Türkei - der Ruf des Muezzins

Reisebericht

Türkei - der Ruf des Muezzins

Reisebericht: Türkei - der Ruf des Muezzins

Ich stimmte für die Türkei, weil ich dachte: "Da ist es billig." Mein Mann hatte noblere Motive: "Tausendundeine archäologische Stätte besuchen." Ich wollte mich von den 35 Tagen mindestens 10 an einem Strand räkeln; er aber wollte DAMIT auch nicht eine Minute "vergeuden". An eine Einigung war nicht zu denken. Sie ergab sich ganz ohne unser Zutun vor Ort. Eine perfekte Reise.

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Istanbul



Wahnsinn

Die Türkei war der Abschluss einer monatelangen Reise durch verschiedene Erdteile. Wir hatten alles ganz toll vorbereitet, bis auf die Türkeireise. Sie war unser Stiefkind.
Nun sitzen wir auf dem Flughafen in Zürich schon stundenlang herum und warten auf unsere verspätete Maschine nach Istanbul. Zäh fließt die Zeit dahin.

"Meinst Du der Mietwagenfritze wird solange auf uns warten?"
Schweigen.
"Landkarte von der Türkei haben wir auch keine."
Wir blättern lustlos in Zeitschriften.
"Wörterbuch auch nicht. Hast Du Dir wenigstens im Internet ein paar Wörter rausgeholt?"
"Warum ich?"
Wir knabbern nervös Erdnüsse.
"Wenn das Flugzeug nicht bald auftaucht, kommen wir im Dunkeln an? Du hättest wenigstens für die erste Nacht ein Hotel organisieren können?"
„Du wirst sehen, wir stehen da nachts auf dem Flughafen Gökcen, ohne Auto, ohne Hotel?"
Die Zeit verstreicht. Kein Flugzeug in Sicht.
„Notfalls schlafen wir im Auto.“
„Und werden gleich in der ersten Nacht überfallen.“
„Den Mietwagen können wir uns eh abschminken. Der Kerl wartet doch nicht stundenlang auf uns.“
„Falls wir überhaupt ankommen."
„Wenn der nicht auf uns wartet…wie kontaktieren wir ihn dann? Hast Du eine Telefonnummer?“
Habe ich nicht. Ehekrise liegt in der Luft.



Großer Bazar/ Istanbul

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Und dann sitzen wir im Flugzeug. Drücken zwei Stunden die Nasen platt am Fenster, halten den steifen Nacken heroisch aus, um nichts zu verpassen vom Land das unter uns vorbei fliegt. Im letzten Abendlicht: Istanbul.
Wir sind furchtbar aufgeregt.

Der „Kerl“ steht lächelnd da und hat tatsächlich stundenlang auf uns gewartet. Er spricht fließend Deutsch, flößt uns durch seine nette Art Ruhe ein, denn besonders ich, die Fahrerin, bin ganz außer mir. Der "Kerl" hilft uns beim Geldumtausch, weist uns in den Wagen ein, nimmt sich alle Zeit der Welt für uns und gibt mir den Glauben zurück, dass ich seit fast 40 Jahren autofahren kann - auch in der Türkei!





Blick auf Galata



Als wir den Parkplatz verlassen und einschwenken auf die Autobahn Richtung Osten ist es dunkel und der Vollmond steht „rund und schön“ über dem Marmarameer. Millionen Lichter - Vororte und Industriegebiete auf unserer Seite und am gegenüberliegenden Ufer - spiegeln sich im silbernen Wasser. Wir hatten einen Alptraum erwartet und waren in einem Märchen gelandet.
Selbst die Karawanen wahnsinnig gewordener LKW - Fahrer, die mit ihren hochbeladenen Karren mit 120 km/h an uns vorüber donnern, können unserer Stimmung aus "Tausendundeine Nacht" nichts anhaben.

Ab Izmit wird der Verkehr ruhig.



Topkapi



Es ist schon gegen 23 Uhr, als wir an einer Raststätte anhalten. Wir bestellen "çay "(Tee) der auch mit 5 Zuckerstückchen immer noch unerträglich bitter ist. Wir sind völlig verzaubert von dieser lauen Nacht. Weggeblasen ist alle Müdigkeit. Wir spüren weder den Hunger noch den Durst. Ist auch besser so, denn die Preise sprengen unsere Bank.
Besuch auf der Toilette. Mein Mann kommt verlegen zurück: "Ich glaube man muss sich die Schuhe ausziehen, wenn man aufs Klo will." Er sah schön aufgereihte Schuhe vor der Toilette. Schnell geht uns ein Licht auf: Der Gebetsraum, den man nur ohne Schuhe betreten darf, ist neben der Toilette.

Wir beschließen, diese Nacht im Auto zu verbringen. Etwas unentschlossen wo, fahren wir weiter. An der nächsten Raststätte schlagen wir auf den Liegesitzen unser Lager auf. Ich leide seit Jahren an schweren Schlafstörungen. Deshalb erwarte ich eine "lange Nacht" voller Angst - Überfälle und Gasanschläge – und Unbequemlichkeiten. Mein letzter Blick auf die Uhr, es ist kurz nach Mitternacht. Und dann weiß ich nichts mehr, bis ich gegen acht Uhr morgens in die Sonne blinzle. Ich bin so ausgeruht wie schon lange nicht mehr.



Haggai Sophia

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Nach einem Gläschen Morgen-„cay“, zu mehr reicht das Geld nicht, brechen wir auf. Wir finden eine zerfledderte Landkarte im Handschuhfach und verlassen nach ein paar Kilometern die Autobahn. Über die Berge fahren wir nach Amasra.
In irgendeiner Stadt finden wir einen größeren, gut sortierten Supermarkt. Kaufen aber nur ein paar Feigen und Weintrauben. Alles ist furchtbar teuer.
Gut ausgebaute Landstraßen, hübsche Ortschaften überragt von den Minaretten, teils sehr schöne alte Häuser und erstaunlich viele neue Bauten, atemberaubend schöne, leuchtend grüne Landschaft unterm blauen Himmel. Dieses Land hatte uns in der vergangenen Vollmondnacht verzaubert und an diesem ersten Morgen verliebten wir uns unsterblich in die Türkei.


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Kommentare

  • Lana

    Dein Bericht war sehr gut zu lesen, da Deine Lebendigkeit ihn zu einer eindrucksvollen Lektüre machte! Ich jedenfalls war mittendrin, wo auch immer Du warst! LG Lana

  • agezur

    Danke für diese sehr nette Unterhaltung .
    Jetzt darf ich mich auch ein bisschen als Türkeikennerin outen und Dir zu diesem Bericht gratulieren.
    Mein Tipp: Immer wieder hinfahren. Es gibt unglaubliche Schätze kultureller und landschaftlicher Art zu entdecken!
    Wir waren jetzt schon acht mal, immer auf Eigenregie, im Land unterwegs, tatsächlich von W nach O und von O nach W, und haben trotzdem noch vieles nicht gesehen.
    LG Christina

  • chefkochpaule (RP)

    Ein köstliches Amusement! Gratuliere zu diesem lebendigen Reisebericht, gespickt mit Lachern, denn Du hast meinen Humor getroffen. Ich war längere Zeit in der Türkei unterwegs und finde vieles wieder und kann den gewählten Titel nachhören. Danke! LG Doris

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