Orient Express - mit dem Zug von Deutschland in die Türkei

Reisebericht

Orient Express - mit dem Zug von Deutschland in die Türkei

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Von Ankara nach Pamukkale

Gegen 18.00 Uhr fuhr mein Nachtzug nach Izmir ein.
Das Schlafwagenabteil, welches ich gebucht hatte, war noch besser als das auf der Fahrt von Istanbul nach Kayseri. Es gab eine Klimaanlage, eine Dusche mit warmen Wasser und sogar einen Kühlschrank.

Am nächsten Tag erwachte ich mit den ersten Sonnenstrahlen. Die Landschaft hatte sich total verändert. Überall üppiges Grün und Obstbäume. Wir fuhren jetzt durch ein breites, ebenes Tal.
Unser Schlafwagenschaffner, der nur gebrochen Englisch sprach, hatte mir gesagt, dass wir in einem Vorort von Izmir aussteigen und mit dem Bus weiterfahren müßten.
In Izmir wird die Bahnstrecke ausgebaut.
Bald tauchten die ersten Vororte von Izmir auf. Ab hier gab es eine S-Bahn und elektrischen Zugbetrieb.
Auf einem kleinen Vorortbahnhof stiegen wir in mehrere Busse und fuhren durch den Berufsverkehr von Izmir.
Mit etwa einer Dreiviertelstunde Verspätung erreichten wir den Bahnhof Basmane, einen recht bescheidenen Kopfbahnhof im Zentrum von Izmir.

An der Information fragte ich, wann und wo der nächste Zug in Richtung Denizli abfahren würde.
Die Dame sagte, es würden zur Zeit überhaupt keine Züge nach Denizli fahren.
Also würde ich wohl mit dem Bus weiterfahren müssen.

Ich sah mich um. In der Nähe des Basmane-Bahnhofes gab es ein Büro einer Busgesellschaft. Dort verkauften sie mir gleich eine Fahrkarte für den nächsten Bus nach Denizli. Es gab sogar einen kostenlosen Shuttle-Service vom Basmane-Bahnhof zum Busbahnhof, der sich wieder weit außerhalb der Stadt befand.
Eine Metro zum Busbahnhof befand sich noch im Bau.

Der Busbahnhof von Izmir war ähnlich gigantisch wie der von Ankara, mit mehreren Stockwerken, so groß wie etwa der Flughafen Berlin-Tegel.
Unser Bus stand schon am Bussteig bereit. Ich gab mein Gepäck ab und bummelte noch ein wenig auf dem Busbahnhof umher.

Als wir schon eine Weile unterwegs waren, kam ein Schaffner durch und kontrollierte die Fahrschein. Er sah mich komisch an und sagte, dass dieser Bus nicht nach Denizli fahren würde. Ich war geschockt.
Der Schaffner sagte, kein Problem, der Bus würde an der nächsten Raststätte halten. Dort könne ich aussteigen. Der Bus nach Denizli käme direkt hinterher und würde mich dort auflesen.
Ich war etwas mißtrauisch, ob das wirklich funktionieren würde. Aber ich hatte wohl keine andere Wahl.
An der nächsten Raststätte stieg ich aus und wollte meinen Rucksack in Empfang nehmen. Aber der war nicht da.
Was jetzt tun? Nun war auch noch mein Rucksack weg! Der Bus fuhr weiter und ließ mich an der Autobahn stehen.
Die einzige Chance war, dass ich vielleicht in den falschen Bus eingestiegen wäre und dass sich mein Rucksack in dem nachfolgenden Bus befände.
Tatsächlich, nach wenigen Minuten traf der Bus nach Denizli ein und nahm mich ohne Probleme mit.

Obwohl es Mitte Februar war, war es draußen schön warm. An den Straßenrändern hingen Orangen. Die Straßen waren gesäumt von riesigen Obstplantagen.

Gegen Mittag trafen wir auf dem Busbahnhof von Denizli ein.
Wie erleichtert war ich, als ich meinen Rucksack im Kofferraum des Busses liegen sah!

Ein Mann führte mich gleich zum Dolmus nach Pamukkale. Der fuhr dann auch recht bald los.
Ein Dolmus ist eine praktische Erfindung. Es handelt sich um eine Mischung aus Bus und Sammeltaxi und fährt fast jedes Dorf an. Der Dolmus fährt auf festgelegten Strecken mit festen Fahrplänen und zu festen Preisen. Man kann unterwegs überall ein- und aussteigen, wo man will.

Pamukkale liegt ca. 19 nördlich von Denizli und ist berühmt wegen seines Thermalbades.
Schon die alten Römer hatten die heilende Wirkung des kalziumreichen Wassers zu schätzen gewußt. Die Ruinenstadt Hierapolis zeugt davon.
Der Travertin (Kalzimkarbonat), der aus den heißen Quellen gespeist wird, bildet beim Herunterfließen Terrassen, Becken und Stalaktiten und bedeckt die Felsen von Pamukkale. Die faszinierenden Formen sind dem warmen Mineralwasser zu verdanken.
Wenn das Wasser über den Rand der Felsen stürzt, kühlt es ab, und das Kalzium lagert sich ab. Diese merkwürdige Landschaft ist mit nichts in der Türkei vergleichbar und steht auf der UNESCO-Welterbeliste.
Allerdings hat der Touristeboom in der 1980ern und 1990ern dem Travertin arg zu schaffen gemacht. Eine Reihe von Hotels zapfte oberhalb der Terrassen die Quellen an. Die Travertinterrassen trockneten aus, wurden matt und schmutzig.
Um den Travertin zu erhalten, griffen die Behörden hart durch. Alle Hotels wurden abgerissen. Heute darf niemand mehr in den Becken baden. Das Wasser fließt trotzdem noch sehr langsam.

Unser Dolmus hielt genau in der Mitte des Dorfes. Von hier waren es nur ein paar Meter bis zu meiner Pension.

Ich war der einzige Gast. Es gab einen schönen Innenhof mit Swimmingpool (der jetzt im Winter allerdings leer war) und so viele leerstehende Gästezimmer, dass ich mir eins aussuchen konnte. Ich nahm eines mit 5 Betten, welches ich ganz alleine für mich hatte (zum Nachsaison-Sonderrabatt-Preis von 5 Euro pro Nacht).

Der Besitzer konnte sogar deutsch und bot mir gleich einen Tee an. Es war etwas seltsam, in einer großen Pension der einzige Gast zu sein. Aber mein Gastgeber war sehr freundlich, und die Atmosphäre war angenehm und herzlich.

Die Außentemperaturen erreichten sommerliche 25-30 °C. Das Wasser in unserer Pension wurde über Solarpanele erhitzt und nachts in einem Speichertank gespeichert.

Am Nachmittag machte ich dann einen Ausflug zu den berühmten Travertinterrassen, die sich nur wenige Minuten von meiner Pension entfernt befanden.
Am Eingang mußte man die Schuhe ausziehen und konnte dann aber dafür durch das warme Wasser waten, welches über die Felsterrassen floss. Da nicht mehr genug Thermalwasser vorhanden war, wurden immer einige der Kanäle, in die das heiße Wasser geleitet wurde, abgesperrt. So hatten die restlichen Zu- und Abflußkanäle ausreichend Wasser. Nach einer Weile wurde gewechselt, so dass jeder Kanal regelmäßig von heißem Travertinwasser durchspült wurde.
Beeindruckend war der Anblick des dampfenden Wassers in der Abendsonne mit einem herrlichen Panoramablick von den Terrassen auf die darunterliegende Ebene.

Natürlich gab es jede Menge Reisegruppen, die die Travertinterrassen bevölkerten.
Etwas weiter oben, in der römischen Ruinenstadt Hierapolis hatte ich mehr Ruhe. Hier gab es u.a. noch ein halbwegs erhaltenes römisches Amphittheater.

Empfehlungen:

Unterkunft:

Artemis Yoruk Hotel
Kasabsis Ataturk Ca 48/a
Pamukkale 20280
Turkey

Direkt in der Ortsmitte, wenige Meter von der Bushaltestelle entfernt, 10 Minuten von den Travertinterrassen entfernt. Internet und Tee gratis. Gute hausgemachte Küche. Swimmingpool. Der Besitzer spricht fließend Deutsch und Englisch.

www.artemisyorukhotel.com
E-Mail: info@artemisyorukhotel.com
Tel.: +90-258-272-2674
Fax: +90-258-272-2675



Hauptstraße von Pamukkale




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Kommentare

  • Blula

    Drei Wochen auf den Gleisen des Orient Express unterwegs zu sein, oja, das könnte mich schon auch mal reizen, vor allem jetzt, nachdem ich Deinen tollen Bericht lesen durfte. Danke für's Mitnehmen und auch für die vielen guten Informationen.
    LG Ursula

  • INTERTOURIST

    Diese Art des Reisens empfinde ich als besser, als überall schnell hinzujetten, auch wenn ich mir die Zeit selten nehme.
    Die Fahrt ist ebenfalls schon eine Erfahrung und ich glaube, dass das Reiseerlebnis so viel intensiver ist.

    grüsse Jörg

  • agezur

    Ich kan dich nur bewundern - so eine Reise mit "hoffentlich", "vielleicht" und anderen Unsicherheiten wäre nichts für mich. Dass du auf diese Art ganz besondere Kontakte hattest ist klar - aber trotzdem nichts für mich.
    Deinen Bericht habe ich aber gerne und mit großer Aufmerksamkeit gelesen.
    Und jetzt meine Frage: Würdest du diese Reise genauso nochmals machen?
    LG Christina

  • frieden_schenker

    Zu Deiner Frage, Christina: Zur Zeit würde ich die Reise nicht machen, einfach aus dem Grunde, weil beide Bahnhöfe in Istanbul wegen Bauarbeiten am Marmaray-Projekt (der Tunnel unter dem Bosporus) ab Mitte Februar 2012 für voraussichtlich mehrere Jahre gesperrt sein werden. Wenn der Tunnel und die Hochgeschwindigkeitsstrecke von Instanbul nach Ankara fertig sein werden (geplant: 2013 - kann sich aber noch weiter verzögern), dann könnte man darüber nachdenken. Vor allem dürften dann auch die Bahnstrecke von Sofia zur türkischen Grenze und die Bahnstrecke von Zagreb nach Belgrad besser ausgebaut sein.
    Mein Traum ist, mal von Deutschland über Istanbul - Teheran - Pakistan nach Indien mit dem Zug zu fahren. Dafür braucht es aber mehr als 3 Wochen Urlaub.
    Übrigens gab es vor dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien einen durchgehenden Zug mit Schlaf-, Liege- und Autotransportwagen von München nach Istanbul.

  • Zaubernuss

    Ich bin leider für solche Reisen auch nicht mehr zu haben, obwohl es mich reizen würde, länger mit dem Zug zu reisen. Wenn man älter wird, schätzt man einen gewissen Komfort, lässt sich nicht mehr gerne auf Unbestimmtes ein. Aber gerade deshalb, weil Du dies alles gewagt hast und uns so ausführlich darüber schreibst, ist Dein Reisebericht selbst beim Lesen eine tolle Reiseerfahrung ! Danke !
    LG: Ursula

  • globetrotter

    Sehr interessanter Bericht mit vielen schönen Bildern! Eine Reise der besonderen Art, die macht nicht jeder:)
    LG Ute

  • costep

    Zuerst einmal: großartig. In der Beschreibung, in den Details und in der Durchführung einer nicht ganz so trivialen Reise. Für mich war auch die Information interessant, dass Interrail jetzt auch für Leute über 26 erhältlich ist.
    Trotzdem ist es leider so, dass es für Belgrad -Sofia nur eine Liegewagenverbindung mit einem 6er gibt. Die tue ich mir als Geschäftsreisender nicht an. Es gibt im Internet Angaben, wonach es auch 1. Klasse geben soll, aber meine Bekannte hat am Belgrader Bahnhof extra nachgefragt und eine abschlägige Auskunft erhalten.
    Ich kann also deinen Bericht indirekt recht gut bestätigen.
    Zu deiner Information: ich war in Belgrad auf einigen Veranstaltungen, wo Banken von Krediten in Milliardenhöhe gesprochen haben, die in den Infrastrukturausbau, speziell auch Bahn, gehen sollten. Davon sieht man wenig. Was gebaut wird, ist alles für das Auto gedacht.
    -
    Und so muss ich von Belgrad nach Wien und von Wien nach Sofia fliegen, wenn ich die Dienstreisen an aneinander folgenden Wochen geplant habe.
    Ich darf mich insoferne outen, dass ich nach Frankfurt, oder auch bis Düsseldorf oder Essen lieber mit dem Zug fahre als zu fliegen. Aber nach Belgrad kann ich nur einen Flug einplanen, alles andere wäre zu unsicher.

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  • frieden_schenker

    Hallo Costep,

    danke für deine Nachricht.
    Auch ich bin bei meiner zweiten Türkeireise nach den Erfahrungen mit der Zugfahrt durch Serbien und Bulgarien nach Istanbul geflogen.
    Abgesehen davon wurde der Tageszug von Belgrad nach Sofia (mit welchem ich gefahren bin) wegen angeblichen Lokmangels bei der Serbischen Staatsbahn gestrichen. Es bleibt also nur noch der Nachtzug von Belgrad nach Sofia (mit Schlafwagen von Budapest nach Sofia) mit dann halbtägigem Aufenthalt in Sofia oder der gewaltige Umweg über Rumänien.
    Außerdem fahren zur Zeit überhaupt keine Fernzüge nach Istanbul wegen dem Ausbau der Strecken vom und zum Bospurustunnel (Marmaray-Projekt).
    Der Zug von Sofia / Bukarest nach Istanbul fährt nur bis ca. 100 km vor Istanbul. Von dort geht es dann mit dem Bus weiter.
    Und die Fernzüge von Istanbul nach Asien beginnen bis auf 2 Ausnahmen in Ekisehir mit Buszubringer.
    Allerdings sollen ab Frühjahr 2014 die Hizli Treni (Hochgeschwindigkeitszüge) von Pendik (ein Vorortbahnhof im Großraum Istanbul) nach Ankara fahren und in ca. 2 Jahren soll das Projekt fertig sein, so dass man vom neuen Hauptbahnhof im europäischen Teil Istanbuls bis nach Ankara (und weiter) durchfahren kann. Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke bis nach Edirne (bulgarische Grenze) ist auch geplant bzw. teilweise schon im Bau.
    Auf bulgarischer Seite wird zumindest am Streckenabschnitt Plovdiv - Dimitrovgrad - türkische Grenze gebaut (Ausbau für 160 km/h).
    Auf serbischer Seite ist bisher wenig passiert. Obwohl gerade wieder Gelder freigegeben wurden für den Ausbau kroatische Grenze - Belgrad und Budapest - Belgrad.

    Auf kroatischer Seite war schon zur Zeit meiner Reise die Bahnstrecke bis zur serbischen Grenze im Bau (Ausbau für 160 km/h).

    Bleibt zu hoffen, dass es in einigen Jahren wieder durchgehende (und wesentlich schnellere und bequemere) Züge zumindest von Budapest bis Istanbul geben wird.



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