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Reisebericht: Reise in die Vergangenheit. Südäthiopien.
Tagebuchaufzeichnungen von meiner Reise durch Die Provinzen der Südvölker.
16. Tag meiner Äthiopienreise: Abfahrt in die Provinz der Südvölker
Unsere Truppe: Fahrer Sisay, Guide Nebiyu, die, nach eigenen Worten Verrückte aus dem Flugzeug von Frankfurt nach Addis (siehe Bericht Äthiopien 2010) –sie will Robby genannt werden-, ein „alter Wiener“ mit langem weißen Rauschebart, der noch dazu so aussieht wie er heißt und seit heute Morgen unser fünfter Mann auf der Reise ist, und ich.
Langanosee: Schon am ersten Tag werden wir nach nur wenigen Stunden Fahrt von der Weite der Savanne und der, mir fremden, Vogelwelt überwältigt. Weißkopfseeadler, ein brauner Hammerkopf, stolze Ibisse und viele zerzaust wirkende Marabus verwirren uns mit ihrem außergewöhnlichen Aussehen am Awash-Stausee und am nahen Ziwaysee.
Auf den Getreidefeldern hat die Erntezeit begonnen.
Viele Lastwagen und Kleinbusse sind auf der Handelsstraße in den Süden unterwegs. Die Isuzu-Transporter nennt Nebiyu „Al Kaida“, wegen der vielen schlimmen Unfälle, die sie auf Grund ihrer Raserei verursachen.
Ab unserem ersten Zwischenstopp ist „Rauschebart“ die Attraktion der Kinder. Sie spielen „wer getraut sich das Gespenst berühren“. Auch Robby hat leuchtend weißes langes Haar, das immer zu einem Pferdeschwanz gebunden ist. Sogar Erwachsene haben schon probiert, ob dieser an der Kappe befestigt und abnehmbar ist.
So bin ich in der Gruppe die unauffälligere Erscheinung. Das vereinfacht den Umgang mit den Menschen enorm.
Die Lodge am Langanosee ist nobel! Hier urlaubt auch die afrikanische Elite. Ich bin sehr überrascht.
17. Tag, Montag 25.10.2010
Alles ändert sich rigoros. Die Landschaft geht in, für unsere Augen strukturlosen, nach der Regenzeit noch grünen Busch über. Die Straße ist über weite Strecken eine im Bau befindliche Lehm- und Geröllpiste. Nur noch kurze Abschnitte sind asphaltiert. Sisay holt dann mit Vollgas alles aus der alten Kiste heraus, die man uns bis Arba Minch zugeteilt hat.
Der Nissan, an dem nach meiner Einschätzung möglicherweise nur noch Gaspedal und Lenkrad einwandfrei funktioniert haben, gibt eine Stunde vor Arba Minch erstmals den Geist auf. Mit mehreren Zwischenstopps, bei denen der Fahrer Öl (so vermute ich) in den heißen Motor nachfüllen muss, sollte dringend in die Werkstatt! Zu dritt auf der Rückbank, die auch noch zweigeteilt das Sitzen in der Mitte erschwert und bei offenem Fenster auf der staubigen Lehmpiste unterwegs, wirken alle angespannt und erschöpft zugleich. Das Fenster hochkurbeln geht nur zu zweit bei einem Zwischenstopp. Staub und Hitze lassen bis zum Abend auch meine lebens- und reiseerfahrenen dauerredenden Expeditionsbegleiter zumindest zeitweise verstummen.
Alles hat seine Vorteile!
Wir warten eine Ewigkeit auf das Abendessen. Weil Nebiyu und Sisay in die Werkstatt gefahren sind und das Personal der Lodge eine riesige Gruppe Diplomatenkinder zu versorgen hat, sitzen wir sozusagen alleine an einem Tisch und denken uns lange nichts dabei. Ohne Gruppenleiter zählen wir aber typischerweise nichts. Genau so werden wir behandelt. Viele Aufforderungen -zuerst höflich vorgetragene, später immer forscher eingeforderte Bestellungen- werden mit „busy, busy“ abgeschmettert. Als die anderen Gäste allesamt verköstigt sind, bequemt man sich auch uns zu bedienen. In der Küche findet man tatsächlich noch Nahrungsmittel für uns.
In der Nacht beginnt es kräftig zu regnen.
Der nächste Morgen zeigt sich als dunstverhangene Seenlandschaft und noch immer gibt es kurze Schauer. Für meine Begriffe herrscht hier Regenwaldklima. Zwischen Wolkenbänken geht langsam die Sonne über dem Chamosee auf und ein Pavian-Mann geht stolz vor meiner Terrasse vorbei. Kurz darauf folgt der bewaffnete Parkwächter.
Die schöne Anlage der Lodge ist weit zwischen Büschen verteilt und ruhig gelegen. Hinter der hohen Mauer hört man Schulkinder singen. Ich kann das, mir sehr unangenehme Gefühl der kolonialherrschaftlichen Idylle nicht verhindern!
Die Menschen hier im Süden haben sich in Art und Verhalten geändert. Ihre Haut ist nicht mehr braun wie im Norden, sondern tiefschwarz. Ihre Körper kräftiger gebaut und sichtlich besser genährt.
Man begegnet uns selbstsicher und bestimmt, aber freundlich. Keiner bettelt.
Bananenplantagen und Maisfelder lassen sich im Busch häufig ausmachen. Die Tierherden sind riesig und es gibt genug Wasser. Männer stehen an den Flüssen um sich zu waschen, Kinder vergnügen sich beim Baden und Frauen kümmern sich um die Wäsche. Direkt an der Straße, die durch ein Flussbett führt, bückt sich eine Frau neben einem Rind um mit der bloßen Hand lehmbraunes Wasser aufzunehmen und zu trinken. Lastautos, Tiere, Menschen um sie herum sind kein Grund nicht den Durst zu löschen. Mir wird übel als ich mir vorstelle wie mein Körper auf die Qualität dieses Wassers reagieren würde.
Dienstag:
Sisay und Nebiyu kommen mit dem bekannten Auto um mit uns zum Markt der Dorze auf über 3000 Meter hinauf in die Berge zu fahren. Wir sind schockiert, obwohl sie uns versichern, dass das Fahrzeug repariert worden ist. Als ich höre, dass gestern nicht ständig Öl, sondern Bremsflüssigkeit nachgefüllt werden musste, werde ich leicht panisch. Bestimmt und mit wohlüberlegten Argumenten kann ich am Telefon -eine Stunde gehe ich unseren Guide auf die Nerven, dass er eine Verbindung nach Addis zustande bringen muss- den Chef der Reiseagentur davon überzeugen, dass wir, sollten wir heil vom Berg zurückkommen, auf keinen Fall mit diesem Auto weiterreisen werden.
Egal was ich erzähle, es wird keiner glauben was ich am Markt der Dorze gesehen habe!
Unglaublich bunt und geschäftig, aber keinesfalls gestresst begegnen uns die Menschen am Berg. Meine Augen können die Pracht der Farben kaum fassen! Die Häuser sind gepflegt, ihre Grundstücke eingezäunt und es ist absolut sauber. Nirgends sehe ich Müll. In einer Kooperative zeigen uns junge Männer und Frauen ihre traditionellen Handwerke der Weberei und die Verarbeitung der falschen Bananenpflanze Ebore zu allem, was das Volk (früher) zum Leben benötigt (hat): Nahrungsmittel, Verpackungsmaterial, Gebrauchsgegenstände, Viehfutter…..
Bei genauerem Hinsehen fallen mir aber auch in diesem Bergdorf Händler mit billiger chinesischer Ware, wie sie fast überall im Land schon zu finden ist, auf. Ebenso ein Lagerplatz mit gebrauchten Kleidern aus Europa ist von Einheimischen gut besucht. Man kauft ausgebleichte Kinderhosen, alte Frauenkleider und verschlissene T-Shirts. Ich schäme mich heimlich für jene, die zu Hause Menschen glauben machen wollen, dass alles für wohltätige Zwecke im Katastrophenfall gespendet wird.
Und alkoholisierte Männer stehen gegen Mittag debattierend auf den Wegen herum.
Ich versuche in der Kooperative eine wunderschöne gewebte bunte Wolldecke zu kaufen. Der junge selbstbewusste Verkäufer schlägt allerdings einen Preis vor, der bei mir die innere Alarmglocke läuten lässt. Mein Gegenangebot beträgt nur 20 Prozent seines Vorschlages. So dauert die Preisverhandlung ziemlich lange, bis es mir zu bunt wird und ich mich in das Auto setzte, von dem aus uns die anderen vier die ganze Zeit aufmerksam beobachten. Ich versuche noch ein letztes Argument für meinen Preis: „I am no american. I come from Europe.“ Ich bebe innerlich vor Zorn und finde keine Worte. Schon gar keine englischen. Mein Gegenüber erwidert prompt: „It´s the same!“
Entrüstet wehre ich mich jetzt erst recht, was die Sache weiter in die Länge zieht. Ich hasse das Verhandeln am Markt. Aber Ungerechtigkeit muss bekämpft werden. So erziele ich am Ende einen für beide akzeptablen Preis.
Wieder gehen in der Nacht schwere Regenfälle nieder und in der Ferne grollen Donner!
Unser Ersatzauto –entweder meine Argumente haben gewirkt, oder der Agenturchef wusste von der miesen Qualität des Fahrzeuges- ist die reinste Luxuslimousine im Vergleich zum vorigen Karren. Ich betone: Im Vergleich! Neu ist hier kein Geländewagen. Sie sind allesamt schon lange im Einsatz!
Auf dem Weg in den Nationalpark am See legen wir viele Stopps ein um eine Pavian-Herde, Meerkatzen, Warzenschweine und Goliath-Reiher zu beobachten. Leider können wir nicht weit fahren, weil unser Auto sonst im Schlamm steckenbleibt. Der Regen von letzter Nacht hat den Weg zur Morast-Landschaft verwandelt. Als Entschädigung besichtigen wir daher die neue Krokodilfarm.
Eine Bootsfahrt am Chamosee wird zum spannenden Erlebnis. Die riesigen Krokodile, die um uns herumlungern, jagen mir erstmals auf dieser Reise wirklich Angst ein. Ich will nicht ihre Wochenration Fleisch sein! Ich will weg. Und auf den Kontakt mit Flusspferden kann ich gut verzichten…
Konso:
Fast täglich wandelt sich das Land samt seinen Bewohnern. Terrassenkulturen der Konso prägen die wieder sehr hügelige Landschaft. Ich bin überwältigt und fasziniert! Man begegnet uns distanziert aber höflich und will keinesfalls fotografiert werden. Mit Ausnahme der Kinder, die viel Spaß daran haben sich selber auf einem Bild zu sehen. Wie Ameisen belagern sie uns bei jeder Gelegenheit und fordern an den Straßenrändern „Heiland, Heiland!“ -Sie wollen unsere leeren(!) Wasserflaschen als Behälter sammeln. (Zur Erklärung: Heiland ist ein Markenname für Trinkwasser).
Als Robby und ich ein kleines Mädchen beobachten wie es, nachdem wir ihm eine unserer Flaschen geschenkt haben, unser Trinkwasser auf die Straße leert, reagiert Robby total wirsch. Sie kapiert nicht, dass die Menschen hier nicht sauberem Wasser, sondern an praktischen Behältern interessiert sind.
Das Straßenbild zeigt plötzlich keine Esel mehr. Dafür ist jede Frau schwer beladen unterwegs. Sogar manche ihrer kleinen Töchter müssen schon tragen helfen. Die stolzen Männer, die mich in ihrer Statur jetzt an Massai erinnern, schlendern eher ihren Weg entlang. Keiner wirkt so, als müsste er sich anstrengen.
Nach einer kurzen holprigen Fahrt in die Berge landen wir in „New York“ (sprich ähnlich wie: Nw Yoak). Die Erinnerung an den „ Price Canyon“ (USA) und ihre Abwandlung (Skyline von N.Y.) hat der Landschaft diesen Namen gegeben. Die Geschichte erzählt, dass ein König gestorben sei und derjenige sein Nachfolger werden solle, der seinen vergrabenen Armreifen wieder findet. Seither graben Menschen danach….. Die Fantasie der Afrikaner ist grenzenlos und braucht keinerlei Logik!
Die Konso sind sichtlich stolz auf diesen roten Canyon, der auch mit örtlicher Wache beschützt wird. Natürlich wird Eintrittsgeld verlangt! Die Höhe muss Nebiyu selbstverständlich erst mit dem Dorfältesten verhandeln.
Donnerstag, Markt in Key Afer
Traditionell gekleidete Hamer, Konso oder Aari lassen uns wissen, dass hier das wirkliche Afrika ist! Manche haben allerdings mit ihrer tollen Erscheinung auch schon gelernt gutes Geschäft zu machen. Sie fordern für Fotos Geld. Ich finde bei einer Porträtaufnahme ist das auch berechtigt!
Mir fällt auf, dass alle Touristen, die im Süden unterwegs sind, immer an den gleichen Stationen wieder zusammen kommen und man kennt sich, bzw. ihre Autos mit der Zeit.
Jinka: 21. Tag
Jinka ist ein ehemaliger Verbannungsort für politisch Verfolgte aus dem Norden. Genauso wirkt die Gegend auf mich. Allerdings ist die Straße bis hierher praktisch durchgehend im Bau. Brücken –man sieht es von Weitem an der Größe, wenn eine die EU finanziert!- und fertige Teilstücke zeugen vom nahenden Fortschritt, der dieser Gegend bevor steht. Noch zeigen fein säuberlich aufgelegte Steine abschnittsweise Fahrverbote an und Umleitungen neben der Piste sind eher die Regel als die Ausnahme. Neu angelegte und vom Regen wieder zerklüftete Lehmpistenabschnitte wechseln sich regelmäßig ab.
Kaleb unser zweiter Fahrer malträtiert sein Fahrzeug auf Teufel komm heraus und meine sowieso gepeinigte Wirbelsäule muss so manchen Schlag dämpfen. Manchmal bleibt uns allen kurz der Atem weg, wenn ein Schlag allzu tief sitzt.
In Jinka brauche ich „mein eigenes Handtuch“. Der Komfort in unserer Unterkunft ist gut gemeint, aber sehr begrenzt. Ich montiere mein eigenes Moskitonetz indem ich einen alten Metallstuhl als Stehleiter auf das Bett –es besteht aus übereinander gestapelten Matratzen- stelle und darauf, auf Zehenspitzen stehend, gerade noch den Haken an der Decke erreiche.
Außerdem schlafe ich heute in meinem nagelneuen Seidenschlafsack.
Von den tausenden Gesichtern, Händen und Körpern, die mich unterwegs die letzten Wochen gestreift, berührt und beeindruckt haben, gibt es zunehmend öfter einzelne, die mir als dominante Ereignisse immer wieder in den Sinn kommen. Immer wieder laufen sie in meinen Gedanken wie ein Film ab: die biblische Ernte der Bauern in Axum, viele Blinde und Krüppel, die sich mir in den Weg stellen um ein Almosen zu erlangen, Schüler und Jugendliche, die meine Aufmerksamkeit forderten und ihr Englisch unter Beweis stellen und junge Männer, die im Norden meine Adresse forderten um an eine Zukunft in Europa glauben zu können. Und der kleine Bub gestern, der mit unserem Jeep um die Wetter lief und „Heiland, Heiland“ rief, bis seine kleinen Beine das Tempo nicht mehr halten konnten und er auf der Schotterpiste aufschlug. Der Nächste hinter ihm fiel direkt auf ihn drauf. Blitzschnell rappelten sie sich auf und liefen weiter. Keiner machte Anstalten zu weinen….
Am Nachmittag schmerzen meine gepeinigten Lendenwirbel vom Gehoppse im Auto dermaßen, dass ich das Nachmittagsprogramm streichen möchte. Robby lebt, als sie davon erfährt, schlagartig auf und wird vermeintliche dreißig Jahre jünger. Sie beherrscht ja auch wirklich alles, was eine Weltenbummlerin zu beherrschen hat. Sie hat mir bereits in der ersten Nacht gezeigt, wie ich die Zimmertüren mit Sessellehnen gegen männliche Überfälle zu sichern habe, mir bald und wiederholt eindringlich klar gemacht, dass es in meinem Alter langsam Zeit wird das Hinfallen und Abrollen zu lernen um in späteren Jahren problemlos stürzen zu können –sie kann das wirklich perfekt- und zwingt mich jetzt freundlich aber bestimmt zur medizinischen Untersuchung zwecks eventuell gebrochener Wirbel. Schließlich kann sie das, weil sie doch schließlich in England damals als Hebamme gearbeitet hat und schon gesehen hat, wie man Wirbel abtastet.
Als sie nach einem Museumsbesuch mit Rauschebart und Guide zurückkehrt, erklärt sie letzterem noch einige Details, die ich unglaubwürdig zur Kenntnis nehme und teilt mir dann kurzerhand mit, dass sie jetzt gemeinsam, Nebiyu durch Gewalt und sie durch ihre Anweisungen, meine Wirbeln einrichten werden. Ich habe praktisch kein Stimmrecht und Nebiyu versichert mir zum wiederholten Mal, dass er doch früher in der Tschechoslowakei Medizin studiert habe…
Egal, die Schmerzen sind sowieso höllisch, also kann´s nur besser werden, denke ich und lasse mir die Wirbelsäule brechen….
Die ganze Nacht schüttet es in Strömen und ich mache mir Gedanke über die Weiterreise. So muss es früher in Französisch Guyana in den Strafkolonien gewesen sein… Nicht auszudenken, dass hier bis vor kurzem noch Zeltlager als Unterkünfte dienten.
21. Tag: Freitag,
Ich kann problemlos laufen und wieder im Auto sitzen!
Am Weg zu den Mursi in Nationalpark Mago haben wir einen heiden Spaß: Wir schicken den Jeep weg und warten am Wegrand auf den nächsten, der vorbeikommt. Rauschebart macht Faxen wie die Aari-Kinder, der Guide schreit „Heiland, Heiland“ und Robby und ich halten laufend die Hand dem anrollenden Auto entgegen und fordern „Birr, Birr“…… Die uns bekannten Franzosen haben das Pech, die nachkommenden Touristenkollegen zu sein. Sie halten irgendwie verkrampft die leeren Wasserflaschen und sind so perplex, dass sie nicht recht lachen können. Wir umso mehr!
Ein Scout muss mit zu den Mursi. Nur er weiß welche Dörfer ruhig sind. Langsam wird die Fahrt mühsam. Mehrere unerwartete Straßensperren -einfache Schnüre oder Hölzer werden über den Weg gelegt und von Unmengen wichtigen Männern kontrolliert- zeugen vom äthiopischen Verständnis für die Teilnahme globalen Markt. Auch Nebiyu ist immer wieder überrascht, wie oft er Wegezoll zu zahlen hat. Und jedesmal muss neu verhandelt werden, weil die Preise steigen.
Die letzte Sperre kontrolliert ein tiefschwarzer Mann mit einer Mine, die keine Diskussion zulässt. Wir haben schon drei Mal Eintritt in den Nationalpark bezahlt und Scout ist heute auch gerade keiner da. So sind wir erleichtert, als doch relativ bald ein Jeep aus dem Mursiland zurückkommt. Freundlich und bereitwillig steigt ein Scout, er ist zu unserem Vorteil Amhare wie Nebiyu, in unser Auto um. Er ist schwer bewaffnet, in Militärkleidung und bestimmt unverzüglich wo wir hinfahren dürfen.
Kaum aus dem Auto gestiegen, sind wir von einer kleinen Gruppe Menschen aus der Steinzeit umzingelt. So außerordentlich und fremd erscheinen sie mir, dass ich nicht sagen kann ob sie schön, bedrohlich oder abstoßend wirken. Der Guide hat uns gewarnt: Kein Handeln mehr, nachdem ein Preis festgelegt wurde! Keine Drohgebärde, keine Hektik, kein Gezanke. „Meine liebsten Feinde“ nennt er sie und erzählt von einem Vorfall, der mir kalte Schauer über den Rücken jagt.
Sie zupfen und greifen nach mir und wollen nur: „Foto, foto,…“
Einige junge Männer haben schon gelernt. Der eine fordert kurz und prägnant: „Five, five, five“ , ein anderer überbietet ihn sofort und will nur noch: „Four, four“. Sie meinen den Geldbetrag in Birr, der ein Foto kosten soll. Je länger ich mit einer Reaktion auf ihr Fordern zögere, desto billiger bieten sie sich für ein Foto an. Schlechte alte Geldscheine drücken sie mir sofort wieder in die Hand um neuere zu fordern. Nur schöne Scheine haben für sie den genannten Wert!
Nach kurzer Zeit bin ich so erschöpft und auch wegen der Hitze schweißgebadet, dass ich hilfesuchend nach Nebiyu Ausschau halte. Ich getraue mich allerdings nicht laut nach ihm zu rufen. Wer weiß, wie diese Urzeitmenschen das verstehen. Und die jungen Krieger neben mir sind bedeutend größer und kräftiger als ich.
Doch dann entspanne ich mich doch noch und für ein gut bezahltes Foto nehmen mich zwei junge Kerle in die Mitte und lächeln sogar.
Vor einer der wenigen Dorfhütten knien zwei Frauen auf dem Boden und zeigen stillschweigend wie sie mit großen runden Kieselsteinen auf hartem Untergrund Getreide zu Mehl verarbeiten können. Ein kleines Kind versucht im Hintergrund ihre Arbeit nachzuahmen. Das beeindruckt mich sehr. Möglicherweise haben doch schon einige Mursi erkannt, dass nicht nur ihr Äußeres, sondern auch ihre Lebensweise auf uns Fremde Eindruck macht. Vielleicht ergreifen in Zukunft einige kluge Köpfe diese Chance zur Existenzsicherung?
Als ich wieder im Auto sitze, lässt mich ein stechender Blick zweier schwer entzündeter Augen fast erstarren. Ein junger Mann macht eine kaum bemerkbare Geste und wir lächeln uns zum Abschied durch die Fensterscheibe zu. Da fällt mir noch die Plastiksonnenbrille auf seiner Stirn auf. Sie ist rosarot und sitzt verkehrt als Zierde auf seinem Kopf. Jetzt muss ich endgültig herzlich lachen.
Schon bei der Rückfahrt aus dem Mago Nationalpark begegnen uns die ersten LKWs, auf denen bereits betrunkene Männer in ihr Dorf zurückkommen. Das erschüttert mich sehr!
Samstag:
Nebiyu hat am Markt in Dimeka eine Einladung zum Besuch bei einem Initiationsfest in einem Hamer-Dorf bekommen. Nach kurzer Überlegung –meine zwei Reisekollegen überlegen ob es vielleicht nur eine Touristenshow sein könnte- machen wir uns in Begleitung eines lokalen Guide auf den Weg in den Busch. Nie würde ein Fremder, und in diesem Fall ist selbst Nebiyu einer, den Weg in das Dorf finden, das weit abseits jeder Straße mitten in der Savanne liegt. Unser Fahrer kann nur im Schritttempo den Anweisungen des jungen Mannes folgen, der sich zu uns ins Auto gesellt hat. Zum wiederholten Mal teilen wir uns zu viert die Rückbank. Wir kleben schlicht aufeinander. Immer wieder muss die Fahrtrichtung geändert werden, weil Wurzeln, Äste oder extrem unebenes Gelände das Weiterkommen unmöglich machen. Unsere Wirbel werden auf maximale Stoßfestigkeit geprüft. Das Info-System im Busch ist phänomenal. Über viele Kilometer stehen Posten im Busch um uns die Richtung zu weisen. Sie fungieren also als lebende temporäre Wegweiser.
Am Ende überqueren wir zu Fuß ein ausgetrocknetes Flussbett.
Hier treffen wir auch zwei bekannte Fahrzeuge wieder, die auf eigene Faust in Ostafrika unterwegs sind. Zwei Männer und eine Frau -alle drei sprechen Deutsch und haben sich unterwegs zusammengeschlossen- haben eigene Guides angeheuert. In Dimeka haben sie mir nach höflicher Nachfrage Gnaden halber und mit sichtlich gehobener Nase mitgeteilt, dass sie durch den Sudan Richtung Kairo wollen und keinesfalls vor Neujahr nach Europa zurückfahren werden. Naja, sie sind wohl in diesem typischen Erfolgs- und Egoistenalter, in dem es sich geziemt, nur mehr das zu tun, was Mann/Frau wollen will. Eines ihrer Autos, es hat ein Grazer Kennzeichen, ist aufgerüstet wie ein Kampfpanzer der UN-Truppen und Fahrer und Begleiterin sind als meine Landsleute mir gegenüber abgehoben und aufgeblasen, dass ich nicht weiß ob ich zornig sein soll oder mich für sie schämen soll.
Sie schenken uns auch keinerlei Beachtung mehr und ich danke es ihnen heimlich.
In der nahen Umgebung hören wir Frauen singen! Als wir ins Dorf kommen wird bereits in großen schweren Tongefäßen über offenem Feuer gekocht. Junge auffallend schön geschmückte Männer bemühen sich um die große Frauengruppe, die mit Schellen an den Unterschenkeln wie Massai aus dem Stand hoch hüpfend und sich gegenseitig an den Schultern fassend, singen. Aus Kalabassen sollen die Frauen Alkohol (ich vermute Gerstenbier oder Honigwein) trinken um sich Mut für die traditionelle Auspeitschung zu machen. Die jungen Frauen singen, hüpfen und läuten sich in Trance bis alle bereit sind um am Ufer des ausgetrockneten Flussbettes nach dünnen weichen Gerten zu suchen.
Ein kleiner Junge geht inzwischen mit einer großen Kürbis-Schüssel im Dorf herum und bietet allen Gästen Essen an. Viele Gäste sind gekommen. Vermutlich Bekannte und Verwandte aus der Umgebung. Einige dürften schon Stadtbewohner sein. Sie tragen gebrauchte Europäische Kleider.
Es wird mir bis an mein Lebensende leid tun, dass ich nicht in der Lage bin nach dem schwarzen bröseligen Etwas mit dicken Bohnen zu greifen, das der Knirps mir mit der Frage „food?“ anbietet. Blutwurst, kommt mir blitzartig in den Sinn! Und davon wurde mir als Kind schon speiübel. So bitte ich Nebiyu flehentlich doch anstandshalber eine Handvoll aus dem Topf zu nehmen. Auch er zögert, isst aber grinsend tapfer ein paar Bohnen.
Als wir nach Stunden das laufende Treiben wegen der fortgeschrittenen Tageszeit verlassen, bin ich nicht im Geringsten enttäuscht, dass wir den, zum Ritual gehörenden Bullensprung nicht mehr sehen werden. Was wir miterleben durften reicht vollkommen! Ich fühle mich geehrt und bin tief ergriffen!
Bei der Ankunft in Turmi kurz vor Einbruch der Dunkelheit bin ich schweißgebadet. Die Lodge außerhalb des Dorfes wirkt zu groß, nagelneu und ist streng bewacht.
Das Auto, das „neue“ Auto, muss wieder in die Werkstatt.
Sonntag, Turmi: Ausflug zum letzten Karo-Dorf
Die Fahrt ist wieder eine stundenlange Suche durch den Busch. Unser Fahrer Kaleb weiß, wer weiß woher, dass die eigentliche Straße nicht befahrbar ist. Alle Menschen, die wir unterwegs nach dem Dorf fragen, dürften davon noch nie gehört haben –oder verstehen unsere Sprache nicht. Beim Herumsuchen auf den Lehmpisten, viel Auswahl gibt es sowieso nicht, treffen wir die uns bekannten Franzosen mit einem ortskundigen Guide und ein zweites Auto mit Deutschen. Jetzt kommen wir schneller voran.
Was uns im Karo-Dorf erwartet ist ein herber Schlag: Müll wohin man schaut! Er kann nur von den „Mitbringseln“ der Touristen stammen!
Die Bewohner, so sagt man, seien gerade auf den Feldern oder mit ihren Tieren unterwegs. Das beruhigt mich ein wenig!
Allerdings kassieren ein paar geschäftstüchtige junge Kerle Parkgebühr. Ich kann es nicht fassen! Hier draußen am Omo Fluss, völlig abgelegen und „out of time“ betreiben sie Parkraumbewirtschaftung. Die Idee hängt also keinesfalls mit Platznot, sondern eindeutig mit einer zu nutzenden Einkommensquelle zusammen.
Nebiyu weiß natürlich von dieser neuen Gebühr noch nichts und versucht wie immer zu handeln.
Am Nachmittag des achten Tages im Süden bockt das Auto wieder. Nachdem ganz plötzlich und unangekündigt der Tank leer ist und 2 große Kanister Treibstoff nachgefüllt worden sind, spuckt der Land Cruiser durch die Landschaft und kommt vor jeder Anhöhe zum Erliegen. Zwanzig Mal das selbe Spiel: Gas weg, Schaltung klemmt, Motorhaube auf, Beißzange bewirkt irgendwie Vollgas -lebensbedrohliche schwarze und weiße Rauchwolken verpesten alles hinter uns- alle stürzen sich in den Wagen und wir fahren drauf los. Oft keinen Kilometer, dann beginnt das Spiel von vorne.
Ich verspreche dem Guide auf der Straße zu bleiben und diese auf keinen Fall zu verlassen und richte mich schon darauf ein die vor uns liegenden geschätzten 20 Kilometer zu Fuß nach Konso zu laufen. Obwohl meine zwei alten Herrschaften nicht in der Lage sind weit zu laufen, klagen sie nicht. Man beruft sich auf den Expeditionscharakter der Reise und nimmt geduldig hin was kommt.
Keiner weiß, was kommt!
Unterwegs treffen wir Hamer. Einen Hirten mit kleinem Bruder, vermute ich, mit denen wir unter einem schattigen Baum bei höllischen Temperaturen unsere Sandwiches und das Wasser teilen. Später nahe einem Dorf eine Frauengruppe. Die Unterhaltung wird echt Film reif, als eine hübsche junge Dame in traditioneller Oben-ohne-Kleidung meine rote Bluse mit ihren Fingern begutachtet. Sie zupft an mir herum und versucht einen Knopf mehr zu öffnen um meine Brüste zu untersuchen. Ich lasse sie ob ihrer Ungezwungenheit gewähren. Doch dann wird’s kompliziert. Sie gibt mir zu verstehen, dass sie sich meinen weißen völlig schlichten Baumwoll-BH wünscht. Ich bin hilf- und sprachlos. Mit aller Kunst meiner Gesichtsmuskelakrobatik muss ich nun versuchen ihr zu erklären, dass diese Art von Kleidung eigentlich sowieso absolut nutzlos ist.
Warum trage ich dann einen?
Ich beschließe diesen existenzunwichtigen Korsettersatz in den nächsten Tagen in die untere Etage meiner schlabbrigen Reisetasche zu verbannen um mir derlei Verkomplizierungen zu ersparen.
26. Reisetag: Jabello
Wir sind wieder in muslimischem Gebiet uns sollen nicht fotografieren. Ich hasse es sowieso zunehmend mit der Kamera in der Hand aus dem Auto zu klettern und auf abweisend ängstliche Gesichter zu treffen. Ich habe beobachtet, dass ich ohne Kamera in der Hand völlig anders behandelt werde. Kinder plaudern mit mir, wenn auch oft nur mit Gestik und Mimik, warten ab ob es ein „caramello“ oder „soap“ (Erwachsene freuen sich riesig über meine kleinen Hotelseifen, die ich wie ein dreister Dieb in den Unterkünften ergaunere) gibt und lässt uns einfach über den Markt schlendern.
Ich schreibe auch viel weniger. Zum einen weil ich mein Grundschul-Schreibheft fast zur Gänze mit Informationen vollgekritzelt habe, zum andern, weil ich nicht mehr erzählen mag.
Ich möchte jetzt auch nicht mehr täglich neues erleben. Es ist genug. Warum können wir nicht einmal nur verweilen?
In wüstenhaftem Klima nahe der kenianischen Grenze versuchen wir die singenden Brunnen von Dubluk zu finden. Doch wegen der extrem lange anhaltenden und gerade zu Ende gegangenen Regenzeit ist es eigentlich dumm zu glauben, dass die Borena ihre Rinder aus tiefen Brunnen tränken müssen und womöglich auch noch dazu singen. Die Landschaft ist weiträumig von Hand umgegraben aber grün wie hochalpine Sommerrasen im Nationalpark Hohe Tauern.
Diese Fahrt ist nur heiß. Und wieder wird um eine Gebühr verhandelt. Für´s Parken, oder für´s Herumschauen ob die Tiere durstig sind?
Wir fahren nach Yirgalem. Mit jedem Kilometer verlassen wir sichtlich die Savanne und als wir aus dem Grabenbruch wieder in die gebirgige Seenlandschaft zurückkommen, müssen sich unsere Augen erneut an die schon vergessene dichte und sattgrüne Vegetation gewöhnen. Außerdem wird es mit zunehmender Seehöhe auffallend kalt.
Durch Kaffeeplantagen und intensiv bewirtschaftete Felder und Weideflächen erreichen wir eine Lodge, die mir wie das Paradies erscheint. Etwas außerhalb des Dorfes gelegen, in einer idyllisch und kreativ angelegten Gartenlandschaft, werden wir drei Europäer an der Rezeption der Aregash Lodge hinter hohen bewachten Gartentoren abgeliefert. Reisebegleiter und Fahrer haben keinen Zutritt. Das stört mich. Warum werten sich die Afrikaner immer selber ab?
Jeder von uns drei bekommt eine eigene Rundhütte mit Wohn-, Schlaf- und Badezimmer.
Erstmals seit einer Ewigkeit fühle ich mich müde und wünsche mir, dass wir nicht nur eine Nacht bleiben. Nach der anstrengenden langen Reise möchte ich richtig Urlaub haben und mich erholen.
Der Abend ist überraschend kalt und ich friere richtig nach der Hitze im Busch.
Donnerstag, 4.11.2010
Schweren Herzens mache ich mich für den letzten Reisetag zurück nach Addis fertig. Langsam aber sicher fahren wir in unser echtes Leben zurück.
Als wir im Schritttempo auf der holprigen Steinstraße durch eine Kaffeeplantage zur Hauptstraße hinunterrollen, kann es Robby nicht lassen aus dem fahrenden Auto um eine Kaffeebohne zu greifen. Eindrücklich und wiederholt hat uns Nebiyu davor gewarnt ungefragt auch nur einen einfachen Stein zu entwenden. Da wird es brenzlig. Natürlich wurde der Vorfall beobachtet und einige Männer stürzen erbost auf unser Auto zu. Da stellen Fahrer und Guide ihr ganzes Talent unter Beweis: Unerschrocken verhandeln sie mit den lamentierenden Männern bis diese uns ziehen lassen.
Man hat ihnen erklärt, dass wir Kaffeehändler sind und die Ernte prüfen.
Ich habe echt genug, von den egozentrischen Aktionen gedankenloser Touristen. Jetzt bin ich froh, dass es heimwärts geht!
Als ich am Abend in der Hauptstadt in einem Lokal sitze, genieße ich den Stadtrummel. Ich fühle mich tatsächlich ein bisschen wie zu Hause angekommen. Schließlich bin ich zum vierten Mal in dieser Stadt. Alles kommt mir modern vor.
Ich habe den Bezug zum Lebensstandard in Europa nach einem Monat total verloren…….
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Na, da kommt ja was auf mich zu!
Hallo Margit! Sozusagen gerade rechtzeitig vor Antritt meiner 12-tägigen Omo-Tour (ex Addis) in der kommenden Woche hast du einen äußerst lesenswerten Bericht über deine Erfahrungen eingebracht. Besonders deine persönlichen Empfindungen machen das Lesen zu einem Genuss. Mein Genuss wäre allerdings noch ein wenig größer gewesen, wenn du deine Schilderung "unterwegs" mit einigen Fotos garniert hättest. Du hast doch sicherlich einen großen Fundus und wir alle hier, so denke ich wenigstens, sehen gerne Bilder aus den Reisegebieten. Vielen Dank auch für die z.T. etwas versteckten Tipps! Ich werde sicherlich so einige Male an deinen Bericht denken müssen...
LG Hartmut
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