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Reisebericht: 99 Berge hinter dem Strand
Auf Phu Quoc, der größten Insel Vietnams, gehen die Lichter an
(Bericht von 2007)
Sieben Uhr abends, hier in Äquatornähe ist es bereits dunkel – Phu Quoc liegt auf dem zehnten Breitengrad, und die Nächte sind lang. Wir waren mit dem Moped unterwegs über Pisten aus rötlichem Sand, entlang endloser weißer Strände und durch dichte Dschungelwälder. Jetzt hält die Eisdiele „Buddy“ kühle Köstlichkeiten bereit, und durch die offenen Glastüren schweift der Blick über die Szenerie der belebten Straße. Ein Eiscafé auf Phu Quoc mit schickem Interieur, neuseeländischem Markeneis und kostenlosem Internet-Zugang? Was in jedem anderen Urlaubsort normal wäre, wirkt in Duong Dong, mit 10.000 Einwohnern einziges Ballungsgebiet der gesamten Insel, wie der Vorbote einer neuen Zeit. Hin und wieder schlendert ein Traveller herein, der den Weg vom zwei Kilometer entfernten Hotelstrand gefunden hat, schleckt eine Kugel Eis und checkt dabei seine Mails. Plötzlich sitzen die Gäste im Dunkeln. Stromausfall. Für die Eisdiele „Buddy“ kein Problem, das Notstrom-Aggregat wird angeworfen, eine Notbeleuchtung und die Kühlboxen springen wieder an. Der Rest des Fischerortes muss sich mit Kerzen und batteriebetriebenen Lampen behelfen. Allerdings bringt das Ereignis niemanden aus der Ruhe, draußen albern zwei alte Männer auf dem Trottoir herum, Mopeds surren hin und her, und die Frau auf der anderen Straßenseite hantiert unter einer kleinen Öllampe mit den Töpfen ihrer Garküche – Stromausfall steht in Duong Dong auf der Tagesordnung. Die labile Stromversorgung ist einer der Gründe dafür, dass sich Investoren mit der Errichtung großer Hotelanlagen noch zurückhalten. Weitere Gründe sind der Süßwassermangel und, bislang, das Fehlen eines internationalen Flughafens. Die wenigen Touristen, die das etwa 60 Kilometer lange Eiland im Golf von Siam derzeit erreichen, landen buchstäblich mitten im Ort: Duong Dongs winziger Flughafen befindet sich nur wenige Meter von der Haupt-Einkaufsstraße entfernt. Wer hier ankommt, wähnt sich fast am Ende der Welt.
Tatsächlich liegt Phu Quoc da, wo der Pfeffer wächst. Vietnam hat sich während der vergangenen Jahre zum weltweit größten Exporteur von schwarzem Pfeffer entwickelt, und Phu Quoc, wörtlich übersetzt: 99 Berge, ist eines der wichtigsten Anbaugebiete. Die Pfefferplantagen befinden sich zum Großteil im abgelegenen, hügeligen Nordwesten. Von Ferne sehen sie aus wie Hopfenfelder: Üppig wachsen die Kletterpflanzen, an langen Holzstangen festgebunden, in die Höhe. Nach der Ernte, die zweimal im Jahr erfolgt, werden die Körner von den Rispen gezupft und auf einfachen Plastikplanen in der heißen Sonne Indochinas getrocknet.
Auch der Rohstoff für den zweiten Exportschlager der Insel liegt tagelang in der Sonne aus, bevor er weiterverarbeitet wird: Kleine Sardellen, die nach ihrem Übergang in einen anderen Aggregatzustand einmal als berühmte Fischsauce „Nuoc Mam“ die unverzichtbare Würze für jedes vietnamesische Gericht abgeben. Bis es so weit ist, fermentiert der mit Salz versetzte Fischbrei bis zu 15 Monate in einfachen Holztrögen – und entfaltet auf den Dörfern einen entsetzlichen Gestank. Doch Nuoc Mam ist kulinarischer Kult, gilt manchem als essbares Parfüm und wird in zahlreichen Volksliedern und Gedichten besungen. Für Urlauber gilt: Nur wer danach fragt, erhält zum Essen ein Schälchen Nuoc Mam mit frischem Chili, ansonsten wird man mit Soja-Sauce abgespeist.
Touristen beschränken ihren Aktionsradius bisher fast ausschließlich auf Long Beach. An der langgezogenen feinsandigen Bucht, die sich südlich an den Hauptort Duong Dong anschließt, reihen sich eine Handvoll Mittelklasse-Hotels und kleine Resorts aneinander. Alles noch recht beschaulich, wenn auch seit kurzem das exklusive Hotel „La Veranda“ neue Maßstäbe setzt, übrigens nicht zuletzt was die Preise angeht. Ong Lang Beach, elf Kilometer nördlich von Duong Dong, bietet nicht nur Sandstrand sondern auch Felsen – und zwei sehr empfehlenswerte, abgeschiedene Resorts. Auch im Südosten der Insel, an der wunderschönen Bucht Bai Sao, hat kürzlich das erste Guesthouse eröffnet.
Das war‘s dann aber auch schon. Ansonsten kommt Phu Quoc der Idee von der einsamen Trauminsel noch sehr nahe: Tropische Temperaturen, endlos scheinende, menschenleere Buchten mit feinstem Pulversand, gesäumt von hundertjährigen Kokospalmen, türkisblaues Meer, bis zu 600 Meter hohe Berge mit Wasserfällen und uralten Regenwäldern, in denen Affen, Wildschweine und Pythons leben. Und – am 30 Kilometer langen Weststrand – Sonnenuntergänge, wie man sie nur hier findet, denn Vietnams Küste ist ansonsten gen Osten gelegen. Meist plätschern die Wellen fast lautlos auf den Sand. Der ideale Ort, um einen Vietnam-Urlaub zu beginnen oder zu beenden. Bis vor kurzem noch ein Geheimtipp, ist der Archipel mittlerweile bequem zu erreichen, und die entstehende touristische Infrastruktur bietet gute Unterkünfte für jedes Budget.
Und doch findet Phu Quoc selbst in den aktuellen Auflagen der Reiseführer kaum Erwähnung. Noch nicht. Denn spätestens in zwei Jahren soll der neue internationale Flughafen in Betrieb sein, und dann werden via Bangkok Urlauber aus aller Welt anreisen. Vietnams Regierung will das einzigartige touristische Potenzial des vor der kambodschanischen Küste liegenden Archipels nutzen: Bis 2020 sollen hier, so die Vision der Tourismusplaner, zwei bis drei Millionen Menschen im Jahr Urlaub machen, so viele sind es heute in ganz Vietnam.
Um die Insel in ihrer ganzen Schönheit zu genießen, macht man es am besten wie alle in Vietnam: Man fährt Moped. Vor den Hotels bieten junge Vietnamesen motorisierte Zweiräder zum Verleih, für fünf bis acht Dollar pro Tag. Wer etwas mehr hinlegt, kann über sein Hotel ein Moped buchen. Auf dem Hotelparkplatz findet eine kurze Einweisung statt, dann geht es los, um auf eigene Faust die Insel zu erkunden. Da kaum Autos, Lkw und Busse verkehren, droht wenig Gefahr, und es ist ein großes Vergnügen, durch die zauberhafte Landschaft zu brettern – auf gut befahrbaren Überlandpisten, durch gottverlassene Fischerdörfer oder über abenteuerlich zusammen genagelte Holzbrücken, die verschlungene Lagunen queren.
Über Jahrhunderte war Phu Quoc ein unwirtliches Eiland, dessen Bewohner vom Fischfang und von der Piraterie lebten. Unter der Kolonialherrschaft der Franzosen in Indochina wurden Verbrecher und Deserteure hier in Arbeitslagern interniert. Sie legten die ersten Kokos- und Pfeffer-Plantagen an. Heute kommen diejenigen, die Land für das große Geschäft urbar machen, freiwillig hierher. Auch ein paar Europäer haben sich am Weststrand der Insel niedergelassen. Gérard aus Paris zum Beispiel, dem das beliebte Resort „Mai House“ gehört, oder Mike aus London, der das sympathische Guesthouse „Beach Club“ betreibt. Viele Traveller träumen davon, für immer bleiben zu können, doch noch können Ausländer nur über einen vietnamesischen Ehepartner Land erwerben. Oder über einen Strohmann, doch hier ist Vorsicht geboten: Insider erzählen Geschichten, in denen der Traum zum Alptraum geriet, weil ein Buchtabschnitt zweimal verkauft wurde. Jeder der Eigentümer konnte tadellose Papiere vorweisen...
Sitzt man abends im Strandrestaurant und genießt unter Kokospalmen frische Meeresfrüchte, gehen am Horizont die Lichter an – hunderte Fischer sind unterwegs, um mit großen Scheinwerfern die Tintenfische anzulocken. Die Gewässer im Golf von Thailand sind fischreich. Vor der Küste und um die zahlreichen vorgelagerten Eilande herum befinden sich zudem Korallenriffe, die sich bester Gesundheit erfreuen und ideale Bedingungen zum Schnorcheln bieten. Auch Taucher, immer auf der Suche nach neuen Spots, zieht es nach Phu Quoc, hier treffen sich Leute, die mit ihrem Buddy – ihrem Tauchpartner – die inselnahe Unterwasserwelt erkunden wollen. Zwei renommierte Tauchschulen haben bereits ihre Dependancen auf Phu Quoc errichtet.
Im Eiscafé schnorcheln am Nachbartisch ein paar Traveller in ihrem Milchshake herum. Als der Strom zurück kehrt und es im Raum wieder hell wird, entdecken wir an der Wand die beste Karte, die von der Insel bisher existiert. Eine nähere Untersuchung ergibt: Selbst auf diesem Plan ist einer der schönsten Fischerorte der Nordküste, Rach Vem, nicht verzeichnet. Auch einige Straßen und Verbindungswege bleiben vage. Wir sehen die Zukunft des Archipels also ganz entspannt: Es werden Jahre vergehen, bis Phu Quoc korrekt kartografiert ist, und noch länger wird es dauern, bis die Insel dem Massentourismus alle ihre Geheimnisse preisgibt. Viel Zeit für sehr persönliche Entdeckungen.
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