kann, dann macht er noch ein paar Fotos und es geht wieder weiter. Zur Mittagzeit halten wir beim „Held“ einer kleinen Familienbrauerei in Obereilsfeld und gönnen uns ein dunkles Bier und eine fränkische Brotzeit, bevor es weiter geht.
Wie selbstverständlich klettern wir wieder auf den Bock, lassen uns in die ledernen Sitze fallen, starten den Diesel, legen den Gang ein und fahren los. Als ob wir nie etwas anderes gefahren haben. Das Wetter meint es gut mit uns und wir sind froh, den Wald mit seinen schattigen Bäumen zu erreichen. Auf einer Lichtung stehen drei Rehe, die beim Anblick des Duc nicht so recht wissen, ob sie flüchten oder aber geruhsam weiteräsen sollen. Sie entscheiden sich fürs bleiben und werfen uns noch einen ungläubigen Blick hinterher. Nach einer weiteren Stunde er – reicht man Gößweinstein, vorbei geht es an der Wallfahrtskirche und an dem hoch oben auf dem Berg thronenden Schloss. Es gibt hunderte von Touristen, die alle unbedingt mit uns und dem Aaglander fotografiert werden wollen und es ist kaum ein durchkommen.
Noch einmal geht es über hügeliges Wiesenland, noch einmal genießen wir den „Luxus der Langsamkeit“ bevor es zurück zum Schloss Kühlenfels geht. Eine außergewöhnliche Landpartie, mit einem aufregenden Fahrzeug durch die bizarre Felslandschaft der fränkischen Schweiz geht zu Ende. Der innere Schalter muss wieder von langsam auf schnell umgestellt werden, wollen wir das wirklich?



Schloss Kühlenfels




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Kommentare

  • Blula

    Mit so einem Aaglander durch die schöne Landschaft der Fränkischen Schweiz zu fahren und den Luxus der Langsamkeit erleben, oh ja, das hätte mir auch Freude gemacht. Ein schöner Bericht.
    LG Ursula

  • traveltime

    Ich schließe mich Ursula an.
    LG Rolf

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