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Reisebericht: Lebendige Szeneviertel, tote Landstriche, heilige Städte und allerhand merkwürdige Bekanntschaften
Begegnungen einer deutschen Touristin, die einen Teil der beschämenden Nazivergangenheit auch nach 70 Jahren noch im Rucksack mit sich herumträgt und gerade deshalb bloß nichts falsch machen möchte, mit Menschen, die in einem jüdischen Staat mitten im Orient leben.
- Typisch israelisch? Bekanntschaft 1: Mitreisende und der Sitznachbar
- Tel Aviver Strandleben und Bekanntschaft 2: Schalom
- Alles koscher, oder was? Bekanntschaft 3: Daniel
- Medical oder Chaotical Center? Bekanntschaft 4: Die Sachbearbeiterin
- Out of Zion´s Hill salvation comes? Out of Zion´s Hill money comes! Bekanntschaft 5: Jonathan
- Manchmal kommt es anders als man denkt
- Bedouin Hospitality. Bekanntschaft 6: Palästinensische Händler
- En Gedi. Bekanntschaft 7: Zwei junge Männer aus dem Kibbutz
- Einmal Eilat und zurück. Bekanntschaft 8+9: die Postbeamtin und der Autofahrer
- Nochmal En Gedi. Bekanntschaft 10: ein Akademiker-Ehepaar aus Hebron
Einmal Eilat und zurück. Bekanntschaft 8+9: die Postbeamtin und der Autofahrer
Das angebliche Badeparadies Eilat ist von En Gedi zwei Autostunden entfernt. Man muss ganz runter ans Rote Meer, an den südlichsten Zipfel Israels fahren, links davon liegt Ägypten, rechts Jordanien.
Wenn es irgendwo ein Sodom und Gomorrha gegeben hat, dann bestimmt im heutigen Eilat. Viele Israelis lieben den Ort, ich fand ihn furchtbar. Bier- und Wodka-Reklame prangt überall auf den Wänden und Dächern, Technobeats wummern aus jeder Bar. Shoppingmalls und riesige Hotelbunker säumen den kleinen Strand, der das alles gar nicht tragen kann. Es gibt mitten im Ort einen Flughafen, Du kannst quasi von der Landebahn direkt an den Strand laufen, es sind nur ein paar Meter. Es ist unglaublich laut und verkehrstechnisch eine Katastrophe. Die Strandpromenade wird von Absperrungen verschandelt, die nur einen Sinn haben: Dass Du nicht den Weg nimmst, den DU gerne nehmen möchtest, sondern den Weg, den die Straßenhändler wollen, dass Du ihn nimmst, nämlich an ihren Ständen vorbei!
Zu allem Überfluss verpasste man mir in Eilat ein Ticket wegen Falschparkens. Die Frau von der Autovermietung hatte mir bei der Wagenübergabe gesagt, diese Tickets müsse man bei der Post bezahlen.
Ich also zum Postamt in Eilat. Und "mal eben zur Post" kann hier drei Stunden dauern. Man muss, bevor man drankommt, eine Nummer ziehen, wie bei uns bei vielen Behörden auch. Es gibt jedoch verschiedene Nummern für verschiedene Anliegen. Wenn Du ein Päckchen aufgeben möchtest, ziehst Du eine Nummer mit 1000, wenn Du den Postbank-Service in Anspruch nehmen möchtest, eine mit 100, für andere eine mit 10. Welche ich fürs Ticket bezahlen nehmen musste: keine Ahnung, ich zog irgendeine.
In der Wartehalle warteten bestimmt 60 Menschen, dichtgedrängt. Bis ich drankam, waren noch über 30 Leute vor mir dran. Komischerweise wurden Leute, die später als ich hereinkamen, aber oft eher aufgerufen. Warum? Es herrschte ein reger Handel mit den gezogenen Nummern. Die Leute zogen gleich drei, vier Nummern für verschiedene Anliegen auf einmal. Und die Nummer, die sich nicht mehr brauchten, gaben sie ihren Kumpels. Es gab auch viele Leute, die sich ohne Nummer einfach an die Schalter drängten. Manchmal wurden sie zur Ordnung gerufen und ermahnt, eine Nummer zu ziehen. Dann versuchten sie es am nächsten Schalter. Dreistheit und Beharrlichkeit siegte in den meisten Fällen. Die Schalterfrau war irgendwann so genervt von der Diskutiererei des Dränglers, dass sie sein Anliegen in Windeseile bearbeitete. Wenn Deine Nummer aufgerufen wird, dann musst Du blitzschnell am richtigen Schalter sein, sonst mogelt sich jemand dazwischen. Das Nummernsystem sollte eigentlich Ordnung schaffen, das gelang hier jedoch nur in Ansätzen. Obwohl: Ich stellte mir das Postamt ohne die Nummernausgabe vor. Dann würde hier noch mehr das Recht des Stärkeren gelten, und weniger durchsetzungskräftige Leute würden übermorgen noch auf Bedienung warten.
Während die Leute auf Bedienung warteten, gingen die Schalterfrauen an ihr Handy und führten Privatgespräche. Nur einen Brief zu versenden, zog anscheinend unglaublichen Arbeitsaufwand für die Postangestellten nach sich. Sie mussten erst Formulare ausfüllen, ausgiebig Papiere mit ihren Kollegen besprechen, in aller Ruhe jemanden anrufen oder einen Zettel irgendwohin faxen. Man konnte davon ausgehen, dass das Faxgerät nicht auf Anhieb funktionierte, das rief in den meisten Fällen drei andere Postkollegen auf den Plan, die dann alle diskutierend vor dem nicht funktionierenden Fax standen und ihre Kunden einfach mitten im Gespräch warten ließen.
Zwei Stunden saß ich da. Die Schalterfrau guckte mich ungläubig an, als ich ihr das Ticket zeigte und die Brieftasche herausholte. So, als ob sie dachte: "Du willst das doch nicht wirklich bezahlen? Bist Du blöd. Schmeiß den Strafzettel weg und mach Dich aus dem Staub!" Das sagte sie mir natürlich nicht, sondern behandelte mich nur abschätzig. In ihren Augen war ich, glaub ich, ein wenig unterbelichtet.
Immerhin wusste ich nun, dass ich im Krankenhaus von Tel Aviv nicht anders behandelt worden war als andere. Das in Ansätzen geordnete Chaos war in Israel Gang und Gäbe. Das Recht des Stärkeren auch. Damit hatte ich nicht gerechnet. Man verhielt sich überhaupt nicht so wie in Deutschland, also unauffällig, höflich und zurückhaltend. Die Israelis waren dreist, frech, laut und sehr auf ihre eigenen Belange konzentriert. Ich glaubte mittlerweile, dass ich mir mit etwas mehr Ellenbogen-Mentalität mehr Respekt und Achtung hätte verschaffen können als mit meiner übertriebenen Rücksicht.
Auf dem Rückweg von Eilat Richtung Norden bildete sich eine lange Autoschlange hinter mir. Die Leute hupten und gestikulierten wild, obwohl ich schon 15 km/h schneller fuhr als erlaubt. Ich hatte überhaupt keine Lust, möglicherweise geblitzt zu werden und dafür nochmal ins Portemonnaie zu langen, daher fuhr ich an der nächsten Raststätte rechts ab, damit die wilden Huper mich los waren und überholen konnten. Jemand aus der Schlange fuhr die selbe Raststätte an. Er stieg aus, kam auf mich zu und meckerte: Warum ich so schleichen würde. Man käme ja nicht voran. Ich sagte ihm, dass vor der Baustelle ein 60km/h-Schild gestanden hatte und ich ja schließlich schon 85 km/h gefahren war. Wir sprachen beide schlechtes Englisch, ich glaube, er wollte mir zu verstehen geben, dass 60 VOR der Baustelle ja nicht heißen müsse, dass man die GANZE Baustelle hindurch 60 fahren müsse. Schon gar nicht, wenn alle hinter einem schneller fahren wollten. Ich sagte ihm, dass ich nur alles richtig machen wollte, mehr nicht. Seine Frau schaltete sich ein. Woher ich käme. Deutschland? Und ganz allein unterwegs als Frau? Das imponierte ihr: "Okay, you´re tough. Welcome to our country!"
Aha, so langsam verstand ich, wie das hier so ging mit der zwischenmenschlichen Kommunikation. Es gab zwei Regeln:
1. In jedem Fall erstmal alles ausgiebig diskutieren - IMMER. Im Zweifelsfalle die Meinung eines dritten hinzuziehen.
2. Wenn Du während der Herumdiskutiererei eine Sympathie zu dem anderen entwickeln kannst oder er Dich durch irgendetwas beeindruckt, langsam Sinneswandel einleiten und zum netten Teil übergehen.
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Ich möchte dir zu diesem wunderbaren Reisebericht gratulieren. Ich habe ihn ohne Unterbrechung gelesen und finde ihn informativ und kurzweilig wie ein gutes Buch!!
Liebe Grüße Christina -
Hallo Sabine!
Sehr interessanter Bericht und für mich auch sehr informativ, da es am kommenden Samstag ebenfalls nach Israel geht. Wenigstens wird mich die israelische Verhaltensweise nicht mehr allzu sehr überraschen können! :-) Ansonsten... schauen wir mal, wie's wird!
LG Susi -
Guten Abend Sabine,
Dein Bericht - voller Impressionen, Reflexionen und Informationen - hat mich sehr beeindruckt.
LG Eberhard -
Hallo Sabine,
was für eine großartige Idee, einen Reisebericht an den Menschen und Bekanntschaften unterwegs fest zu machen!
1993 habe ich Israel sehr ausgiebig bereist, und in Deinem interessanten und kurzweiligen Bericht kam mir vieles bekannt vor und einiges neu. Aber auch ich habe noch heute mehr Fragen als Antworten ...
LG Beate -
Beeindruckender Reisebericht; Interessant beobachtet! Ich hätte da noch ein paar Fragen ;-)
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