Reisebericht

Reisebericht: Krimsekt trinkende Krimtataren

Reisebericht: Krimsekt trinkende Krimtataren

Höhe- und Schlusspunkt unserer Reise in die Ukraine sollte die Halbinsel Krim werden. Laut Reiseführer ist sie „der Edelstein im Schwarzen Meer … Es ist so, als ob Sardinien zu Deutschland gehören würde. Nicht nur Mais, Rüben und Kohl – Palmen, Zitronen, Magnolien, Zuckerrohr, Papyrus und Bambus wachsen hier“. Wir befinden uns hier um den 45. Breitengrad, also in etwa die Höhe von Südfrankreich oder Norditalien.

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Schlussbetrachtungen zur Ukraine

Wir hatten eine organisierte Studienreise, waren wohlbehütet und hatten keinerlei Probleme.

Außer in Kamenez-Podilsky, wo wir keine deutschen oder englischen Übersetzungen vorfanden, gab es keine Probleme mit dem Essen. Auch nicht als Vegetarier, obwohl ich nun wahrlich nicht die Hand ins Feuer legen möchte für die gesamte ukrainischen Gastronomie.

Richtig holprig waren die Straßen nicht, sehr gut aber auch nicht immer. Wer mit dem Auto im Lande rumkurven will, sollte das wissen.

Außer im Innenbereich der Sophienkathedrale und im Höhlenkloster (beide in Kiew) konnte beliebig fotografiert werden.

Außerhalb der touristischen Zentren sollte man in Bezug auf Hotels nicht wählerisch sein. Wir hatten so eines auf der Strecke zwischen Czernowitz und Odessa in Vinnitsia. Für eine Nacht in Ordnung, länger muss aber auch nicht sein.

Wer Postkarten kaufen möchte, sollte sich rechtzeitig erkundigen, wo er die bekommen kann. Auf offener Straße haben wir keine gesehen.

Begeistert waren wir von den Restauratoren und den schön hergerichteten Innenstädten (auch in eher kleineren Städten wie Brody oder Ivano-Frankivsk).

Beliebte Mitbringsel sind Krimsekt (der schmeckt besser als der nach Deutschland exportierte) und Kaviar (obwohl ich es nicht gut finde, Fischen den Bauch aufzuschlitzen).

Meistens waren die „Dienstleister“ freundlich. Das ist aber nicht immer so. Es gibt so einen Typ „ukrainische Domina“, der sein eigenes kleines Herrschaftsgebiet hat und einem das spüren lässt. Da ist die Bedienung im Restaurant mal mürrisch, wehe, man geht im Museum einen halben Schritt zu weit vor das Objekt … Gerne wird die eigene Frustration an Frauen ausgelassen. Bei der Einreise am Kiewer Flughafen hat die entsprechende Dame mit meiner Freundin einen kleinen Streit angefangen und wollte unbedingt wissen, mit welchem Schiff (!) sie denn gekommen sei. Mit anderen Frauen hat sie auch rumgezackert, mit Männern nicht.

Viele junge Frauen sind ausgesprochen sexy gekleidet, z.B. gibt es viele Miniröcke zu sehen. Auffallend ist auch, dass etliche junge Männer in Trainingsklamotten rum laufen, bevorzugt von „adidas“, um ihre Sportlichkeit zu unterstreichen.

Das waren die Sachen, die wir selbst beobachten konnten. Anbei noch ein paar Informationen, die entweder von unserem glaubwürdigen Reiseleiter stammen oder von mir selbst recherchiert wurden:

Es gibt eine hohe Scheidungsrate mit der Konsequenz, dass viele Kinder von ihren Großmüttern erzogen werden. Die Jungs werden dabei so verhätschelt, dass sie meinen, etwas Besseres zu sein und ihre späteren Frauen entsprechend behandeln.

Es gibt so gut wie keine soziale Sicherung. Wer eine Operation braucht und das dafür notwendige Geld nicht aufbringen kann, der stirbt.

Auch die Kirchen machen so gut wie nichts im sozialen Bereich (wie im gesamten osteuropäischen Raum).

Nach der „Orangenen Revolution“ im Jahr 2004 waren alle ukrainischen Reiseleiterinnen (in jeder größeren Stadt hatten wir eine jeweils angenehme ukrainische Begleitung) begeistert, heute nicht mehr. Laut unserem Reiseleiter wurde „nichts, aber auch gar nichts“ von den Versprechen gehalten. Resultat ist ein Desinteresse an Politik von vielen Leuten.

In der Ukraine gab es nach der „Orangenen Revolution“ Stimmen, in die NATO zu wollen. Ich hoffe, dass diese Scherzbolde sich mittlerweile eines Besseren besonnen haben. Schon allein des Bevölkerungsanteils der Russen auf der Krim und im Osten des Landes wegen würde es dann knallen. Unabhängig davon, wie sich der Staat Russland verhalten würde.

Man kann davon ausgehen, dass die Ukraine ein korruptes Land ist. Bei „transparency international“ steht sie auf dem Ranking im Jahr 2011 auf dem letzten Platz in Europa und weltweit auf Platz 152. Es gruselt einem schon, wenn man liest, wer alles vor der Ukraine steht …

Zum aktuellen Fall Julija Tymoschenko. Über die Haftbedingungen kann ich mir kein Urteil erlauben. Aber dass die Unternehmerin, deren Vermögen auf mehrere hundert Millionen Euro geschätzt wird, die bereits 2001 in Untersuchungshaft einsaß (unter anderem wg. Steuerhinterziehung) und bis 2004 auf der Suchliste von Interpol stand (wg. angeblicher Bestechung von russischen Militärs) ein Engel der Unschuld sein soll, kann ich mir schlecht vorstellen. Aber da in diesem Land so ziemlich jeder der Entscheidungsträger Dreck am Stecken hat, ist dies natürlich ein politischer Prozess.

Im Alltag sollten sich die Autofahrer unter den Reisenden vor der Polizei in Acht nehmen: Unser Reiseleiter wurde vor ein paar Jahren auf der Autobahn angehalten und es wurde behauptet, er sei zu schnell gefahren und solle ein entsprechendes Bußgeld zahlen …

Das sollte jetzt niemanden davon abhalten, in die Ukraine zu reisen. Die Krim sowie die Städte Odessa, Kiew, Lemberg und Czernowitz sind alle eine Reise wert und ich hoffe, dass ich mit meinen Berichten den Einen oder Anderen auf den Geschmack gebracht habe.




 
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Kommentare
  • Blula 07.06.2012 | 11:22 Uhr

    Lieber Edwin! Und w i e Du uns hier auch mit diesem ganz hervorragenden Bericht auf den Geschmack gebracht hast, vielleicht doch einmal auch die Ukraine als Reiseziel ins Auge zu fassen.... Das Land, das gerade in letzter Zeit, auch mit vielen negativen Schlagzeilen, im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit steht, bringst Du uns hier ein ganz großes Stück näher. Es gibt wohl keinen einschlägigen Reiseführer, in dem man so viel Dinge von Interesses nachlesen könnte wie hier in Deinen inhaltsreichen Berichten. Und, übrigens, dass die Krim, auf die Du uns hier "entführt" hast, auf dem 45. Breitengrad, also auf der Höhe von Norditalien und Südfrankreich liegt (tatsächlich!)....., das war mir bisher noch gar nicht so bewußt.
    Ich sage mal wieder ...Danke!
    LG Ursula

  • RELDATS 28.07.2012 | 22:16 Uhr

    Deine Ausführungen waren für mich wirklich interessant.
    Vieles kenne ich aus eigener Anschauung.
    Nette Grüße von Josef

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