Extremreise mit dem Motorrad auf das Dach der Welt

Reisebericht

Extremreise mit dem Motorrad auf das Dach der Welt

Reisebericht: Extremreise mit dem Motorrad auf das Dach der Welt

Im Sommer Jahres 2011 hatte ich die Gelegenheit, für den Reiseveranstalter Wheel of India GmbH zwei Motorradgruppen durch den höchsten Norden Indiens zu begleiten. Von Neu Delhi aus ging die Reise auf klassischen Royal Enfield Bullets durch Himachal Pradesh, Lahaul und Ladakh bis Kaschmir. Dieser Bericht basiert auf Eintragungen in mein Reisetagebuch.

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19. Juli 2011

Es ist 04:55 Uhr. Ich kann kaum glauben, was da an mein Ohr dringt. Abdul dreht laut singend eine Runde durch das Camp, bleibt an jedem Zelt stehen und ruft ein fröhliches "Good Morning" hinein. Wir sind die einzigen Gäste, es wird also kein Fremder gestört. Wir haben 250 Kilometer vor der Brust und müssen früh raus.
Die Morgenwäsche ist schnell erledigt. Es ist saukalt und das frische Quellwasser noch kälter. Zudem haben fast alle in voller Montur geschlafen, sprich mit Motorradklamotten, dicken Socken und Wollmütze, zum Anziehen brauchen wir folglich auch nicht viel Zeit. Der erste Blick aus dem Zelt ist umwerfend. Langsam erhebt sich die Sonne über die Berggipfel und lässt die Hänge golden erstrahlen. Wir treffen uns zum Frühstück, dann geht es los.

Wenn der Aufstieg zum RohtangLa die größte Herausforderung an die Fahrkünste der Biker darstellte, so verlangte der heutige Tag das Äußerste an Kraft und Ausdauer. Mindestens 12 Stunden auf dem Bike hatte uns Abdul versprochen, aber nur, wenn nichts dazwischen kommt. Die ersten Kilometer durch das Tal von Sarchu kamen wir gut voran. Die Straße ist asphaltiert und in einigermaßen brauchbarem Zustand. Es war noch immer frisch, aber das machte nichts. Wir waren gut eingepackt und die kühle Luft sorgte für wachen Geist und Aufmerksamkeit.

Doch schon bald sollten wir die Launen des Himalajas kennen lernen. In gleichem Maße, wie sich der Asphalt zurückzog und unsere Bikes sich einen Weg durch Sand und Staub, Schotter und Felsen bahnen mussten, stiegen die Temperaturen an. Es wurde heiß und heißer und die Luft dünn und dünner. Wir kämpften um jeden Meter und waren froh, nach etwa vier Stunden in Pang, einer kleinen Zeltstadt auf 4.600 Metern Höhe, einzulaufen. Die Energie, die wir aus dem Frühstück bezogen hatten, war aufgebraucht und musste ersetzt werden. Und so griffen wir wieder zur Maggi-Nudelsuppe, dem Klassiker auf jeder Ladakh-Reise, schnell zubereitet, schmackhaft und mit genügend Energie für ein paar Stunden bis zum nächsten Stopp.

Wer dachte, die Fahrt nach Pang würde ein Zuckerschlecken, wurde bald eines besseren belehrt. Wir wanden uns in endlosen Schleifen immer höher und höher hinauf, bis wir die Mooree-Ebene erreichten, eine rund 30 Kilometer lange Hochebene, die nur in der Ferne rundherum von Bergzügen begrenzt wird. Was nun kam und bis gut 70 Kilometer vor Leh nicht mehr enden sollte, war Schotter, grobes Geröll und heimtückische Pulversandfelder. Die Stunden vergingen ebenso wie unsere Kräfte. Auch erneutes Maggi-Nudelsuppe-Fassen, Tee-Trinken, Wasser einschütten konnte nicht verhindern, dass unsere Bewegungen immer langsamer wurden, jeder Schritt eine Überwindung kostete und die Sehnsucht nach dem Ende dieses Tages immer größer wurde.

Drei Pässe, die zu den höchsten des Landes gehören, lagen auf unserem Weg, der NakeeLa (4.670), der LachulungLa (5.030) und schließlich der TanglangLa (5.328). Selbst die Härtesten unter uns ließen sich nicht davon abhalten, bei jedem Stopp die Gelegenheit zu nutzen, die Beine lang zu machen und ein wenig Kraft für die Weiterfahrt zu sammeln. Gegen 18:30 Uhr, ziemlich genau 12 Stunden nach unserem Aufbruch in Sarchu saßen wir im Garten unseres wunderschönen Hotels in Leh und Abdul spendierte jedem eine Flasche eiskaltes Kingfisher-Bier.



Erwachen über dem Camp in Sarchu


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Kommentare

  • Christa60

    Hallo Günter, ich frage mich, wie es möglich ist, dass bei fast 30.000 Mitgliedern nur so wenige Menschen diesen Bericht lesen. Toll gemacht. LG Christa60

  • guesim (RP)

    Hallo Christa,

    vielen Dank :-) Ich glaube, der Bericht ist einfach zu lang. So viel liest man heute nicht mehr. Da muss alles kurz und knackig sein. Mir hat das Schreiben Spaß gemacht und mir die Gelegenheit gegeben, alles noch mal zu erleben, und das reicht. ;-)

    Lieben Gruß,
    Günter

  • Anton99

    Hallo Günter,
    ein super Reisebericht mit ausgezeichneten Bildern. Da ich im Juli 2013 eine ähnliche Tour fahren werde, hat mich der Bericht besonders begeistert. Dass es zur Monsunzeit regnet ist schon klar, aber ich dachte nach einer Stunde ist alles vorbei. Ich habe gelesen, dass in Ladakh die durchschnittliche Niederschlagsmenge nur bei ca. 35 mm liegen soll. Stimmt das nicht?

    LG
    Anton

  • mychaosland

    Hallo Günter, nachdem ich gestern auf eines deiner Berichte gestoßen war, musste ich heute gleich den hier lesen . Wieder ein sehr spannender Bericht. Tolle Reise. Motorradreisen sind zwar nicht ganz meine Welt, trotzdem oder um so mehr habe ich diesen Bericht mit Interesse bis zum Ende gelesen. Ladakh steht bei mir auch noch irgendwann im Visier, aber dann eher als Trekkingreise.
    Mehr von solch spannenden Berichten
    Gruss
    Alex

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