Turkmenistan - Wo die Seidenstraße die Wüste kreuzte

Reisebericht

Turkmenistan - Wo die Seidenstraße die Wüste kreuzte

Reisebericht: Turkmenistan - Wo die Seidenstraße die Wüste kreuzte

Turkmenistan Teil 1
Dieser Bericht möchte ein wenig mit einem Land vertraut machen, das relativ abseits der ausgetretenen Touristenpfade liegt, aber mit Weltkulturerbe-Schätzen und einer skurrilen Hauptstadt aufwarten kann.
Teil 2: "Ashgabat: Cäsarenwahn in der Wüste"

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Merw - einstige Weltstadt in der Wüste

Schon früh am nächsten Morgen empfängt uns eine Affenhitze. Zum ersten Mal seit dem Reisebeginn vor acht Tagen kein blauer Himmel. Die Sonne scheint milchig durch einen Dunstschleier. Irgendwo da draußen in der Wüste muss ein Sandsturm toben. Ein heißer Wind nimmt uns fast den Atem.
Wir fahren aus Mary heraus, vorbei an der Moschee, die im fahlen Tageslicht weniger märchenhaft erscheint. Und da ist er jetzt zum ersten Mal in voller goldener Größe: Turkmenbashi, "Haupt aller Turkmenen", der sich seine Standbilder schon zu Lebzeiten gesetzt hat.



Turkmenbashi der Große



Nach etwa 30 km Fahrt in östlicher Richtung fallen uns gewaltige Lehmmauern auf, die sich durch die Halbwüstenlandschaft ziehen. Hier und da weiden Kamele. Sonst nichts. "Wir sind da", sagt Alexander. Wie bitte?! Dies soll der kulturelle Höhepunkt unseres Aufenthaltes in Turkmenistan sein?! Dies soll 1999 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden sein?!



auf geschichtsträchtigem Boden



Im Verlauf der nächsten Stunden erfahren wir eine Unmenge Neues und am Ende sind wir fasziniert davon, auf welch geschichtsträchtigem Boden wir uns bewegt haben.



Das Ruinenfeld, in das wir nun einfahren, erstreckt sich über 40 bis 80 qkm. Jawohl, richtig gelesen! Quadratkilometer! Die genauen Angaben dazu schwanken. Wir sind in Merw, das vor Jahrhunderten als geistiges und wirtschaftliches Zentrum Mittelasiens eine Weltstadt war, die mit Bagdad, Kairo und Damaskus konkurrierte.

Anders als im Falle Trojas, Roms und anderer antiker Städte findet man die Zeugnisse vergangener Jahrhunderte nicht wie in geologischen Schichten übereinander, sondern nebeneinander. Zigmal im Laufe seiner Geschichte zerstört, entstand Merw immer wieder an einem neuen Platz. So erklärt sich die Weitläufigkeit des "Stadtgebietes".

Die ersten Siedlungsspuren stammen aus dem 3. Jahrtausend vor der Zeitrechnung. Der aus Afghanistan kommende Fluss Murghab, der in einem Binnendelta im Wüstentiefland versickert, lieferte die Lebensgrundlage. Die Stadt entwickelte sich besonders dadurch, dass sich hier wichtige Karawanenstraßen kreuzten. Der Leser ahnt schon, die allerwichtigste sollte die legendäre Seidenstraße werden, auf der Waren aus China und Indien ans Mittelmeer und weiter nach Europa transportiert wurden. Hier stieß sie auf eine Nord-Süd-Achse, über die Handelsgüter zur Wolga bewegt wurden. Auf umgekehrtem Wege gelangte z. B. Bernstein von der Ostsee in den Orient.

Aus dem Warenumschlag profitierte Merw dermaßen, dass es zu seiner Blütezeit im 10./11. Jahrhundert zu einer Weltstadt mit mehreren 100 000 Einwohnern wurde. Kein Wunder also, dass die Stadt immer wieder Begehrlichkeiten weckte. So zieht sich durch ihre lange Geschichte eine schier endlose Reihe blutiger Auseinandersetzungen, eine Abfolge von Zerstörung und Wiederaufbau.



vor den Mauern von Merw

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Ein kurzer Abriss soll genügen, dies zu verdeutlichen.

Um 330 v. Chr. war es kein geringerer als Alexander der Große, der auf seinem Feldzug gegen die Parther die Stadt einnahm. Auf die Griechen, die Merw umbenannten in "Antiochia Alexandria", folgten Araber, Seleukiden, Sassaniden, Seldschuken und Perser.
Im Jahre 1221 kam es dann zu einer Eroberung, die als die blutigste aller Zeiten in die Weltgeschichte eingehen sollte. Tolui Khan, der Sohn des Mongolenführers Dschingis Khan, stand vor den Mauern der Stadt. Obwohl eine friedliche Übergabe ausgehandelt werden konnte, metzelten die Mongolen mehrere hunderttausend Menschen nieder; manche Historiker sprechen gar von einer Million Toten, da die Stadt viele Flüchtlinge aufgenommen hatte.



Wieder erholte sich die Stadt langsam, doch nachdem sie 1380 von dem berüchtigten Timur erneut geplündert worden war, und nachdem ab dem 15. Jahrhundert die Karawanen Konkurrenz erhalten hatten durch den leistungsfähigeren und schnelleren Schiffstransport, versank Merw mehr und mehr in Bedeutungslosigkeit und begann, langsam zu zerfallen.

Das Wüstenklima dieser Region ist geprägt von heißen, trockenen Sommern und kalten Wintern, in denen auch Niederschläge fallen. So ist es nicht verwunderlich, dass Bauwerke aus Lehm - anderes Baumaterial stand hier nicht zur Verfügung - der Verwitterung und Erosion anheim fielen.


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Kommentare

  • astrid

    Ein spannender Bericht gespickt mit interessanten Fotos!
    Gruß Astrid

  • RELDATS

    Toller Bericht mit vielen klasse Fotos.
    Respekt!
    Nette Grüße von Josef

  • trollbaby

    Hallo Hartmut!
    Herzlichen Dank, dass Du Dich doch aufgerafft hast, diesen Bericht zu schreiben! Über Turkmenistan findet man ja nicht allzu viel, so ist jeder Beitrag über dieses Land eine Bereicherung. Und Deine Beiträge sind sowieso immer ein Genuss, vollgepackt mit Informationen, aber auch mit viel Humor. Auch Deine Fotos sind wieder einmal spitzenklasse!
    LG Susi

  • tumtrah

    Es ist mir eine große Genugtuung, Eure positiven Rückmeldungen zu erhalten. Sind sie doch eine Belohnung für die unzweifelhaft mit der Erstellung eines Berichtes verbundenen Mühen. Aber die Mühe hilft auch, das Erlebte im Nachhinein nach ein wenig Abstand zu vertiefen. Ich muss gestehen, nach den unendlich vielen neuen Eindrücken - davor lagen ja schon 8 Tage Usbekistan - ist mit der nachträglichen Beschäftigung mehr Ordnung in meinen Kopf gekommen.
    !000 Dank und liebe Grüße an Euch alle!
    Hartmut

  • freyabe

    Es war sehr interessant, mit Dir in diese relativ unbekannte Gegend zu reisen. Hab viel gelernt. Welche Sprache sprechen die Leute? Kann man sich mit Russisch verständigen?
    LG Friederike

  • tumtrah

    Seit ihrer Unabhängigkeit 1991 haben sowohl Usbekistan als auch Turkmenistan ihre uralten eigenen Sprachen wieder zu ihren Nationalsprachen erhoben. Russisch wird ebenfalls noch gesprochen, entweder von vielen in diesen Ländern (noch) lebenden Muttersprachlern oder als lingua franca, d.h. als Verkehrssprache, insbesondere in Hotels, auf den Flughäfen, in Banken. Auf einer geführten Reise kommt man allerdings kaum in die Verlegenheit, seine - mehr oder minder guten - Russischkenntnisse zu bemühen. Beide Länder haben übrigens auch die kyrillische Schrift durch die lateinische ersetzt.
    Vielen Dank für Dein Interesse und liebe Grüße!
    Hartmut

  • Tucanos

    Bin nach Abfahren der Seidenstrasse von Ost nach West auch gerade aus Turkmenistan zurückgekehrt. Ein merkmürdiges Land. Sehr schöner Reisebericht, der genau die Stationen beschreibt, die ich auch abgefahren bin.
    Neben der Einreise von Usbekistan nach Turkmenistan, haben wir während der Reise noch einige weitere Absurditäten in dem Land erlebt, die fast unvorstellbar waren und mit den politischen Verhältnissen zusammen hängen. Seitdem heißt das Land bei mir Absurdistan. Ich habe trotzdem wunderschöne Bilder machen können. Wen diese Erlebnisse und die Bilder interessieren oder das Land mal bereisen möchte, kann sich gerne mal bei mir melden.
    Gruß Tucanos

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  • tumtrah

    @tucanos: Danke für Dein Interesse und Deine Einschätzung des Berichts. Zur Abrundung und zur weiteren Abgleichung mit Deinen Eindrücken, erinnere ich Dich an meinen zweiten Bericht mit dem Titel:"Ashgabat: Cäsarenwahn in der Wüste". Vielleicht kannst Du ja auch dem dort Gesagten und Beschriebenen zustimmen.LG Hartmut

  • Tucanos

    Hallo Hartmut,
    möchtest Du ein paar Bilder von meiner Reise in Turkmenistan (Absurdistan) sehen, schau mal bei www.tucanos.de hinein. Viele Grüße Ekkehard

  • moho

    Ich kann nur sagen/schreiben: GEO RC bildet
    und wie.
    Danke dir fürs mitnehmen! Ich kann mich Romy s.o. anschließen.
    LG Moni

  • tumtrah

    Herzlichen Dank, liebe Moni!
    LG Hartmut

  • hochiminh

    Hallo Hartmut,
    dein detailreicher und ausführlicher Bericht mit deinen sehr gut gemachten Bildern hat mir ausgesprochen gut gefallen und meinen Wusch, dieses Land sowie Usbekistan zu besuchen, noch bestärkt. Nur traue ich mir nicht zu, dies allein zu schaffen, zumal meine Frau kein Interesse hat an der Seidenstrasse. Hast du eine Empfehlung für mich, welchen Reiseveranstalter ich für eine ca. 4-5 wöchige Tour ansprechen könnte?
    LG
    Martin

  • tumtrah

    Hallo Martin,
    herzlichen Dank für dein Interesse und die positive Beurteilung meines Berichts; ein zweiter existiert über Turkmenistans Hauptstadt Ashgabat; den solltest du dir auch noch zu Gemüte führen. Ich war lediglich 16 Tage unterwegs. Für Usbekistan und Turkmenistan war das ausreichend. Meinen Veranstalter Chili-Reisen kann ich dir sehr empfehlen. Es sind bei denen fast ausschließlich Kleingruppen unter 10 Personen. Gute guides vor Ort.
    LG Hartmut

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  • moho

    Heute Bericht des Tages!!
    Stimmt, Hartmuts Berichte in Text und Bild sind immerwieder ein Genuß!
    Ein Dank in die Redaktion von mir.
    LG Moni

  • tumtrah

    Von mir ein dickes Dankeschön an dich, liebe Moni, und natürlich auch einen Dank an die Redaktion für die Wahl. Die "Belohnung" tut immer wieder gut.
    LG Hartmut

  • Blula

    Lieber Hartmut, auch ich bin überaus angetan von diesem wunderbaren Bericht, den ich leider erst heute entdeckt habe. Du hast mich hier wieder zum Träumen gebracht. Die Seidenstraße kommt nun wirklich auf meine "to do" - Liste.
    LG Ursula

  • tumtrah

    Liebe Ursula,
    ich danke dir für deinen netten Kommentar. Solch ein Reisebericht muss ja auch nicht unbedingt aktuell sein. Das, was ich da beschrieben habe, ist sicherlich auch nach fünf Jahren noch gültig. Ich könnte dir noch zur Ergänzung den Bericht über die Hauptstadt Ashgabat empfehlen. ("Cäsarenwahn in der Wüste.") Ich denke, der könnte dich auch noch interessieren.
    Danke auch für die guten Bewertungen!
    LG Hartmut

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