Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben.
Reisebericht: Auf einsamen Pfaden
In den piemontesischen Alpen: Der Weitwanderweg GTA führt durch eine ursprüngliche Landschaft mit Höhen und Tiefen - ein Paradies für alle Wanderer, die auf Komfort und Massenandrang gerne verzichten.
- Anreise
- Ein schneller Aufstieg
- Über sonnige Weiden
- Ins Tal der Chiusella
- Sonne unten, Nebel oben
- Auf die "Gänsedüse"
- Ein wasserreicher Tag
- Regen, Regen, Regen
- Auf Regen folgt Sonnenschein
- Zum Lago d'Eugio und zur Alpe di Colla
- Im Busch
- Sant'Anna
- Nach Noasca
- Noasca - Ceresole R.
- Lärchenwald
- Zur höchsten Aussicht
- Nach Balme
- Alle Wetter
- Ruhetag mit Ausflug
- Fönsturm
- Nach Susa
Auf Regen folgt Sonnenschein
Es dämmert. Die obersten Zipfel der Berg sind in zartes Rosa getaucht. Das Unwetter hat sich verzogen, die Luft ist frisch und rein. Die Schafe erwachen und schütteln den Schlaf von sich. Die Sonne steigt höher. Orange ist nun die dominierende Farbe. In den Tälern regiert noch der Schatten. Ein scheinbar andere Welt. Der Anblick ist unbeschreiblich und war alle Mühen wert.
Das Handy ist tot. Die Nässe ist schuld. In seine Einzelteile zerlegt, breite ich das telefonino, die nassen Klamotten und die Schuhe zum Trocknen in der Sonne aus. Ein karges Frühstück mit den letzten Müsliriegeln und Trockenobst. Die Schafherde fängt zu fressen an und zieht gelangweilt weiter. Der gesamte Grat ist mit Scheiße bedeckt. Nicht ohne Bedauern verlasse ich diesen wunderschönen friedlichen Ort und wende mich dem Monte Arzola zu.
Zum Lago d'Eugio und zur Alpe di Colla
An der Flanke des Monte Arzola steigt die GTA bis auf 2190m an, um dann auf schmalem Steig durch einen felsigen Grashang zum Stausee Lago d'Eugio (1860m) wieder abzufallen. Wanderer dürfen die erste Staumauer nicht überqueren, sie müssen erst ab- und auf der anderen Seite wieder aufsteigen. Mehrmals löst meine Anwesenheit Alarm aus, den der Wächter abstellt. Nach der zweiten Staumauer schlendere in der warmen Sonne auf dem Fahrweg abwärts und finde bald einen komfortablen Rastplatz mit Aussicht und eingebautem Solartrockner.
Nach der ausgiebigen Mahlzeit packe ich die getrockneten Klamotten ein. Wolken ziehen auf. Ich gehe weiter bis zum Abzweig des GTA von der Fahrstraße. Der Pfad führt einen steilen Grashang hoch, auf den namenlosen Pass bei der Alpe di Colla (2171m). Die Orientierung ist einfach: senkrecht den Hang hoch. Etliche Kühe weiden oben an der Alpe. Neugierig beäugen sie mich. Auf dem Grat befindet sich das schön renovierte Försterhaus, das vom Monte Arzola zu sehen war.
Von der Alpe di Colla zur Alpe Praghetta nach San Lorenzo
Die warme feuchte Luft rast den Hang hoch und kondensiert oben zu Wolken, die sich auf der anderen Seite des Berges wieder auflösen.
Der GTA verläuft fast hangparallel, ohne nennenswerte Höhendifferenzen. Ein junger Mann, längere, zerzauste Haare, eine Kippe im Mundwinkel und bekleidet mit einem blauen Bauernkittel, kommt mir entgegen. Er fragt, ob seine Kühe (mucche) auf bei der Alpe di Colla. Ich bejahe. Es ist Vieh der Alpe Praghetta. Auf der anderen Seite des Passes dürfen sie nicht weiden, weshalb er sie jetzt holen muss. Die Alpe Praghetta (ca. 2100m) erreiche ich nach einer halben Stunde. Zurückblickend sehe ich, wie der Bauer die Kühe auf dem schmalen Pfad zur unbewohnten Alpe treibt.
Es geht zügig und steil bergab. Bald lasse ich ein sonniges Birkenwäldchen hinter mir und lege ich mich zum Ausruhen ins Gras. Der junge Bauer von vorhin geht grüßend an mir vorbei, seine Kühe hat er zur Alpe getrieben und nun steigt er ab ins Tal. Jeden Tag muss er wohl die 1000 Höhenmeter rauf und runter.
Der Beruf der Bergbauern stirbt langsam aus. Zu anstrengend. Wo es keine Fahrstraße gibt, verlassen die Jungen die Berge, Almen (Alpen) und Dörfer zerfallen. Zurück bleiben alte Leute.
Der Ort San Lorenzo im Piantonettotal, mein Etappenziel, ist ruhig und verschlafen. Der posto tappa liegt an einem wasserreichen und lauten Bach. Die Besitzer, ein älteres Ehepaar, betreiben auch das dazugehörige Restaurant. Zwischen der Unterkunft und dem ristorante liegt ein Forellenteich. Eine Forelle muss heute ihr Leben lassen.
Das Essen ist zu ölig und zu wenig gewürzt. Während des Abendessens - ich bin nat. der einzige Gast - läuft der Fernseher. Was sollen die Leute auch sonst mit ihrer Zeit anfangen? Nachrichten über Fukushima. Der grauhaarige, noch frisch wirkende Wirt ist gegen Atomkraft. Zu gefährlich, meint er. Er prägt mir ein, dass ich am nächsten Tag nach Fè und nicht nach Fei absteigen muss. Mein Handy funktioniert wieder!
-
Klasse dein Reisebericht ! Es hat mir sehr viel Spass gemacht Dich auf deiner Wanderung begleiten zu dürfen. Vielen Dank dafür ! LG Hans
-
Diese Wanderungen wäre ich ich gerne mitgegangen, schön, dass es virtuell möglich ist. Danke für diesen Bericht.
-
Ich gratuliere Dir nicht nur zu Deinem schön erzählten und gut bebilderten Reisebericht, sondern auch zu Deinem Mut und Deiner Ausdauer! Ich habe Deine ungewöhnliche Wanderung auch in mehreren Etappen verfolgt und immer wieder gestaunt, in was für eine Welt Du eingetaucht bist! Am Rande Deiner Wandergeschichte tauchen auch Probleme der Alpenregionen auf. Wer wird in einigen Jahren diese Alpen noch bestossen? Wie wird sich die Landschaft verändern? Wie wird es den Bewohnern der abgelegenen Bergregionen ergehen? Ich danke Dir, dass Du so persönlich und lebendig Deinen Weg ins Niemandsland beschrieben hast.
LG: Ursula
Lesezeichen für diesen Reisebericht setzen bei ...
-
Mister Wong
-
Google Bookmarks
-
YiGG
-
del.icio.us
-
Digg
-
StumbleUpon
-
Magnolia
-
Webnews
Bookmark in Ihrem Browser speichern Schließen