Motorrollertour Provence - Reise ins Licht

Reisebericht

Motorrollertour Provence - Reise ins Licht

Reisebericht: Motorrollertour Provence - Reise ins Licht

In der Haute-Provence, dort wo die Provence schroff und spröde wird und seit Jahrhunderten die Schafe auf die Sommerweide getrieben werden, liegt ein Tourenparadies par Excellence. Kurvenreiche Passstraßen und türkisfarbene Seen spiegeln den Charme dieses Landstrichs ebenso wieder wie verwinkelte Städtchen mit malerischen Cafés und von Platanen umrahmte Plätze.

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Train de Pigne - der Pinienzapfenzug



Der Pinienzapfenzug - auf wackeligen Gleisen durch die Provence

Tal des Var / Train de Pigne

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Wir waren schon oft in der Haute-Provence, doch es gibt glücklicherweise immer wieder etwas Neues zu entdecken. Ich hatte etwas von einer kleinen Eisenbahn gehört, welche über eine der reizvollsten Bahnstrecken Frankreichs von Digne-les-Bains, der Präfektur des Département "Alpes de Haute-Provence" nach Nizza fahren soll. Ein Blick in die Welt von Google gab mir Gewissheit - es gibt diesen Zug wirklich. Er nennt sich offiziell „Chemins de fer de Provence“; im Volksmund „Train des Pignes“ (Pinienzapfenzug) genannt. Die Langsamkeit des Zuges soll auch der Grund für den außergewöhnlichen Namen sein. Während der Fahrt konnte man früher angeblich gemütlich Pinienzapfen sammeln. Das könnte stimmen, denn für die 150 Eisenbahnkilometer Richtung Mittelmeer benötigt der dieselbetriebene Schienenbus fast dreieinhalb Stunden. Wir beschließen deshalb, heute nur die halbe Strecke zu erkunden.

Die Fahrt beginnt am Bahnhof von Digne-les-Bains, dessen große Bahnhofsuhr schon vor Jahren stehen geblieben ist. Gras wächst kniehoch zwischen verrosteten Gleisen, an denen der Zahn der Zeit nagt. Der Bahnhof hat schon bessere Zeiten gesehen.
Der blau-weiße Triebwagen rattert mit durchdringendem Pfeifen aus dem Bahnhof. Über 60 km/h erreicht der Triebwagen auf der schmalen Spur. Der Motorenlärm ist gewaltig. An jeder Ecke quietscht es. Entlang der “Route Napoleon“ schlängelt sich der Schienenstrang vom 600 Meter hoch gelegenen Digne durchs wildromantische Tal. Vor jedem Hilfsübergang und jedem Tunnel wird lautstark Signal gegeben. In einer Mischung aus Geister- und Achterbahnfahrt überwindet der Zug auf uralten Schienen 15 Viadukte, 16 Steinbrücken und 25 Tunnel. Die Strecke gilt daher als Meisterwerk der Ingenieurkunst. Eine technische Meisterleistung ist die Kreiskehre von Le Fugeret. Der Gleiskörper windet sich in einer imposanten Schleife am Berghang entlang und dreht sich dabei um mehr als 180 Grad. Für Eisenbahnfreaks hat die Strecke einiges zu bieten. Auf oder neben den Schienen gibt es noch viel altes „Material“ zu sehen. Da bekommt so mancher Nostalgiegefühle.
Wir passieren einsame Bahnhöfe mit freundlichen Bahnhofsvorstehern und kleine Bergdörfer, an denen die Zeit spurlos vorbei gegangen zu sein scheint. An der Strecke winken Leute, die Entrevaux mitgenommen werden wollen. Dann der erste Stopp irgendwo in den Pinienwäldern an einem winzigen Bahnhof, der einem Wartehäuschen ähnelt und auch die Kulisse für einen Historienfilm sein könnte. Eine halbe Stunde später müssen wir in einen Reisebus umsteigen. Vor uns sind Gleisarbeiten. Der Bus brettert über die Landstrasse zum nächsten Bahnhof, als gäbe es kein Morgen. Ich sitze in der ersten Reihe und bekomme Schweißperlen auf der Stirn. Selten sind wir derart durchgeschüttelt worden. In Thorame-Haute wechseln wir glücklicherweise wieder in den Zug und erreichen unbeschadet Entrevaux, auch „die Uneinnehmbare“ genannt. Der 700 Seelen Ort mit seinen mittelalterlichen Stadttoren klebt wie ein Schwalbennest am Berg. Zahlreiche Häuser sehen aus, als wären sie schon seit Jahrhunderten nicht renoviert worden. Über allem thront eine imposante Zitadelle auf steilem Fels, welche vom Festungsbaumeister Vauban errichtet wurde. Wir schlendern durch die Jahrhunderte alten Gassen und sind schon fast mit einem Bein im Knast. Der war früher direkt hinter dem Stadttor und kann heute noch besichtigt werden. Entrevaux ist eine Art bewohntes Freilichtmuseum. Umso mehr fällt uns das vergilbte Schild "Musee Moto" an einer Hauswand auf. Neugierig folgen wir den Wegweisern durch die engen Gassen und finden das wahrscheinlich kleinste Zweirad-Museum der Welt. Es sind Motorräder und motorisierte Fahrräder, welche die Brüder Michel und Franck Lucani hier ausstellen. Das Gewölbe, kaum größer als zwei Wohnzimmer, beherbergt über einhundert seltene Schätzchen. Der Eintritt und das Staunen sind kostenlos; eine Spende in die alte Blechtasse am Eingang ist natürlich willkommen.

Zurück in Digne-les-Bains machen wir noch einen kurzen Zwischenstopp im „Maison de Pays“ und decken uns mit landestypischen Produkten ein: Wildschweinsalami, Pastete, Ziegenkäse, Lavendelhonig und…und…



Bahnhof Digne-les-Bains



Lac du Sautet

Lac du Sautet

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Ein herrlicher, wolkenloser Tag kündigte sich an. Zum Einfahren geht es durch scheinbar endlose Obstpantagen entlang der Nordflanke der Crete des Selles in 12 Kehren hinauf zum Col de la Beaume (1.268 m). Das schmale Band der D20 verbindet Plan-de-Vitrolles im Tal der Durance mit Les Savoyons im Tal des Petit Buëch. Die landschaftlich recht ansprechende Strecke führt uns an interessant gefaltete Felsformation vorbei. Vom Scheitel des nahen Col d’Espréaux (1.160) bietet sich uns ein schöner Blick auf die Montagne de Céüse (2.016 m) im Nordosten und auf den nahe gelegenen Roc de la Lauze (1.567 m) im Südwesten. Kaum zu glauben, aber sogar die Rallye Monte Carlo geht fast jedes Jahr hier hinauf.

In Montmour folgt die Straße, nun gut ausgebaut und zügig befahrbar, dem Tal der Bèoux. Eine Gelegenheit, wieder einmal die Gashand spielen zu lassen und der Siwi „Zunder“ zu geben. Der Spaß wird jedoch jäh beendet. Wir trauen unseren Augen kaum: auf einer eingezäunten Weide neben der Straße jagt ein Hütehund ein Wildschwein. In seiner Not durchbricht der Keiler plötzlich den Zaun und rast weniger Meter vor uns über die Straße. Wir können gerade noch den Zusammenstoß verhindern. Glück gehabt! Etwas zurückhaltender folgen wir nun der Passstraße über den Col du Festre (1.441 m). Der Pass liegt unterhalb der kahlen Bergkuppen der Montagne d`Aurouze und gewährt uns einen wunderschönen Blick auf das Massiv du Dévoluy. Auf der Nordabfahrt wird die Straße wieder enger und teilweise recht kurvig, dazu gibt es einige Schlaglöcher und Bodenwellen.
Die Straße schlängelt sich zwischen den grandiosen Kalkfelsen der Schlucht „Defilè de la Souloise“ hindurch. Wir nähern uns dem Lac du Sautet, die Perle des Dèvoluy, in dessen blaugrünem Wasser sich die umliegenden Berge spiegeln. Am steilen Südufer führt die winzige D217 in die Höhe. In der Ferne erhebt sich der Grand Ferrand. Die Traumstrasse bietet einen großartigen Blick auf den Obiou (2.793), das Vercors und Notre-Dame de la Salette. In Le Motty biegen wir links nach Corps, der Hauptstadt des Beaumont an der Route Napoleon, ab. Wir überqueren den 86 m langen Stahlbetonbogen der Pont du Sautet, 160 m über dem Drac. Direkt hinter der Brücke legen wir eine Pause ein. Von hieraus können wir einige Stufen hinabsteigen, um die imposante, 126 m hohe Staumauer zu betrachten. Der Drac wird hier in seiner Schlucht zu einem 200 m tiefen und an einigen Stellen nur 7 m breiten See angestaut. Eine wahre Perle an der Grenze zwischen dem Beaumont, dem Dévoluy und dem Champsaur. Eine Postkartenlandschaft. Nichts festhalten, den Moment genießen.

Auf unserem Weg zurück überqueren wir auf der D19, einer ruhigen Parallelstrecke zur viel befahrenen N85, den Col du Villar (1.039 m), dessen Scheitel einer Hochebene gleicht und der als Übergang fast nicht zu bemerken ist. Imposant ist lediglich der Anblick der im Nordwesten steil aufragenden Montagne de Céuze. Es schliesst sich der Col de Foreyssasse (1.040 m) an. Es gibt kaum Verkehr. Die Strecke hat auch keine besonderen Höhepunkte, ist jedoch insgesamt angenehm und entspannt zu fahren. Auf das Tanken müssen wir unterwegs zwangsweise verzichten. Die einzige Tanke weit und breit in La Freissinouse hat zu. Die Zapfhähne sind mit Packband umwickelt. So wird die Tour doch noch spannend. Der Blick geht immer öfter auf die heftig blinkende Tankuhr. Etwas Gutes hat die Sache dann aber doch noch: Ich weis jetzt, dass meine Silver Wing auch in den Bergen 260 km schafft .



Zum Col des Aires


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