Lebendige Szeneviertel, tote Landstriche, heilige Städte und allerhand merkwürdige Bekanntschaften

Reisebericht

Lebendige Szeneviertel, tote Landstriche, heilige Städte und allerhand merkwürdige Bekanntschaften

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Nochmal En Gedi. Bekanntschaft 10: ein Akademiker-Ehepaar aus Hebron

Die letzten Tage verbrachte ich in der Jugendherberge von En Gedi. Es gab hier in der Gegend eine Reihe von schönen Wanderpfaden. Einer führte zum UNESCO Weltkulturerbe Massada, eine Festung auf einem Felsplateau, die der Bibel-Herodes zu Jesu Zeiten errichtete. Ein anderer führte zur Davids-Quelle, die sich in einem natürlichen Brunnen ergoss, in dem man baden konnte.
Natur, Wandern, Berge, Ruhe, das war nach meinem Geschmack. Die Tage ließ ich meistens mit einem Bad im toten Meer ausklingen. Das soll ja unheimlich gut für die Haut sein. Schwimmen kannst Du allerdings nicht richtig, da Du immer sofort wieder an die Oberfläche hochtreibst. Und bloß nicht den Kopf unter Wasser tauchen! Das Salz ätzt in Augen und Mund.



Schlammpackung, anschließend Bad im Toten Meer



An die diskutierfreudige, teilweise harsche Kommunikationsweise hatte ich mich mittlerweile gewöhnt. Das war mitunter anstrengend, aber man konnte dem Ganzen auch eine amüsante Seite abgewinnen.

Wenn ich jedoch sah, wie die Menschen sich beim Essen in den Jugendherbergen benahmen, war ich jedes Mal wieder entsetzt. Sie luden sich die Teller voll, aßen vieles nur halb an und bestellten dann etwas, das ihnen vielleicht mehr schmeckte. Wenn ihnen etwas herunterfiel, hoben sie es nicht auf, sondern ließen es auf dem Fußboden liegen. Verschütteter Saft wurde nicht aufgewischt. Tischmanieren hatten die wenigsten. Nach dem Essen sah es auf den Tischen aus wie auf einem Schlachtfeld. Ich fand das respektlos den Servicekräften gegenüber, die das alles sauber räumen mussten.

Am letzten Tag lernte ich ein jüdisches Ehepaar beim Frühstück kennen. Es war vor 30 Jahren aus Amerika ausgewandert und ungefähr so alt wie meine Eltern. Er war Mediziner, lehrte an der Hochschule in Beer Sheva und sie Autorin. Sie sagten, dass sie nicht fassen könnten, das zum Beispiel meine Großeltern mitgemacht haben sollten beim 3. Reich. Ich sagte ihnen, ich könne das ebenfalls nicht fassen. Er, der Mann, war öfters in Deutschland gewesen und fand es schön. Ihm wäre lieber, wenn es hässlich wäre, sagte er, dann fiele es ihm leichter, den Holocaust zu verstehen. Im Gegenzug versuchten sie mir zu erklären, was es mit der -in meinen Augen- egoistischen, israelischen Lebensart und dem Palästinenser-Konflikt auf sich hatte.

Obwohl wir nicht so ganz in die Tiefe gingen, spürte ich, dass sie zu letztem ihre ganz eigenen Ansichten hatten, die möglicherweise sehr radikal waren. Schließlich kam es in Hebron, wo sie lebten, immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Völkergruppen. Frank, der sich schon seit Jahren Yeruham nannte und -wie alle, die ich bisher kennengelernt hatte- auch einen kleinen Spleen besaß, sagte, ich solle die Palästinenser nicht Palästinenser nennen, sondern Araber. Palästina sei ein biblischer Begriff. Es wäre sehr schwer, die Hintergründe für Außenstehende plausibel zu machen. Obwohl wir äußerst brisante Themen anschnitten (Holocaust und Araber-Konflikt), hatte ich zum ersten Mal keine Angst, etwas Falsches zu sagen. Sie wollten mich verstehen. Ich wollte sie verstehen. Wir führten ein offenes, ehrliches, wirklich gutes Gespräch, mochten uns und hätten uns gerne noch länger unterhalten. Als wir auseinandergingen, tauschten wir Email-Adressen aus.

Ich saß im Auto auf dem Rückweg zum Flughafen nach Tel Aviv und hatte mehr Fragen als Antworten.


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Kommentare

  • agezur

    Ich möchte dir zu diesem wunderbaren Reisebericht gratulieren. Ich habe ihn ohne Unterbrechung gelesen und finde ihn informativ und kurzweilig wie ein gutes Buch!!
    Liebe Grüße Christina

  • trollbaby

    Hallo Sabine!
    Sehr interessanter Bericht und für mich auch sehr informativ, da es am kommenden Samstag ebenfalls nach Israel geht. Wenigstens wird mich die israelische Verhaltensweise nicht mehr allzu sehr überraschen können! :-) Ansonsten... schauen wir mal, wie's wird!
    LG Susi

  • 238EWT

    Guten Abend Sabine,
    Dein Bericht - voller Impressionen, Reflexionen und Informationen - hat mich sehr beeindruckt.
    LG Eberhard

  • mamatembo

    Hallo Sabine,
    was für eine großartige Idee, einen Reisebericht an den Menschen und Bekanntschaften unterwegs fest zu machen!
    1993 habe ich Israel sehr ausgiebig bereist, und in Deinem interessanten und kurzweiligen Bericht kam mir vieles bekannt vor und einiges neu. Aber auch ich habe noch heute mehr Fragen als Antworten ...
    LG Beate

  • Vigl

    Beeindruckender Reisebericht; Interessant beobachtet! Ich hätte da noch ein paar Fragen ;-)

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