Indien in einem Zug - 2. Teil

Reisebericht

Indien in einem Zug - 2. Teil

Reisebericht: Indien in einem Zug - 2. Teil

Ja, und so ging die Reise weiter auf dieser fast nicht endenden Zugreise Richtung Nepal. Es kommt dann noch ein dritter Teil, der bis zur Nordgrenze von Indien führt, dann der vierte Teil "Fluchtpunkt Kathmandu"...

Aber immer schön der Reihe nach...

Im ZWEITEN "Kapitel" dieser Story ist nochmals der ERSTE Teil, damit das Leser besser verstehen können, die den Anfang dieser Reise verpasst haben.

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ERSTER Teil dieser Reisegeschichte

Klar! Ich musste WEG! Mein Visum war keine Woche mehr gültig, aber Indien so gross und mächtig über mir, dass ich echt Muffe hatte. Wie komme ich hier überhaupt raus?

Online war zu erfahren, dass jeder Zug Richtung Norden voll war. Ich hätte mich in eine Warteliste eintragen können, aber alle Wartelisten waren mindestens im hundertstelligen Bereich besetzt. Plötzlich fühlte sich das Cafe Delmar im Herzen Cochins nicht mehr gemütlich an. Ich war nicht alleine. Auch Ramona musste raus, aber sie hatte wenigstens ein Flugticket nach Germany, was sie aber auch nicht gerade toll fand. Ich fand dafür sie toll! Eine dufte Biene! Eine Drifterin wie ich. Eine, die so gerne raus will aus diesem ewigen Korsett Europas und jetzt ihre 6 Monate Indien ausgekostet hatte. Sie benied mich ein Bisschen. Ich sie. Sie hatte ihr Ticket in die saubere Welt von Stuttgart zurück. Auch mich hätte etwas Sauberkeit mal wieder gefreut. Aber sie erwartete weder ein Dach über dem Kopf, noch ein Job. Also benied sie mich ein Bisschen. Ich hatte ein Schiff, auf dem sie mich besucht hatte, und das ihr wohl gut passte.

Was sollen wir bloss TUN? Zwei Stück Treibgut, mit aufgekratzten Moskitostichen an den Beinen und Armen. Wir lachten und weinten fast zusammen und juckten uns halb zu Tod. Irgendwann kam mir die Idee, dass ich ja auch auf die Schnelle mein Schiff flott kriegen kann und dann wie Vasco Dagama nach Madagascar segeln könnte. Wenn ich schon hier weg muss, warum nicht gleich, wie ich gerkommen bin. Im Segelschiff, wo es dann für Wochen keine Moskitos hätte. Ich war ganz platt, als sie mir sagte, dass sie mitkommen würde! Ist aber eine WEITE Reise, liebe Ramona! Kann ganz schön heftig sein, auf so einem Trip. Kann gut sein, dass man sich nach vier Wochen auf den Keks geht. Wir leben auf dem Raum eines Möbelpackwagens! Wir leben von Keksen und selbstgebackenem Brot. Ich sage dir, dass muss man sich reichlich überlegen...

Sie lehnte sich zurück im Plastikchair und lächelte spitzbübisch. Ach so! Ja, man muss sich das reichlich überlegen... Ich fand sie aber auch so toll, dass ich dann wieder etwas abschwächte, ihr erzählte, was für ein grandioses und mit nichts vergleichbares Gefühl es ist, dann nach sechs Wochen im Möbelwagen die Klappe runterzulassen und im Beiboot an einen Strand zu rudern. Wieder ANDERE Menschen zu sehen. Neue Gesichter, andere Gesichter, andere Schädelformen, andere Haare, andere Augenbrauen, andres Lachen. Und Ramona lachte wieder oder weiter, so genau weiss ich es nicht mehr, denn Ramona konnte auch ernst sein, tief und dunkel denkend und redend. Uns war ja klar, wir leben in der verrücktesten Zeit der Menschheit, ohne Wenn und Aber!

So schwelgten wir kurz in Träumen, denn den hatte ich ihr jetzt eingepflanzt. Und mit ihr zusammen gelang es mir wieder, Begeisterung zu empfinden für diesen krassesten aller Lebensstile. Ich konnte sie mit meiner Theorie bezirzen, dass jedes Land noch viel intensiever „rüber kommt“, wenn man aus KEINEM Land kommt! Wenn man so lange weg von Land war, dass ja schon Land an sich, aufregend war wie ein Film, der plötzlich wirklich wird. An einem total neuen Ort aufzutauchen, in einer Kultur mitten drin zu sein, die einem eben noch fremd war, nur als Vorstellung im Kopf, aber jetzt war man plötzlich mitten drin. Am Strand zieht man sein Boot zu den Fischerbooten hoch, umzingelt von lachenden Kindern, mit Zähnen wie Perlenketten, mit Drachen am Handgelenk, die im Wind fliegen, das ist es, wo der Orgasmus der Segelei stattfindet. Und sie dachte an Stuttgart, die Wohnungssuche, all das, zu was sie sofort gezwungen wird, kaum setzt sie nur einen Fuss auf Germany...

Madagascar. Wir lachten. Reunion. Da wo die Schwester Hawaiis sich ihren Vulkan bastelt, mit grünen Tälern und ganz viel Blumen. Und davor Mauritus, Rodriguez Island, die verschnörkelten Buchten mit bunten Riffen davor, wo wir zusammen tauchen werden, Fische speeren, uns sein. Irgendwie.

Und dann? Gute Frage! Afrika. Mein Gott, Afrika! Wo weder sie noch ich je waren. Zuerst noch in der Französischen Kolonie Majotte zwischenlanden, mitten im Mosambique-Kanal. Da, wo neulich eine Piratenattacke stattfand. Ab jetzt wirds ECHT wild, dachte ich, aber sagte es nicht. Ja, TOLL! Und dann...

Mosambique. Gut Tausend Kilometer der Küste entlang. Soll echt schön sein, alle paar Tage ein spannender Hafen. Und dann Südafrika, Richardsbay. Rinozerosse neben der Bucht, Krokodile in den Flüssen. Krokodile? Mach dir nichts draus! Sind nicht wie die in den Solomonen Inseln, die im Meer leben. Eines sass mal geduldig hinter meinem Beiboot, als ich in Timor, mitten in der Stadt Dili, vom Einkaufen zurück kam. Ich musste es zuerst weg scheuchen... Du scheuchst Krokodile weg...? Klar doch, Ramona! Es war ja auch noch jung, keine drei Meter lang... Wie gross WERDEN denn die? Zehn!

Was soll man sonst erzählen, als Mann? Dass man eine Flasche Whisky pro Abend trinkt? Oder zuhause einen Porsche hat? Ich nicht! Ich kann dann manchmal recht schrill werden! Ramonas ziehen mir Seemannsgarn aus meinen Erinnerungen. Irgendwie hat es der Teufel geholt, aber ich habe so verdammt viel erlebt, dass ich mich manchmal am Boden festhalten muss, wenn ich mir das mal genauer überlege. Und das tu ich ja so SELTEN! Weil mein ganzes Leben nur eine Schalterstellung hat: Vorwärts!

Und so redete ich mit steigender Fliessgeschwindigkeit. Der Gedanke packte mich! Zurück aufs Meer! Da, wo wir ursprünglich her kommen. Das was jetzt KOMMT! Das steigende Meer. Es dehnt sich aus und von dem her ist das Leben an Bord nichts als zeitgemäss! Diese ganzen alten Ruinen vom portugiesischen Fort in Cochin. Sahen sie nicht langsam elend aus? Ist es nicht besser, wenn sie bald untergehen...?

Aber. Mir war klar, dass es extrem viel abverlangen würde von mir, wenn ich jetzt innerhalb weniger Tage das Schiff klar machen müsste. Das ist immer ein Riesenakt. Ich rechne immer mit gleich langer Vorbereitung, wie man annimmt, dass der Trip dauern würde. Mauritius war gut sechs Wochen nonstopp segeln entfernt. Können aber auch zwölf Wochen werden, wenn uns der Äquator die Zähne zeigt. Die ZÄHNE...? Ja, das ist wie eine Mauer manchmal, wo man nur durch kleine Lücken durch kommt. Tagsüber türmen sich immer höhere Gewitterwolken und man versucht immer, sie zu umfahren. Tagsüber. Wenn man noch eine Strategie hat. Aber alles verschiebt sich dann, kaum dass es dunkel wird. Die ersten Blitze flackern auf. Die ersten Böen, die man noch elegant wegsteckt, indem man höher in den Wind steuert. Der erste Regen, noch mild und angenehm. Die ersten Hammerdonner aus der Ferne. Der erste Blitz, den man ins Meer schlagen sieht, weit weg. Dann näher. Kein Wind mehr. Schwarze Nacht. Gleissend helle Nacht. Totenstille. Kanonendonner. Totenstille. Schwarze Nacht. Die Strömung treibt uns langsam zurück. Morgen werden wir dreissig Kilometer weiter weg sein! Es sind dann wieder 1856 Kilometer bis zum nächsten Land. Gute Nacht, Ramona, träum süss!

Ich ging zum Bahnhof von Ernakulam. Ich stand fünf Minuten in einer Schlange aus drei Leuten. Ich hatte weitere fünf Minuten später eine Reservation in einem Schlafwagenabteil bis nach Gorakhpur, an der Grenze zu Nepal. Ich hatte fünf Minuten danach mein Ticket für eine Zugfahrt von 3543 Kilometern. Ich zahlte 591 Indische Rupias (etwa 10 Euro). Ich dachte an Ramona, die bald in Stuttgart sein wird. Und machte mich aus dem Staub.

24 Stunden Stress, alles dicht zu kriegen und das Schiff sich selbst zu überlassen. Monate. Am Anker zerrend, vom Monsun gepeitscht, vielleicht von Blitzen getroffen. Vor der gespenstischen Kulisse eines halbfertigen Hochhauses.

Entsprechend wurde mein Gepäck. Ich packte einen grossen Rucksack und eine noch grössere Tasche und ein Daypack voll mit Allem, was mir am Wichtigsten war an Bord. 170 Kasetten Video, mehrere Tausend Kleinbilddias (Kodachrome 64), Schmuck. Und dazu ein paar dreckige Shirts, dreckige lange Hosen, drei dreckige Handtücher. Und zwei saubere Stirnbänder, die noch von meinen Kindern stammen. Ich sehnte mich nach ihnen, und es waren sie, warum ich nicht weiter segeln wollte. Ich hatte sie zwei Jahre nicht gesehen. Luna war inzwischen elf und sah auf den letzten Fotos wie eine junge Dame aus, geschminkt. Ich musste sie sehen! Und wenn es nur war, um sie ungeschminkt zu sehen! Piran dagegen sah wie ein noch sehr junger Mann aus. Viele Fotos bekam ich nicht, aber auf den wenigen hatte ich nicht das Gefühl, dass er sehr glücklich aussah. Ich kannte ihn! Und ich kannte ihn nicht. Diesen in die Länge schiessenden Typ, den ich mal gezeugt hatte, an meinem vierzigsten Geburtstag, im Trubel einer mehrtägigen Partie, und zum Rythmus von Tracy Chapman. Im Jahr der Ratte 1996. Als ich mein erstes Buch schrieb, lange bevor ich wusste, dass ich bald Vater werde. „Freddy“, die Geschichte einer Wanderratte. In der ersten Person geschrieben, was eine Herausforderung war. Aus der Turnschuhperspektive. Als ich mich immer fragte, wie sieht die Welt von dort unten aus? Weil ich schon längstens mit der Idee abgeschlossen hatte, die Welt lasse sich von oben begreifen. Je mehr man sich bückt, je mehr sieht man.

Ja, und auch das zog mich weiter. Nicht in weitere verzauberte Weltgegenden, sondern zurück zu meiner Quelle, meiner Sprache, zum Markt für Bücher, denn nach 15 Jahren muss „Freddy“ natürlich endlich gedruckt werden, mindestens zehntausend, denn für die ist „Freddy“ sicher eine willkommene Abwechslung! Eine Ratte, die ihr halbes Leben im Dunkeln verbrachte, bis sie auf Wanderschaft geht, raus gespült wird aus ewiger Dunkelheit in eine wahnwitzig aufregende Stadt hinein. Deren Ähnlichkeit mit Zürich nicht zufällig ist. Die sich in dieser lukullischen Welt ihren Weg sucht, Partnerinnen findet, Beissereien bestehen muss, von Polizeihunden gejagt. Sich in Käseläden einrichtet, auf dem obersten Regal, von wo er alles im Blick hat. Immer wieder mal Kindern begegnet von sich. Unter der Lederjacke von Punks mitgetragen wird, die beim Schwarzfahren erwischt werden, zwischen Paradeplatz und Bellevue. Seine Zeit im Zirkus, als er sich bei den Giraffen versteckt, die ihm die Welt von oben erklären. Freddys Wanderung also, am Schluss dem See entlang, den er für das Meer hält, über das Wasserratten ehrfürchtig tuschelten. Das braune, komische Zeug in Alufolie, das unter einer Parkbank am See liegt. Und wie er das frisst, worauf ihm ganz anders wird, und danach den Mut fasst, auf einen Stein zu springen, der vor dem Land im Wasser liegt. Wie er da hockt und sich fragt. Was das soll. Und überhaupt. Und wer er ist. Was er plötzlich zu wissen glaubt, als er eine Stimme hört. Eine Stimme aus dem Stein, wie er nach langem Ohrenspitzen fest stellt. Und dann Abspann. Freddy am Ende seiner Wanderung, in Diskussion mit einem Stein. Wer BIST Du? Fragt er noch etwas ängstlich, sein Nackenfell gesträubt. EIN STEIN! Kommt es in tiefer Stimme. Ein Stein!

Worauf natürlich ein sehr tiefschürfender Dialog auf „Interspezifisch“ entspinnt, der Sprache, die viele (aber nicht alle) Tiere untereinander verbindet, aber Menschen offensichtlich kein Gehör haben dafür, ausser Punks. Ein Stein erklärt Freddy die Zeit, die nur er zu wissen vermag. Und Freddy schnabuliert belustigt über das Wandern und was man alles sieht, wenn man Augen und Füsse hat.

Roter Sonnenuntergang hinter dem Horizont des Zürichsees, Freddy nistet sich im Lager eines Schreibartikelladens ein, während es langsam wieder Winter wird und er sehnlichst die warmen Bäche in der Unterwelt vermisst, wo andauernd Fonduereste vorbei fliessen. Bloss konnte er das jetzt nicht mehr...

Geschrieben in meinem typisch untypischen Stil von damals, als ich in Hawaii im Urwald lebte und von der Schweiz träumte. Hoffentlich noch dieses Jahr als e-book erhältlich, oder als gedrucktes Buch mit grauem Umschlag. Ich weiss es noch nicht. Einerseits tun mir die Bäume leid..., andererseits die Menschen, wenn jeder kulturelle Pups nur noch aus einer Art Glotze rüberkommt und jeder nur noch glotzt, statt zu blättern.

2. Indien in einem Zug

Klar! Ich war überrascht, wie ordentlich die Bahnsteige aussahen. Kein Gedränge, als der Zug pünktlich ankam. Ich war im Waggon 5 und hatte das Bett Nummer 51. Drei Betten übereinander links, drei rechts des Abteils, drei Ventilatoren an der Decke, vier Inderinnen, ein Inder und ich. Von jetzt bis in alle Ewigkeit. Zwei Nächte jedenfalls, was theoretisch das gleiche ist. Zwei junge Frauen am Fenster, Schwestern. Eine davon hübsch, mit schneeweissen Zähnen und runden Schultern, deren eine von einem senfgelben Sari verdeckt war. Ihre Schwester war nicht hübsch. Sie war ein Wunder! Sie schaute gelangweilt aus dem Fenster, während der Zug Fahrt aufnahm. Sie würdigte mich nicht eines Blickes, seit ich ins Abteil gekommen war. Sie war ein Wunder an Anmut! Sie hatte spindeldünne Arme und Beine, viel dünner als ihre Schwester. Sie war jünger. Wie alt sie war, war unmöglich zu sagen. Sie war ein zeitloses Wunder der Anmut, das einzig volle an ihr, war ihr Kirschenmund. Ihre Haare trug sie offen und der Ventilator führte dazu, dass sie von ihren schwarzen, feinen Haaren umschwebt wurde, wie ein Schleier oder winkende Fäden einer Seeanemone im Meer. Ich konnte mich an ihr nicht satt sehen! Ich tat so, als ob ich in die Landschaft raus schaue, auf die Reisfelder, aber eigentlich sah ich nur sie, während etwa der ersten Stunde. Sie hat nicht ein Mal gelacht! Nicht ein Mal haben sich unsere Blicke gekreuzt. Sie war zu schön, um irgendeinen Mann anzuschauen. Sie war sicher schon längstens vergeben. Aber glücklich darüber schien sie nicht...

Neben ihrer Schwester sass die Mutter der beiden. Eine attraktive Inderin, wie es zu Millionen gibt. Ich sass neben ihrer Lolita, die sie etwas später geboren hatte, links sass ein junger Inder, der auch zum Fenster hinaus starrte, aber wohl eher auf den Vordergrund fixiert war. Dieses menschliche Reh mit den riesigen Augen, die man daher auch von der Seite gut sehen konnte. So, lieber Gott, kann ein Mädchen schön sein, wenn du dir echt Mühe gibst! Ich war einfach weg! Und der Typ neben mir wohl auch. Aber es hatte eigentlich einen total anderen Grund, dass wir so cool in Richtung Fenster schauten...

Der Mutter dieser beiden hübschen indischen Hummeln zur Linken, sass die vierte Frau des Abteils. Sie war also gegenüber meinem Sitznachbarn, um was ich ihn nicht benied. Sie war unbestimmbaren Alters, trug einen currygelben Sari und schaute aus zuversichtlichen Augen aus ihrem gezeichneten Gesicht, gar gemaltem Gesicht, wie ich meines Lebens noch nie gesehen hatte. Ich zuckte innerlich zusammen, als ich sie das erste Mal sah. Ihr Gesicht, ihre Hände, ihre Beine und Füsse, also wohl ihr ganzer Körper war übersäät mit kleinen, schlampigen, mit Blut gefüllten Wucherungen, die wie Pilze am Ende dicker waren. Sie schlabberten an ihrem Gesicht runter. Wenn sie den Kopf bewegte, schaukelte der „Pilz“, der ihr seitlich an der Nase hing, wie ein Glockenschwengel. Er war am Ende dick und schwarz wie eine Kirsche, eine kleine Kirsche. An der Nase einer Frau.

War dies der sprichwörtliche Fall, eines Menschen mit zuvielen Flausen im Kopf? Die sie sich besser abschneiden sollte.... AUTSCH! Ich musste immer wieder hinschauen, denn sie war ein Faszinosum erster Qualität. Ich überlegte mir nicht mal, sie um ein Foto zu bitten. Vielmehr staunte ich, mit welcher Grazie sie aufrecht sass. Mit ihren wachen Augen beobachtete sie den Gang an dem sie sass, die Leute, die vorbei liefen. Und Kindern lächelte sie zu. Sie hatte ein sehr feines Lachen und eine sehr feine, fast engelhafte Gestalt. Ihr Sari schien nirgends ihren Körper zu berühren, ausser auf der Schulter.

Die Kinder lächelten zurück, schauten ihr nach, während sie durch den Waggon weiter rutschten, auf den Knien, mit Lappen vor sich her schiebend, mit denen sie den Boden schrubbten.

Andere kamen, setzten sich neben sie, redeten mit ihr in verhaltenem Ton, verschwanden in anderen Abteils. Ein kleines Mädchen tauchte auf, brachte einem Aludose voll Reis mit und gemeinsam assen sie mit den Fingern und leckten sich danach die Currysauce ab. Dann verschwand das Mädchen wieder. Und der Zug fuhr in die Nacht rein, und begann die Western Ghats zu durchqueren, wenn mich die Umrisse der Umgebung nicht täuschten, die von Blitzen gut ausgeleuchtet wurde.

Es ist heiss, dachte ich. Es ist heisser als in Cochin. Ich war um fünf losgefahren, nachmittags, ich war erst wenige Stunden unterwegs, ich war erst ganz am Anfang, ganz Indien gesehen zu haben. Ausserdem war ich müde. Und die Anderen auch. Die Betten wurden rausgeklappt und bald lagen wir in den Kojen. Ich hatte die oberste und hiermit die beste Aussicht auf die Frau. Sie lag friedlich schräg unter mir und schien zu schlafen, alle Geschwüre hingen ihr jetzt quer über das Gesicht. Sie hatte feines, offenes, unverhülltes Engelhaar das im Wind des Deckenventilators spielte, wie die Haare einer Seeanemone im Huboldtstrom. Meine erste Assoziation die ich im Kopf hatte, war aus „Pirates of the carrebean“, ich glaube Teil drei, wo man den Meeresgott sieht, mit Bart und Haaren aus Tentakeln, die sich winden.

Inzwischen schätzte ich sie aber ganz anders ein. Sie war typisch Indische Mittelklasse, Matronin eines ganzen Clans, trug Goldschmuck, hatte einen Goldzahn, hatte viel zu sagen – und nicht nur ein „Teintproblem“. Kurz, sie war ein MENSCH!

Erstaunlicherweise sahen das hier alle so. Ich hatte wohl am längsten, dies zu begreifen. Ich fragte mich, wie diese Frau wohl in der Schweiz behandelt würde. Einerseits medizinisch – KANN man da überhaupt helfen? – andererseits menschlich, in der Strassenbahn zum Beispiel. Von Örlikon ins Spital.

Ich kam zu düsteren Erkenntnissen, während ich kaum schlafen konnte und mir der Ventilator aus einem Fuss Distanz ins Gesicht blies. Ein Mensch wie sie, was würden wir tun mit ihr? Sie in abgedunkelten Spezialtransportern in die Sauna fahren, wenn sie zufälligerweise Millionenerbin wäre, oder sie in einer Einzelzelle ins Krankenhaus stecken? Hauptsache sie verdirbt nicht Tausend Schweizern den Tag, wenn sie bei Bally neue Schuhe kauft! Hauptsache der Fassade unserer Spassgesellschaft entsteht kein Schaden, wenn man sich bewusst wird, wie GRÄSSLICH es das Schicksal mit Manchem meint.

Ich drehte mich und drehte mich, fand meine Position nicht, hatte Kopfweh, zu heiss, dreckig, kaputt, dabei war Mitternacht kaum vorbei. Der Zug donnerte durch die Indische Nacht wie eine Herde Mustangs. Es hatte kaum Orte, kaum Licht. Ich war runtergeklettert, ans Ende des Waggons geflüchtet und starrte durch die offene Zugtüre in die endlose Pampa raus. Heisser, staubiger Wind zerrte an meinen langen Haaren wenn ich mich aus der Tür lehnte und dem Zug entlang nach vorne schaute. Ein endloser Zug, schien es mir. Endlos in beiden Richtungen.

Ich hatte kaum geschlafen, da wurde es Tag. Da ich aus meinem obersten Bett nicht raus schauen konnte, kletterte ich runter. Der ganze Zug schlief noch. Ich lehnte mich in den Fahrtwind raus, aus der offenen Tür und inhalierte den frühen Morgen. Was für ein Land, fragte ich mich. Was für eine Insel...

Das Cape Cormorin im Süden hatten ich nur vage gesehen, als ich gesegelt kam, von Sri Lanka. Die Ghats lagen im Dunst und endlos weit weg, als ich mich Cochin näherte. Hier war Indien aber immer noch schmal, von Küste zu Küste, im Vergleich zu hier. Ich hatte die Karte im Kopf. Dies war eine Zugfahrt in einen zunehmend breiten Kontinent hinein. Wo ich sie beenden werde, in Ghorakpur, in zwei Nächte und drei Tagen wird das Land sich östlich bis nach China erstrecken und westlich bis Portugal. Ein Riese einer Insel, sogar im Vergleich zu Australien, dem ich in kompletter Länge entlang gesegelt bin, bevor ich rechts abbog, Richtung Indien. Der Tag wurde grösser und mit ihm das Land. Flach und schattenlos lag es da, trockene Felder bis zum Horizont, selten ein Haus, fast nie ein Dorf, keine Stadt, keine Autobahn, keine Strommasten und keine Vögel. Entgegen meinen Erwartungen zeigte sich Indien seltsam verlassen dar. Endlose Weite unter einer immer höheren Sonne. Es war sieben und sie brannte mir bereits in den Augen.

Der Zug war inzwischen aufgewacht. Auch aus anderen offenen Türen lehnten hagere Gestalten, dass ihre Kleider flatterten. Sie schauten nach vorne, dem endlosen Zug entlang, dessen Lokomotive man nicht sehen konnte, ausser in Kurven. Nur hatte es keine Kurven. Typen mit Tee und Kaffee drängelten sich durch die Abteile, von Anhänger zu Anhänger. Ich genehmigte mir eine Kaffee und schmiss dann den Plastikbecher durch die offene Tür in den Fahrtwind hinaus. Zurück in meine Nische hatte ich keine Lust. Eingequetscht mit der schönsten Frau, die Mann sich vorstellen kann, als auch der hässlichsten Frau. Ich krieg da einen Augenschaden!

Um acht stand ich immer noch, oder sass ich, an der offenen Waggontüre. Dass im Klo hinter mir reger Betrieb entstand, erinnerte mich nicht daran, meine windumtoste Position besser zu verlassen. Feine Tropfen, ein feuchter Nebel, erfrischend fast, traf mich plötzlich vierkant ins Gesicht, während ich meinen Kopf in den Fahrtwind streckte. Ich zog den Kopf zurück, fragte mich, woher diese Tropfen stammten und suchte sofort das Waschbecken auf, als ich den Ursprung errochen hatte. Bloss hatte es kein Wasser mehr. Ich machte mich auf die Suche nach einem funktionierenden Wasserhahn, ein Abteil um das andere, bis ich fand, was ich dringend brauchte. Eine Katzenwäsche und etwas Abkühlung. Mit klitschnassem Turban lief ich durch etwa drei Abteils, bis ich meinen Platz wieder fand. Alle waren wach und fröhlich, wie mir schien, obwohl nicht gross geredet wurde. Die Frau mit den Geschwüren sass wieder aufrecht wie Buddah auf ihrem Sitz und teilte sich eine Schale Reis mit dem kleinen Mädchen. Irgendetwas schien das etwa achtjährige Mädchen zu stören. Angewiedert stiess sie sich von der Frau ab. Während das Mädchen zeterte und immer wütender wurde, lächelte ihr die Frau milde zu und hielt ihr wieder die Reisschale entgegen. Es ging um das Essen, schien mir, weiter nichts. Der Rest, dass dieses saubere, gut angezogene Mädchen mit einem Menschen speiste, der in Europa einen Schock auslösen würde, schien nicht ihr Problem zu sein. Schliesslich sassen sie wieder Seite an Seite und löffelten ihren Reis. Die Frau legte ihren gruseligen Arm auf die Schulter des Mädchens. Das Mädchen blickte hoch und lächelte.

Die hübsche Frau zu meiner Rechten trug jetzt einen Seidenschal, wohl ihren Haaren zuliebe, die sonst im Wind des offenen Fensters hoffnungslos zerzaust wären. Sie schaute immer zum Fenster raus, ihre grossen Augen wirkten abwesend, als sei sie hypnotisiert. Ich konnte mich nicht erinnern, je ein solch reizendes weibliches Wesen gesehen zu haben. Was war dieser Reiz? Dieser Lolitamund, diese Blume im Prozess des blühens? Ihre feinen, langen Glieder? Ihr kindlich grosser Hinterkopf?

Sie war nicht mein Typ, nicht im Geringsten! Eine Frau muss für mich stark sein. Stark und erwachsen. Ich bin nicht gerne der alleinige Anführer, fühle mich am Besten unter gleich starken Menschen. Was WAR also dieser spezielle Reiz weiblicher Grazie und Feinheit, ja Verletzlichkeit? Sehnsucht nach Unschuld? Ich labte mich ungeniert am Anblick dieses Menschen, hatte aber keine Begierde nach Nähe und war froh, nicht näher bei ihr zu sitzen. Klar, sie hätte meine Tochter sein können. Sie war noch ein Kind, aber doch erwachsen. Sie war beides, ein Zwitterwesen. Sie berührte weniger männliche Gefühle in mir, als väterliche, und diese Gefühle können sehr stark sein. Für ein zartes Wesen verantwortlich zu sein, für einen poetischen Schmetterling mit Seidenflügeln – eines der Gipfelerlebnisse, Vater zu sein! Ich dachte an meine Tochter Luna, die mit ihren elf Jahren ihre Flügel ausspannt und bald fliegen wird. Ein Sohn erlaubt andere Gefühle, andere Gipfel, aber eine Tochter ist uns Männern auf so tiefer Ebene verbunden, dass man von grossem Glück reden kann, wenn man eine solche hat. Ist der Drang von Männern, die nach Lolitas lechzen, am Ende gar ein tiefer, verkappter Wunsch nach einer Tochter? Ein Wunsch, der nie so konkret ausgedrückt wird, weil ein Mann sich Kinder wünschen darf, wahllos gezeugte asexuelle Wesen, aber dessen betonter Wunsch nach einer Tochter in unserem rationalen Zeitalter überhört, oder falsch interpretiert wird. Ein Sohn zu wollen, klar, DAS steht dem Mann zu! Aber ein Mädchen...? „Wozu“ denn „das“...? Dafür sind doch Frauen „zuständig“...

Gewagte Gedanken in einem schnellen Zug durch Indien. Gegen Zehn wurde die Hitze unerträglich. Drei Deckenventilatoren bliesen jede Ecke des Abteils aus, dazu waren alle Fenster offen und der Zug donnerte mit gut hundert Stundenkilometern durch diese endlose Monotonie, dieses Gebäck aus Stein, Steinen und ab und zu ein paar traurigen Bäumen oder halbtoten Büschen. Etwa um Elf erschien mir die Hitze mörderisch. Gegen Mittag wurde sie tödlich.
Klar! Und so war es dann. Die Hölle!

Ich wusste nicht wie spät es war. Aufgewacht aus einem schnellen, schönen Traum mit meinen Kindern. Mit angewinkelten Knien über meinem Gepäck, Rücken an einem Gitter, angeleimt an ein blaues Plastikpolster, Kopf halb über die Pritsche hängend, offener Mund wie Munchs Schrei, angeblasen aus einem Schuh Distanz von einem Ventilator, der sich anfühlte wie ein elektrischer Föhn auf Stufe Vier, dem ich für Distanz München-Hamburg meine Erfrischung schuldete. Die Hitze schien wellenförmig. Sie schwankte zwischen absolut schweineheiss und total schweineheiss in einer Amplitude von etwa zehn Sekunden. Ich war natürlich höchst fasziniert von diesem Effekt! War ich nicht als Kind immer auf Naturphänomäne aus, wollte diese an der Mähne packen und darauf reitend die Welt sehen? Toll also, auch hier im indischen Zug etwas neues Entdeckt zu haben. Dass ein Unterschied besteht, zwischen absolut und total. Und was SCHWEINEHEISS heisst.

Schräg unter mir simmerte die Frau mit den Flausen. Sie röchelte ausgestreckt auf ihrer Pritsche, leichter Dampf stieg aus ihrem Seidensari. Die Sonnenblenden waren überall runtergezogen. Durch die Schlitze blitzten Sonnenstrahlenschwerter in die Antlitze der Frau und der jungen Fee, die unter ihr aufs Polster geleimt aussah, an der Kante zum Boden hin, dass wenigstens ihre Spindelarme frei in die Luft hingen, und dass ihre Haare nicht festklebten, durften sie frei und fröhlich wie eine Kirmesbahn, um ihren Kopf fliegen, ihren wohl geformten, Liebe erzeugenden Kopf.

Alle fünf Kilometer drehte ich mich um, um nicht unentfernbar kleben zu bleiben, bis Dehli, wo mich die Putzkollonne hätte weghebeln müssen mit Besenstielen, wie eine Riesenpizza, mit gebackenem Geldgurt, einer Schicht Hawaiihemd, und um den Ventilator gewickeltem Haupthaar.

Ich studierte mal wieder über Freiheit rum, um was ja eigentlich geht, machte Denkversuche bei fünfzig Grad, denn nur dann können sie zeigen, ob sie der Wahrheit stand hielten. Es ist „glatt“ über Freiheit nachzudenken, wenn man in einem Mövenpick gelandet, sein Zuckereis ist.

Freiheit! Das ist etwas, da muss man echt DURCH, finde ich...

Da stehen dann aber keine Empfangsdamen und lächeln und verteilen Platzkarten. Da stehst du selber! Alleine im Wind. Verlassen von Allen, die es gut um dich meinen. Werden dir lange Adieu gesagt haben, wenn du „dort“ stehst...

Oder liegst. Freiheit ist der gefährlichste Gedanke. Darum ist er so schön. Und so wichtig. Weil das Schöne automatisch auch WICHTIG sein muss...

Damit das Schöne eine Stimme hat. Verantwortung tragen MUSS! Teil sein MUSS eines Gesamtkonzeptes, das Schönes beinhalten MUSS.

Dieser Deckenventilator war Teil dieses Gesamtkonzeptes. Er war nicht schön, ein funktionelles Teil des Gesamtkonzeptes Zug. Er verhinderte, bei nicht sinkenden Temperaturen, mehr noch, steigender heisser Luft im Zug, dass ich Verbrühungserscheinungen bekam. Über meinem Bauch bildeten sich Gewitterwolken. In meinen Gedanken zuckten die ersten Blitze.

Ich war unterwegs. Und wollte ich dass denn nicht immer sein? Und überhaupt, was soll das ganze Gestöhne und Gedampfe. Hatte ich mich nicht viel krasserer Hitze ausgesetzt? War mir nicht die KAMERA schon geschmolzen, beim fotografieren? Dagegen fühlte es sich hier wie in einer Eisdiele an!

Und unterwegs, auf Liberty, wie oft drehst du dich da um? Manchmal bei jeder Welle. Also! Halt die Schnauze und sei frei!

Wie Kreaturer der Tiefsee lagen sie immer unbedeckter und freier in ihren Pritschen schräg unter mir. Direkt neben mir, auf gleicher Etage, röstete die Mutter der beiden jungen Frauen. Sie wirkte halb gar. Brandbeulen übersääten ihr Gesicht und Blasen blubberten hervor. Aus beiden Ohren zischte Dampf, wie ein Teekessel. Sich umzudrehen war der ärmsten Mutter wohl schon technich nicht mehr möglich. Sie schien eingesunken in eine geschmolzene Plastikmatratze. Sie hatte ihren einen Arm über der brodelnden Brust, der andere hing schlaff runter, wie ein Kebabspies. Wahrscheinlich war sie tot. Ich wartete, dass ihr der erste Goldring von ihrem verwesenden Finger kullert.

Unter ihr das Seemonster aus Hollywood, gar gekocht, aber zu Dekorationszwecken umfächelt von schwarzem Haar, um Goldfische anzulocken. Ich klebte mich etwas zur Seite und betrachtete sie ohne Hemmungen, wie ein Hirschjäger ein Geweih betrachtet. Sie war ein Prachtexemplar! Sie war eine schöne Frau. Sie hatte grosse Augen. GROSSE Augen... Eine wohlgeformte Nase. Dass die Nase wie ein Atztekentempel von einem Urwald Geschwüren umgeben war, änderte daran nichts! Ihr Mund war voll, selbst für eine Inderin. Zwischen ihren Augen funkelte ein rotgelber Fleck. Ihr Kinn war eher spitz, sie war eine starke, resolute Frau, aber milde, dank ihrer Augen.

Ihr Sari war vom Kopf gerutscht und hing geschmolzen am Gitter. Also doch Kunstseide... Gerüche gab es keine. Die Nasenwände waren mit Kacheln ausgekleidet. Die einzigen Hinweise, ob jemand tot war, oder schlief, war, wenn in der Nase gebohrt wurde, mit verschlossenen Augen. Am Boden entstand ein Popelgebirge, das spätestens bis Dehli zur Decke reichen würde.

Die Sonne stand jetzt schräg am Himmel. Monoton donnerte der Zug durch eine unbewohnte Pampa. Ich war kurz in der Eingangstüre gestanden und liess mich vom Fahrtwind ohrfeigen. Schneller Check, ob die zentralen Systeme noch funktionieren, keine Sicherung durchgebrannt, kein Bein abgesengt. Dann wieder Sauna oberste Pritsche. Die Mutter war von den Toten auferstanden und sass auf der Bank. Die Seeannemone hatte ihr Bett hochgeklappt und sass wieder mit kerzengeradem Rücken gegenüber des Inders neben mir, der diesen Tag auch überlebt hat, was in Indien schon für sich betrachtet ein positives Ereignis ist!

Und neben mir sass wieder die Meerjungfrau, ihre Augen in die Unendlichkeit gerichtet, wo sie zuhause war. Ihre Rehbeine seitlich auf der Bank wirkte sie wie die Meerjungfrau von Kopenhagen. Man müsste sie STEHLEN!

Zur Feier unserer ersten gemeinsamen 24 Stunden versuchte ich mit ihrer Schwester ein Gespräch zu beginnend, basierend auf ihrem Buch, das sie las, ein Schinken über Management auf Englisch. Eine Studentin. Ihr Englisch wäre durchaus genügend gewesen, aber sie schien kein Interesse an Kontakt zu haben. Ebenso ihre Mutter. Ihre Schwester blickte ostentativ weg, da war der Fall eh klar. Das Seemonster wollte ich nicht ins Wackeln bringen mit eh sinnlosen Fragen. Der Typ neben mir hatte ein ehemals weisses Hemd und graue Bundfaltenhosen. Sein Englisch beschränkte sich trotzdem auf drei Wörter, also liess ich es bleiben. Schloss mich ein in meinen durchsichtigen Wandschrank, wie alle Anderen. Hörte dem Zug zu, wie er immer den gleichen Takt trommelte. Blickte in ein Land raus, das nirgends begann und nirgends aufhörte. Indien war hier am breitesten. Weit im Osten und weit im Westen, nichts als Land. Wie ein Traum, dass es irgendwo Meer gab. Ein unbekanntes Wort in dieser Landschaft. Hochspannungsleitungen möblierten dieses himmelhohe Haus Andra Pradesh, seit wir an der Baustelle eines Atommeilers vorbei gefahren waren. Atomkraft in Indien! Wer da keine Gänsehaut kriegt vor Hochachtung! Aber eben...

Der Tag ging zu Ende, was niemand erwartet hatte. Die Temperatur schien keine Eile zu haben. Die Handgriffe im Zug waren immer noch zu heiss zum Anfassen. Aus den Blechwänden strahlte Hitze, als ob mitten am Tag war. Es ging lange, bis man im Abteil barfuss stehen konnte, ohne an geschmolzenen Popeln festzukleben...



Alles Banane!


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Kommentare

  • Mo--

    Gerds mit mittels Henna gefärbtem Haupthaar - die kleinen Mädels müssen gedacht haben du wärst Luzifer persönlich.

    Konnte mir die Geschichte sehr gut vorstellen, nicht zuletzt weil ich ja selber noch vor kurzem ein paar tausend Meilen quer durch Indien per Zug unterwegs gewesen bin. Mir sind viele Bilder dessen, was du beschreibst, ähnlich und wie Schnappschussaufnahmen ins Hirn eingebrannt.

    Bin gespannt auf die Fortsetzung!

    Mo

  • morepics

    Ein Bericht wie ich ihn hier gerne öfters lesen würde!!!!! Danke für die aufregende Mitreise als gierige Leserin deines Berichts.
    Grüße von morepics

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Ja, DAS höre ich gerne, Morepics, dass Du eine "gierige Leserin" bist... Werde mir Mühe geben, auch weiter Deine "Gier" nach guten Stories kunstvoll zu befiedigen!

    Macht echt Spass, für so Leser wie Dich und Mo zu schreiben! als auch den Anderen hier!

    Die nächste Folge "Indien in einem Zug" wird dann bis nach Kathmandu gehen, nicht mehr ganz so schicksalshaft wie diese fast schon absurde Reise.... (die ich bis jetzt noch nicht wirklich verarbeitet habe), dafür etwas GEFÄHRLICHER... Diese Folge könnt Ihr innerhalb einer Woche hier lesen, damit Eure Spannung, wo und wie denn dieser ÜBER 4000 Kilometer lange GEWALTSTRIP zu Ende ging nicht erlahmt...

    Dann komme ich endlich dazu, meine "WIRKLICHE" Story, auf die mein Schreiberherz fast schmerzhaft giert, aufzuschreiben. Ein weiters Stadtportrait. "Kathmandu ohne Filter".

    Ihr könnt mir also weiter folgen auf meiner Geschäftsreise, denn EINFACH SO wäre ich NIE IM LEBEN auf die Idee gekommen, nach Nepal zu reisen! Never! Die Welt, die ich mir anschauen WILL ist viel kleiner, als die Welt, die mich gar nicht interessiert... Nun, genau DAS ist spannend, wenn man irgendwo hin MUSS!

    Es ist wie bmit dem Lernen. Die Dinge, die man wissen will, lernen uns selten so viel, wie die Dinge, die man gar nicht wissen wollte...

    Kathmandu, wo ich jetzt seit einem Monat mit meinen zwei Lungenflügeln beitrage, den Strassenstaub abzutragen..., war für mich von Anbeginn voller schwarzer Magie, an diue ich zwar nicht glaube, aber das nützt ja nie...! Hier hat meine geliebte, verstorbene Schwester 1985 gelebt und Schmuck entworfen, den sie hier machen lassen wollte. Sie war die erotischste Schmuckdesignerin der Welt wohl, all ihre Ringe und Anhänger, waren Muschis, Pimmel, vögelnde Paare. Aber alles sehr abstrakt und nur auf den zweiten Blick erkennbar.

    Mit diesen Designs ist sie Ende 85 in die Schweiz zurück gekehrt, hat, wunderschöne Zeichnungen, weiblich bis zum Mond, aber eben auch.... H! Hm...! Sie suchte einen Finanzier, was 1985 in der Schweiz, deren Wirtschaft mit etwa 290 auf der Überhohlspur lief, unmöglich war. Wegen dem H! Hm...! Wegen DEM, was man auf den zweiten Blick erst sah. Igit Igit, eine Möse mit einem roten Rubin. Na, wer wohl SO ETWAS kaufen würde... fragten sich all die reichen Säcke, die in unserem Familien- und Freundeskreis steinreichlich zahlreich vertreten sind. Aber eben. H! Hm...!

    Sie kehrte enttäuscht nach Kathmandu zurück, lernte ihren grüssten Widersacher kennen, den mit der grössten Liebe verwechselte. Ein Franzose, der hier seit 30 Jahren gestreckten Hasch dealte, einen Atomschnauzer über seiner Wortwaschanlage angeschraubt hatte und immer ein kleines Messerchen in seinen Cowboyboots stecken hatte. Mann weiss ja nie! Ausserdem wurde er in Franreich gesucht seit 30 Jahren. Wegen Terorrismus und so...

    Mit ihr, meiner geliebten Schwester und ewigem Gefährten Ingrid, zeugte er ein Kind, wodurch meine Schwester in die Schweiz heimkehrte, mittellos, in einer Bruchbude ihr Kind ausbrütete, mit mir als Wohnungspartner, und leider in tiefe, pränatale Depressionen versank, den nicht mal ein Kuraufenthalt in einer sehr schön gelegenen psychiatrischen Klinik lindern konnte. Die Herren in Weiss hatten keinerlei Erklärungen, meine Schwester war kürperlich fit, bloss dünn wie eine Vogelscheuche, und mit silikonverstärkten Brüsten, was ihre diversen Macker gut an ihr mochten...

    Item. Unter dem gleichen Dach mit ihrer sechs Monate alten Tochter Malika und ihrem Mann in Cowboystiefeln, im Weinkeller einer Villa in der Provence, nahm sie sich etwa zwei Wochen nach Tschernobil das Leben, während ich in New York eine Ausstellung für meinen Schmuck hatte.

    Somit ist SIE das Tschernobil meines Lebens geworden, aus dessen Bahn sie mich geworfen hat. Ihr Schicksal, als Frau, die wagte, VOLL auf die EROTISCHE Schiene zu gehen im Schmuckdesign, und auch sonst ganz schöne FLAUSEN im Kopf hatte, und mich oft als FEIGEN ANGSTHASEN titulierte, weil ich nicht annähernd so krass philosophieren konnte, immer auf der sicheren Seite des Lebens sein wollte...., all das läuft mir seitdem wie ein Echo von ihr hinter mir her.

    Sie sprach fünf Sprachen und dachtre schnell, manchmal ZU schnell. Sie schrieb UNMENGEN von Kladden voll, bis zu hundert Seiten pro Tag, von Hand, mit einer Schrift wie ein sich ewig wiederholenden Acht. Sie schrieb wahrlich achtsam. Jeder Buchstabe war in der Grundform eine Acht. Sie bewies mir, dass die Zahl 88 aus zwei ineindergreifenden Achten besteht. Dazu malte sie Bilder ab zwei Meter Breite. Sie war eine Dickbrettbohrerin im fünften Gang und verpasste Leinwänden eine Mixtur aus Titten, Stacheldraht, in die Unendlichkeit projezierten Mauern, Mösen als Mauerritzen, Pimmel als Wachtürme..., also auch H! Hm...! An ihrer ersten und letzten Ausstellung in Zürich, also einer mittleren Schiffsladung manisch weiblicher Sinnsuche, verkaufte sie natürlich kein einziges Bild. Sie häkelte Pimmelwärmer, schnitzte Pimmeläste, es gab für sie keine Grenzen, ausser die ihrer Macker, die sie irgendwie immer falsch verstanden.

    Ich hatte echt NIE vor nach Kathmandu zu reisen, aber nun bin ich sogar an diesem Ort, wo meine Schwester damals blühen durfte in ihrer inneren Gedankenwelt. Irgendwo hier in dieser krassen Stadt hockte sie in einem Hotel und zeichnete den Schmuck, den sie hier machen lassen wollte. Ohne Geld ging das leider nicht. Jetzt, 27 Jahre danach, sitze ICH hier im Hotelzimmer und zeichne Schmuck, der dann hier gemacht wird. Ich habe schon die ersten Kreationen auf meinem Tisch liegen.

    Im Gegensatz zu meiner Schwester, fand ich einen Geldgeber, um endlich mal auch diese Fessel zu sprengen. Ich fand ihn rein zufällig in Cochin, ein junger Kuwaiter, dem langweilig ist...

    In etwa einem Monat geht also meine Reise von Kathmandu nach Kuwait, von wo wir anfangen wollen, die ganzen Ölscheichs auf einen besseren Geschmack zu bringen....

    Ich werde dann sicher Zeit finden, auch von dieser Reise zu berichten, hoffe ich!

    Ich hänge hier am Schluss obigen Reiseberichtes noch ein oder zwei Fotos an, damit ihr sehen könnt, was ich hier eigentlich MACHE.

    Adios Amigos!

    Gerd der bornierte Angsthase ( O-Ton Ingrid)

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