Madagaskar: Regenwald, allerlei Ausschweifungen und ein Picknick mit toten Ahnen

Reisebericht

Madagaskar: Regenwald, allerlei Ausschweifungen und ein Picknick mit toten Ahnen

Maroantsetra, Madagaskar



Zurück in Madagaskar

Maroantsetra, Madagaskar

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Antananarivo, liebevoll Tana genannt... es fühlte sich sofort an, als sei ich nie fort gewesen. Der leichte Geruch nach Tropen und nach Holzkohlefeuern war mir nach vier Jahren noch immer vertraut. Er ist so charakteristisch für dieses Land. Aufgrund der anhaltenden politischen Krise war das Visum für Touristen jetzt (2010) umsonst, denn sie blieben seit über einem Jahr weitgehend aus.
Nach einer eisig kalten Nacht auf Sitzbänken im Flughafen stellte sich heraus, dass nicht nur die Temperaturen winterlich waren. Tana war in dichten, kalten Nebel gehüllt. Vor Kälte schlotternd trat ich den kurzen Inlandflug nach Maroantsetra an. Dort war es erfreulich warm. Der Flughafen war eine kleine Baracke, und die Gepäckausgabe ging so vonstatten, dass die Sachen auf zwei Wagen hereingekarrt und die Nummern der Gepäckquittungen verlesen wurden. Das Gepäck wurde dann der richtigen Person im chaotisch lärmenden Haufen übergeben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon ein Taxifahrer, ein Organisator und ein Führer eingefunden. Diese lauerten im Flughafen auf ankommende Touristen, wovon es ausser mir keine gab. Ich beschloss, dies als äusserst praktischen Service zu betrachten. Alle Mann wurden in eine havarierte türkisfarbene Ente mit pinkfarbenen Sitzen verfrachtet, und wir klapperten zum Hotel Coco Beach, das sie mir nahegelegt hatten.
Mit dem jungen Nico, der sich als Führer angeboten hatte, spazierte ich durch die Stadt, die nirgends wie eine Stadt aussieht. Wir besichtigten die Märkte und Quartiere. Maroantsetra wirkte wie ein tropisches Paradies, mit einer unglaublich entspannten Atmosphäre. Die Stadt besteht hauptsächlich aus breiten Sandstrassen und Bambushütten mit üppig wuchernden Gärten. Die Menschen waren zurückhaltend und freundlich.
Nico stöberte in einem Bach einen Tomatenfrosch auf. Dieser war wenig angetan von der ungewollten Aufmerksamkeit und blies sich empört auf. Mit seinen Luftblasen sah er in der Tat wie eine deformierte, hüpfende Tomate aus.
Nach einem weiteren Abstecher zu einer Bude mit frittierten Teigkugeln gingen wir für das Abendessen in ein Hotely gasy. So werden die einfachen und äusserst preiswerten einheimischen Restaurants genannt, meist einfache Bretterbuden mit einem Tisch. Dahinter wurden im Freien diverse Gerichte gebrutzelt. Für kleines Geld stopften wir uns mit chinesischen Nudeln, Samosas und Frühlingsrollen voll.
Später sass ich mit einem Bier auf der schönen Terrasse am Fluss. Es gab keinen Verkehr, keinen Lärm. Von der anderen Seite des Flusses wehte leise Musik herüber. Ich stellte fest, dass ich schon völlig in meinem Afrika-Rhythmus war. Alles fühlte sich ganz unaufgeregt und selbstverständlich an, stilles Glück. Wenn ich in Afrika eines gelernt hatte, dann das: es läuft alles immer bestens, wenn ich mich voll und ganz einlasse, mich in den Strom werfe und treiben lasse, wohin auch immer er mich trägt, einfach passieren lasse, was passiert. Das sollte das Motto der kommenden Reise sein. Einen wirklichen Plan hatte ich nicht, ausser irgendwie die Nordostküste hinunter zu kommen und unterwegs ein paar alte Bekannte zu besuchen.



Wasserwelt

Bei Maroantsetra, Madagaskar

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Die Planung der nächsten Tage war mit der Hilfe der Leute, die mich am Flughafen aufgestöbert hatten, rasch und unbürokratisch erledigt. Wie immer in Afrika...
Ein Einbaum und Marie-Ursula, die Begleiterin des heutigen Tages, erschienen. Zu meinem Erstaunen sprach sie nicht nur gerne, sondern auch gut Deutsch.
Maroantsetra und seine Umgebung sind die reinste Wasserwelt, ein von unzähligen Flussmündungen durchzogenes Land. Die Flüsse sind die Hauptverkehrswege mit regem Pirogenverkehr. In allen Flusswindungen befanden sich kleine Reisfelder, Gärten und Dörfer knapp über dem Wasserspiegel. Die Menschen leben am, auf und im Fluss.
Marie-Ursula und der Pirogier führten angeregte Diskussionen über die Fussballweltmeisterschaft, die gerade begonnen hatte. Marie-Ursula stellte sich als begeisterte Fussballkennerin heraus. Sie zählte in diesem Einbaum auf einem Fluss am gefühlten Ende der Welt doch tatsächlich die Mitglieder der Schweizer Nationalmannschaft auf.
Schliesslich erreichten wir Marie-Ursulas Heimatdorf, wo unsere Wanderung zum Naturschutzgebiet in Farankaraina begann. Als Marie-Ursula und ich – beide keine leichtgewichtigen Grazien – eine wacklige Holzbrücke überquerten, spottete der Pirogier gutmütig, dass wir sie noch zum Einsturz bringen würden. Dies war der geeignete Moment, um das Prunkstück meiner Malagasy-Vokabeln an den Mann zu bringen: Malesabe (grosser Hintern). Wie üblich führte das zu brüllendem Gelächter. Malesabe-Scherze begleiteten den Rest des Tages und sorgten immer wieder für ausgelassene Heiterkeit.
In der Abgeschiedenheit des Naturschutzgebietes hausten ein paar Männer und warteten auf Besucher, während das Wetter alle paar Minuten von Sonne zu Regen und umgekehrt wechselte. Der folgende Waldspaziergang bot erste Einblicke in den Masoala-Regenwald. Tiere wollten sich an diesem Tag jedoch nicht zeigen.
Am Strand holten Fischer ihren bescheidenen Fang ein, und Marie-Ursula erstand ein paar Fische, welche die weitere Reise in einem Plastiksäckchen begleiteten. Nach dem langen Fussmarsch bestiegen wir wieder die Piroge, und in der unbeschreiblichen Abendstimmung in dieser stillen Welt aus Wasser und Licht glitten wir lautlos Richtung Maroantsetra.



Bei Maroantsetra, Madagaskar



Masoala-Regenwald

Frühmorgens überquerten Nico und ich in einem Schnellboot die Antongil-Bucht. Das Meer war rau, und das Boot krachte nur so über die Wellen. Ich schwankte zwischen debilem Grinsen und Tränen, weil mich immer wieder das Gefühl überwältigte, gerade einen Traum zu leben. Ein Blick auf Masoala genügte um zu wissen, dass es schwer sein würde, jemals einen schöneren Ort zu finden.
Wir landeten an einem ausserirdisch anmutenden Strand, hinter dem direkt der Regenwald anschloss. Der Proviant für die nächsten Tage wurde ausgeladen, und eine junge Frau tauchte auf, die in den nächsten Tagen meine Köchin sein würde. Wenig hinter dem Strand und schon mitten im Wald bezog ich einen Bungalow. Ausser mir war niemand da. Der Ort war kaum zu beschreiben, weshalb ich es gar nicht erst versuche.
Nico verzog sich ins nahegelegene Dorf, und ich hatte vor dem ersten Waldbesuch Zeit, im Meer zu dümpeln und den Garten zu inspizieren, wo unerwartet ein Tenrek, ein urtümlicher, mausgrosser Borstenigel, zu beobachten war. Dann ging es auf in den Wald. Und was für ein Wald das ist! Eine wuchernde, dampfende und tropfende Welt voller Bäche und Wasserfälle. An den unteren Hängen hört man das Meer rauschen, was dem Wald eine noch aussergewöhnlichere Stimmung verleiht. Wir fanden kurz vor der Abenddämmerung eine Gruppe von Weisskopfmakis hoch oben in den Bäumen.
In der Nacht lärmte der Wald, es pfeift und zirpt, klackt, sirrt und rasselt von tausend Fröschen, Insekten und Vögeln gleichzeitig. Der Generator, die einzige Quelle für Elektrizität, läuft hier jeweils nur zwei Stunden pro Nacht, und dann geht das Leben bei Kerzenlicht weiter.



Masoala-Halbinsel, Madagaskar



Ein Tag im Regenwald

Masoala-Regenwald, Madagaskar

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Der ständige rasche Wechsel zwischen Sonne und Regen war in der Nacht in Dauerregen übergegangen
Der Tag verging mit mehrstündigen Wanderungen im Wald, meist in strömendem Regen. Es war zauberhaft - und meditativ. In einer Astgabel war zunächst nur ein flauschiges Knäuel zu erkennen, welches sich auflöste und sich schliesslich als etwa fünf Lemuren herausstellte. Sie waren wunderschön, wie sie sich lautlos und mit wehenden, flauschigen Schwänzen durch das Geäst bewegten und neugierig aus dem Baum spähten. Schliesslich fanden wir endlich die roten Varis, die bisher nur zu hören gewesen waren. Vermutlich sahen wir sie nur deshalb, weil es endlich aufgehört hatte zu regnen – bei Dauerregen halten sich auch die Lemuren gern bedeckt. Sie waren nahe, kümmerten sich keinen Deut um uns und waren somit hervorragend zu beobachten. Vier von ihnen hangelten sich an den dünnsten Ästen entlang, um zu den Früchten zu gelangen.
In der Abenddämmerung besuchten wir das fast schon kitschige Dorf Ambodiforaha. Es bestand aus einem einzigen Sandweg, gesäumt von etwa 15 Bambushütten, einem winzigen Laden und einem Fussballfeld. Bei Anbruch der Nacht spielten die Kinder auf der „Strasse“ mit Murmeln, aus den Häusern drang warmer Feuerschein und absolut nichts störte den Frieden dieses kleinen Ortes. Wir besorgten im Laden, der nur von Kerzenlicht erhellt war, zwei Flaschen Bier und unterhielten uns. Nico ist erst 22 Jahre alt und liebt seinen Beruf als Führer, weil er so auch etwas über andere Länder erfahren kann. Er ist noch nie aus dieser Gegend herausgekommen, noch nicht einmal in der Hauptstadt ist er gewesen. Sein Wunsch wäre es, einmal nach Sainte Marie zu fahren. Diese Insel ist zwar nur etwa 200km von Maroantsetra entfernt – und dennoch ist die Reise unerschwinglich.



Nosy Mangabé, Madagaskar



Inselwelt im Urzustand: Nosy Mangabe

Nosy Mangabé, Madagaskar

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Frühmorgens traten wir im Schnellboot die Fahrt nach Nosy Mangabe an. Auf der kleinen Insel landeten wir in der tiefgrünen und ruhigen Bucht an, wo sich die gesamte Infrastruktur der Insel befindet. Diese besteht aus dem Besucherzentrum sowie einigen Zeltunterständen und Esstischen. Noch bevor wir das Lager aufschlugen, unternahmen wir eine Wanderung im Wald. Auch hier: Berg rauf, Berg runter – rutschen, kraxeln, hangeln in einem üppig wuchernden und vorzeitlich anmutenden Garten Eden.
Vom Camp waren die Lemuren zu hören gewesen, aber wir konnten sie jetzt nicht finden. Wenn sie still sind, ist es fast unmöglich, sie zu lokalisieren. Doch es gab anderes zu sehen, unter anderem unfassbar grosse Canarium-Bäume, prachtvolle Vögel und alte Gräber, die geheimnisvoll unter einem riesigen überhängenden Stein angelegt wurden. Ausserdem fand Nico schon wieder ein Brookesia minima, das kleinste Chamäleon der Welt. Diese Wesen sind so winzig, dass sie aussehen wie kleine Insekten mit hauchdünnen Beinchen. Sie haben die Eigenart, sich bei jeder Störung tot zu stellen und tollpatschig und steif zur Seite zu fallen. Wie üblich wimmelte es auch von Fröschen und Geckos aller Art.
Zurück im Camp haben wir das Zelt aufgebaut. Leiden muss man hier wirklich nicht – sogar Schaumstoffmatte und Bettzeug gab es für die verweichlichten "Vazaha"-Besucher!
Der Zustand meiner Person und meiner gesamten Habe konnte jedoch nur noch als unhaltbar bezeichnet werden. Ich hatte nach vier Tagen „Hydrotherapie“ kein einziges sauberes und/oder trockenes Kleidungsstück mehr. Alles war mit Schlamm imprägniert, verschimmelt oder sonst verstunken und vollumfänglich feucht bis triefend nass.
Die Nachmittagswanderung erwies sich als wahrer Glücksfall. Kaum 200m vom Camp entfernt fanden wir die Lemuren in Bäumen direkt am Strand, und zwar beide Arten im selben Baum! Von den Weisskopfmakis befand sich eine ganze Gruppe dort, und dazu noch ein üblicherweise viel schwieriger zu beobachtender schwarzweisser Gürtelvari. Eine so hervorragende Aussicht auf Lemuren hat man kaum einmal.
Rasch stellte sich heraus, dass die Führerin der anderen beiden anderen Touristen, die gerade angekommen waren, eine alte Bekannte war – Marie-Ursula. Somit war das Camp bald erfüllt von unseren Malesabe-Scherzen und dem unweigerlich folgenden Gegröle. Beim Abendessen unterhielt ich mich weiter mit Stephen, dem Engländer, und seiner thailändischen Lebenspartnerin Sirilak. Bald stellte sich heraus, dass wir im Hinblick auf die Weiterreise dieselben Pläne hatten. Die beiden hatten schon ein Auto gemietet, um nach Soanierana-Ivongo zu fahren, und sie luden mich sofort ein, gegen Kostenbeteiligung mitzufahren. Ein Glücksfall, da ich wenig Lust hatte, auf ein unbequemes Buschtaxi oder Frachtschiff zu warten und mir die beiden sehr sympathisch waren.
Die Nachtwanderung war eine Sensation. Abgesehen davon, dass es zauberhaft ist, nachts mit Taschenlampen im Wald unterwegs zu sein, stellte sich heraus, dass Marie-Ursula magische Augen hat. Irgendwann waren wir alle nur noch sprachlos darüber, was sie alles für uns aufstöberte. Wir sahen mehrere Mausmakis, die hier ausnahmsweise hervorragend zu beobachten waren, Plattschwanzgeckos, die nachts wie kleine Krokodile an den Baumstämmen unterwegs sind, Schlangen, diverse Frösche, schlafende Vögel, Chamäleons. Was für ein Ort!



Schwarzweisser Vari. Nosy Mangabé, Madagaskar



Die Un-strasse von Maroantsetra nach Mananara

Unterwegs von Maroantsetra nach...

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Es galt, um 4:00 morgens aufzustehen, in pechschwarzer Dunkelheit zu duschen und das Camp abzubauen. Um 5:30 verliessen wir das kleine Inselparadies Nosy Mangabe. Das Meer war spiegelglatt, die Überfahrt nach Maroantsetra ruhig und die Stimmung, erzeugt von Meer, Wolken und Licht, magisch.
Elf Stunden später trafen wir im etwa 100 km entfernten Mananara ein. Die „Strasse“ war unbeschreiblich. In einigen Abschnitten war sie eine Seenlandschaft, und auf der Strasse schwammen Enten. Andere Abschnitte bestanden aus tiefen Schlammlöchern oder Felsformationen. Ferner hatten wir zehn Flussmündungen auf Autofähren zu überqueren. Nicht umsonst fuhr neben dem Chauffeur noch ein Hilfschauffeur mit, der an besonders üblen Abschnitten Äste im Schlamm versenkte, um unser Vorankommen zu gewährleisten. Daneben fuhr hinten auf unserem Gepäck auch der Fahrzeugbesitzer mit. Er war ein rundlicher Mann, der immer leicht schläfrig wirkte und eine unsagbare Gemütlichkeit ausstrahlte. Das Team im Auto bestand aus Jose dem Fahrer, Rakoto vom Hotel, der sich „die Strasse ansehen wollte“, und uns drei Touristen.
Im Laufe des Tages und besonders auf den Autofähren wurde die Musik lauter gemacht (woran ich nicht ganz unschuldig war). Eine zunehmende Partystimmung breitete sich im Auto aus. Die letzte und hinfälligste Autofähre wird mir sicher für alle Zeit in Erinnerung bleiben. Zunächst musste von einem abgelegenen Strandabschnitt gehupt werden, bis sich das Bambusfloss von der anderen Seite der Flussmündung in Bewegung setzte, bewegt von langen Staken. Das Auto wurde dann über zwei Bretter auf das Floss gefahren. Einer der Stak-Männer war dermassen betrunken, dass er sich nicht aufrecht halten konnte und nur mit viel Glück nicht ins Wasser fiel. Dies verlieh der allgemeinen Heiterkeit weiteren Auftrieb. Die Musik wurde weiter aufgedreht, und plötzlich tanzten wir alle auf wackligen Bambusstangen, die uns und unser Fahrzeug über das Wasser trugen. Auch die Stak-Männer und der betagte Stephen. Und so gelangte das Partyfloss, vor dem Hintergrund einer grandiosen Küstenlandschaft, langsam aber sicher ans andere Ufer.
Als wir Mananara erreichten, war es schon dunkel. Da die beiden anderen Touristen ein gedrängtes Reiseprogramm hatten, galt es noch an diesem Abend, die AyeAye-Insel zu besuchen. Auf einem kleinen Floss wurden wir auf die Insel in einer stillen Flussmündung übergesetzt. Innerhalb weniger Minuten war schon ein AyeAye (Fingertier) aufgespürt. Ich hatte mir dieses Tier ganz anders vorgestellt, irgendwie unbeholfen und langsam. Das Gegenteil war der Fall. Es war ebenso elegant und eher noch schneller und agiler als andere Lemuren, wie es durch die Palmen und Bäume flitzte. Wir rannten jedenfalls ganz schön durch das Gestrüpp, um ihm zu folgen. Es balancierte elegant auf Palmwedeln, sprang lautlos von Baum zu Baum und begann dann, eine Kokosnuss zu zerfleddern. Obwohl ich das Ganze gern mit mehr Zeit und Musse genossen hätte, war ich doch froh und dankbar, dieses so ungewöhnliche Wesen überhaupt gesehen zu haben.
In der Hotelbar verursachte eine Karaoke-Veranstaltung grössten Lärm. Nachdem unser Fahrer Jose mir geholfen hatte, meine immer noch nassen, definitiv schimmligen und übelriechenden Kleider im und am schönen Bungalow aufzuhängen, sah ich mir die Veranstaltung an. Einige offensichtlich wohlhabende junge Madagassen waren da. David begann eine Unterhaltung mit mir. Er war sehr gebildet, kultiviert und höflich – und wie fast alle Madagassen einfach ausgesprochen freundlich. Einer Gesangsdarbietung konnte ich mich glücklicherweise mit dem Argument entziehen, dass ich beim besten Willen keine französischen oder madagassischen Lieder kenne. Im Bett konnte ich weiter das Karaoke verfolgen. Sie sangen so schlecht aber mit soviel Hingabe und Freude, dass ich sicher mit einem Lächeln über dieses wunderbare Land einschlief.



Unterwegs von Maroantsetra nach Mananara, Madag...



Noch mehr Un-strasse

Unterwegs von Maroantsetra nach...

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Die Strasse zwischen Mananara und Soanierana-Ivongo war noch (!!!) schlechter als tags zuvor, die Küstenlandschaft aber ebenso atemberaubend schön und unberührt. Bei der sogenannten Strasse handelte es sich um ein einziges Geröll- und Schlammfeld, welches auf den letzten 40km in eine Sandpiste mit Seenlandschaft überging. Buckel rauf, Buckel runter, rein in den See, meterhohe Wasser- und Schlammfontänen, Buckel rauf, Buckel runter... Der Dauerregen an diesem Tag trug auch nicht zu einer Verbesserung der Strassenverhältnisse bei.
Auch auf dieser Teilstrecke gab es wieder sechs Autofähren. Es waren jedoch keine Bambusflösser, sondern die motorisierte Zementblock-Version. Diese Fähren mussten manchmal mit aus unserem Auto abgesaugtem Benzin betankt werden, bevor sie in Betrieb genommen werden konnten.
Gegen Nachmittag brach im Auto wieder Partystimmung aus - man sollte es nicht für möglich halten, dass eine zweitägige Autoreise so unglaublich viel Spass machen kann.
Stephen und Sirilak würden am nächsten Tag ein Boot nach Sainte Marie nehmen und bezogen deshalb ein Hotel in Soanierana-Ivongo. Ich hatte gedacht, dass in Soanierana-Ivongo auch für mich Endstation wäre, da ich wie die beiden anderen nur bis hierher bezahlt hatte. Doch die Mannschaft hatte andere Pläne für mich. Sie würden nach Tamatave fahren, und weil das längerfristig auch mein Weg war, bestanden sie darauf, dass ich weiter mit ihnen fahren sollte. Von irgendeiner Bezahlung war gar nicht die Rede. Und ich hatte sowieso kein Mitsprachrerecht, da sie ja schon für mich entschieden hatten. Noch am selben Abend wollten diese unverwüstlichen Irren weiter nach Fénérive Est, weil dort angeblich das Nachtleben tobte. Nun war eine Disconacht so ziemlich das Letzte, wonach mir nach einem so langen Tag der Sinn stand – aber erfahrungsgemäss kommt immer etwas Gutes dabei heraus, wenn auf diese Weise über mich entschieden wird. Also los! Wir rasten also in strömendem Regen die 50km nach Fénérive Est, wo ich zuerst in ein Hotel verfrachtet und später für die Tanznacht abgeholt wurde. Die Herren zeigten dann aber doch deutliche Ermüdungserscheinungen, während ich mit einer Freundin von Jose die Tanzfläche stürmte.



Unterwegs von Maroantsetra nach Mananara, Madag...



Wiedersehen mit Freunden

Farbenprächtiges Zuhause....

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Wie üblich ging es frühmorgens los, ungeachtet der nächtlichen Ausschweifungen. Die Madagassen sind zäh und kennen, was Abfahrtszeiten angeht, keine Gnade. Während der Fahrt traf ich die Entscheidung, anschliessend von Tamatave gleich noch nach Brickaville und dann Ambila-Lemaitso weiter zu fahren. Nach zweieinhalb Tagen auf der Strasse spielten noch ein paar Stunden auch keine Rolle mehr – und ich hatte keine grosse Lust auf Tamatave, die Stadt der permanenten Belästigung durch Rikschafahrer. So würde ich Gelegenheit haben, ein paar Tage in Ambila-Lemaitso zu verbringen und meine alten Freunde zu besuchen.
Nach der Verabschiedung von den vier liebgewonnenen wilden Kerlen galt es, auf die Abfahrt des Buschtaxis zu warten. Es dauerte wie gewöhnlich seine Zeit, bis genügend Passagiere im Minibus eingepfercht waren. Die Mitreisenden setzten sich vor allem aus Dorffrauen zusammen, die in der Stadt Einkäufe getätigt hatten. Eine sass mit einem schmucken Hahn, der irgendwann zur Erheiterung aller loskrähte, einträchtig auf ihrem Sitz. Nachdem ich den grössten Teil der Strecke verschlafen hatte und wir wohl in jedem Kaff angehalten hatten, um Leute und Waren ein- und auszuladen, erreichten wir Brickaville.
Ich fragte den Chauffeur, wo ich am besten aussteigen sollte, um ein Auto nach Ambila-Lemaitso zu finden. Er brüllte kurzerhand aus dem Fenster und nach wenigen Sekunden hing ein junger Kerl aussen am Minibus. Als wir am richtigen Ort angelangt waren, schulterte dieser mein Gepäck und schleppte es in eine Seitengasse, wo Mister Alexis residierte, der Besitzer eines „guten Taxis“, wie mir versichert wurde. Der Mister wurde also irgendwo aufgestöbert, dann galt es, rasch einen platten Reifen am Taxi zu wechseln und in der Elektronik herumzustochern, bevor wir losfuhren.
Erst einmal wurde die Autowerkstatt angesteuert, wo der kaputte Reifen in wenigen Minuten geflickt wurde, bevor wir die 20km nach Ambila-Lemaitso holperten. Die Piste war in den letzten Jahren nicht besser geworden, und die Landschaft ringsherum erst recht nicht. Der ehemalige Busch und Wald war offensichtlich vor kurzem abgebrannt worden, um Pflanzungen anzulegen. An der Überfahrt hatte sich nichts verändert – rein in den Einbaum und über den Canal de Pangalanes. Im Hotel Nirvana hatte es einen Besitzerwechsel gegeben. Im Grossen und Ganzen war es aber noch derselbe entzückende Ort, nur etwas schicker zurecht-gemacht – und mit warmem Wasser in den Bungalows!
Danach wollte ich endlich sehen, ob meine alten Freunde noch da waren. Veroniques Epicerie, eine bescheidene aber sehr anheimelnde Bretterbude, stand jedenfalls noch da, und sie war voller Leute. Auch Veronique war da und freute sich sehr. Sie hatte mich schon von weitem erkannt. Sofort rief sie ihren Bruder Francis an, um die Neuigkeit zu verkünden. Alle anderen Anwesenden stellten sich als die Belegschaft des Hotels heraus, die hier in Ermangelung von Arbeit den Tag vertrödelten. Sie waren über mein Wiedersehen mit Veronique begeistert, und sofort hatte ich einen Haufen neuer Freunde.
Ich bestellte Bier für alle und es war in der Epicerie ebenso nett wie vor vier Jahren. Veronique verfrachtete uns alle in ihr Einzimmerhaus, welches der Epicerie direkt angeschlossen ist. Dicht gedrängt stehen darin zwei Betten und ein Tisch, und aus allen Ecken und Enden wurden jetzt Stühle zutage gefördert, bis alle Platz fanden. Öllämpchen an, Bier und Toaka gasy auf den Tisch und schon hatten wir eine perfekte madagassische Party am Laufen.
Ich fühlte mich voll und ganz angenommen. Alle plapperten fröhlich auf Malagasy, und ich war einfach auch da. Veroniques Töchterchen Emma streichelte mein Haar, turnte auf mir herum und schlief schliesslich ungeachtet unseres Lärms auf dem Bett ein, mit der Katze und ihren zwei Jungen auf den Füssen. Diese kleine Welt bei Veronique war immer noch so friedlich, wie ich sie 2006 kennen und lieben gelernt hatte, und ich würde sie ein paar Tage lang in aller Ruhe geniessen (bis mich ein wüster Brechdurchfall heimsuchte).



Beim Dorfladen. Ambila-Lemaitso, Madagaskar



Unterwegs ins Hochland

Küche mit Geflügel....

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Mister Alexis liess mich im Stich und erschien Tage später nicht wie vereinbart mit seinem Taxi. Dann galt es – in Ermangelung des Taxis – herumzuhängen, was an diesem Ort keine grosse Bürde war. Die Frau des Patrons sollte gegen Mittag mit dem Auto aus Tana kommen, und eben dieses Auto würde mich später nach Brickaville fahren können.
Yvette bequatschte den Patron, ob sie nicht mit mir nach Brickaville fahren dürfe. Sie durfte und freute sich sehr darüber, weil sie nur selten aus diesem Kaff heraus kommt.
Als Auto und Chauffeur bereit waren, gondelten wir mit noch einer Angestellten nach Brickaville hoch. Meine drei Begleiter hatten die feste Absicht, sich dort zu amüsieren. Nun denn. Wir steuerten also eine Bretterbuden-Bar an, leerten diverse Flaschen Bier, scherzten, grölten und tanzten zur Freude aller. Ich stellte einmal mehr fest, dass Sich-Amüsieren, auch wenn es mit einem beträchtlichen Geräuschpegel verbunden ist, in Madagaskar nicht mit Missfallen betrachtet wird – ganz im Gegenteil.
Als es schon viel zu spät war, wurde ich am Busbahnhof unter grösstem Geknutsche und Gegröle verabschiedet. Es war bereits absehbar, dass ich nicht zu einer vernünftigen Zeit in Ambavaniasy eintreffen würde, denn der Minibus war erst schwach besetzt. In der Tat dauerte es Stunden, bis alle nötigen Passagiere versammelt waren. Allerdings beunruhigte mich dieses Problem nicht. Ich würde mitten in der Nacht in einem mir unbekannten Dorf eintreffen, von dem ich einzig wusste, dass dort irgendwo meine Freunde wohnten. Nun kannte ich aber Madagaskar schon gut genug um zu wissen, dass es eine Lösung geben würde, welcher Art auch immer.
Dann gondelten wir durch die Nacht ins Hochland. Wie gewohnt gab es keine Eile. Wen kümmert es schon, wann man losfährt oder ankommt? Reissäcke, Velos und Hühner kann man auch in aller Ruhe auf das Minibusdach schnallen. Dann wird hier und da geplaudert, vielleicht kommt doch noch von irgendwo ein Gepäckstück her, das auch noch auf das Dach muss. Dann wird während der Fahrt aus verschiedenen Gründen immer wieder angehalten, sei es, weil Leute ein- oder aussteigen müssen, sei es, weil der Fahrer irgendwo Bekannte sieht oder ein Abendessen zu sich nehmen will. Ich schlief, die Frau neben mir schlief an meiner Schulter und die Frau neben ihr an der ihren – wie die Dominosteine.
Plötzlich hämmerte der Chauffeur ans Fenster, um mich zu wecken. Wir waren in Ambavaniasy angekommen. Trotz Gebrüll und Gepolter gelang es dem Chauffeur nicht, irgendwen aufzuwecken. Ich wusste zufällig, dass es irgendwo in der Nähe ein einfaches Hotel gab und schlug vor, mich dort abzuladen. Die Hotelbesitzerin wurde aufgescheucht und weil kein Bungalow frei war, kam ich in ihrem Vorzimmer unter, das als Esszimmer, Abstellkammer und Velogarage diente.



Ambavaniasy, Madagaskar



Leben im Dorf

Ambavaniasy war ein kleines und unscheinbares Dorf, wie es sie entlang der Strasse zu Hunderten gibt. Ich wurde in einer einfachen Hütte nach Art des Dorfs einquartiert, die ausser einem Bett nichts enthielt. Die Toilette befand sich im schlammigen Hinterhof des Nachbarhauses und stellte sich als das altbekannte und wenig geschätzte „Baracke-mit-Loch-im-Boden“-Modell heraus.
Zur Feier des Tages gab es zum Frühstück Bier. Oh Mann... Der Vormittag verging damit, in unserer Hütte das halbe Dorf zu empfangen und mir alle vorzustellen. Anlässlich meiner Ankunft wurden mir anrührende Lieder über lange abwesende und zurückgekehrte Freunde gewidmet, bis ich vor Rührung in Tränen ausbrach. Dann gingen wir in Jerômes Bar nebenan ein wenig tanzen – die Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag hatten auch hier schon begonnen. Nirina musste nach Andasibe, und ich würde den Tag mit meiner alten Freundin Elise verbringen. Wir wanderten durch das Dorf, statteten diversen Häusern einen kurzen Besuch ab und amüsierten uns vorzüglich.
Dann wurde entschieden, dass wir auch noch nach Ambohimarina gehen sollten, ein Dorf 5km weiter, das ich schon 2006 besucht hatte. Der Fussmarsch dahin beinhaltete ewige Begrüssungen sowie unzählige weitere Besuche in Häusern am Weg. Auch hier hämmerte schon aus so mancher Bude laute Musik. In Ambohimarina wurden wir von Madame Lalata mit BetsaBetsa (einem selbstgebrauten Zeug) empfangen und hatten dann die 5km wieder zurückzulatschen. Ich war bereits völlig erledigt von den tausend neuen Gesichtern, dem ständigen Vorgestellt- und Abgefülltwerden und der Aussicht, später noch die halbe Nacht beim dorfeigenen „Ball“ verbringen zu müssen. Und das alles wohlgemerkt am Tag VOR der eigentlichen Feier....
Nach Einbruch der Dunkelheit gingen die Kinder stolz mit Laternen durch das Dorf. Ganz Ambavaniasy war in heller Aufregung wegen dem „Ball“, der nichts anderes als eine laut dröhnende Disco im Schulgebäude war. Und es war trotz aller Müdigkeit grossartig. Was für eine Stimmung!



Hier kommt das Mittagessen. Ambavaniasy, Madaga...



50 Jahre Unabhängigkeit: es wird gefeiert!

50 Jahre Unabhängigkeit....

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Als um 6:00 morgens alle aus der Disco kamen, gingen sie nicht etwa schlafen, sondern lärmten im Dorf herum. Während des ganzen Tages würden vor allem die jungen Männer noch – verdreckt und alkoholisiert – unterwegs sein. Weil hier Madagaskar ist, machte man sich selbstverständlich gutmütig über sie lustig und lachte mit ihnen über sie.
Nach einer Dusche hinter Jerômes Schweinestall fand in unserer Hütte ein traditioneller Anlass statt. Isabelle, eine Nichte von Elise, wollte bald heiraten, und zu diesem Zweck versammelten sich die Familien der Brautleute, um ihr Einverständnis zu verkünden. Neben verschiedenen Ansprachen musste dazu Rum für die Ahnen verschüttet werden, wobei einige Verwirrung darüber entstand, in welche Ecke des Hauses er zu schütten sei.
Heute war der Unabhängigkeitstag. Ganz offensichtlich war das ein grosser Tag für Ambavaniasy. Das Dorf veranstaltete zum ersten Mal eine solche Feier, und alle waren in heller Aufregung. Bevor sich alle zum offiziellen Festakt bei der Schule versammelten, fanden Kinderumzüge statt. Bei der Schule stellten sie in gewohnt chaotischer Manier Tische und Lautsprecher für die Ansprache des Dorfchefs auf und diskutierten lautstark. Die Nationalhymne wurde gespielt, die Flagge gehisst und der Dorfchef richtete das Wort an seine Gemeinde, bevor es Gesangs- und Tanzdarbietungen der Grundschüler gab.
Später sollte ein sportlicher Wettkampf stattfinden, nämlich ein Rennen über 5km. Das ganze Dorf versammelte sich am Start, während die Läufer unter grösstem Lärm und Chaos in Position gebracht wurden. Der Dorfchef höchstselbst hastete durch die Gegend und kümmerte sich um alles. Ganz wie im Fernsehen mussten die Läufer von Motorrädern eskortiert werden, weshalb die beiden Motorroller des Dorfes mit grossem Ernst in Position gebracht wurden.
Umtost von begeistertem Gejohle rasten die Läufer dann los, entweder in Turnschuhen oder barfuss. Bis zu ihrer Rückkehr wurde herumgestanden, getanzt und palavert. Als sich der erste dem Zieleinlauf näherte, brodelte die Stimmung über. Für die Siegerehrung hatte sich der Gewinner ordnungsgemäss auf einen Stuhl zu stellen, der von irgendwo herbeigeschafft worden war.
Das angekündigte Karaoke fand aus unbekannten Gründen dann doch nicht statt, dafür lud aber Jerôme ausgewählte Gäste zu sich ein. Er betreibt einen Schuppen, der für Veranstaltungen aller Art verwendet wird, unter anderem als Disco, Kino oder Bar. Dieser Anlass war dazu gedacht, die gelungene Feier zu feiern. Folglich gab es Ansprachen, Gesang und Bier. Im Dorf dagegen war es mittlerweile auffallend still geworden. Die schlaflosen Tänzer der vergangenen Nacht waren offensichtlich nicht so unverwüstlich wie befürchtet.
Wir verbrachten ein paar ruhige Stunden mit herumhängen, kochen und essen, bevor es wieder zu tanzen galt. Der „Ball“, der eigentlich auch heute stattfinden sollte, war abgesagt worden, weil die Leute gegen den Eintrittspreis von 40 Rappen rebelliert hatten – damit wären die Kosten für den Betrieb des Generators an den Organisatoren hängen geblieben. Also war Jerômes Schuppen heute die Disco. Wie üblich waren alle Generationen vertreten. Besonders die alten Männchen des Dorfes waren erpicht darauf, mit mir zu tanzen. Ich wurde also ständig - zur Erheiterung aller - von verlumpten, barfüssigen und unglaublich enthusiastischen Gestalten mit schwarzen Klauen über die Tanzfläche gezerrt. Mit den Frauen gab es immer etwas zu grölen, wenn wieder schmutzige Scherze erzählt wurden oder man über die Männer spottete.



50 Jahre Unabhängigkeit. Ambavaniasy, Madagaskar



Tote Babies und Karaoke

50 Jahre Unabhängigkeit....

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Frühstück gab es nicht, weil niemand imstande war, es zu organisieren. Dafür wurde ich eingeweiht, dass Baden im Fluss besser ist als eine Schweinestall-Dusche. In der Tat, das als kollektive Badeanstalt dienende Flüsschen war zwar eisig kalt, aber deutlich wirksamer als eine tröpfelnde Dusche.
Nachmittags wanderten wir zu einem besonders schönen Flussabschnitt in der Nähe. Am Weg begegnete uns ein stilles Grüppchen von Menschen. Ich hatte nicht bewusst wahrgenommen, dass ein Mann ein in Tücher eingewickeltes Päckchen trug. Nirina erklärte mir, dass es ein Vater mit seinem toten Baby war. Es musste bei der Geburt gestorben sein oder jedenfalls zu früh, um als richtiger Mensch zu gelten und im Familiengrab bestattet zu werden (weshalb auch niemand weinte). Für solche Kinder gibt es bestimmte Orte, wo sie hingebracht werden. Der Tod eines Neugeborenen war offenbar so alltäglich, dass der Anblick nur zu einem kurzen, betroffenen Tuscheln führte. Tatsächlich würde sich dieselbe Szene wenige Tage später wiederholen.
Im Laufe des Tages war wieder das halbe Dorf vorbei gekommen, inklusive Dorfchef und Medizinmann. Bout Michel, der Medizinmann, hatte nicht nur eine besonders liebenswerte und ruhige Art sondern beeindruckte mich auch immer wieder damit, dass er trotz einer starken Gehbehinderung höchst mobil war und fleissig in seinem Garten schuftete.
Es gab ein Palaver wegen eines neuen abendlichen Anlasses. Das Karaoke stand immer noch im Raum, allerdings drohte der heiss ersehnte Anlass an den etwa 8 Franken zu scheitern, die er kosten würde. Ich verkündete also zu allgemeinen Begeisterung, dass ich dieses Karaoke als Dank für den grossartigen Empfang in Ambavaniasy stiften würde.
Der Anlass war ein herrliches und unbeschreibliches Chaos. Auch ein Karaoke hatte im Dorf noch nie zuvor stattgefunden. Am Ort des Geschehens – natürlich Jerômes Schuppen – bildeten sich dichtgedrängte Menschentrauben. Vorne wurde ein Keyboard aufgebaut, an Kabeln herumgefummelt, ins Mikrofon gebrüllt und hektisch herumgewurstelt. Schliesslich gelang es, die Apparatur in Gang zu setzen, und unter unsäglichem Rückkoppelungslärm versuchte jeder, das Mikrofon an sich zu reissen. Colette war als erste erfolgreich und es gelang ihr, ein Lied zum besten zu geben. Damit war das eigentliche Karaoke aber schon zuende. Da besonders Nirina den Sinn des Ganzen nicht verstanden hatte, verwandelte er das Karaoke in eine der Jamsessions, die in seinem Hof tagtäglich stattfanden, und liess sich nicht davon abbringen, den Liederabend allein zu bestreiten. Stimmung kam nicht wirklich auf, bis entschieden wurde, das Karaoke durch eine weitere Discoveranstaltung zu ersetzen. Da erschienen wie aus dem Nichts wieder unzählige Leute, bis die Bude brechend voll war.
Während einer Disco-Auszeit sprach ich mit Nirina über eine Famadihana. Eine Famadihana ist eine in Teilen von Madagaskar sehr wichtige Zeremonie, bei der das Ahnengrab geöffnet wird und die Ahnen aus dem Grab geholt und neu in einen Lamba mena, ein hochwertiges Seidentuch, eingekleidet werden. Ich hatte schon früher erwähnt, dass ich zu gerne einmal an einem solchen Anlass teilnehmen würde. Nun stellte sich heraus, dass eine Famadihana bei Nirinas Familiengrab längst überfällig war, aber bisher aus finanziellen Gründen nicht in die Tat umgesetzt worden war. Unsere Interessen trafen sich, und wir entschieden, das Vorhaben sofort in Angriff zu nehmen.
Nach dem Karaoke-Disco-Chaos wurden Elise und ich von einem konspirativen Grüppchen, bestehend aus einem Führer im Schutzgebiet, dem Grundschullehrer und dem Dorfpolizisten, beiseite genommen. Ihre Absicht war es, uns zu weiteren Getränken einzuladen, und ihr geheimnistuerisches Verhalten rührte daher, dass sämtliche Getränke sofort die Runde machen und innerhalb von Minuten weg sind, wenn man sie öffentlich präsentiert. Wir setzten uns also auf einen überdachten Bretterboden im Dorf, wie immer als dichtgedrängter Haufen, tranken weiter und lachten uns wie üblich fast kaputt.



Gütige Frau in Ambavaniasy, Madagaskar



Andasibe: Wiedersehensfreude und Waldausflüge

Moramanga, Madagaskar

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Nirina sauste frühmorgens los, um die Famadihana-Vorbereitungen in Angriff zu nehmen. Hierfür mussten diverse traditionelle Autoritäten, in erster Linie der Astrologe, aufgesucht werden, und zwar dort, wo sich das Familiengrab befindet – im konkreten Fall irgendwo in der Nähe von Tana.
Es schüttete wie so oft wie aus Kübeln. Elise, Isabelle und ich packten unsere Sachen und enterten ein Vehikel, um nach Andasibe zu fahren. Nach einigen Besuchen bei Familienmitgliedern von Elise und einem ersten Waldausflug wollten wir tags darauf mit Eugène als Führer erneut in den Nationalpark. Auf dem Weg wurden noch Isabelle und Brice, den ich bis dahin noch nicht gesehen hatte, eingesammelt. Mit von der Partie war auch Franco, Eugènes Neffe. Wir waren also ein stattliches Grüppchen.
Eugène hatte ein scharfes Auge auf meine Finanzen und war der Ansicht, dass ich keinesfalls noch einmal den Eintrittspreis für Touristen zu zahlen hätte. Also wurde, ungeachtet meiner Einwände, alles unternommen, um dieses Übel abzuwenden. Beim Parkeingang hatten wir unter Eugènes Kommando das Büro des Direktors heimzusuchen, um die Lage zu erörtern. Als sich nichts machen liess, entschied Eugène, dass dies inakzeptabel ist und wir folglich nicht in den Park gehen würden. Dabei ging es um einen eigentlich lächerlichen Betrag, den ich gerne bezahlt hätte – aber ich hatte schon lange nichts mehr zu melden.
Stattdessen sollten wir Eugènes Garten besichtigen. Der Weg dahin war ein unsäglich übles und kilometerlanges Schlammloch, und in Kürze war auch meine letzte noch halbwegs saubere Hose total versaut. Trotzdem war es nett. Mir gefiel diese Spontanität. Jeder hatte immer Zeit und war immer für Ausflüge aller Art zu haben.
In Eugènes Garten fielen sie alle wie die Heuschrecken über das Gemüse her. Nach Belieben wurden Kohlköpfe geerntet und Zuckerrohrstangen geschlagen. In Madagaskar ist das völlig normal – deins ist auch meins. Eugènes Garten war riesig, und er hatte weitere Pläne mit Fisch- und Schweinezucht. Allerdings sollte er zuerst dringend die Finger vom Toaka gasy lassen. Er war eindeutig Alkoholiker geworden und trug schon morgens eine Trinkflasche voller Schnaps mit sich.
Nachmittags fuhren wir nach Moramanga, das sich wie Andasibe als Schlammloch präsentierte. Ich musste Geld wechseln. Das Buschtaxi zurück nach Andasibe war immer noch ein charmantes, aber völlig desolates Klapperding, in das fünf Leute pro Reihe gepfercht wurden. Man sollte es nicht für möglich halten, wie lange es dauern kann, 30km zurückzulegen.
Abends schneiten nach und nach alle im Hotel ein. Es war wie immer nicht notwendig gewesen, irgendwelche Verabredungen zu treffen, das ergab sich ganz von selbst. Weil es nach Eugènes Ermessen im Hotel immer noch viel zu teuer war, landeten wir schliesslich alle wieder in der verheerenden Bar, nachdem Setra ausgesandt worden war, ein paar Snacks zu besorgen. Erneut gab es eine ausschweifende Party mit kleinen Leckereien, Musik, Tanz und chaotischem Gelärme.
Am Nebentisch sass ganz allein ein junger Mann, Justin, der sich schliesslich zu uns gesellte. Justin war früher ein hervorragender Parkführer und Fussballspieler. Bei einem Spiel wurde er nach einem Kopfball bewusstlos und war seither nicht mehr der Alte. Angeblich war er nicht mehr ganz richtig im Kopf, aber davon war auf den ersten Blick nichts zu bemerken. Ganz im Gegenteil war Justin ganz reizend und schleppte ständig neue Sachen für mich an, Bonbons, Sardinen und Lollipops. Im übrigen war ich einmal mehr gerührt, wie auch „Aussenseiter“ aller Art in Madagaskar ganz selbstverständlich am normalen Leben teilnehmen. Die Madagassen sind insgesamt extrem tolerant allen menschlichen Eigenheiten gegenüber.



Plattschwanzgecko in Andasibé, Madagaskar



Schon wieder krank

Ambila-Lemaitso, Madagaskar

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Mit Elise und Brice fuhr ich morgens schon wieder nach Moramanga. Eugène fuhr auch bis zur Kreuzung mit und erzählte, dass er in der Nacht volltrunken in ein Reisfeld gefallen war.
Ich hatte die Schnauze gestrichen voll von Schlamm, Dauerregen und Kälte und hatte beschlossen, mich für ein paar Tage an die Küste abzusetzen. Nach einer Odyssee in Buschtaxis und auf einem Motorrad kam ich wieder in Ambila-Lemaitso an und wurde unverzüglich wieder krank. Die nächsten Tage vergingen ungeachtet hohen Fiebers und einer schweren Grippe wie alle Tage in Ambila-Lemaitso: Mit Besuchen bei den Familien meiner Freunde und abendlichem Zusammensein in Véroniques Epicerie.
Mein Kopf drohte zu platzen, die Ohren schmerzten unerträglich, das Fieber quälte mich. Mein Zorn auf die Seuche brachte diese jedoch nicht zum Verschwinden. Von mittags bis abends hing ich ermattet und frierend bei Veronique herum, wo irgendwann ein verlumpter alter Mann auftauchte. Er erwies sich als kluger, gütiger und weitgereister Mensch, der sehr gut französisch sprach – und bitterarm war. Würdevoll bat er um etwas zu essen und zu trinken. Er wünschte sich etwas getrockneten Fisch und ein Fläschchen Toaka gasy.
Wie sich herausstellte, war er der Dorfmasseur. Da mir alles wehtat, verpasste er mir in Veroniques guter Stube eine Massage nach madagassischer Art. Es war kein Wellness-Anlass, da recht unsanft an Armen und Beinen, Fingern und Zehen gezerrt wurde – aber die Gliederschmerzen liessen nach. Gleich anschliessend wurde auch Francis behandelt, der die Fähigkeiten des Masseurs in den höchsten Tönen pries. Der alte Mann war unglaublich dankbar für die Bezahlung und sagte, dass ich ihm das Leben gerettet hätte. Zunächst hätte ich ihm zu essen und zu trinken gegeben, als er darum bat, und jetzt konnte er sich auch noch Gemüse und Reis kaufen.



Familie in Ambila-Lemaitso, Madagaskar



Vorbereitungen für die Famadihana

Landschaft bei Ambavaniasy,...

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Heute würde die Reise trotz Krankheit weitergehen. Offen gestanden graute mir in meinem desolaten Zustand ein wenig vor der Rückkehr nach Ambavaniasy, da es dort noch kälter sein würde und jeder Komfort fehlte. Als ich dort ausgeladen wurde, war der Empfang herzlich wie immer – und es schüttete wie aus Kübeln. Seit Tagen hatte ich erbärmlich gefroren, und in Ambavaniasy war es nicht anders.
Abends liess das verdammte Fieber endlich nach – und es sollte nicht wiederkommen. Gleich sah die Welt viel heiterer aus, und mein dringender Wunsch, sofort in der heimischen Badewanne zu versinken, schwand rasch. Ich fühlte mich aufgehoben im Dorf, in dem alles unaufgeregt seinen Lauf nahm. Donné ging allen mit seinem Dauergequatsche auf die Nerven, Elise werkelte herum und das Mädchen Anita stellte mir wie üblich nach. Sie schlich sich immer an, um mich zu kitzeln und wollte ihrerseits gekitzelt werden.
Schliesslich kam Nirina zurück – und mit ihm die Famadihana-Ausrüstung, die er in den letzten Tagen aufgetrieben hatte. Sie bestand aus bestimmten Raffiamatten und Lamba mena, grossen, teuren Tüchern aus gekochter Rohseide. Die Lamba mena waren in diesem Fall mit Kronensymbolen versehen, da es sich bei den Toten um Nachfahren der Königsfamilie handelte. Nirina hatte einen enormen Aufwand betreiben müssen, um die Famadihana zu organisieren. Zuerst musste der Astrologe konsultiert werden, der erst nach drei Tagen eine Audienz gewähren konnte und dann das Datum festlegte. Ferner legte der Astrologe fest, in welcher Reihenfolge die Toten das Grab zu verlassen haben und wie oft man mit ihnen das Grab umrunden muss. Ausserdem mussten Transport und Unterbringung der Gäste organisiert werden.
Es war wohltuend, in Ambavaniasy zu sein. Meine Erkrankung führten sie darauf zurück, dass ich ohne sie wohl einsam gewesen sei, und sie wirkten dem entgegen, indem sie sentimentale Lieder für mich sangen und Tee kochten. Die üblichen Besucher fanden sich ein, nach fünf Tagen unfreiwilliger Nulldiät ass ich wieder einmal etwas und wurde dann sehr früh zu Bett geschickt.



Geselligkeit im Hof. Ambavaniasy, Madagaskar



Antananarivo - Luxus pur

Antananarivo, Madagaskar

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Seit Stunden brabbelte ich wirr vor mich hin und führte aufgeregte Selbstgespräche über die Pracht und Herrlichkeit, die mir widerfuhr. Der Anlass hierfür war – ich muss es leider zugeben – ein einfaches Einzelzimmer in Tana mit heisser Dusche (!!), westlicher Toilette und völliger Abwesenheit von Schlamm.
Morgens hatten wir in Ambavaniasy lange auf ein Buschtaxi gewartet. Schliesslich erschien die wohl einzige Folter, die mir in Sachen Verkehrsmittel bisher erspart geblieben war: ein „bâché“, also eine Art Lieferwagen mit überdachter Ladefläche mit zwei seitlichen Holzbänken. Diese Vehikel haben die erstaunliche Eigenschaft, eine unbegrenzte Anzahl von Passagieren aufnehmen zu können – zu Rekordzeiten zählte ich 17 Leute da drin. In Moramanga hatten wir in einen Minibus umzusteigen. Wir, das waren ich, Elise und Nirina, Setra sowie Isabelle und deren Verlobter, die alle an der Famadihana teilnehmen wollten.
Die ganze Mannschaft wurde in zwei desolate Enten, die den gesamten Taxiverkehr in Tana bestreiten, verladen. Alle anderen würden bei der Familie nächtigen. Ich hatte taktvoll auf meine quälende Krankheit verwiesen, die es mir nicht erlaubte, noch länger in kalten Behausungen zu verweilen – und so gelangte ich in dieses herrliche Hotel, den Quell aller irdischen Freuden.
Nirina holte mich später wieder ab. Tana ist nachts nur spärlich beleuchtet, und auf manchen Gehsteigen bilden sich regelrechte Schlafkolonien. In dunklen Ecken stehen Prostituierte und andere dubiose Gestalten herum, und Strassenkinder stellen Passanten nach. Die vermeintlichen Strassenkinder sind aber meistens gar keine: das Betteln ist ein wohlorganisiertes und ziemlich lukratives Geschäft, und die Kinder werden zum Betteln „gemietet“. In madagassischer Begleitung fühlte ich mich aber vollkommen sicher.
Wir unterhielten wir uns über Justin, den jungen Mann in Andasibe, der seit einem Kopfball irgendwie verändert war. Justin habe gesagt, dass sich der Ball wie ein Vorschlaghammer anfühlte, bevor er bewusstlos wurde und nie mehr sich selber war. Nirina war, wie alle anderen, felsenfest davon überzeugt, dass es sich um einen Fall von Hexerei handelte, einen Schadenszauber der gegnerischen Mannschaft. Bisher wurde es unterlassen, Justin medizinische Hilfe angedeihen zu lassen. Die Mutter weigerte sich, ihn zu einem traditionellen Heiler bringen zu lassen, weil sie eine fundamentalistische Katholikin ist. Eine schulmedizinische Behandlung wurde anscheinend gar nicht erst in Betracht gezogen, weil es um Hexerei ging. Nirina hatte nun die Absicht, Justin unter einem Vorwand nach Ambavaniasy zu bringen und ihn von Bout Michel, dem Medizinmann, behandeln zu lassen. Er ist überzeugt, dass er, und nur er, Justin heilen kann, denn er hatte schon früher beachtliche Erfolge bei diversen Krankheiten und sogar bei wirklich Verrückten erzielt. Bout Michel bedient sich der Tromba. Er lässt sich also von einem Geist in Besitz nehmen, der ihm das richtige Heilmittel offenbart.



Antananarivo, Madagaskar



Famadihana - neue Kleider für tote Ahnen

Öffnen des Grabes,...

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Nach einem grossen Einkaufsrausch auf den Märkten Tanas war der Tag der Famadihana gekommen. Wir klapperten in ein Aussenquartier von Tana. Überall breiteten sich in den schmalen Kopfsteinpflasterstrassen Märkte und Buden aller Art aus. An einer fliegenverseuchten Bude tranken wir einen Kaffe und assen Mofo bola, frittierte Teigkugeln, bevor wir zum Haus der Familie gingen. Nirina hatte einige Tage zuvor erzählt, dass seine Tante Angst vor Vazaha hatte und daher meinen Besuch fürchtete. Sie wurde mit ihrer Familie vor langer Zeit von französischen Truppen misshandelt. Ich war überzeugt, eine kleine Vazaha-Imagekorrektur bewirken zu können. Und so war es. Jacqueline freundete sich sehr schnell mit mir an. Ihr Misstrauen schwand spätestens als sie sah, dass ich wie alle anderen Reis mit Fleisch ass.
Der gemietete Minibus war schon da, und bald waren die Grossfamilie und die Ausrüstung darin untergebracht. Alle begannen zu singen. Schliesslich war das ein sehr freudiger Tag. Als wir die Stadt verliessen, tat sich eine schöne, mediterran wirkende Landschaft auf. Es war ein strahlend sonniger Tag, wie es ihn seit einem Monat nicht gegeben hatte. Über eine schlechte Piste rumpelten wir zu einem abgelegenen Dorf, das aus nur wenigen verstreuten Lehmziegelhäusern bestand. Hier befand sich das Familiengrab.
Männer aus dem Dorf, mit Schaufeln bewaffnet, waren schon da. Sie würden den Zugang zum Grab freischaufeln. Nachdem eine kleine madagassische Flagge auf das Grab gestellt und Rum an dessen Nordseite verschüttet worden war, begannen sie zu graben. Die Familie hatte sich gemütlich im Gras niedergelassen, es wurde fröhlich Gitarre gespielt und gesungen. Der Anlass gemahnte an ein Familienpicknick.
Die Männer gruben und gruben. Und gruben weiter, doch der Eingang blieb unauffindbar. Nach Stunden fiel jemandem ein, dass sie am falschen Ort gruben. Danach mussten lediglich einige Steine und etwas Erde von der Oberseite des Grabes abgetragen werden, und der Grabeingang war rasch freigelegt.
Die Grabkammer wurde belüftet, bevor die ersten mit einer brennenden Kerze durch das Loch hinein krochen. Als sich drei Männer in der Grabkammer befanden, wurden Raffiamatten in das Grab gestopft. Üblicherweise würde man die im Grab befindlichen Ahnen darin einwickeln und herausholen. Im Grab fanden lautstarke Diskussionen statt, und es stellte sich heraus, dass man vom üblichen Prozedere würde abweichen müssen. Die Ahnen würden heute das Grab nicht verlassen, weil es schon spät war und die Zeit für die erforderlichen Aktivitäten nicht mehr ausreichen würde, bevor es dunkel wurde. Sie würden die Ahnen deshalb direkt im Grab in neue Tücher hüllen. Lamba für Lamba wurde unter aufgeregtem Lärmen und Diskutieren in die Grabkammer gereicht, Ahne für Ahne wurde neu eingekleidet. Schliesslich wanderten noch ein paar Becher Rum durch den Grabeingang, und danach stiegen einige der nächsten Verwandten in das Grab, um ihre Ahnen zu besuchen.
Die Raffiamatten wurden von Leuten aus dem Dorf dankend in Empfang genommen und davongetragen. Sie gelten als Glücksbringer. Die Familie kann sich des Segens der Ahnen gewiss sein, wenn für sie eine Famadihana stattgefunden hat.
Kuchen wurde verteilt, während das Grab wieder zugeschaufelt wurde. Roger, der sich als angehender Astrologe und Geisterbeschwörer auch um das Friedhofswesen kümmert, übergab mir ein Stück der nördlichen Grabecke. Dieses Teil sollte ich pulverisieren und in Honig aufgelöst einnehmen. Es sollte magische und heilende Eigenschaften haben.
Alle stiegen in den Minibus und klapperten unter ekstatischen Gesängen zurück zum Haus der Familie. Deutlich war die Freude zu spüren, dass der Anlass vollbracht war. Die Ahnen waren neu eingekleidet und besucht worden, wie es sich gehört.



Neue Kleider für die Ahnen. Famadihana-Zeremoni...



Schwerer Abschied

Dorf um Antananarivo, Madagaskar

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Der letzte Tag war angebrochen. Ein Inder namens Firdousi setzte sich zu mir. Bald wusste ich nicht mehr, wir mir geschah. Er bezahlte mein Frühstück, bestellte weiteren Kaffee und hörte sich missbilligend meinen bellenden Husten an. Hektische Aktivität brach aus. Firdousi telefonierte mit einem Arzt, scheuchte Leute durch die Gegend und entsandte schliesslich einen jungen Kerl in die Apotheke, um Medikamente zu besorgen. Dann wollte er mir auch noch Geld geben, da er mitbekommen hatte, dass ich kaum noch welches hatte. Ich verstand die Welt nicht mehr.
Gegen Mittag erschien meine madagassische Mannschaft. Da auch sie kein Geld hatten, waren sie zu Fuss gekommen und wirkten deutlich abgekämpft. Wir einigten uns darauf, dass sie jetzt gleich nach Hause fahren würden, weil wir ohne Finanzen in Tana ohnehin nichts unternehmen konnten und es einfacher war, zu dieser Tageszeit ein Buschtaxi zu erwischen. Wir verabschiedeten uns früher als erwartet. Ich würde sie vermissen.
Firdousi kam das alles sehr gelegen. Sofort telefonierte er herum, um festzustellen, ob Freunde mit einem Auto in der Nähe seien für einen Ausflug zu einem Wasserfall. Keiner war da. Er entsandte eine weitere Delegation in die Apotheke, um Vick Vaporub zu besorgen und nötigte mich dann, ein Mittagessen auf seine Kosten zu bestellen.
Es endete damit, dass wir uns im Hotel den ganzen Tag lang unterhielten. Firdousi war Ingenieur und war seit Jahren in den unterschiedlichsten Ländern von Saudi-Arabien bis Madagaskar tätig. Im Laufe des Tages schneiten weitere indische und pakistanische Geschäftsleute herein, die in Madagaskar ansässig waren. Ich fand es hochinteressant, mehr über diese Minderheit im Land zu erfahren.
Firdousi hetzte weiter umher, um mir Verpflegung für unterwegs zu besorgen und ein Flughafen-Shuttle zu ordern. Keine Widerrede! Und schon war ich auf dem Weg. Dem armen Mann standen tatsächlich Tränen in den Augen, als ich davonfuhr. Es war rührend – und bizarr.
Die Formalitäten waren rasch erledigt, doch es stellte sich heraus, dass der Flug ein paar Stunden Verspätung hatte. Im Flughafen genoss ich die letzten THB-Biere dieser Reise und grämte mich, das Land verlassen zu müssen, das ich so in mein Herz geschlossen habe...



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Kommentare

  • mhsch

    Sehr schöner Reisebericht. Gruß, mhsch

  • Porto

    Ganz herzlichen Dank :)

  • Charaxes

    Ausführlicher und flüssig geschriebener Bericht von einer Reisenden die sich wahrlich einlassen kann auf Menschen und (scheinbar) fremde Kulturen. Hat mir gut gefallen und macht Lust auf die Rote Insel. Vielen Dank!

  • Porto

    Vielen vielen Dank!. "Scheinbar fremd" trifft die Sache ganz gut. Unter der oft fremd erscheinenden Oberfläche lauern überall einfach nur Menschen :)

  • doubleegg

    Mit Herz und Selbstironie gereist und beschrieben. Dazu viele Einblicke in typische und sehr private madagassische Verhältnisse - eine tolle Geschichte! Und besonders hat es mich gefreut, dass sich das Aye-Aye in Mananara immer noch beobachten lässt. Allen handgestakten Fähren und wüsten Pisten zum Trotz - ich würde es wieder ver(suchen). Was für eine Insel! LG und ein glückliches neues Reisejahr 2014 wünscht Elke.

  • Porto

    Danke traveltime und Elke! Es ist wirklich eine grossartige Insel, vielleicht gerade wegen und nicht trotz aller Misslichkeiten :) Auf viele unvergessliche Reisen im neuen Jahr!

  • INTERTOURIST

    Du bist ein besonderer Mensch. Ich kenne nur wenige, die auch nicht persönlich, die so reisen.
    Das Eintauchen in die Kultur, das sich treibenlassen, Entbehrungen in Kauf zu nehmen und im Rhythmus des Landes zu reisen ist eine Art des Reisens, die heute weitgehend verlorengegangen ist.
    Auch ich mache das nicht so konsequent wie Du. Es ist aber neben dem alleine reisen, die reinste Form des Reisens und die einzige Art ein Land wirklich zu erfahren und u erspüren.
    Alle anderen Reiseformen sind Kompromisse oder gar totaler Mist!
    Mada erinnerte mich in Deinem Bericht immer wieder an Kuba. Die Leute saufen, tanzen, quarzen und paaren sich. Das sind die Freuden die ihnen bei der bitteren Armut bleiben. Und es ist ihre Flucht aus der Ausweglosigkeit des Alltags. Vielleicht liege ich da ja falsch……

    PS: Deinen Schreibstil finde ich brillant, bis auf einige Wiederholungen die sich an Satzanfängen immer wieder finden.

    viele Grüße

    Jörg

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  • Porto

    Vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar Jörg :)
    Ach ja, es gibt noch immer ein paar komische Vögel, die so reisen wie ich... obwohl ich eigentlich auch kaum welche kenne. Dabei macht diese Art des Reisens unglaublich viel Spass, ist lehrreich, intensiv, oft extrem lustig, berührend und auf vielen Ebenen bereichernd ohne Ende.

    Warum die Leute in "armen" Ländern in vieler Hinsicht (Lebensfreude etc.) soviel reicher wirken als wir Westler, hat mich immer erstaunt. Vielleicht liegt es teilweise daran, dass nicht alles bis zum Ersticken reglementiert ist. Und der allgemeine Gesundheits- und Fitnesswahn auch noch keine absonderlichen Blüten treibt. Was Spass und Abwechslung bringt, wird meist als gut erachtet. Weshalb gewisse Jungs in Sierra Leone sich nur zu gern mit Perücken, Lippenstift und Röcken schmücken lassen - einfach weil es alle zum Lachen bringt. Weshalb man in Nigeria nachts das Auto an eine Strasse stellen und die Musik aufdrehen kann, woraufhin Nachbarn in Unterhosen aus dem Haus stürmen - zum Mittanzen. Weshalb gute Muslime in Guinea eine Fremde allabendlich in eine Bar schleifen, weil sie einmal beim Biertrinken gesichtet wurde und sie davon ausgehen, dass der Strom zwecks Wohlbefinden nicht versiegen soll. Ganz oft ist Afrika zum Brüllen komisch und zum Weinen schön.

    Vielen Dank auch für Deine kleine kritische Anmerkung. Mir fällt das nicht mehr auf, deshalb weiss ich Deinen Hinweis zu schätzen!
    Herzliche Grüsse,
    Christine

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Madagaskar: Regenwald, allerlei Ausschweifungen und ein Picknick mit toten Ahnen 5.00 9

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