Reisebericht

Reisebericht: Amargo azugar

 
 
 
 
 
Reisebericht: Amargo  azugar

Welche Wahrheit gibt es zwischen Revolutionsromantik und den harten Fakten zur sozialpolitischen Lage auf Kuba?
Will das ein sonnengebräunter Tourist am Strand von Varadero, oder ein Kreuzfahrer, der sich auf einem Halbtagesstop an dem so wunderschönen morbiden Flair Havannas berauscht, überhaupt wissen oder ist es genug...

La casa más linda de la calle

...von einem exotischen Ziel und dem morbiden Charme der Insel zu erzählen und schöne Bilder mit nach Hause zu bringen?
Auf zwei Reportagereisen im Abstand von zehn Jahren, habe ich bei Einheimischen gewohnt, gegessen, musste mich mit dem Auto abschleppen lassen, musste ins Krankenhaus, zur Polizei und verdammt ja, ich war auch in Varadero.


Leichter Regen fällt in den Innenhof des Hauses in der Calle Libre als Carlos durch Schreie unsanft aus dem Schlaf schreckt. Es ist erst sechs Uhr am Morgen und dieser Wolken verhangende Tag ist kein Grund so früh aufzustehen. Es war als hätte ihn ein Donnergrollen geweckt. Er rieb sich verschlafen die Augen. Ein Kaffee? Ja ein Kaffee mit viel Zucker. Jetzt wo er schon mal wach ist, würde er sich auch einem machen. Er schlurfte über die zerschlissenen Holzdielen zum Herd und hielt inne. Was zum Teufel war das für ein Gekreische auf der Strasse? Der Kaffee sollte warten. Er knöpft sich die Hose zu, greift im Vorbeigehen sein weißes Shirt und lässt die Wohnungstür ins Schloss fallen. Unerträglicher Gestank schlägt ihm im Treppenhaus entgegen. Doch daran hatte er sich schon lange gewöhnt. Er tritt auf die Strasse. Trotz des Regens hängt noch immer eine klebrig ockergraue Wolke in der Strasse. Dort an der Ecke, wo gestern noch das alte Haus stand, begann sich ein dunkles Nichts abzuzeichnen. Das ehemals stolze Gebäude, mit seinen Balkonen, den handgeschmiedeten Geländern und den verspielten Verzierungen, trotzte fast hundert Jahre dem Regen und der salzigen Luft. Es ertrug, dass nach der Revolution Zwischengeschosse einzogen wurden, das man die handgearbeiteten Leuchter stahl und Fliesen von der Wand schlug. Doch niemand kümmerte sich um Risse, niemand um das Dach und schon lange war der Schwamm in Fundament und Wand.
Als die Zimmerdecken nachgaben, wurde es gesperrt und Menschen kamen um es auszuweiden. Es war einst Heimat vieler Familien, und vor nicht allzulanger Zeit hallte der Klang von spielenden Kinder in seinen Mauern wieder. Er erinnerte sich, dass auch sein Geburthaus nicht mehr stand. An der Stelle ist heute der Gemüse- und der Schwarzmarkt auf den auch seine Frau oft geht. Der Kaffee fällt ihm wieder ein. Er dreht sich um und geht ins Haus. Er wird etwas frühstücken und dann hinuntergehen und mit den Anderen auf dem Schuttberg Steine sammeln. Steine bringen ein paar Peso und ab und zu findet man noch wertvollere Dinge.
Irgendwie doch ein guter Tag.



 
 
 
 
 

(33 Stimmen)

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Memorarias

Martha Rodrigez Gomez war 30 Jahre alt, als Fidel Castro Ruz mit seinen Getreuen 1959 in Havanna einzog. Begeisterung und Hoffnung war nicht nur in ihr, sondern ein Beben der Euphorie ging durch das ganze Volk. Sie arbeitete hingebungsvoll in einer der nahen Centrals und half Ihrem Bruder oft noch bis in die Dunkelheit auf den Feldern. Überzeugt waren sie von einem besseren, freien Cuba und davon, dass Che die Revolution nach ganz Südamerika tragen wird. Doch nun verrinnt ihr Leben, verfallen die Häuser und die Früchte der Revolution sind vertrocknet.
Sie sitzt seit fast einer Woche allein am Esstisch und wartet. Was wird sie tun? Wird sie hier wohnen bleiben? Wird die Rente ausreichen? Hier kennt sie jede Ecke, in Havanna Niemanden. Doch ihre Tochter wird sie drängen mit ihr nach Havanna zu kommen. Sie wird darüber reden müssen, auch wenn sie es nicht will und der Zeitpunkt nicht der richtige ist. Sie wird heute mit ihrem Mann aus Havanna kommen. Dort hat sie nach der Universität eine gute Stelle in einem Krankenhaus bekommen. Doch für ein Auto hat der Verdienst der Beiden nie gereicht. Sie werden wohl einen Bus nehmen, denn auf die Züge ist wenig Verlass. Man könnte sich tagelang auf die Gleise legen ohne überfahren zu werden. Der einzige Zug der hier in Trinidad pünktlich fährt ist der Touristenzug. Morgen werden viele Gäste kommen. Viele von ihnen hat sie seit langem nicht gesehen und doch freut sie sich nicht. Sie werden essen und trinken, reden und tanzen.
Nachdem sie auf dem Friedhof Abschied von ihrem Mann Carlos genommen hat, beginnt der letzte Abschnitt in ihrem Leben.



 
 
 
 
 

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Te amo fútbol !

Juan spielt gerne Fußball.
Nein, Juan liebt Fußball und er spielt besser als die meisten.
Ja, Stürmer würde er gerne werden, er wäre sicher ein Star. Im Fernsehen wäre er und er würde sicher viel Geld verdienen. Eigentlich wollte er wie sein Vater auf einer dieser imposanten Erntemaschinen über die Zuckerrohrfelder fahren oder Macheto werden. Doch der Tag an dem sein Vater nicht von der Arbeit wiederkam veränderte Vieles. Seine Mutter weinte wochenlang. Sie sagte er sei im Gefängnis. Er soll eine Rede gegen die Revolution gehalten haben. Sonst wissen sie nicht viel über das was an diesem Tag geschah. Sie wissen nicht wo er ist und nicht wann er wiederkommt. Manche sagen er habe Witze über Fidel gemacht und er soll Zettel verteil haben, auf denen irgendetwas über bessere Arbeitsbedingungen stand. Seine Familie begann irgendwie auseinander zu brechen, seit Onkel Ifrain vor zwei Jahren nach Florida geflohen war. Er schreibt einmal im Monat. Dem letzten Brief lag ein Foto bei. Er hatte einen Anzug an und er war ganz schön dick geworden. Doch seine Mutter will nicht dort hin. Sie werden warten. Bis Vater eines Tages wieder nach Hause kommt. Juan ist froh darüber, er hat so viele Freunde hier und wenn er es schaffen würde ein großer Fußballstar zu werden, könnte er seinen Vater vielleicht wiederbekommen.
Für viele Dollars.
Doch nun hat er schon zulange nachgedacht und zwei Torchancen versäumt.



 
 
 
 
 

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Tabaco

Das warme Morgenlicht streichelt das üppig grüne Tal von Vinales.
Seit die ersten Sonnenstrahlen das Tal erreichten, schneiden Carlos und Ruben den Tabak. Ruben lebt seit fünfzig Jahren in Vinales. Er war selten weit weg von hier und nur einmal zum Karneval in Havanna. Damals als er achtzehn war, ist er mit einigen Freunden dorthin gefahren. Carlos war auch dabei. Er hatte den Chevrolet seines Vaters geliehen. Das war eine Zeit! Der Rum floss in Strömen und sie haben nächtelang getanzt. Alle Frauen wollten ihn und er kann sich nicht erinnern in diesen Tagen geschlafen zu haben. Die schönste von allen war Esmeralda. Nächsten Monat, am ersten Sonntag ist sie seit dreißig Jahren seine Frau. Doch geheiratet hat er den Tabak. Es war schön damals in Havanna, doch es ist nichts gegen einen Tag im Tal, wenn die Strahlen der Sonne beginnen die Nebelschleier zwischen den Bergen aufzulösen. Wenn die Wärme des Morgens die taunassen Blätter trocknet. Nichts ist vergleichbar mit dem Duft der trocknenden Tabakblätter in den Scheunen. Hier im Tal waren die Auswirkungen der Revolution am wenigsten spürbar und auch heute ist man hier von der Dramatik der Realität fast verschont. Hier in dieser unverwechselbaren Landschaft scheinen die Probleme Cubas weit entfernt. Die Tabakbauern konnten Ihre Selbständigkeit weitgehend wahren und die dörfliche Gemeinschaft bietet noch unbedingten Zusammenhalt und Geborgenheit. Immer öfter kommen auch Touristen. Es ist eine gute Chance, hier und da auf legale Weise an Dinge zu kommen, die es sonst nur schwer zu kaufen gibt. Vor ein paar Tagen bekam er Bleistifte, Kugelschreiben und Papier. Die Tochter des Nachbarn kommt in diesem Jahr zur Schule. Sie wird es gut gebrauchen können. Vor einigen Jahren war ein Senor Hauer aus Deutschland auf seinen Feldern. Er machte viele Fotos. Nach zwei Monaten kam ein Paket. Ein großes gerahmtes Bild von Carlos und ihm war in dem Paket. Es hängt jetzt im Wohnzimmer über dem alten Sofa. Ja, es war damals eine gute Entscheidung nicht in Havanna zu bleiben, denn die Plantage seines Vaters liegt mitten im Paradies.



 
 
 
 
 

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Hospital

Jose beobachtet mit wütendem Blick die Fliege, die immer wieder auf seinem großen Zeh landet. Sein Pusten verscheucht sie nur kurz und mit dem Arm kommt er nicht ran. Im Zimmer ist es nicht ganz so heiß wie draußen. Die Hitze des Sommers mögen die Fliegen scheinbar nicht und wenn sie dann doch durch die fehlende Scheibe des oberen Fensters nach draußen fliegt, so kamen vorher schon zwei andere herein. Wenn er sie doch bloß mit einer Zeitung platt schlagen könnte. Doch er kann sie nicht erreichen. Sein Bein ist bis über das Knie in einen tonnenschweren Gipsverbannt gehüllt und hängt jetzt an einer langen Schlinge die an der Decke befestigt ist. Nur seine Zehen schauen heraus. Diese verdammten Touristen. Sie rasen mit Ihren Autos über die Insel, anstatt den Tag in der Hotelanlage zu verbringen. Was gibt es den hier schon im Hinterland. Nur flaches Land, Plantagen und ein paar stillgelegte Centrals. Einer dieser Irren hatte ihm gestern die Vorfahrt genommen. Dollars vor Peso, das wäre ja noch schöner! Als er am Straßenrand zu sich kam, hatte er einen offnen Bruch und eine Platzwunde aber er merkte es zuerst nicht. Die Löhne für die Leute in der Fabrik hatte er in einem Stoffbeutel um den Hals. Die Angst dass diese verschwinden könnten, waren sicher der Grund warum er nicht ohnmächtig wurde. Egal was passierte, er hielt den Beutel fest umklammert. Selbst als der Anestesist ihm eine Spitze gab, das Bein gerichtet und geschient und die Platzwunde am Kopf genäht wurde, gab er ihn nicht her.
Es dämmert draußen und seine Augen sind schwer. Doch schlafen kann er nicht. Zu sehr schmerzt sein Bein. Gestern kamen sofort seine Familie und andere aus Maximo Gomez und natürlich auch sein Chef um den Beutel zu holen. Seine Frau brachte von zu Hause eine Glühbirne mit. Nun gibt es wenigstens Licht und seine Zimmergenossen poltern nachts nicht mehr orientierungslos durch das Zimmer wenn sie zur Toilette müssen. Hoffentlich lassen sie ihn morgen nach Hause. Die Wand anstarren kann er auch da. Doch da läuft wenigstens der Deckenlüfter und es ist immer jemand da, der die Fliegen verscheucht.

Am Nachmittag wenn die Sonne sinkt, wenn es etwas kühler wird, könnte er ein wenig auf der Terrasse sitzen, zusammen mit seiner Frau und im Garten würden die Kinder spielen:



 
 
 
 
 

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Kommentare
  • pleuro 08.02.2012 | 16:58 Uhr

    Mit Einzelschicksalen zeigst Du die sozialen Missstände in diesem Land auf.
    Es ist Dir damit gelungen, bei mir Nachdenklichkeit, Betroffenheit und Traurigkeit auszulösen.
    Das ist kein Reisebericht, sondern eine verdammt gute Reportage.
    Liebe Grüße
    Anne

  • mamaildi 08.02.2012 | 18:08 Uhr

    Spotlights ins wahre Leben! Hier hab ich mehr über Kuba erfahren als in manchem kiloschweren Bildband...
    Sehr passend sind natürlich auch die eindrücklichen Bilder in sw.
    LG Ildiko

  • Blula 09.02.2012 | 20:02 Uhr

    Ich werde über diesen wahnsinnig guten Bericht noch sehr lange nachzudenken haben. Gut so. Du hast uns hier die Augen geöffnet. Ich sage DANKE!!!
    LG Ursula

  • globetrotter 11.02.2012 | 10:13 Uhr

    Ein Reisebericht der etwas anderen Art! Gut so, nicht überall ist alles nur eitel Sonnenschein!!!!
    LG Ute

  • fevi27 (RP) 11.02.2012 | 10:33 Uhr

    Toller und kritischer Bericht, abseits der üblichen Touristen Romantik. Freut mich, dass auch solche Berichte hier Eingang erhalten. Danke für die Darstellungen und Ruben würde ich gerne persönlich kennenlernen. Der Mann hat sicherlich unzählige Geschichten auf Lager. lg Eva

  • agezur 11.02.2012 | 13:33 Uhr

    Ein "Bericht" der gefangen nimmt - von der ersten bis zur letzten Zeile. Ich danke dir dafür dass ich diese Menschen kennenlernen durfte!
    LG Christina

  • fhaid 11.02.2012 | 13:33 Uhr

    Das ist echtes Reisen! Danke! Florian & Birgit

  • nach oben nach oben scrollen
  • Schalimara 11.02.2012 | 19:08 Uhr

    Keine Reisebericht im üblichen Sinne. aber diese Vielseitigkeit und die vielen Einblicke die man hier durch die verschiedensten Menschen bekommt macht dieses Forum lesenswert. Danke an Dich für den Blick "hinter die Kulissen".
    LG Schalimara

  • Janzour 12.02.2012 | 09:02 Uhr

    Ein Bericht zum zweimal Lesen. Vielen Dank dafür.
    Claudia

  • Zaubernuss 12.02.2012 | 09:39 Uhr

    Ich danke Dir für diesen Bericht. Er löst in mir Trauer und Betroffenheit aus. Das Fehlen von Dingen, die für uns selbstverständlich sind, das bittere Elend, die Hoffnung trotz allem, dies alles bringst Du uns in Wort und Bild näher. Die Menschen zeigst Du mit ihren Schicksalen und dem Wunsch, in irgend einer Weise würdig zu leben...
    Es braucht solche Berichte, damit wir nicht an der Oberfläche kleben bleiben !
    LG: Ursula

  • moho 12.02.2012 | 10:05 Uhr

    Erstmal Gratulation zur Startseite heute!
    ein zurecht wohlverdientes Emporheben dieser Lebensspiegelung. Und wie immer gut eingefangenen Buidl.
    LG Moni

  • mhsch 12.02.2012 | 21:10 Uhr

    Sehr schön geschriebene Reportage und die Fotos passen perfekt!
    Gruß mhsch

  • ingepeter (RP) 14.02.2012 | 22:15 Uhr

    Eine Reportage über die realen Zustände in Kuba, gestern und auch heute, ein Reisebericht für den üblichen Touristen ungeeignet, abseits von Strand und Salsa, All-inklusive Mentalität - es stimmt traurig, dass die Kubaner so wenig von den Tourismuseinnahmen profitieren können und eigentlich oft nur Nachteile. Ein ganz wichtiger Bericht auch auf diesem Portal und nun berechtigt auf der Startleiste!
    Gruss Inge

  • nach oben nach oben scrollen
  • doubleegg 29.02.2012 | 17:30 Uhr

    Manchmal tut es weh, wenn man zu nahe herangeht. Aber es braucht Nähe um zu verstehen. Mich hat das alles zu sehr frustriert, wollte ich keinen Bericht zu Kuba verfassen. Aber du hast wunderbare Gleichnisse gefunden um dieses Land zu beschreiben - ich hoffe mit ihm. Gracias!

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Amargo azugar 5.00 25