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Reisebericht: Siebenbürgen, Targu-Mures, Marosvásárhely, königliches Neumarkt
Europäische Stadt im Osten
Strand und Berge
Die Nationalstraße 1 durchquert die Stadt mit ihren 150000 Einwohnern. Vergleichbar mit einer Bundesstraße führt sie kilometerweit durch Straßendörfer oder schlängelt sich durch die Berge der Karpaten. Landschaftlich ist sie schön. Ein Schild.“Route 66“ lässt erahnen, wie veraltert die legendäre Verbindung ist. Eine einspurige, nicht elektrifizierte Bahnlinie schafft noch eine Verbindung. Wer den Personenzug nimmt, soll für eine Strecke von 100km drei Stunden einplanen. So ist die Stadt eine Welt für sich, unabhängig vom Rest der Welt. Eingesperrt sein? Urlaubsstimmung mit Inselgefühl nur für Touristen? Eine königliche Stadt darbt nicht! Sie macht aus jeder Notlage etwas prächtiges.
Das Weekend.
So wird die Uferpartie am Fluss Mures bezeichnet. Aus dem Refugium der Boheme und der sportlichen Stadtjugend hat sich ein riesiger Vergnügungspark entwickelt. Die Datschen der verschiedenen Betriebe sind im Hintergrund. In der Vergnügungsmeile reihen sich Biergärten, Restaurants, Cafes. Der Betrieb geht bis in die späte Nacht. Partymeile, noch Lido, noch nicht Ballermann. Das riesige Schwimmbad ist an heißen Tagen gut besucht.
Der Tierpark
Auf dem Hausberg von Neumarkt, dem Somos Tetö, liegt der Tierpark idyllisch in einem Waldgebiet. Dem Charakter der Landschaft der Vorkarpaten angepasst findet man dort Luchse, Braunbären und Wölfe, Büffel und Auerochsen. Aber auch Tiger und Löwen sind vorhanden. Hinter dem Tierpark beginnt schon das Pilzrevier der Städter. Vorgelagert ist auf dem Hochplateau ein riesiger Vergnügungspark mit Kinderspielplätzen, Buden und Gartenlokalen.
Die Eisenbahn der jungen Pioniere fährt noch. Früher lernten die Kleinen wohl, wie man mit richtiger Gesinnung und entsprechendem Verhalten vom Weichensteller zum Zugführer aufsteigen kann. Die Welt ist komplizierter geworden, jeder muss selbst schauen, wie er zurecht kommt. Rentner bedienen die Eisenbahnlinie, die Familien mit Kindern um das Plateau herumfährt. Die Lokomotive hat im vorderen Teil eine Umgestaltung in Richtung einer schönen neuen Märchenwelt erfahren. Der hintere Teil bewahrt noch den Stil der alten Epoche.
Die Sommerfrische
Das ungarisch sprechende Bergvolk der Szekler hat den Ostkarpaten seine Prägung gegeben. Fleißig, flink, interessiert, haben sie eine Kulturlandschaft gestaltet, die an den Bayerischen Wald erinnert. Bauernsöhne haben eine Ausbildung als Maler, Bildhauer oder Graphiker durchlaufen und deren Werke findet man in Dorfkneipen, Falls sich ein Käufer findet, kann er ja beim Wirt vorstellig werden. Alteingesessene Neumarkter sind stolz auf die Vorfahren aus dem Szeklergebiet. Wenn nun das Karpatenbecken in der Sommerhitze glüht zieht es viele „back to the roots“, also zu den Ursprüngen. Der Personenzug benötigt vier Stunden für die 130 km. Eine Stunde allein dauert die atemberaubende Strecke des Muresdurchbruchs zwischen dem Kelemen- und Hargitagebirge.
Ein Zentrum der Volkskunst ist Szarhegy, Lazarea. Im fast verlassenen Franziskanerkloster tagen Gruppen von Töpfern, Webern, Schnitzern. In der Tagungsstätte findet man außer den Glühbirnen keine industriell gefertigte Einrichtungsgegenstände. Ein Museum mit Bildern und Skulpturen befindet sich im Renaissanceschloss, andere Werke im Burghof, in den Bergwiesen und um das Kloster herum. In den Jahrzehnten der stillen Schreie hat sich eine Menge angesammelt und das Dorfleben findet zwischen den aufgestellten Kunstwerken statt, Bauern mit der Sense, pferdebespannte Heuwägen zwischen den Skulpturen, daneben Friedhof und Dorfkirche. Die Dorfkneipe „zu den Tannen“ hat ein Dutzend Ecken, sie ist um die Tannen herumgebaut, eine geht durch das Dach. Jeder kann hier bauen, leben, sich ausdrücken, wie es seinem Empfinden entspricht.
Im August finden sich kunstschaffende aus der Umgebung, aus Neumarkt, Ungarn, den Niederlanden, vielleicht sogar aus Japan im Franziskanerkloster ein. Man lebt dort in einer Kunstsammlung. Jeder Stuhl im Speisesaal ist ein geschnitztes Unikat, jede Klosterzelle individuell gestaltet. Es ist faszinierend zu sehen, welche Stellen des Dorfes und der Umgebung als lohnender Ort zum Malen ausgewählt werden und wie im Laufe der Tage Kunstwerke entstehen. Die ganze Gegend wird zum Atelier und Garten für nette Gespräche. Am Abend wird im Speisesaal gesungen und gefeiert. Hüttenzauber auf den Almen von ortnahen Teilnehmern ist nichts Außergewöhnliches.
Wenn es gelingt in das Künstlerlager aufgenommen zu werden, sind auch Familienmitglieder willkommen. Wenn diese nicht zeichnen, findet sich vielleicht eine Stelle beim Kunstschmieden, Töpfern oder Schnitzen. Wer fotografiert oder filmt, kann eine Dokumentation erstellen. Sonst kann auch der Dorforganist einen ausländischen „Kollegen“ auf eine vakante Stelle vermitteln. Am 15. August ist Kirchweih und Prozessionen kommen von den umliegenden Dörfern, die Teilnehmer in der bunten Tracht des Szeklergebietes.
Auch ein einfacher Werktags Gottesdienst hat seine Überraschungen. Wie in der asiatischen Urheimat der Magyaren am Altai-Gebirge ist es üblich zum Totengedenken, hier nach dem Seelengottesdienst, ein Picknick am Grab zu veranstalten. Der Gast wird gebeten mitzukommen. Es gibt Kalács (gegrillter Hefenkrapfen) und einen Zahnputzbecher voll mit hausgebranntem Zwetschgenschnaps.
Die Draculageschichte ist im Dorf unbekannt. Einige Maler erinnern sich, dass die Fremdenverkehrsorganisationen gelegentlich damit werben. Wozu das gut sein soll? Beim Aspirin weiß man aber auch nicht, wodurch das wirkt. Da mache ich eine Entdeckung: Am Rande des Friedhofs, direkt am Weg vom Dorf auf den Kirchhügel ist eine stattliche Gruft, einigermaßen zugänglich, sauber gemauert, riesengroß, aber leer geräumt. Am Abend versuche ich eine eventuell vorhandene Mauer des Schweigens zu brechen und erzähle von meiner Entdeckung. Ich erfahre, dass sich auf dem Weg von der Kirche ins Dorf die Bauern dort im Eis und Bierkeller den Tagesvorrat an Bier in einer Kanne mitgenommen haben. Erstaunen, dass ich mich um solche Albernheiten kümmere. Ich merke: Wer im realen Siebenbürgen nicht ankommen will, braucht nur auf Draculas Spuren wandeln.
Als vor dreißig Jahren Pläne entstanden sind, das Dorf niederzureißen und die Bewohner in Plattenbauten unterzubringen, bildete sich unter belgischer Initiative eine Organisation, die bäuerliche Unterkünfte für Touristen bereithält. Einige bildhübsche Häuschen mit Bauerngarten werden heute noch bereitgehalten. An komfortabelsten kommt man in einer der örtlichen Fremdenpensionen mit guter Hausmannskost unter.
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