Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben.
Reisebericht: Kleines Kathmandu-ABC
"Kathmandu - man liebt es oder man hasst es" heißt es in einschlägigen Kreisen. So kompromisslos wie diese Einstellung erscheint die Stadt den meisten Reisenden. Erklären kann man sie nicht, weder in Worten noch in Bildern, denn Kathmandu ist ein Angriff auf alle Sinne. Hinter jeder Ecke lauert Neues. Interessantes, Erschütterndes, Niedliches, Ekliges, immer Spannendes. Hier ein paar Spotlights, Wichtiges und Nichtiges, zusammengetragen in 7 Aufenthalten dort.
Newar
Die Newar sind die in Kathmandu beheimatete Volksgruppe, die als Urbevölkerung des Kathmandutals angesehen wird. Sie sprechen mit dem Newari ihre eigene Sprache und arbeiten meist als Handwerker oder Geschäftsleute.
Auffällig sind ihre schönen Holz/Ziegelhäuser, die in der Altstadt um den Durbar Square noch häufig zu entdecken sind. Die zumeist 3 Geschosse haben alle ihre besondere Funktion: im Erdgeschoss der Laden oder die Werkstatt, ein schöner Innenhof mit Rundgang. Im 1. Stock mehrere Räume, u.a. für Gäste, gegen ungewollte Einblicke schützen geschnitzte Holzgitter. Im 2. Stock die eigentlichen Wohnräume der Familie mit erkerartig vorgebauten Fenstern, die einen guten Ausblick auf die Straße ermöglichen. Hier oder im Dachgeschoss befindet sich auch die Küche, ein nahezu heiliger Raum - außerhalb der Reichweite von Fremden.
Om mani padme hum
Das älteste und populärste buddhistische Mantra, das unablässig gemurmelt wird, während die Gläubigen ihre Heiligtümer umrunden. Auch das Drehen von Gebetsmühlen mit dem aufgedruckten Mantra dient dazu, gutes Karma anzuhäufen.
Pashupatinath
Der heiligste Ort für Hindus in Nepal. Am Bagmati, einem Gangeszufluss, steht der große Shivatempel, das wichtigste Pilgerziel des Landes. Vor dem Tor ist Endstation für alle Nichthindus, aber allein der Ausblick auf das gigantische goldene Hinterteil von Nandi (Shivas Reittier, wir erinnern uns) ist auch für uns das Hinpilgern wert.
Unterhalb des Tempels, an den Ufern des Bagmati, liegen die Ghats für die Totenverbrennung. Mit gemischten Gefühlen wohnt wohl jeder Besucher diesen Kremationen bei. Das Sterben ist wie auch das Leben in Nepal viel öffentlicher als bei uns, für viele Besucher ein schockierendes Erlebnis. An dieser Stelle zu sterben und in Form von Asche vom Bagmati in den Ganges getragen zu werden, das ist für die Hindus in Nepal ein erstrebenswertes Ziel.
Nirgendwo wird einem westlichen Besucher die Vergänglichkeit des Menschen bewusster als hier, eine Chance, die sich bei uns kaum bietet. Leider steht für einige wenige eine Nahaufnahme vom Toten auf der Prioritätenliste höher als das Nachdenken über das eigene Sein - auch dieses manchmal zu beobachtende Hereindrängen in die Privatsphäre der trauernden Familie nehmen die Nepali mit Gelassenheit...
Aus Pashupatinath nicht wegzudenken sind die Sadhus. Männer, die sich durch streng asketisches Leben aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten befreien wollen. Sie geben sich mit wenig zufrieden, und dieses Wenige erhalten sie in Form von Spenden aus der Bevölkerung (die damit ihrerseits etwas fürs eigene Karma tut). Endprodukte der Cannabispflanze erleichtern das entbehrungsreiche Leben und versetzen den Geist in einen zur Bewusstseinserweiterung notwendigen Zustand.
Es gibt Sadhus, die aus voller Überzeugung in Askese leben und es gibt Scharlatane, Lebemänner, Gescheiterte, die sich so ein Leben ohne Arbeit erlauben. Egal, auf welchen Typen man trifft - sie sind fotogen (gegen ein paar Rupies immer gerne), sie sind freundlich, sie sind einfach interessante Menschen, auf die man sich einlassen sollte.
Die Anhänger Shivas erkennt man übrigens an den drei waagrechten Streifen auf der Stirn, die Jünger Vishnus malen das stilisierte U auf.
Qatar Airways,
Gulf Air, Etihad - die Fluglinien vom Golf sind momentan Zubringer erster Wahl. Leider haben sämtliche europäische Fluglinien ihren Dienst nach Kathmandu mangels Rentabilität eingestellt, so dass es momentan keine Direktflüge aus Europa gibt.
Rikscha
Ein Fortbewegungsmittel, wie es typischer für Asien nicht sein könnte. Obwohl es einfach dazugehört, zudem 100 % umweltfreundlich ist, habe ich immer ein schlechtes Gewissen, uns große Europäer von einem kleinen mageren Rikschafahrer durch die Stadt strampeln zu lassen. Andererseits ist es ja wie bei den Trägern im Gebirge - diese Menschen sind auf den Job angewiesen und ernähren ihre Familien davon.
Aber Achtung - in Kathmandu sind Rikschafahrer Schlitzohren! Üblicherweise wird ja der Fahrpreis vorher ausgemacht, bei Ankunft versuchen die Burschen dann immer, einen Zuschlag zu erhalten: eine plötzliche aufgetretene Steigung, gewaltiger Verschleiß am Fahrrad, oder, das liebste Argument: der ausgehandelte Fahrpreis galt nur für EINE Person. Wer da gewappnet ist, kommt per Rikscha gut durch die Stadt.
Swayambunath
My magic place. Sieben mal in Kathmandu gewesen, sieben mal da oben gewesen. Warum?
Erstens: die fantastische Aussicht. Die Stupa steht auf dem Gipfel eines Berges, der hoch über das Kathmandutal hinausragt. Der Blick auf die Stadt, falls kein Smog herrscht, ist umwerfend, der Blick auf die Eisriesen (nur an ganz klaren Tagen zu sehen) nicht minder.
Zweitens: an keiner anderen Stelle in der Stadt wird das friedvolle Zusammenspiel der beiden Religionen in Nepal so gut sichtbar. Grundsätzlich handelt es sich um ein buddhistisches Heiligtum, aber vor allem zum Schrein der Göttin, die für Krankheiten zuständig ist, kommen unzählige hinduistische Familien um ihre Kinder immunisieren zu lassen.
An den zahlreichen Souvenirständen stehen buddhistische Mönche und trinken eine Cola, Touristen flanieren durch die Klöster, Einheimische decken sich mit Räucherstäbchen ein, überall kauern Priester und halten Zeremonien für die Familien Kathmandus ab, die sich auf den 365 Stufen langen Weg hier hinauf gemacht haben. Auf den Dächern der Schreine lauern die Affen, sie holen sich die Opfergaben nach der Zeremonie oder klauen gleich den Touristen ihren Proviant.
Kein Wunder, dass sich dieser legendenumwobene Ort zum Wahrzeichen der Stadt entwickelt hat, oder?
Thamel
Das wahnwitzige Touristenviertel in Kathmandu. Es gibt nichts, was es nicht gibt - heißt es. Originale Expeditionsausrüstung zwischen gefakter Ware, Fotozubehör, Tigerbalsam, Kopfschmerztabletten, T-Shirts und maßgefertigte Hemden, Buddhas, Shivas, Tempelkunst, antiker Schmuck, Plastikperlen, Ware aus Pakistan, Indien, China...
Dazu die Dienstleistungen aller Art, Hostels und Hotels, Restaurants rund um die Welt - nach 3 Wochen Dal Bhat hungert es den Trekker nach Pizza, Pasta, German bread.
Unberührbare
Offiziell ist das Kastensystem in Nepal abgeschafft, inoffiziell, in den Köpfen, in der Gesellschaft, besteht es nach wie vor.
Außerhalb der vier Hauptkasten Brahmanen (Priester), Chetri (Krieger, Soldaten), Vaishya (Händler, Kaufleute, Bauern) und Shudra (Arbeiter) stehen die Kastenlosen, die Unberührbaren, die traditionell nur "unreine" Arbeiten machen durften und ansonsten gemieden wurden.
In Kathmandu verwischen sich diese Grenzen langsam, zu unübersichtlich wurde die Gesellschaft in den letzten Jahren. Man kennt sich nicht mehr - das kann auch Vorteile mit sich bringen.
Verkehr
Das Anschwellen der Stadt ohne gleichzeitiges Mitwachsen der Infrastruktur führte zu völlig chaotischen Verhältnissen auf den Straßen. Scheinbar ohne jede Regel quetschen sich die Fahrzeuge dort durch die Gassen, wo sich gerade etwas Platz auftut. Wer am lautesten hupt gewinnt! Riesige Mopedrudel schwirren wie Wespenschwärme um die anderen Verkehrsteilnehmer. Einziges Regulans ist der explodierende Spritpreis, der Liter kostet fast so viel wie bei uns, bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen von weit unter 100,- Euro.
Tuktuks, die Motorrikschas, sind aus dem Straßenbild verschwunden - alle Zweitakter wurden aus Umweltgründen verboten. Es gibt nur einen einzigen Verkehrsteilnehmer, der immer Vorfahrt hat - die Heilige Kuh.
Wasser
Der Durchschnittsbürger von Kathmandu lebt in einem mehrstöckigen Haus auf dessen Dach sich große Wassertanks befinden. Hier wird normalerweise ein Vorrat hinaufgepumpt und von der Sonne erwärmt, das hauseigene Leitungssystem ermöglicht die Entnahme in der Wohnung.
Das ist die Theorie. In der Praxis ist
a) oft kein Wasser zum Hochpumpen verfügbar
b) fast immer kein Strom für den Betrieb der Pumpe da (momentan dauert die tägliche Stromabschaltung in Kathmandu 18 Stunden)
c) das Zusammentreffen von Wasser und Strom zu gleicher Zeit sowieso ein größeres Wunder.
Also gehen die Menschen mit allen möglichen Behältern zur lokalen Wasserstelle und zapfen. Oder sie spülen Geschirr und waschen sich selber gleich direkt am Brunnen.
Die Qualität ist überall in Kathmandu miserabel - in Privathäusern wie in Luxushotels gilt für jedermann: niemals unaufbereitetes Wasser trinken. Das gilt auch für die Einheimischen, die entgegen landläufiger Meinung ebenso unter wasserbedingten Durchfallerkrankungen zu leiden haben.
x-mas
Weihnachten in einem hinduistischen Land? Keine Fehlanzeige, mit Inbrunst wird für die westlichen Gäste dekoriert und organisiert. Eines der schönsten Weihnachtsfeste hat unsere Familie in Kathmandu verbracht - mit einem sehr besinnlichen Tag oben auf dem Hügel von Swayambunath und einem Festessen im New Orleans Cafe in Thamel, unterm hindibunt blinkenden x-mas-tree.
Yak
Das herrliche Ypsilonwort ist hier nicht nur Lückenfüller. Es gibt zwar keine lebenden Yaks in Kathmandu, dafür liegt es zu tief und ist zu warm, aber jede Menge tolle Souvenirs, die das Tier hergibt:
kuschelig warme Yakwolldecken, Schmuck und Kunsthandwerk aus Yakhorn und -knochen, auf den Tibetermärkten Yakbutter und abgehangenes Fleisch.
Alles zu haben in den Souvenirshops von Thamel oder an den Marktständen in der Altstadt.
Zitat
"...ich werde sie nie verstehen, die Nepalis, sondern immer nur wahrnehmen und erspüren. Mich achtsam über sie zu wundern scheint mir bereichernder, als sie zu beurteilen. Ich will sie nicht in eine westliche Anschauung verpacken und in Schubladen schieben. Ich will mich irritieren lassen von ihrem Anderssein und mich nicht über sie erheben..."
Milda Drüke, Autorin und Fotografin, in ihrem Buch "Rot" 2010
-
Hallo Ildiko,
dein ABC finde ich GENIAL von A-Z ! *****
LG Rolf -
Du warst aber schnell - DANKE!
-
Ein tolles ABC hast du da zusammengestellt!!!!!
Viel Neues aber auch Bekanntes, Information und Punkt für Punkt mit passenden Fotos belegt!*****
LG Christina -
Was Du uns in Form eines ABC mitteilst, könnte unser Denken nachhaltig verändern. Besonders, was Du über die Kinder schreibst, ist mir zu Herzen gegangen. Ich wünschte mir für sie mehr Kindheit...
Danke, dass Du mit Deinen guten Hintergrundinformationen und Deinen Bildern das Chliché einer heilen (heiligen ) Welt brichst...
LG: Ursula -
Ein solch fundiertes, allumfassendes ABC kann nur aus Deiner Feder stammen, liebe Ildiko, die Du Dich schon längst als ausgesprochene Nepal-Kennerin ausgezeichnet hast. Das Ganze in einer überzeugenden Sprache, die auch noch ein Quäntchen Humor bereitstellt. Das Lesen war mir eine große Freude!
LG Hartmut -
Liebe Ildiko!
Lass mich einfach Danke sagen. Ich habe wieder unheimlich viel gelernt. Dein Kathmandu-ABC ist großartig!
LG Ursula -
Ein wunderbarer Bericht :-)
LG Schalimara -
nach oben
-
Ganz große Klasse! Dein Wissen über Nepal ist unglaublich und Deine Beziehung zu dem Land und seinen Menschen ist innig und tief. So kommt es für mich jedenfalls rüber. Mit großer Begeisterung habe ich dieses ABC gelesen, bei dem nicht mal der Buchstabe "Y" fehlt. :-)
Liebe Grüße
Anne -
Euch allen ganz herzlichen Dank für die lieben und lobenden Worte. Mir hat es viel Spaß gemacht, durch all meine Kathmandu-Bilder zu surfen, ich habe das Hupen und Knattern immer noch im Ohr ;-))
@Anne: Y ist ein Kinderspiel in Nepal: Yeti, Yoga, Yak... -
Liebe Ildiko!
Was soll ich sagen? Du hast Christinas/agezur "Kleines ABC" perfekt ausgeweitet, wodurch ich wieder eine Menge über Kathmandu erfahren habe! Es ist ein Genuss, die Informationen zu den verschiedenen Buchstaben zu lesen und Deine Fotos dazu sind genial! Du weißt ja, Nepal habe ich für eine Reise im Hinterstübchen, nur heuer wird's doch leider nix mehr werden. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben! Und Dein Bericht verstärkt den Gusto wieder immens!
LG Susi -
"Kleines Kathmandu-Alphabet" ganz GROSS! Lange nicht mehr hat mich das Lesen eines Alphabets so fasziniert. VlG Anne Do.
-
Liebe Ildiko,
musste wohl so sein, dass ich Dein Kathmandu-ABC erst heute entdeckte, an einem Samstag mit viel Zeit zum Lesen, zum Genießen und Träumen.
Was Du da zusammengetragen und wie Du es beschrieben hast, das ist das Beste, was ich seit langem gelesen habe: kenntnisreich und kurzweilig, witzig und warmherzig, ehrlich und liebevoll-respektlos. Großartig beispielsweise Deine Schilderung der Inlandsflüge:
genau so ist es, und genau so habe auch ich Kathmandu erlebt. Du hast bei mir die Sehnsucht nach diesem "Angriff auf alle Sinne" wieder geweckt, und dafür danke ich Dir.
Und ich wünsche Dir von Herzen, dass Du noch sehr oft Deinen "magic place" erleben darfst.
Namasté
Beate -
P.S. Und jetzt begebe ich mich in die Küche; ein Dal Bhat kochen!
:-))) -
nach oben
-
ich fand die abc-idee ja bei christina schon immer klasse! schön, dass das hier nun auch aufgegriffen wurde! es bringt mich auf den gedanken, es viell. für mein geliebtes namibia auch einmal zusammen zu stellen...
dir ist dieses ABC jedenfalls bestens gelungen.unterhaltsam und informativ!
liebe grüße, tina -
abc-kathmandu: anspruchsvoll,bebildert, collossal :)))
hat großen Spaß gemacht :))
LG Ute -
Liebe Ildiko, dies ist ein absolutes Highlight unter den Reiseberichten hier, weil wunderbar kurzweilig, witzig, kenntnisreich, emotional und interessant geschrieben und bebildert. Ich konnte Kathmandu sogar riechen und hören (wenn ich ähnliche Erfahrungen bemühe) - ohne je dort gewesen zu sein. Dafür ein herzliches Dankeschön und gute Reise ins nächste Bergabenteuer! LG Elke
-
Das ist mal ein richtig guter Reisebericht ! Ich habe ihn verschlungen!
Viele Grüße
Kerstin -
Super ! Sehr viele Infos, geschickt gemischt mit persönlichen Eindrücken und Erlebnissen.
Ich schwelge mal wieder in Erinnerungen.
LG, Herbert -
ein unglaublich interessanter beitrag zu einem mir völlig fremden land, sehr gut geschrieben mit vielen informationen, toll..........lg gaby
-
nach oben
-
Liebe Ildiko, in diesem grau-grauen Winter werde ich tageweise immer wieder von Reisesehnsüchten überwältigt, die ad hoc umzusetzen nun leider nicht möglich sind. (Es ist die härteste Art- da ja sonst alles hier im Überfluss vorhanden ist - Beschränkung anzunehmen und zu üben!). Also habe ich begonnen, mich in Deine Reiseberichte einzuloggen (draussen schneit es noch immer, neben mir steht eine Tasse Ingwertee)- und siehe da: Deine Art zu schreiben und dabei alle Sinne anzusprechen, helfen mir heute, Farbe ins Leben zu bringen. Seit ich in Ladakh war, ist auch für mich der Himalaya zu einem Ort geworden, der sich eben von allen anderen Orten dieser Welt unterscheidet, für mich auch verbunden mit der tiefen Spiritualität, der man dort begegnen kann. Also, ich werde weiterlesen und sage schon mal danke für Dein wunderbares Schreiben. LG Brigitta
Lesezeichen für diesen Reisebericht setzen bei ...
-
Mister Wong
-
Google Bookmarks
-
YiGG
-
del.icio.us
-
Digg
-
StumbleUpon
-
Magnolia
-
Webnews
Bookmark in Ihrem Browser speichern Schließen