Der Platz der Gehängten in Marrakesch

Reisebericht

Der Platz der Gehängten in Marrakesch

Reisebericht: Der Platz der Gehängten in Marrakesch

Auch wenn der Name des Platzes im ersten Moment abschreckend wirkt, ein Besuch ist ein besonderes Erlebnis. Wer als Reisender nach Marrakesch kommt, sollte den "Platz der Gehängten", Djemaa el-Fna, unbedingt besuchen, dort eintauchen und sich treiben lassen.

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Was macht er bloß mit uns? Wir sind doch erst vor wenigen Stunden auf diesem Kontinent angekommen, haben gerade unsere Zimmer im Hotel bezogen und nun das. Ein Fußweg zur wichtigsten Moschee, der Koutubia Moschee in Marrakesch. Ängstlich laufen wir über Kreuzungen hinweg, immer mit einem Blick auf Autos, Mopeds, Fahrräder oder die üblichen Pferdekutschen, die hier Calèche genannt werden. Dicht beisammen bleiben, den Kontakt zur Gruppe nicht verlieren und gleichzeitig sehen, schauen, hören und immer wieder die neuen Eindrücke dieser irren Stadt aufnehmen.

Ampeln gibt es zwar, aber vertrauen sollen wir ihnen besser nicht. Uwe, unser Reiseleiter will uns in ein besonderes Restaurant im Suk von Marrakesch führen und hat uns schon auf das Minarett der Moschee aufmerksam gemacht. Wir sollen es uns unbedingt als Orientierungspunkt merken, falls wir uns im Gewühl der Stadt verlieren sollten. Für uns als Touristen, die neu in Marokko sind, neu in Marrakesch eine bedrückende Vorstellung. Don’t get lost in Marrakech-Ost fällt mir spontan ein.

Und dann geht es über die Straße, die Avenue El Mouahidine hinüber in einen kleinen Park und dem Standplatz der Pferdekutschen. Es ist eher eine dieser Kreuzungen in einer Stadt, in der der Verkehr für einen Mitteleuropäer nicht zu erfassen ist, wild und ungeordnet erscheint, laut und hupend Gefahr verheißt. Aber geschafft, alle haben die Straße unbeschadet überquert und nun kommt die nächste Herausforderung. Vom Minarett der Koutubia Moschee hatte der Muezzin zum Gebet nach Sonnenuntergang gerufen, es wird also nicht mehr lange taghell sein.



Kreuzung vor dem Platz der Pferdekutschen



Der Platz, den wir nun überqueren wollen, hat sich mit Menschen gefüllt. Es ist einer der wichtigsten Plätze in dieser Stadt. Der Name gründet sich auf die frühere Tradition einer Hinrichtungsstätte, übersetzt heißt dieser Platz, „Platz der Toten“ oder auch „Platz der Gehängten“. Auf Arabisch wird er Djemaa el-Fna genannt.

Einst Platz der Geköpften, seit Jahrhunderten Markt, Arena, Restaurant unter freiem Himmel. Seit Jahrzehnten von Touristen belagert. In den Abendstunden laufen hier die Fremden umher auf der Suche nach einer Garküche ihres Vertrauens, die Einheimischen aber steuern gezielt ihren Stamm-Stand an. Ein unglaublicher Trubel umfängt uns. Wir bleiben dicht beieinander und können nur staunen. Gaukler führen in der Menschenmenge irgendwelche Stücke auf, umringt von Einheimischen, die zuschauen, aber teils auch mitmachen. Fremd klingende Musik ist zu hören, Frauen sitzen auf kleinen Hockern. Vor ihnen sitzen andere Frauen und lassen sich die Hände mit Henna bemalen. Eine Frau scheint einem jungen Mann aus der Hand die Zukunft zu lesen. Immer mit der Ruhe. Man soll sich treiben lassen durch das Wirrwarr der Medina, heißt es immer - wenn sie einen nur ließen! Verkäufer wollen verkaufen, wir wollen erst mal nur schauen und im Restaurant essen. "Come in have a look. I'll make you a good price."

Wir schaffen es über den Platz. Biegen in der Südostecke des Platz in einen schmalen Torbogen ein und finden uns in einer schmalen Gasse wieder. Wer glaubt, hier sei es ruhiger, muss sich sagen lassen: „Passt’s auf die Motorräder und Karren auf und bleibt’s beisammen.“ Das, was wir eigentlich machen sollten in der Medina und in einem Suk, schlendern, sehen, schauen und vielleicht auch über das eine oder andere Stück um den Preis feilschen, ist kaum möglich. Wir fühlen uns noch unsicher und sind froh als wir das Restaurant, Dar Mimoun, betreten können. Der Eingang führt um mehrere Ecken des Hauses und Stille und wunderbare Atmosphäre umfängt uns, die später nur noch durch das sehr schmackhafte Essen, unter anderem Limonen-Hühnchen, getoppt wird. Ein Restaurant, das ich nur empfehlen kann, auch wenn es etwas schwierig zu finden ist. Ein Restaurant mit einer ganz besonderen Atmosphäre. Ein überdachter Innenhof zu dem auch Wohnung ganz normaler Bewohner hinführen. So nehmen wir unweigerlich auch am Leben dieser Menschen ein wenig Teil.

Zurück zum Djemaa el-Fna. Denn von hier geht es wieder zurück zum Hotel. Die Menschenmenge ist noch dichter geworden. Aber wer glaubt, dies sei an jedem Abend nur für die Touristen inszeniert, der täuscht sich sehr. Gerade Einheimische bevölkern jetzt den Platz, amüsieren sich über Gaukler und Essen an den Fressbuden, die jeden Abend neu aufgebaut und in der Nacht wieder entfernt werden. Hier laufen die Touristen umher auf der Suche nach einer Garküche, der sie vertrauen wollen, die den besten Eindruck macht. Daneben sitzen Einheimische an langen Bänken, oft genug schon seit vielen Jahren immer wieder in der gleichen Garküche. Der Djemaa el-Fna, sagen die Leute, sei die Lunge der Stadt.



auf dem Djemaa el-Fna



Zum Ende unserer Reise kommen wir wieder nach Marrakesch. Natürlich geht es noch einmal zu Djemaa el-fna, hinein in den Suk. Mutiger sind wir schon geworden. Auch bei Tag hatten wir diesen Platz, der dann völlig anders wirkt, erlebt. Kein Stand in Sicht, die kommen erst mit der Dämmerung. Jetzt knattern Mofas übers Gelände, ein paar Taxis sind unterwegs, da hinten werden Mandeln, Datteln und Orangensaft verkauft. Frisch gepresst muss er sein, so hat Uwe, unser Reiseleiter uns eingeschärft. Kein Eis soll drin sein, wir sollen drauf achten, wie er gepresst wird. Und er schmeckt einfach köstlich. Frisch gepresster Saft von Grapefruit – auch wenn die elektrische Saftpresse heult und knirscht und der Händler mit Macht die Fruchthälften nach unten drückt- einfach köstlich in der Mittagshitze.

Daneben laufen Männern mit kleinen Affen herum, einige Meter weiter sitzt ein Schlangenbeschwörer, der mit seinem monotonen Gedudel der Mizmar eine vor ihm sitzende Schlange zu Bewegungen verleiten will. Und immer wieder Kinder, die Waren in den Händen halten, die sie verkaufen wollen. Wir tauchen schließlich in die Gassen ein, lächeln hierhin, sagen "hello", tun aber grundsätzlich so desinteressiert wie möglich, damit wir vorankommen. Und schielen verhalten auf die reichhaltig getürmten und gehängten Waren: Gürtel, Schuhe, die mich immer wieder an die Geschichte von kleinen Muck erinnern, Gewürze, Teppiche, Lampen, Holzschachteln, Tücher, Trommeln, Spiegel, Taschen. Die Gassen werden breiter und wieder schmaler, führen ins Helle auf kleine Marktplätze und durch Torbögen hindurch ins Dunkle.

Während wir zu Beginn unseres Besuches auf dem Djemaa el-Fna und damit auch zu Beginn unserer Marokko-Reise zögerlich und ängstlich waren, haben wir nun ja genug Erfahrungen in verschiedenen Städten und Situationen gesammelt, trauen uns, die Suks zu durchstreifen und sogar eine Djellaba und die entsprechenden Schuhe zu kaufen, trauen uns zu handeln.

Mit „Come in, have a look. I'll make you a good price." beginnt der Reigen. Ich stöbere in dem Stapel sauber aufgeschichteter Djellabas, suche eine bestimmte Farbe, ziehe die Mundwinkel nach unten, wende mich leicht ab, um den Händler zu verunsichern, begutachte den nächsten Stapel, in dem ich aus den Augenwinkeln schon das entdeckt habe, was ich eigentlich kaufen will, ziehe zwei Gewänder heraus, prüfe sie, lege sie wieder zurück, schüttele den Kopf, blicke zu den Freunden, die mich begleiten hinüber, schüttele nochmals den Kopf und rede in Deutsch vor mich hin, wohlwissend, dass der Händler mich sowieso nicht versteht. Nach meinem Zug auf dem Schachbrett des Handelns, erwidert er mit der Ansage seines Preises für das gute Stück, das mir wirklich gefällt, weil die Farbe, ein mit Längsstreifen durchwirkter Baumwollstoff in Beige, passt und auch die Näharbeit sehr gut ist: „450 Dirham“. Ich erstarre, sehe ihn mit aufgerissenen Augen an und öffne langsam den Mund, lasse in gleichem Tempo das Gewand sinken und will mich leicht stöhnend zum Gehen erheben. Er kommt auf mich zu, berührt mit der rechten Hand meine Schulter und fragt mich, was ich zahlen wolle. Nun ist es also an mir, den nächsten Zug zu machen: ganz frech knalle ich ihm „150 Dirham“ entgegen. Entsetzen und völlige Ablehnung bei ihm. Er will mir die Djellaba wegnehmen, völlige Ablehnung auf beiden Seiten. Ich warte auf seine Erwiderung und bin sicher, dass er mir 400 anbietet. So ist es denn auch. Und als er meine Ablehnung erkennt, macht er einen besonders geschickten Zug: er fragt mich, was mir denn diese schöne Djellaba wert sei, wie viel ich zahlen möchte. Nun bin ich in der Zwickmühle, muss Farbe bekennen. So geht dieses Spiel noch kurz hin und her, wird von ihm immer wieder mit Ausrufen von „Inschallah“ begleitet und schließlich einigen wir uns auf 250 Dirham. Wir freuen uns beide, schütteln uns die Hände und er verabschiedet mich mit einem Lächeln und „Good bye, my friend.“



abends im Suk von Marrakesch


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Kommentare

  • shootingstar

    Dein Bericht gefällt mir sehr gut, denn er spiegelt deine ganz eigenen Erfahrungen wieder, alle anderen Fakten kann man schließlich jederzeit selbst im Internet recherchieren. Mir scheint, du hast ein echtes Händler-Talent ; ))
    LG Claudia

  • klaus-reinhard

    Handeln macht doch Spaß. Ich versuche auch oft in Deutschland zu handeln - leider werde ich manchmal dumm angeschaut. Mein Großvater war ein kluger Mann; von ihm habe ich den Satz übernommen: "Wenn du den Mund nicht aufmachst, machst du das Portemonnaie auf!". :-))
    LG Klaus

  • shootingstar

    Wohl, wohl, ein kluger Mann, gut, dass du auf ihn gehört hast ! Ich selbst bin auch eine Händlernatur und es kommt mir auch beruflich sehr zu Gute.
    LG Claudia

  • traveltime

    Guter Bericht, er würde auch nach Istanbul, Kairo, Tunis, Beirut, etc. passen, sie sind alle gleich nur die Plätze tragen andere Namen.
    Mach ein Angebot, was ist dein letzter Preis? Jammern - Handschlag!
    LG Rolf

  • Sternensilber (RP)

    Hallo Klaus,
    auf dieser letzten Dachterrasse saß ich auch schon mit meinem Mann bei über 40°C. Aber es war trotzdem herrlich. Dieser Platz und die Gassen drum herum sind ein tolles Erlebnis. Aber genau solche Terrassen sind dann auch nötig, um sich zwischendurch wieder von dem Trubel zu erholen.
    Viele Grüße
    Anne

  • reisefreudig

    Servus Klaus,
    Sehr guter Bericht zur Stimmung und des Flairs dieses wohl berühmtesten Platzes in Marrakesch. Ebenso als Reiseleiter mußte ich ein wenig schmunzeln, wie Du die Situaton in der Gruppe beschreibst, welche auf diesem Platz sich voll ins Vergnügen stürzt und Euren RL wahrscheinlich völlig "entglitten" seid. Aber alles rundherum zählt nichts, wenn man im Stimmerngewirr dieses Platz, im Geruch der Gewürze verschwindet und dann der Spießrutenlauf mit den Händlern beginnt. Du hast all diese Erlebnisse am Djemaa el-Fna hervorragend bis ins Detail beschrieben und ich denke das "Inschallah" ( und "billig, billig" ) der Dir nachrufenden Händler wird Dir/Euch noch lange in Erinnerung bleiben.
    lg Harald

  • Blula

    Oja, Klaus, ich könnte auch SOFORT wieder hinfahren. Ich fand Marrakesch sowas von faszinierend und aufregend. Die Stadt, der Djemaa el-Fna, der Gang durch den weitverzweigten Suk.... sind ein Erlebnis pur.
    Du hast das alles hier sehr gut rübergebracht. Ein wirklich toller Bericht mit stimmungsvollen Fotografien.
    LG Ursula

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  • u18y9s26

    Danke, danke für die schönen Minuten der Erinnerung an diesen märchenhaften Platz!
    LG Ursula

  • agezur

    Ein ganz besonders kurzweiliger Bericht, der genau unsere Erlebnisse in Marrakesch beschreibt.*****
    Mit einem kleinen Unterschied: Den ursprünglich verlangten Preis konnte ich zuerst um ein Viertel reduzieren. Und dann mit ZWEI ÄHNLICHEN DJELLABAS weg gehen!!!
    Und alle waren zufrieden!
    LG Christina

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